{"id":71798,"date":"1998-10-04T00:01:51","date_gmt":"1998-10-03T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71798"},"modified":"2020-11-25T08:28:06","modified_gmt":"2020-11-25T07:28:06","slug":"notizbuchhalter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/10\/04\/notizbuchhalter\/","title":{"rendered":"Notizbuchhalter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify\" title=\"Page 54\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Der schlimmste aller m\u00f6glichen F\u00e4lle war eingetreten. Zwar hatte er immer mal daran gedacht, M\u00f6glichkeiten des Schutzes erson- nen, bedacht gesch\u00fctzt dagegen zu sein &#8211; er war auf dem falschen Fu\u00df erwischt worden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Am Tag zuvor hatte er noch Notizen gemacht, hatte den Stift \u00fcber die schmalen Seiten des in Druckergummi gebundenen Buches laufen lassen, einen violetten Faserschreiber, nicht aus Gr\u00fcnden der \u00c4sthetik, nicht, weil dies vielleicht einer m\u00f6glichen Vorliebe f\u00fcr die Gleichberechtigung der Frau entgegen gekommen w\u00e4re, son- dern weil er den blauen versehentlich mit der Spitze auf den Tisch gesto\u00dfen hatte, die Spitze dem entsprechend direkt in den Schaft zur\u00fcckgefahren und nun das Ger\u00e4t nicht mehr zu gebrauchen war. Sonst hatte er eigentlich immer mit seinem aufziehbaren F\u00fcller mit schwarzer Tinte geschrieben, doch die war ausgegangen und Herr Nipp hatte einfach noch keine Zeit gefunden, neue zu besorgen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Dann musste er in die Stadt, den einen g\u00fcnstigen Laden (wahr- scheinlich ein Kaufhaus mit einem riesigen Angebot) wiederfin- den, dort die preisg\u00fcnstige Tinte kaufen, von der er nicht wusste, ob diese denn auch \u00fcber die Jahre nicht ausbleichen w\u00fcrde. Er w\u00fcrde die schwarze Tunke umf\u00fcllen in das praktische Glas mit der Mulde, in der sich irgendwann die letzten Reste der Schreib- fl\u00fcssigkeit sammeln w\u00fcrden. So aber hatte er die Faserschreiber aus der Stiftedose genommen und diese eingeklemmt. Ein blauer, ein violetter. Faserschreiber waren praktisch, hatten aber den Nachteil, dass man nie wissen konnte, wann sie zu Ende gingen. Erlebnisse und Gedankenfragmente, pers\u00f6nliche Befindlichkeiten und fast absichtslose Beobachtungen hatte er zu soliden Kon- glomeraten , losen Agglomeraten zusammen gef\u00fcgt, keine Kunst- werke, sondern versponnene Sammlungen, \u00e4hnlich dem Anspruch, den er an diesem Morgen noch im Vorwort von Adalbert Stifter zu\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em\">&#8222;Bunte Steine&#8220; gelesen hatte. Nicht Dichter sein zu wollen, sondern etwas zu sagen zu haben und sei es nur das Allerkleinste.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"letter-spacing: 0.05em\">Unter den rohen Skizzen dieser Arbeit (Er selbst dachte meist an ein kunstloses, aber solides Handwerk, ohne Schn\u00f6rkel, reine Worth\u00e4ufungen, sauber gestapelt und meist geordnet abgelegt.) fanden sich ganz konkrete Darstellungen \u00fcber den Jetzt-Zustand des Nahes, nicht der globalen Weltl\u00e4ufigkeit, hatten sich wie Ranken um die banalen oder spr\u00f6den Satzgef\u00fcge geschl\u00e4ngelt, Wicken oder Ackerwinden, Wein oder Stangenbohnen mit roten Bl\u00fcten. Er hatte dieses unbeschreibliche Mitrei\u00dfen im Schreiben gesp\u00fcrt, dieses in der Zeit getragen sein, ohne Anstrengung, ohne etwas dazu tun zu m\u00fcssen. Jetzt war das Notizbuch weg, nicht mehr aufzufinden, \u00fcberall gesucht, hatte er es wohl irgendwo liegen lassen und keinen der neuen Texte irgendwo gespeichert.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der schlimmste aller m\u00f6glichen F\u00e4lle war eingetreten. Zwar hatte er immer mal daran gedacht, M\u00f6glichkeiten des Schutzes erson- nen, bedacht gesch\u00fctzt dagegen zu sein &#8211; er war auf dem falschen Fu\u00df erwischt worden. 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