{"id":71689,"date":"2011-11-19T00:01:45","date_gmt":"2011-11-18T23:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71689"},"modified":"2021-10-26T14:45:50","modified_gmt":"2021-10-26T12:45:50","slug":"und-stille-dort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/11\/19\/und-stille-dort\/","title":{"rendered":"Und Stille dort"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 26\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es auf Friedh\u00f6fen durchaus viele Gr\u00e4ber gibt, d\u00fcrfte wohl niemanden \u00fcberraschen, vor allem auf st\u00e4dtischen, auf denen t\u00e4glich mehrere Menschen zu Grabe getragen werden, in S\u00e4rgen einerseits, in Urnen immer \u00f6fter. Platz und Geld sparend. Mal in echten Gr\u00e4bern untergebracht, mal im Friedwald, wie es eben passt. Auch darin sind wir inzwischen recht demokratisch geworden und genie\u00dfen unsere Freiheit. Man gedenkt dort normalerweise der meist viel zu fr\u00fch verstorbenen Liebsten oder versichert sich regelm\u00e4\u00dfig, dass der Erzfeind der eigenen Jugend denn auch wirklich dort eine Heimstatt gefunden hat und bedauert auch dies vielleicht irgendwann, weil man niemanden mehr hat, an dem man sich reiben k\u00f6nnte. Das triumphierende Gef\u00fchl des Sieges, l\u00e4nger durchgehalten zu haben, wird doch recht schnell schal.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich ist der Friedhof letztlich auch ein Kontakthof der Witwen und Witwer, meist eher ersterer, da die Frauen meist eben l\u00e4nger leben, keine Ahnung warum, aber Fairness und Lebensrea- lit\u00e4t haben selten Gemeinsamkeiten. Wo anders kann man so viele nicht mehr Verheiratete treffen und mit ihnen \u00fcber die Erlebnisse vergangener Zeiten plaudern und die Beschwernisse des Jetzt beklagen. Und wer wei\u00df, vielleicht hat man Gl\u00fcck und man baut eine neue Partnerschaft auf, f\u00fcr die letzten Jahre, kann noch einmal gl\u00fccklich sein, die Endorphine Walzer tanzen lassen. Offene Kontaktb\u00f6rse f\u00fcr reifere Menschen mit gewissem Niveau. Jedenfalls sehen die Damen und Herren vor den Gr\u00e4bern nach einem halben Jahr der endg\u00fcltigen Trennung gar nicht mehr so ungl\u00fccklich aus, man hat sich im neuen Leben eingerichtet und schaut ein St\u00fcck nach vorne. Zun\u00e4chst tragen sie noch schwarz, ganz die Trauer, ganz existenziell, doch mit der Zeit kehren die Farben zur\u00fcck, wuchern zu Ornamenten und zuweilen sieht man auch wieder Schmuck und an Pullovern angen\u00e4hte Strasssteine und\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">golddurchwirkte Kitschgarne. Schon im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr sieht die Welt wieder ganz anders aus, signalfarbig, ich bin frei. Ich bin hier.<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 27\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Auch die Gr\u00e4berpflege ist Selbstaussage, es gibt die vollfertigen, fast alles wurde mit einer gro\u00dfen Steinplatte belegt, nur zwei kleine L\u00fccken blieben f\u00fcr Kerze und Blumenstrau\u00df. Diese Grabbesitzer sieht man nach sp\u00e4testens drei Monaten der innigsten und vor allem \u00f6ffentlichen Trauer nicht mehr auf dem Friedhof. Daneben gibt es die Puristen, die das Grab mit Split oder Kies bestreuen und alle Jubeljahre durchharken m\u00fcssen. Auch die echten G\u00e4rtner kennt man, die das Grab mit Sorgfalt, Liebe und durchaus gro\u00dfer Kreativit\u00e4t zu einer individuellen Erlebnislandschaft auf vier Quadratmetern gestalten. Da man hier das Meiste zu tun hat, muss man sich auch zwangsl\u00e4ufig h\u00e4ufig sehen lassen. Da werden g\u00e4rtnerische Tipps ausgetauscht und in den Handtaschen finden sich Antikarnickel\u00f6l und Schneckentod, au\u00dferdem die obliga- torische Kerze. Nur wer sich von allen Plichten befreien oder den Angeh\u00f6rigen ein permanent schlechtes Gewissen ersparen will, der w\u00e4hlt das Streufeld, die anonyme Bestattung oder den Friedwald. Dort sieht man dann manchmal ganz stille, in sich gekehrte Besucher, sie starren in die B\u00e4ume und scheinen in Selbstgespr\u00e4che vertieft. Wenn sie gehen, dann l\u00e4cheln sie meistens. Still und bescheiden, aber durchdrungen. Es scheint sogar so, als habe dieser Besuch etwas Tr\u00f6stliches.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer einen Tag \u00fcber auf dem Friedhof verweilt, wer die Menschen dort beobachtet und sieht, was so auf das Gel\u00e4nde gebracht wird, vor allem kurz vor den Feiertagen, Blumen, Spezialgraberde in S\u00e4cken, Str\u00e4u\u00dfe, Kr\u00e4nze, Gestecke, zuweilen kleine Fig\u00fcrchen, Engelchen, da und dort wird ein Grabstein gesetzt, dort eine Umfassung gebaut, der wei\u00df, dass der Tod ein Wirtschaftsfaktor ist, der viele am Leben erh\u00e4lt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 17\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 18\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Angst perfekter\u00a0<\/strong><b>Schwiegers\u00f6hne, <\/b>von\u00a0Herrn Nipp, Edition Das Labor 2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-e1549272345570.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-44215 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haimo_Hieronymus\">Haimo Hieronymus<\/a> ist ein Poet, wenn er Holzschnitte erstellt, und ein realistischer Tr\u00e4umer, wenn er mit Herrn Nipp kurze Texte verfa\u00dft. Wie ein Dichter schreibt er nicht, dazu ist er zu n\u00fcchtern und zu lapidar; die Fiktion ist nicht seine Sache, es entstehen auch keine imagin\u00e4ren Welten. Die Wirklichkeit und die Erinnerung sind ihm r\u00e4tselhaft genug. Herr Nipp betreibt das einfache, das wahre Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion und n\u00e4hert sich einer Topografie der Melancholie. \u2013 Ein Sammlerst\u00fcck ist die Vorzugsausgabe von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a>. Hieronymus hat das Cover einer limitierten Auflage mit einem Holzschnitt versehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Dass es auf Friedh\u00f6fen durchaus viele Gr\u00e4ber gibt, d\u00fcrfte wohl niemanden \u00fcberraschen, vor allem auf st\u00e4dtischen, auf denen t\u00e4glich mehrere Menschen zu Grabe getragen werden, in S\u00e4rgen einerseits, in Urnen immer \u00f6fter. Platz und Geld sparend. 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