{"id":71857,"date":"2008-04-24T00:01:47","date_gmt":"2008-04-23T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71857"},"modified":"2021-10-31T14:15:12","modified_gmt":"2021-10-31T13:15:12","slug":"platten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/04\/24\/platten\/","title":{"rendered":"Platten"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 63\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen all den angefangenen und abgebrochenen St\u00fccken vor Ulrich Johannes M\u00fcllers Atelier, den frisch angelieferten Steinen und \u00fcberwucherten Resten einer Idee fand sich auch die Studienplatte eines ehemaligen Sch\u00fclers.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Sehr talentiert. Hat er hier stehen lassen und nie abgeholt.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Dieser hatte das Hauen von Schrift lernen sollen, exakt und im richtigen Rhythmus die Buchstaben zu setzen, so dass es zu einem harmonischen Bild wird, ist eine Kunst f\u00fcr sich, manchmal frage ich mich ernsthaft, wer darin besser ist, die Typographen, die Steinmetze oder die bildhauernden K\u00fcnstler. Gl\u00fccklicherweise kommt man zu keinem Ergebnis und das ist wahrscheinlich auch gut so. Er hatte ein kurzes Fragment von Nietsche gew\u00e4hlt: Flamme bin ich sicherlich.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Die Assoziationen dieser vier W\u00f6rter rei\u00dfen Herrn Nipp in eine ferne Zeit, der man wohl nie entkommen kann, wenn man sie ge- lebt hat. Anfang der neunziger Jahre brachte eine Band namens Blumfeld zwei gute Alben heraus, die bei ihm rauf und runter liefen. Jede Zeile wurde mitgesungen, gesprochen. Diese Ichma- schine geh\u00f6rte wie selbstverst\u00e4ndlich zu seinem Leben, alles war zitierf\u00e4hig, all die intelligenten Ungereimtheiten, die ein Gef\u00fchl dieser Zeit in Worte fassten. Der S\u00e4nger und Texter Jochen Diestelmeyer pl\u00fcnderte hier frech die Literatur und setzte die Teile zu neuen Sinnzusammenh\u00e4ngen zusammen. Alles war anwendbar, allerdings nie mit heiligem Ernst, eher ironisch gebrochener Distanz:<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Zur\u00fcck zu den H\u00e4usern, in den Garten, in dem die Apfelb\u00e4ume warten.&#8220; oder : &#8222;Verwandtschaft, die Tonnen wiegt, f\u00fcr den der unten liegt.&#8220; oder: &#8222;Z\u00f6libat\u00e4re Linguisten, Lehrk\u00f6rper und Theisten haben sich hoffentlich tot gelacht und nicht so wie sonst ins F\u00e4ustchen gemacht.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 64\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Blumfeld: l \u0301etat et moi (Mein Vorgehen in vier bis f\u00fcnf S\u00e4tzen) steht in einer frechen Tradition des gewitzt zugebenden Zitateklauens und schnappt sich gleich eine ganze Passage von Nietsche:<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ja, ich wei\u00df, woher ich stamme, unges\u00e4ttigt gleich der Flamme gl\u00fche und verzehr \u0301 ich mich. Licht wird alles was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse. Flamme bin ich sicherlich<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Heute findet sich solcherart Spa\u00df am Zitatesteinbruch allenfalls am guttenbergischen oder sonstigen Politikervorgehen, wenn es um Doktorarbeiten geht, sofort im Internet und dann wird es ernst, da- mals musste man noch B\u00fccher lesen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Dies war eine Stimme gewesen, nicht Jochens nur, auch Herr Nipps, Abgesang auf die verbrieft verkopfte Kultur, auf den ersten Blick aber nur:<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Mach doch mal einer den Kulturkack aus, ach geht ja nicht, lass blo\u00df an, bin ja selber drin.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Neue Metaphern f\u00fcr eine anbrechende neue Zeit zu schaffen kann vielleicht als Verdienst gesehen werden. Leider hatte sich der Kopf der Band wohl irgendwann schwerwiegend verliebt und mit der dritten Platte eine neue Nische in der Schlagerecke gefunden. Ja, er hatte sich auch die restlichen Platten noch besorgt, weil es so sein musste, musste aber immer wieder feststellen, dass nur die ersten beiden wirklich gut sind. Das ber\u00fchmte Scheitern am dritten Album. Immerhin hat die &#8222;Kante&#8220; einiges musikalisch fortgef\u00fchrt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Marmorplatte allerdings, die liegt jetzt im sintflutartigen Sommergewitterregen des Sauerlandes &#8211; in seinem Garten. \u201eDanke Uli.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 62\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 62\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zwischen all den angefangenen und abgebrochenen St\u00fccken vor Ulrich Johannes M\u00fcllers Atelier, den frisch angelieferten Steinen und \u00fcberwucherten Resten einer Idee fand sich auch die Studienplatte eines ehemaligen Sch\u00fclers. &#8222;Sehr talentiert. 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