{"id":71891,"date":"2004-01-24T00:01:37","date_gmt":"2004-01-23T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71891"},"modified":"2021-10-31T13:21:43","modified_gmt":"2021-10-31T12:21:43","slug":"sensibelchen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/01\/24\/sensibelchen\/","title":{"rendered":"Sensibelchen"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man hatte ihn abgeschoben. Bewusst, kein Platz mehr. Auf den Flur, kein Arbeitsraum, er sa\u00df an einem einfachen Tisch auf einem schlichten Stuhl, ohne Kommunikationsverbindungen, kein Telefon, kein Internet, sogar die mobile Foniereinheit war stark empfangsgest\u00f6rt, durch die dicken W\u00e4nde unbrauchbar. Der Gang war beh\u00f6rdenschmal, gerade mal zwei Meter, daf\u00fcr \u00fcber sechzig lang, geeignete Ausma\u00dfe um stetige Zugluft zu erzeugen &#8211; ein Erk\u00e4ltungskatalysator. Er f\u00fchlte sich ausgegrenzt und war zun\u00e4chst ungl\u00fccklich \u00fcber diese unertr\u00e4gliche Situation, von einer solchen hatte vorher hier wohl niemand geh\u00f6rt. Nun sa\u00df er da mit seinem Stapel von Akten und begann diese stupide und erm\u00fcdende Arbeit, Wort um Wort, Zeile f\u00fcr Zeile, Blatt um Blatt. Ordner um Ordner. Dabei hatte er sich in der Jugend die Arbeit immer als ein spannendes Abenteuer vorgestellt. Aber es ging nun z\u00fcgig, er wollte m\u00f6glichst schnell fertig werden, wollte einen Abschluss finden, jeden Tag, denn der Flur war still, gespenstisch still. In solchen Situationen werden die Sinne sensibilisiert, jedes Ger\u00e4usch gewinnt an Bedeutung, jeder Laut wird zu einer Leiter, die man besteigen kann, um aus dem Loch zu gelangen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ersten Tage k\u00fcmmerte sich Herr Nipp nur um seine Akten, ganz bewusst. Schon am dritten Tag aber lehnte er sich ab und zu zur\u00fcck, schloss die Augen und legte seine gesamte Aufmerksam- keit in das H\u00f6ren. Zun\u00e4chst undechiffrierbare Lautagglomerate, also lose Zusammenballungen von Wortteilen. Schnell aber verstand er Zusammenh\u00e4nge, h\u00f6rte den Leuten in ihren B\u00fcros bei Telefongespr\u00e4chen zu oder den Konferenzen der F\u00fchrungsetage. Er erkannte, dass es entgegen seiner Erwartung sogar ein Privileg war, gerade hier im Flur zu arbeiten, diese Informationen w\u00fcrde er eines Tages zu seinem Vorteil nutzen&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man hatte ihn abgeschoben. Bewusst, kein Platz mehr. 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