{"id":71876,"date":"2008-08-24T00:01:46","date_gmt":"2008-08-23T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71876"},"modified":"2021-10-31T15:09:16","modified_gmt":"2021-10-31T14:09:16","slug":"amnesie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/24\/amnesie\/","title":{"rendered":"Amnesie"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 70\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In sich gekehrt sa\u00df er nun auf seinem Hocker, sah sich das Geschriebene an, wunderte sich, dass sein Buch nicht so einfach, so unkompliziert geschrieben werden k\u00f6nnte. Er wusste auch, dass man sich immer selber im Weg steht. Fragte, ob er das nun einfach und ungepr\u00fcft losschicken k\u00f6nne. Wie immer wieder der Verzweif- lung nahe, wie immer wieder schwankend zwischen Himmel hoch jauchzend und zu Tode betr\u00fcbt schaukelte er sich langsam in einen fast schon trancierten Zustand des Weltweglassens. Nein, um sich zu retten, seine Vorstellung und den Rest an Gef\u00fchl, an positivem Gef\u00fchl, welches er irgendwo doch in sich bergen musste, konnte er gar nicht anders als losschicken, seine Zeilen dem Netz anzuvertrauen, er klickte und sollte wieder mal sehr \u00fcberrascht werden, denn nur Minuten sp\u00e4ter brandete die n\u00e4chste Antwortflaschenpost auf seinen Bildschirm.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>\u201eLieber Nipp,<br \/>\nein neues Buch, interessant. Hast du das L\u00e4cheln vor dem Bild<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">schirm gesehen, das sich von Zeit zu Zeit gar zu einem Grinsen auswuchs?<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Lass mich ein bisschen Kritikerin spielen, du wei\u00dft ja, es ist mein Beruf; ob Berufung, wei\u00df ich nicht. Vielleicht k\u00f6nntest du mir in zwei Monaten, wenn du nicht mehr so arg besch\u00e4ftigt bist wie es sich im Moment anh\u00f6rt, und ich mal wieder in der Stadt, einen Vorauszug zukommen lassen. Ich k\u00f6nnte ihn mir nat\u00fcrlich auch selbst abholen kommen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Bleib am Rechner, schreib mir, ich will noch nicht aufh\u00f6ren, ich will weiterschreiben, dich nicht gehen lassen, mein Bildschirm ist der rettende Strohhalm, der mich aus der Tiefe rei\u00dft.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Entschuldige, dass ich ein bisschen vorspringe in der Erz\u00e4hlung, aber das kann man ja ohne Probleme mit einem nippischen L\u00e4cheln als Vorgriff oder R\u00fcckblende abtun.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 71\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 71\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Lieber Nipp, lass uns \u00fcber Kunst reden. \u00dcber Kunst schreiben. So fangen viele Dinge an, vielleicht auch dein Buch.<br \/>\nDeine Nelly\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Verdutzt wieder, ja verwirrt sa\u00df er da und konnte sich nur noch wundern, hatte er um eine M\u00f6glichkeit der virtuellen Kommuni- kation gebeten, war er hier an dieser Stelle schon in einen Strudel hereingerissen, war \u00fcberfl\u00fcgelt worden, seine Gedanken wurden einfach weitergedacht, schon jetzt bildete sich eine Selbstverst\u00e4nd- lichkeit, die sich leicht zur Sucht auswachsen konnte. Er konnte l\u00e4cheln und verwundert dreinblicken, gleichzeitig zwischen den St\u00fchlen sitzen und Betten liegen. Was war hier im Schwange?<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Hatte sie einfach nur darauf gewartet endlich angesprochen zu werden?<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Nicht alle Fragen waren hier auszusprechen, denn sie formten sich nicht einfach und bildeten mit ihren Einsch\u00fcben und Subfragen ein Gestr\u00fcpp, ein Dornendickicht, dem man besser nicht im Harnisch entgegen tritt, immer in Gefahr h\u00e4ngen zu bleiben, wie hundert Jahre lang die Freier bei Dornr\u00f6schen. H\u00e4ngen zu bleiben und zu krepieren, elendig. Diese Fragen durften nicht gestellt werden, denn sie betrafen seine Existenz und w\u00fcrden nat\u00fcrlich sein gemachtes Nest zerst\u00f6ren, w\u00fcrden wie ein Buschfeuer wirken, welches nur eine kahle Landschaft hinterl\u00e4sst oder ein offen da liegendes Schloss.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Stopp, an dieser Stelle sollten wir nicht weiter ins allzu Triviale abgleiten, sollten uns von dieser Mischung aus angloamerikanischen Plattheiten im Stile Follets oder im Geiste &#8222;Vom Winde ver- weht&#8220; nicht weiter hingeben, kritischen Abstand nehmen und uns der eigenen Wurzeln besinnen, dachte Herr Nipp, nahm sich statt- dessen seine geliebten Kalliasbriefe zur Brust und st\u00f6berte einige Zeilen auf, an die er bisher nicht ernsthaft gedacht hatte. Nat\u00fcrlich musste sein neuestes Buch die Kunst in den Mittelpunkt der Betrachtung stehen, so war schon an dieser Stelle deutlich, dass der\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">erste, dieser fade Beginn sich nicht w\u00fcrde als standhaft erweisen k\u00f6nnen. Ganz wie ein zerrissener Mensch, wie ein verformtes Wesen aus den Bildern entsprungen, durch die Jahrhunderte von Bosch \u00fcber Breughel bis hin zu Matta, mit einem weiten Sprung \u00fcber Goya, \u00fcber Ernst zu Bacon gelangt, schaute er auf den Bild- schirm. Er l\u00f6schte Buchstaben um Buchstaben, jedes Wort von hinten, die Botschaft. Er w\u00fcrde sie irgendwann wieder gebrauchen, das wusste er, aber dann w\u00fcrde sie ihm nicht mehr zur Verf\u00fcgung stehen. Fast feierlich, allerdings ohne den an dieser Stelle von Brown verwendeten Pathos verschwand die Schrift, l\u00f6ste sich in gedacht gewesene Bits und Bytes auf, brannte sich nicht ins Ged\u00e4chtnis ein, sondern machte zeitgleich einer stillschweigenden Amnesie Platz.<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 72\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 65\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 66\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In sich gekehrt sa\u00df er nun auf seinem Hocker, sah sich das Geschriebene an, wunderte sich, dass sein Buch nicht so einfach, so unkompliziert geschrieben werden k\u00f6nnte. Er wusste auch, dass man sich immer selber im Weg steht. 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