{"id":71918,"date":"2004-01-04T00:01:09","date_gmt":"2004-01-03T23:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71918"},"modified":"2020-11-25T15:45:46","modified_gmt":"2020-11-25T14:45:46","slug":"nachbarschaftsfest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/01\/04\/nachbarschaftsfest\/","title":{"rendered":"Nachbarschaftsfest"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify\" title=\"Page 82\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ein altes Sprichwort sagt, man soll Feste feiern, wie sie fallen, ein anderes verhohnepiepelt das Ganze zur Doppelb\u00f6digkeit, die nur lautsprachlich zu verstehen ist, man soll FESTE feiern. Trotzdem wird meistens vorher lang angelegt geplant, wird die Infrastruktur geschaffen, da muss die Bierzeltgarniturensammlung herangeschafft werden, der DJ, der Bierwagen oder die Zapfanlange, der Grill und jeder sollte schon einen Salat zum Gelingen mitbringen, nicht zu vergessen muss auch der Ort sorgsam ausgew\u00e4hlt sein. Feste geh\u00f6ren zu unserer Kultur wie Beerdigungen und das nachfolgende Kaffetrinken, das in l\u00e4ndlichen Gegenden meist recht lustig endet, erz\u00e4hlt man sich doch Geschichtchen und Erlebnisse aus der Vergangenheit und hebt im Verlauf des Nachmittags gerne eine paar Bierchen und Schn\u00e4pschen. So gesehen bewahrheitet sich auch hier der oben erw\u00e4hnte Spruch.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp hatte lange in der Badewanne gesessen, sich von der W\u00e4rme umsp\u00fclen lassen und gerade als er anfing einen Brief zu schreiben (auf Papier, ganz altmodisch mit Aufziehf\u00fcller), meldete sich das mobile Telefon, die vertraute Stimme fragte, ob er Zeit habe. Ja, nat\u00fcrlich, solange man lebt, hat man Zeit, seine ehemalige, esoterisch engagierte Kunstlehrerin hatte es folgenderma\u00dfen formuliert: \u201eWir haben keine Zeit, wir sind Zeit.\u201c Da er also Zeit war, hatte er sie auch. \u201eWir kommen in f\u00fcnf Minuten vorbei und holen dich ab, wir gehen zum Stra\u00dfenfest&#8230;Da spielt doch &#8230;\u201c Ja, hatte ich ganz vergessen, ist denn auch, \u00e4h&#8230;?\u201c \u201eJa, ist auch da, kommt gerade von einem Dreh&#8230;\u201c \u201eGebt mir noch eine viertel Stunde.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp schrieb den Brief noch schnell zu Ende, am n\u00e4chsten Tag w\u00fcrde er die Mu\u00dfe dazu sicherlich nicht finden, zog sich an und h\u00f6rte die drei schon vor dem Haus ihr munteres Gespr\u00e4ch f\u00fchren, immer wieder unterbrochen von gekichertem Gekiekse\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em\">oder lautem Basslachen, sie hatten gute Laune und Herr Nipp w\u00fcrde sich mitrei\u00dfen lassen, w\u00fcrde den recht seltsam verspielten Humor genie\u00dfen. Nur wer sich darauf wirklich einlie\u00df, konnte das. Die Klingel wurde vom Summen des \u00d6ffners abgel\u00f6st, die drei st\u00fcrmten die Wohnung und dr\u00e4ngten auf Eile, es sei schlie\u00dflich schon sp\u00e4t. Kritisierten im Vorbeigehen die \u00c4nderungen in den R\u00e4umen.<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 83\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ein paar hundert Meter weiter h\u00f6rte man schon die typische Stra\u00dfenfestmusik, eine gesunde Mischung aus aktueller Musik und Oldies, f\u00fcr jeden etwas dabei. Um die letzte Ecke biegend, sah man schon eine Anzahl von Menschen um den Bierwagen versammelt und der Hauch von Bratw\u00fcrstchen wehte heran. Menschen hatten sich hier versammelt von zehn bis achtzig, teilweise spielend, teilweise in freundlicher Unterhaltung, eigentlich ein Traum von Harmonie und Frieden. Eigentlich unglaublich, dass dies jedes zweite Jahr stattfand, immer ohne Randale, organisiert von f\u00fcnf, sechs Paaren, bis sp\u00e4t in die Nacht, eine ganze Spielstra\u00dfe daf\u00fcr abgesperrt. Die Bedienung war unglaublich freundlich \u2013 eben nette Nachbarn, der DJ hatte immer etwas zu trinken vor sich stehen, ge- bracht von ihn anhimmelnden Nachbarinnen, die sich nebenbei ihre Lieblingslieder w\u00fcnschten. Die Gruppen wechselten immer wieder, da sprach eine Enddrei\u00dfigerin mit einem Siebziger, scherzten Jugendliche mit Erwachsenen, unterhielten sich Migranten (Alle Menschen, die von weiter als zwanzig Kilometer \u201eweg kommen\u201c.) und Einheimische. Ernsthaft und doch&#8230;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Sp\u00e4ter lagen sich sogar einige der sonst eher reserviert erschei- nenden M\u00e4nner in den Armen, noch sp\u00e4ter wurde ein Geburtstagsst\u00e4ndchen gesungen \u2013 von allen. Viel sp\u00e4ter, als Herr Nipp schon wieder zu Hause war, w\u00fcnschte er sich ganz b\u00fcrgerlich, auch auf seiner Stra\u00dfe w\u00e4re so etwas m\u00f6glich.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein altes Sprichwort sagt, man soll Feste feiern, wie sie fallen, ein anderes verhohnepiepelt das Ganze zur Doppelb\u00f6digkeit, die nur lautsprachlich zu verstehen ist, man soll FESTE feiern. 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