{"id":71796,"date":"1998-09-04T00:01:42","date_gmt":"1998-09-03T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71796"},"modified":"2020-11-25T08:25:46","modified_gmt":"2020-11-25T07:25:46","slug":"sprach-nicht-tatenlos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/09\/04\/sprach-nicht-tatenlos\/","title":{"rendered":"Sprach- nicht tatenlos"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify\" title=\"Page 52\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Dann frage ich und muss erkennen, dass die Fragen zu einfach sind, schon von anderen gestellt. Also h\u00f6re ich irgendwann einfach zu und muss feststellen, dass ich taub bin. Dann lese ich und sehe, dass die Zeilen einen irren Tanz vor den Augen machen. W\u00f6rter, M\u00fcckenschw\u00e4rmen gleich, die im Abendlicht ihre Liebest\u00e4nze auff\u00fchren, hatten mich in ihre stichige Mitte gelassen und nun musste ich spucken und mit den Armen wedeln um mich des Unfassbaren zu entledigen.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Dies waren die einzigen vollst\u00e4ndigen S\u00e4tze gewesen, die Herr Nipp aus einem Vortrag eines hochger\u00fchmten Literaten mitge- nommen hatte, die S\u00e4tze, welche aus einem Buch vorgelesen, als Grundlage eines erl\u00e4uternden Gespr\u00e4chs \u00fcber die Wahrnehmung und zunehmende Entfremdung von dieser hatten dienen sollen. Das Gespr\u00e4ch war aus Einsch\u00fcchterung des Publikums ausge- blieben, ehrf\u00fcrchtige Eingesch\u00fcchtertheit. Der Autor hatte ganz im Sinne Hugo von Hoffmannthals darauf verwiesen, dass die Sprache nicht mehr funktioniere und keiner hatte ihm widersprochen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Welch ein Unfug, solange die Sprache in irgendeiner Weise Ver- st\u00e4ndigung m\u00f6glich machte, solange hatte sie eine Funktion&#8230;&#8220; dachte Herr Nipp f\u00fcr sich. Doch dann bewies der Vortragende ganz pl\u00f6tzlich, dass er mit seinen doch leicht antiquierten Thesen recht hatte. Der Trick bestand ganz einfach darin, die S\u00e4tze niemals zu Ende zu bringen, die Fragmente im Raum stehen zu lassen und den Zuh\u00f6rer damit derart zu langweilen, dass er irgendwann nicht mehr bereit war zu folgen. Da schaffte es also ein Mensch von acht angefangenen S\u00e4tzen gerade einmal drei zu einem verst\u00fcmmelten Ende zu f\u00fchren, die restlichen f\u00fcnf auch noch mit bl\u00f6dsinnig gestischem Gehampel untermalend ad absurdum zu f\u00fchren. Dabei entwickelte er immer neue Nebens\u00e4tze, ineinander verschachtelte Ellipsen mit dem Anspruch der Parabelhaftigkeit, f\u00fchrte die\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em\">Gedanken nicht aus und verstrickte sich in gro\u00dfm\u00e4ulig wahnwitzigen Wortwolken und seltsam schaumigen Satzkaskaden. Immer neue Nebenschaupl\u00e4tze lie\u00dfen eines letztlich vermissen: Stringenz, einen Faden, an dem entlang sich Theseus h\u00e4tte einen Weg bahnen k\u00f6nnen, aus dem Labyrinth der W\u00f6rter ins Licht der Erkenntnis, ruhig auch ein zwar steiniger Weg, doch gangbar. Irgendwann hatte es einen Schlussapplaus gegeben, ein wichtiges Gemurmel und viele nickende, aber restlos ratlose Gesichter.<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 53\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em\">Als Ruhe einkehrte waren alle aus dem Raum gegangen und hatten sich in scheinbar offensichtlicher Demutshaltung an die Wand des langen Flurs gestellt, sie hatten den Vortr\u00e4ger ziehen lassen, nicht ohne ihm mit den stabilen und doch federnden Nordicwalkingst\u00f6cken, die man heute mit sich f\u00fchrte, eins \u00fcberzuziehen.<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Dann frage ich und muss erkennen, dass die Fragen zu einfach sind, schon von anderen gestellt. Also h\u00f6re ich irgendwann einfach zu und muss feststellen, dass ich taub bin. 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