{"id":71922,"date":"2003-01-04T00:01:02","date_gmt":"2003-01-03T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71922"},"modified":"2022-05-29T13:20:07","modified_gmt":"2022-05-29T11:20:07","slug":"mirabellen-nicht-aber-gelbe-kreiken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/04\/mirabellen-nicht-aber-gelbe-kreiken\/","title":{"rendered":"Mirabellen nicht, aber gelbe Kreiken"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 84\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon Handke schrieb in seiner Geschichte des Bleistifts, dass erlebte Zeit und Orte etwas mit den gepfl\u00fcckten Fr\u00fcchten gemein haben m\u00fcssten und so falsch lag er damit wohl nicht. Damals, Ende der siebziger Jahre, waren die Grundst\u00fccke auf der Stra\u00dfe noch nicht s\u00e4mtlich zugebaut. Zwischen den H\u00e4usern, vor allem auf der Seite zur Kirche hin gelegen, fanden sich zwischen den H\u00e4usern noch freistehende Wiesen mit hochst\u00e4mmigen Obstb\u00e4umen. Die eine war der Bolzplatz der Freunde von Herrn Nipp. Man kletterte \u00fcber den Zaun, was die Eltern des Freundes gar nicht gerne sahen, sollten die Kinder doch lieber durch den Garten kommen. Immer waren gen\u00fcgend Kinder zur Stelle, sobald einer nur den Ball h\u00f6rte, jenen wunderbar verz\u00fcckenden Klang, den nur jemand ganz innerlich versteht, der mal die ganzen Sommerferien mit den Freunden auf dem Acker ballspielend verbracht hat. So gegen zehn Kinder mit einem Altersunterschied von h\u00f6chstens drei Jahren kamen schnell zusammen. Man p\u00f6hlte, die B\u00e4lle wurden gedroschen und trotzdem gehegt und gepflegt, man konnte schlie\u00dflich nicht dauernd neue kaufen, so etwas gab es vielleicht, wenn man Gl\u00fcck hatte, zur Erstkommunion oder wenn man ihn sich besonders w\u00fcnschte auch zu Weihnachten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp hatte in den siebziger Jahren zu erstgenanntem Anlass einen gr\u00fcnorangen Lederball bekommen. Der hielt damals zwei Jahre, dann war er durch, das Leder war einfach stellenweise nicht mehr vorhanden. Man verglich sich mit den Fu\u00dfballg\u00f6ttern der damaligen Zeit und eiferte ihnen nach. Auf diesen Grundst\u00fccken standen die als Tore genutzten Obstb\u00e4ume, haupts\u00e4chlich \u00c4pfel, auch Pflaumen, Birnen und auf einigen die gelben Kreiken. Man a\u00df letzte immer bevor sie ganz reif waren, noch etwas gr\u00fcnlich, dann schmeckten sie sauer und besser als fast alle Bonbons von B\u00e4cker Otterstedde am Rondell.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 85\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp hatte seine Schwester und Schwager besucht. Gegrillt und im Vorbeigehen einige der gelben Kreiken in deren Garten gepfl\u00fcckt. Neuerdings hatte man den alten Namen vergessen und nannte sie etwas nobler Mirabellen, dabei hatten sie damit wirklich nichts zu tun. Beim Zerbei\u00dfen stand ihm ein Teil seiner Kindheit vor Augen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a>Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Schon Handke schrieb in seiner Geschichte des Bleistifts, dass erlebte Zeit und Orte etwas mit den gepfl\u00fcckten Fr\u00fcchten gemein haben m\u00fcssten und so falsch lag er damit wohl nicht. 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