{"id":71899,"date":"1999-01-04T00:01:37","date_gmt":"1999-01-03T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71899"},"modified":"2020-11-25T15:30:02","modified_gmt":"2020-11-25T14:30:02","slug":"wundertuete","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/04\/wundertuete\/","title":{"rendered":"Wundert\u00fcte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify\" title=\"Page 76\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Jeden Morgen seines neuen Lebens hatte Herr Nipp aus einem der schr\u00e4gen Fenster geguckt, die Gartenw\u00fcstenei gesehen und sich dar\u00fcber ge\u00e4rgert. Eine kahle Rasenfl\u00e4che ohne Abwechslung, ohne das Spiel von Rhythmen und Konturen, ohne B\u00fcsche, die arragiert und auf optisch gerechtfertigte Gr\u00f6\u00dfen geschnitten waren, als Kugeln, Halbkugeln und dagegen kontrastierend als ausladende B\u00e4umchen, die einzelne \u00c4ste zeigen durften. Da sah er keine Steine oder Mauern, an denen der Blick h\u00e4tte fest machen k\u00f6nnen, lediglich ein fast quadratisches Gem\u00fcsebeet am Rand der Wiese. Alles praktisch und schnell zu bearbeiten, hatte dies doch wenig mit seinem Gef\u00fchl f\u00fcr die Anlage von G\u00e4rten zu tun. Er wollte schon seit seiner Kindheit G\u00e4rten, in denen Entdeckungen gemacht werden konnten, in denen die Tiere Zufluchtsm\u00f6glichkeiten hatten, Insekten, V\u00f6gel, Kellerasseln und auch Schnecken, am liebsten Weinberg- und Hainschnirkelschnecken, letztlich hatte er gegen Nacktschnecken nur etwas, wenn sie als unbez\u00e4hmbare Masse den Garten \u00fcberrollten, besser \u00fcberschleimten und von den Pflanzen nur abgeknabberte St\u00e4ngel \u00fcbriglie\u00dfen. Aber dagegen gab es schlie\u00dflich die Igel, denen grunds\u00e4tzlich R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten zu bieten waren.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Er hatte seinen Vater damals \u00fcberreden k\u00f6nnen einen Gartenteich anzulegen, der inzwischen allerding wegen Undichtigkeit entfernt worden war. Nat\u00fcrlich hatte dies nicht direkt geschehen k\u00f6nnen, denn daf\u00fcr brauchte es schon etwas Psychologie: Wenn man am Esszimmertisch regelm\u00e4\u00dfig ein Buch \u00fcber die Gartenteichgestaltung liegen l\u00e4sst und fingierte Telefongespr\u00e4che in seiner Gegenwart mit fingierten Freunden (ein Ph\u00e4nomen, das er erst in letzter Zeit im direkten Arbeitsumfeld bei einem Bekannten wiederentdeckt hatte) \u00fcber die Teichanlage an der Schule f\u00fchrte, dann konnte man davon ausgehen, dass Vaters Interesse irgendwann geweckt\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em\">werden w\u00fcrde. Dass der Vater irgendwann selber auf die Idee kommen w\u00fcrde, einen Gartenteich anzulegen. Diese Phase dauerte gerade einmal drei Wochen. Bei der gemeinsamen Beratung wurde schnell klar, dass es nur zwei m\u00f6gliche Standorte gab, die einzige M\u00f6glichkeit, die eigene Idee zu realisieren, bestand darin, gute Argumente f\u00fcr den anderen Standort zu sammeln, das veranlasste den Erzieher und Gartenbesitzer letztlich auch dazu, alle Argumente auszuschlagen und am tats\u00e4chlich gew\u00fcnschten anderen Standort zu bauen. Man hatte in der Folge von anderen Teichbesitzern Pflanzen und Kleinsttiere bekommen: Impfung. Aus den Urlauben mitgebracht hatten sich Unmengen Steine um den Teich gruppiert, er wuchs zu einem Kleinstbiotop. Es musste sich etwas \u00e4ndern,<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 77\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp zog sich seine \u00e4ltesten Klamotten an, begann zu graben, buddelte Steine aus, setzte sie zu M\u00e4uerchen zusammen, holte von Bekannten und Bodendeponien weitere Steine, baute. Ein gl\u00fcckliche Zeit des Schaffens, w\u00e4ren da nicht immer wieder St\u00f6rfeuer von ewigen N\u00f6rglern gewesen. Die wussten nat\u00fcrlich alles besser, hatten sie doch selber noch nie einen Garten besessen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Das Gem\u00fcsebeet wurde mit Steinen umfasst, Buchsbaumhecke gepflanzt, Einfassung, als Windschutz, wie bei alten Bauerng\u00e4rten. Damit der Boden nicht so schnell austrocknete. Die Gem\u00fcsesorten wurden ges\u00e4t, dicke Bohnen, M\u00f6hren, Radieschen, wilde Rauke, Steckr\u00fcben, Zwiebeln, bald w\u00fcrden auch Salatpfl\u00e4nzchen gesetzt werden. Die Saat ging an, abgesehen von einer Reihe M\u00f6hren. Herr Nipp \u00e4rgerte sich, schimpfte auf den Betrug, dass man ihm nicht keimf\u00e4higes Saatgut angedreht hatte. Nie wieder w\u00fcrde er in diesem Laden einkaufen, selbst wenn die Besitzer als Bettler vor ihm st\u00fcnden. &#8230;er fuhr jetzt einige Kilometer weiter um seine Gartenerde zu besorgen. Oder Ger\u00e4tschaften.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter entdeckte er in der Seitentasche seiner Arbeitshose die Sament\u00fcte: M\u00f6hren, verschlossen. Er hatte im Ar<span style=\"letter-spacing: 0.05em\">beitseifer vergessen sie auszus\u00e4hen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Morgen seines neuen Lebens hatte Herr Nipp aus einem der schr\u00e4gen Fenster geguckt, die Gartenw\u00fcstenei gesehen und sich dar\u00fcber ge\u00e4rgert. 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