{"id":71976,"date":"1999-04-04T00:01:31","date_gmt":"1999-04-03T22:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71976"},"modified":"2020-11-25T17:19:11","modified_gmt":"2020-11-25T16:19:11","slug":"stifters-blaue-schatten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/04\/04\/stifters-blaue-schatten\/","title":{"rendered":"Stifters blaue Schatten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 93\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ganz fr\u00fch morgens an sch\u00f6nen Tagen, die Sonne scheint und die Dinge werfen lange Schatten, f\u00fchlt sich der K\u00f6rper von der Luft get\u00e4uscht.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp hatte das milde Licht gesehen, war barfu\u00df und nur mit Unterw\u00e4sche bekleidet auf die Terrasse getreten und musste fest- stellen, dass es einfach zu frisch war. Auf der gegen\u00fcberliegenden Wand sah er den blauen Schatten der B\u00e4ume. Er wurde unwill- k\u00fcrlich an die Impressionisten erinnert, die das Grau und schwarz durch blau und violett ersetzt hatten und dies als ihre Neuerung verkauften, ihre Erfindung. Dabei hatte schon zwanzig Jahre vorher Adalbert Stifter das Ph\u00e4nomen blauer Schatten in seinem gro\u00dfen Roman &#8222;Nachsommer&#8220; oder in &#8222;Der Hochwald&#8220; beschrieben, ganz nebenbei und doch so eindringlich:<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Der zarte, schwerf\u00e4llige Sohn des Sp\u00e4tjahres hatte sich bereits eingestellt, der Nebel, und oft, wenn die Schwestern an der noch immer sonnenwarmen Wand ihrer Felsen sa\u00dfen, die einzelnen Glanzblicke des Tages genie\u00dfend, so wogte und webte er drau\u00dfen, entweder Spinnenweben \u00fcber den See und durch die Th\u00e4ler ziehend, oder silberne Inseln und Waldesst\u00fccke durcheinander w\u00e4lzend, ein wunderbar Farbengew\u00fchl von Wei\u00df und Grau und der rothen Herbstglut der W\u00e4lder; dazu mischte sich die Sonne und wob hei\u00dfe wei\u00dfgeschmolzne Blitze und kalte feuchte blaue Schatten hinein, da\u00df ein Schmelz quoll, sch\u00f6ner und inniger, als alle Farben des Fr\u00fchlings und Sommers.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Er l\u00e4sst sich nicht t\u00e4uschen von den Voreinstellungen und \u00dcbe zeugungen der Menschen. Je nach Tageslicht sind die Schatten eben blau, aus der Entfernung sowieso. Stifter entwickelt eine poetische Sprache, die seine Beobachtungen der Natur als feenhaftes Erleben darstellt. Jedes Ph\u00e4nomen ist verbunden mit den anderen Teilen. Nichts wird herausgehoben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 94\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Man mag \u00fcber Stifters Langeweile des Erz\u00e4hlens schrotzen&#8220;, dachte Herr Nipp, aber die Verbindung von klarer Beobachtung und bef\u00fchltem Erleben hatten wohl nur wenige andere Autoren so herstellen k\u00f6nnen. Die Personifizierung der Weltteile, ihre Beziehung zum Menschen und seiner inneren Natur. Dann sollte es eben biedermeierlich sein, gut war es allemal.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Seine eigene Beziehung zu den Teilen der Natur musste Herr Nipp im n\u00e4chsten Moment feststellen, als er auf den einzigen spitzen Stein trat, der auf der gestern erst frisch gefegten Terrasse lag.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 92\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz fr\u00fch morgens an sch\u00f6nen Tagen, die Sonne scheint und die Dinge werfen lange Schatten, f\u00fchlt sich der K\u00f6rper von der Luft get\u00e4uscht. 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