{"id":71803,"date":"1998-11-04T00:01:11","date_gmt":"1998-11-03T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71803"},"modified":"2020-11-25T08:32:29","modified_gmt":"2020-11-25T07:32:29","slug":"reinkarnation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/11\/04\/reinkarnation\/","title":{"rendered":"Reinkarnation"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify\" title=\"Page 56\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Ganz zufrieden sa\u00df Herr Nipp auf dem stillsten \u00d6rtchen der Welt, er hatte ein kleines B\u00e4ndchen mit Gedichten von Christian Mor- genstern zur Hand genommen und rezitierte einige von diesen halblaut vor sich hin, w\u00e4hrend die Brille ihre Rundung auf den Oberschenkelr\u00fcckseiten der Beine abmalte. So zufrieden war er lange nicht gewesen. Seit einem halben Jahr hatte er sich \u00fcber die viel zu kleine Duscheinheit ge\u00e4rgert, die gebaut war f\u00fcr Menschen, welche eine K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe von 162 cm nicht \u00fcberschritten, besser 158. Er hatte gegr\u00fcbelt und Pl\u00e4ne gemacht, wie diese Situation grundlegend ge\u00e4ndert werden konnte. Manchesmal hatte er in der Badewanne gelegen und die Sache aus allen Winkeln betrachtet, neue Perspektiven suchend, bis ihm ganz nebenbei einfiel, dass er fr\u00fcher (in jenem anderen Leben, welches jetzt vorbei war) einmal den Wunsch gehabt hatte, auch im Badezimmer ein B\u00fccherregal zu besitzen; nur ein Buch dort, wo man zur Ruhe finden konnte (und nach erledigten schwierigen Gesch\u00e4ften auch zur inneren Ausgeglichenheit), liegen zu haben, hatte ihm schon immer ein Gef\u00fchl von Armut gegeben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Nun war die Dusche also grundlegend still gelegt worden, der Abfluss versiegelt, die Tasse mit einer Holzplatte abgedeckt und ein Regal aus Buchenholz daraufgebaut worden. Die sich erge- bende Nische bot so sogar eine eigene Sitzgelegenheit zum Lesen, ganz neuer Komfort. Luxus konnte f\u00fcr einen Leser wie Herrn Nipp ganz anders sein, als die im Fernsehen vorgestellten M\u00f6glichkeiten von Villen und Siebensternehotels in Dubai.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Als er zum Gedicht &#8222;Der Papagei&#8220; kommt und den Vers &#8222;Zum Schlusse starb auch er am Zips.&#8220; liest, steigt ihm das Bild eines guten gegangenen Freundes vor Augen. Oft passiert es ihm, dass pl\u00f6tzlich Worte oder Bilder dieses Menschen im Raum stehen, vielleicht auch mal wie Monumente, wahrscheinlich aber eher als\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em\">Handelns, als Verweis auf das &#8222;lebe jetzt&#8220; und &#8222;du kannst das nur einmal erleben&#8220;. &#8230; &#8222;was der jetzt wohl macht&#8230;alles vorbei, einfach so&#8230;gibt es wohl so etwas wie Reinkarnation?&#8220;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"letter-spacing: 0.05em\">Die Gedanken verdr\u00e4ngen die Lekt\u00fcre und kreisen um einander. Bei\u00dfen sich wie verspielte Welpen in den eigenen Schwanz. In diesem Moment st\u00fcrzt st\u00fcrmend und dr\u00e4ngend eine gelbschwarz gestreifte Schwebfliege (Also das w\u00e4re wohl die schlimmste Strafe f\u00fcr einen bekennenden Gladbach-Fan.) durch das halb ge\u00f6ffnete Dachfenster, sucht Schutz vor dem einsetzenden Pladderregen. Herr Nipp schaut sich das Schauspiel an: Wie verdutzt bleibt die Fliege im Fluge vor den B\u00fcchern stehen und schaut sich die Titel der Reihe von K nach F r\u00fcckw\u00e4rts an. Kurzes Verweilen vor Kun- dera, sehr kurz, schnell weiter zu Kafka, sch\u00fctteln, fast wirkt es, als sei das Tier angewidert oder erinnere sich an die immer falsche, immer richtige Interpretation der Parabeln.<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 57\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Noch einmal zur\u00fcck zu Keller, hier bleibt der Zweifl\u00fcgler &#8222;Epistrophe balteata&#8220; vor &#8222;Romeo und Julia auf dem Dorfe&#8220; etwas l\u00e4nger stehen, nein, sieht nur aus dieser Perspektive so aus, es ist der gr\u00fcne Heinrich. Erstaunlich ist, dass viele Autoren im wahrsten Sinne des Wortes einfach \u00fcberflogen werden. Keine Beachtung von Lieblingsautoren wie K\u00e4stner und Jandl, wie Grimm und Handke, Gryphius und Hesse und all den anderen dazwischen. Sie r\u00fcckt weiter vor bis Goethe, und fast scheint es, als w\u00fcrde sie herzhaft lachen, dieser leicht krampfige Ruck, ganz anders als bei Kafka. Sie kommt zu Fontane, l\u00e4sst ein kleines Kotbr\u00f6ckchen fal- len und schon scheint es, als wolle sie wieder zum Fenster hinaus, doch eine Etage tiefer entdeckt sie die Kallias-Texte, setzt sich kurz nieder und f\u00e4hrt den kleinen R\u00fcssel einige Male aus, ber\u00fchrt fast z\u00e4rtlich den Umschlag damit. Pl\u00f6tzlich hebt sie ab und ist durch das Fenster verschwunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz zufrieden sa\u00df Herr Nipp auf dem stillsten \u00d6rtchen der Welt, er hatte ein kleines B\u00e4ndchen mit Gedichten von Christian Mor- genstern zur Hand genommen und rezitierte einige von diesen halblaut vor sich hin, w\u00e4hrend die Brille ihre Rundung auf&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/11\/04\/reinkarnation\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-71803","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71803","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71803"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71803\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71803"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71803"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71803"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}