{"id":71909,"date":"2006-01-24T00:01:26","date_gmt":"2006-01-23T23:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71909"},"modified":"2021-10-18T14:23:01","modified_gmt":"2021-10-18T12:23:01","slug":"aesthetische-forschung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/24\/aesthetische-forschung\/","title":{"rendered":"\u00c4sthetische Forschung"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 79\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle paar Jahre steht eine grundlegende Renovierung an, das ist wichtig f\u00fcr die h\u00e4usliche Hygiene und vor allem f\u00fcr den Wohlf\u00fchlcharakter, denn der Mensch braucht von Zeit zu Zeit Ver\u00e4nderungen. Mal zieht man um, vor allem in den Jahren der Ausbildung und des Studiums ist dies wohl sehr pr\u00e4gend, sp\u00e4ter dann noch ein zweites Mal, wenn man Fu\u00df fasst oder vielleicht sogar Eigentum erwirbt, eine Wohnung, ein Haus mit Garten vielleicht. Auch wenn es Menschen gibt, die einem glaubhaft vorrechnen, dass es v\u00f6llig unwirtschaftlich sei, Wohneigentum zu besitzen, denn das Zinsgeld k\u00f6nne man bequem sparen und sich zur\u00fccklegen, die Reparaturen habe der Vermieter zu bezahlen und wer wei\u00df, ob man das Eigen- tum auch wieder los werde. Vor allem aber geben sie die Unabh\u00e4ngigkeit zu bedenken und loben, dass sie jederzeit umziehen k\u00f6nnten. Gerne tun dies \u00fcbrigens auch Leute, die in einer so- genannten offenen Partnerschaft leben. Nein, sie werden sich weder voneinander trennen, noch jemals wieder umziehen, denn wo man einmal hockt, da bleibt man meistens. Okay, die Miete ist irgendwann einfach weg, die Eigentumswohnung nicht, die kann man im Alter vielleicht doch f\u00fcr die Sicherung verwenden. Na, egal, ein Jedes soll so gl\u00fccklich werden wie es will. Diese Gedankenspiele der Ungebundenheit kann Herr Nipp nun gar nicht verstehen, ist froh, hier im Elternhaus ein Dach \u00fcber dem Kopf zu haben, das er sein eigen nennen kann.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Auch hier muss renoviert werden, das war ihm schon vorher be- wusst. Auch der dabei entstehende Dreck. Zuletzt hatte er die Tapeten abgezogen und dabei verwundert festgestellt, dass sich unter der Raufasertapete Reste zweier weiterer Papierbez\u00fcge befanden. Ein Dekor konnte zweifelfrei den fr\u00fchen sechziger Jahren zugeordnet werden, in denen das Haus gebaut worden war, die n\u00e4chste musste aus den sp\u00e4ten Siebzigern stammen, keine\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">gro\u00dfen ornamentalen Muster mehr, die mit unertr\u00e4glich quietschigen Farben gedruckt waren. Die Zimmer in farbige Augenkrebsh\u00f6llen zwischen Orange, Maigr\u00fcn und dekorativem Braun verwandelten. Hier schon das Dekor eines Stoffbezugs.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Herr Nipp konnte sich an diese beiden Tapeten nicht mehr erinnern, wohl aber, an die achtziger Jahre Stofftapete, schweres Material mit echtem Nesselgewebe. Die war aber nicht mehr vorhanden, war wohl komplett entfernbar gewesen. Hatte damals der Onkel verklebt, ein Meister seines Faches und sein Sohn, der Geselle, dessen Lieblingsspruch war \u201eIst ein Dabeimachen\u201c. Pl\u00f6tzlich tauchten in seiner Erinnerung weitere Tapeten auf, Klassiker des Wohlgeschmacks kleinb\u00fcrgerlicher Zufriedenheit. Im gemeinsamen Kinderzimmer hatten Max-und-Moritz-Tapeten die Denk-welt angereichert, die Herr Nipp, als er noch kein Herr war, sondern nur Nipp gerufen wurde, immer wieder von der Wand geknibbelt hatte, um sie durch eigene naive Zeichnungen zu ersetzen, die ihm viel besser gefielen. Die ihm meistens \u00c4rger einbrachten. Im Wohnzimmer war eine Grobe Strukturtapete angebracht, die einen toskanischen Verputz simulierte und die K\u00fcche wurde durch eine gebl\u00fcmte Gr\u00fcn-blaue Gestaltung versch\u00f6nert. Im Keller hatte er irgendwann vor dem gro\u00dfen Hochwasser alte Tapetenreste gefunden und die R\u00fcckseiten bemalt, leider waren diese fr\u00fchen Zeugnisse seiner Kreativit\u00e4t dann verschimmelt. Er w\u00fcrde sicherlich bei den weiteren anstehenden Renovierungen weitere Zeugnisse der dekorativen Vergangenheit entdecken. Nur eines wurde ihm gerade in diesem Moment bewusst.<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 80\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Wer Tapeten abrei\u00dft, der muss auch neue kleben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Alle paar Jahre steht eine grundlegende Renovierung an, das ist wichtig f\u00fcr die h\u00e4usliche Hygiene und vor allem f\u00fcr den Wohlf\u00fchlcharakter, denn der Mensch braucht von Zeit zu Zeit Ver\u00e4nderungen. 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