{"id":71704,"date":"2011-10-19T00:01:56","date_gmt":"2011-10-18T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71704"},"modified":"2021-10-26T14:43:04","modified_gmt":"2021-10-26T12:43:04","slug":"nachbarn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/10\/19\/nachbarn\/","title":{"rendered":"Nachbarn"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 33\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade aus dem Wagen gestiegen, sieht er, dass am T\u00f6rchen zwei H\u00e4user weiter eine alte Frau steht. Er gr\u00fc\u00dft freundlich, habe sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Kennt sie noch aus seiner Kindheit, das ist jetzt 36 Jahre her oder noch l\u00e4nger, je nach dem, was man alles mitz\u00e4hlt. Sie war f\u00fcr ihn damals schon alt, sehr d\u00fcnn und hatte dunkle Haare mit Wellen. Irgendwie und irgendwarum fand er sie immer nett, auch wenn er etwas Angst vor ihr hatte, sie war manchmal etwas streng. Sie war mit einem freundlichen Mann verheiratet, den mochte Herr Nipp wirklich, auch wenn er manchmal w\u00fctend auf die Kinder der Nachbarschaft war, wenn sie den Ball in den Vorgarten geschossen haben, wenn sie verstecken in seinem Garten spielten, das mochte er gar nicht. Die beiden hatten auch selber keine Kinder.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Irgendwann spielt man kein Verstecken mehr oder nur noch in anderen Zusammenh\u00e4ngen und mit dem Ball geht man auf den n\u00e4chsten Bolzplatz oder hinter die Kirche auf die gro\u00dfe Wiese. Mit vierzehn, f\u00fcnfzehn interessierte Herrn Nipp das auch nicht mehr so richtig. B\u00fccher wurden immer wichtiger, das Malen und Zeichnen. Den Garten fand er weiterhin toll, den des Vaters vor allem, weil er einen Gartenteich einrichtete, viele spannende Dinge waren dort zu beobachten. Nicht so toll war die Gartenarbeit. In den achtziger Jahren musste noch jedes Unkraut gezupft werden und zwischen den Stauden sollte man braunen Boden sehen (Soll es bei einigen Leuten immer noch geben.). Aber Gartenteich und Holzhacken fand er gut. Und Gem\u00fcse ernten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Dann jedenfalls nimmt irgendwann man auch die Nachbarn nicht mehr so wahr, vielleicht gab es auch erste Freundinnen, vor allem aber wohnten die Freunde nicht mehr auf der eigenen Stra\u00dfe, den Jugendlichen hier hatte er nicht mehr so viel zu sagen und f\u00fcr sie war er zu langweilig, kein Moped. Man definierte sich immer \u00fcber\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">das, was man hatte und h\u00f6rte. Da passte wohl auch der Musikgeschmack nicht mehr. Wenn andere Chartpopmusik im Walkman hatten, h\u00f6rte Herr Nipp Iron Maiden im Zimmer von der Cassette, diese peinliche Phase war dann auch schnell vorbei. Zwischenphase Alternativtreff, sowas gab es damals noch. Trotzdem neben- bei immer Messdiener. Sogar Gruppenleiter. Wieder neue Freunde kennen lernen. Mit n\u00e4chtlichem Naturinteresse. Die wohl sch\u00f6nste Zeit. Drei immer zusammen. Dann kam irgendwann die Vorliebe f\u00fcr sogenannte dubiose Independentbands und nat\u00fcrlich cure, smiths, boa. Eine gro\u00dfe Entdeckung war die ganze Bande um Blixa, mit Cave&#8230; diese Musik pr\u00e4gt bis heute.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 34\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Irgendwann zieht man von zu Hause weg, Zivildienst, Studium, Beruf, vielleicht ein eigenes Haus. Man hat keinen Kontakt zu den Nachbarn mehr, ist nur noch in den Gespr\u00e4chen existent, wenn \u00fcberhaupt. Wenn die Eltern besucht werden, sp\u00e4ter gepflegt, huscht man \u00fcber die Stra\u00dfe, gr\u00fc\u00dft kurz, die Blicke werden wissend ge- kreuzt. Kurze fragen, wie es geht, den Eltern. Auf Beerdigungen sieht man sich auch, sp\u00e4ter.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Jetzt hat die Frau graue, nein wei\u00dfe Haare und ein nettes kleines Gespr\u00e4ch entsteht. \u201eWer sind Sie denn jetzt eigentlich, der Nipp?\u201c Sie ist wirklich die einzige Nachbarin, die ihn aus der Kindheit kennt, welche ihn heute siezt, f\u00fcr alle anderen ist er der Nipp und du. Trotzdem w\u00fcrde es ihm nicht im Traum einfallen, sie zu duzen. Das geh\u00f6rt sich einfach nicht. Selbst die Eltern der Freunde wurden damals noch gesiezt, k\u00f6nnte den Freunden meiner Kinder nicht passieren.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>\u201eJa, der Nipp.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>\u201eIch kann mich immer noch daran erinnern, da hocktest du in unserem Garten, du musst so sechs gewesen sein und ich habe mich gefragt, was macht der da? Dann habe ich gefragt, was du da machst, ob du etwas suchst, ob dir ein Tier weggelaufen ist.\u201d<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 34\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>[Herr Nipp hatte damals nur eine Landschildkr\u00f6te].<\/p>\n<p><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">\u201eUnd du hast gesagt, dass du dir nur alles anschaust, da habe ich dich gelassen.\u201c \u201eJa, geschaut habe ich immer schon gerne.\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" style=\"text-align: justify;\" title=\"Page 35\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Aus seiner Perspektive \u2013 er kann mich genau daran erinnern \u2013 sah das ganze v\u00f6llig anders aus: \u201eIch war tats\u00e4chlich in deren Garten, wie jeden Tag fast. Bin gerne durch fremde G\u00e4rten geschlichen, vor allem in der D\u00e4mmerung. An diesem speziellen Tag allerdings wollte ich nicht entdeckt werden. Welche Scham, dass sie mich doch gesehen hatte. Die Erdbeeren waren reif.\u201c<\/span><\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 17\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 18\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 33\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Angst perfekter\u00a0<\/strong><b>Schwiegers\u00f6hne, <\/b>von\u00a0Herrn Nipp, Edition Das Labor 2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-e1549272345570.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-44215 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haimo_Hieronymus\">Haimo Hieronymus<\/a> ist ein Poet, wenn er Holzschnitte erstellt, und ein realistischer Tr\u00e4umer, wenn er mit Herrn Nipp kurze Texte verfa\u00dft. Wie ein Dichter schreibt er nicht, dazu ist er zu n\u00fcchtern und zu lapidar; die Fiktion ist nicht seine Sache, es entstehen auch keine imagin\u00e4ren Welten. Die Wirklichkeit und die Erinnerung sind ihm r\u00e4tselhaft genug. Herr Nipp betreibt das einfache, das wahre Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion und n\u00e4hert sich einer Topografie der Melancholie. \u2013 Ein Sammlerst\u00fcck ist die Vorzugsausgabe von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a>. Hieronymus hat das Cover einer limitierten Auflage mit einem Holzschnitt versehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gerade aus dem Wagen gestiegen, sieht er, dass am T\u00f6rchen zwei H\u00e4user weiter eine alte Frau steht. Er gr\u00fc\u00dft freundlich, habe sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen. 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