{"id":71905,"date":"2001-06-04T00:01:13","date_gmt":"2001-06-03T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71905"},"modified":"2020-11-26T05:26:52","modified_gmt":"2020-11-26T04:26:52","slug":"vorlesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/04\/vorlesen\/","title":{"rendered":"Vorlesen"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 78\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er hatte begonnen einen Text vorzulesen, voller Vorfreude auf seine Reaktion. Hatte die Stimme moduliert, sich verausgabt, soweit das auf einer Seite \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, denn l\u00e4nger waren seine Texte selten, meist sogar k\u00fcrzer, Miniaturen gleich. Herr Nipp hatte radikal alles \u00dcberfl\u00fcssige eliminiert, jedes Geschwurbel mit Exekution oder Exil belegt. Der Text war auf das N\u00f6tigste zusammengedampft worden und enthielt so die Quintessens des Denkens eines ganzen Tages. Alles Gef\u00fchlhafte, alles auch nur ansatzweise Kitschige war verschwunden. Ein Kern geblieben. Ein Skelett mit gut durchtrainiertem Muskel\u00fcberzug, funktional wie wie eine Maschine und \u00e4sthetisch wie der David von Michelange- lo, geschaffen von einem K\u00fcnstler, herangez\u00fcchtet und veredelt wie der \u00fcberaus k\u00f6stliche Wein im Chateau Neuf du Pape, von dem er vergangene Woche noch hatte eine Flasche genie\u00dfen k\u00f6nnen. Wegen des Fehlens einer Ententerrine flankiert von drei verschiedenen handgemachten seltenen Salamis und gutem K\u00e4se, knusprigem Steinofenbrot. Sie hatten wie viel zu selten zusammen gesessen, die Zukunft geplant, geplaudert und s\u00fcffisant gel\u00e4stert, nicht b\u00f6se, sondern liebevoll distanziert, \u00fcber Musik, Literatur und Kunst gesprochen. Anerkennend neue Arbeiten junger Kollegen besehen. Ein geheimes Einverst\u00e4ndnis und Verstehen, ausschlie\u00dflich wie ehedem.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp sah, dass sein Publikum mitfieberte, an seinen Lippen hing, er hatte das Gef\u00fchl, mit jeder besonderen Betonung auch eine Steigerung der allgemeinen Gef\u00fchlslage herbeizuf\u00fchren. Er sah sich als Dirigent eines gro\u00dfen Klangk\u00f6rpers und w\u00fcrde gleich zu seinem absoluten H\u00f6hepunkt finden. Doch genau in diesem Moment trat er versehentlich nach vorne, setzte strauchelnd \u00fcber den B\u00fchnenrand hinweg, verlor das Gleichgewicht und schlug hart mit der Kauleiste auf die erste Sitzreihe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Er hatte begonnen einen Text vorzulesen, voller Vorfreude auf seine Reaktion. Hatte die Stimme moduliert, sich verausgabt, soweit das auf einer Seite \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, denn l\u00e4nger waren seine Texte selten, meist sogar k\u00fcrzer, Miniaturen gleich. 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