{"id":71657,"date":"2010-06-16T00:01:16","date_gmt":"2010-06-15T22:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71657"},"modified":"2021-10-25T11:04:10","modified_gmt":"2021-10-25T09:04:10","slug":"der-zugbegleiter-ueber-das-schaffen-von-freiraeumen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/06\/16\/der-zugbegleiter-ueber-das-schaffen-von-freiraeumen\/","title":{"rendered":"Der Zugbegleiter &#8211; \u00fcber das Schaffen von Freir\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 13\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kennt die Situation, sitzt im Zug, mit einem anderen Menschen, den man wirklich mag. Die Unterhaltung pl\u00e4tschert fr\u00f6hlich vor sich hin, nichts Aufregendes, einfach nur nett. Nat\u00fcrlich hat man sich den gr\u00f6\u00dften Platz (Vierersitz) ausgesucht, weil man die Beine ausstrecken kann. Man richtet sich ein, f\u00fchlt im Reden ein Behagen heraufsteigen, das die Sicherheit in sich tr\u00e4gt, dass die n\u00e4chsten zwei Stunden bis zum Heimatbahnhof ganz angenehm verlaufen werden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Soviel zur Grundsituation.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>\u201eMal machten wir auch Redepausen, schauten aus dem Fenster, lie\u00dfen uns von der Landschaft inspirieren, wohl wissend, dass unsere Wahrnehmung von Landschaft in einer Zeit st\u00e4ndiger Bewegung nie wieder unverbraucht sein w\u00fcrde. Die Ruhe einer romantischen Friedrich-Idylle steckt uns zwar immer noch im Hinterkopf, aber das hat nichts mit Gegenwart zu tun. Schon damals wohl ein Wunschtraum. Nicht umsonst hat er seine Bilder nicht in der Natur, sondern im Atelier gemalt. Die Seele baumelte uns, ein Zustand, den buddhistische M\u00f6nche wohl nur nach Jahren langer Intensivmeditation erreichen k\u00f6nnen. Wir brauchen dazu nur uns und dahinschie\u00dfende Landschaftsfragmente.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Der Vordergrund nicht differenzierbar, lediglich gr\u00fcne, graue oder braune Streifen, manchmal unterbrochen, wenn eine Stra\u00dfe die Geleise quert. Der Mittelgrund relativ schnell ver\u00e4nderlich, erst der Hintergrund scheint zur Ruhe zu kommen, doch nach wenigen Augenblicken wissen wir auch hier, dass dem nicht so ist. Heute h\u00e4lt es niemand mehr aus, mehr als eine Minute einfach heraus zu schauen. In dieses heimliche Paradies dringt nun ein weiterer Fahrgast ein, l\u00e4sst uns die F\u00fc\u00dfe einziehen und die Gelassenheit weicht unangenehmer Anspannung. Bevor er uns ansprechen kann, vertiefen wir das Gespr\u00e4ch, Intensivunterhaltung.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 5\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 14\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Der Mann wird aufdringlich, beugt sich nach vorne und h\u00f6rt zu. Das geht wirklich gar nicht und wird von uns nicht geduldet. Wie abgesprochen (manchmal entstehen die Dinge einfach) flie\u00dfen jetzt v\u00f6llig zusammenhanglose S\u00e4tze mit ein. Das fordert hohe Konzentration und einen guten Sprechrhythmus, sonst f\u00e4llt es auf.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Nun habe ich nur noch eine Stunde zu fahren und bin dann end- lich zu Hause. Amseln ziehen zwitschernd durch das Land.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Ich brauche wohl noch eine halbe Stunde l\u00e4nger und muss dann mit dem Bus fahren. Michael Jackson soll ja auch gerne gegessen haben.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Nein, am Bahnhof steht mein Auto. Karl Marx ist schon einige Zeit tot.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Was f\u00e4hrst du eigentlich f\u00fcr ein Auto? Zwei mal drei macht sechs.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;Habe einen alten Golf im Internet ersteigert. Die Trikolore hat \u00fcbrigens drei Farben.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss diese Strategie nur lange genug weiterf\u00fchren. Der Mann lehnte sich schon nach kurzer Zeit an, guckte vom Einem zum Anderen, ein Anflug leichter Verwirrung. Sp\u00e4testens nach drei Minuten stand er kopfsch\u00fcttelnd auf und wir hatten wieder unseren Freiraum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 1994 ver\u00f6ffentlich Herr Nipp auf KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/02\/04\/geschichten-schreiben-oder-andere-texte\/\">unerh\u00f6rte Geschichten<\/a> mit dem Titel <strong>Das Mittelma\u00df der Welt. <\/strong>In 2011 ist es soweit, sein erstes Buch mit dem Titel <strong>Die Angst perfekter\u00a0<\/strong><b>Schwiegers\u00f6hne <\/b>erscheint in der Edition Das Labor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-e1549272345570.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-44215 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haimo_Hieronymus\">Haimo Hieronymus<\/a> ist ein Poet, wenn er Holzschnitte erstellt, und ein realistischer Tr\u00e4umer, wenn er mit Herrn Nipp kurze Texte verfa\u00dft. Wie ein Dichter schreibt er nicht, dazu ist er zu n\u00fcchtern und zu lapidar; die Fiktion ist nicht seine Sache, es entstehen auch keine imagin\u00e4ren Welten. Die Wirklichkeit und die Erinnerung sind ihm r\u00e4tselhaft genug. Herr Nipp betreibt das einfache, das wahre Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion und n\u00e4hert sich einer Topografie der Melancholie. \u2013 Ein Sammlerst\u00fcck ist die Vorzugsausgabe von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a>. Hieronymus hat das Cover einer limitierten Auflage mit einem Holzschnitt versehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man kennt die Situation, sitzt im Zug, mit einem anderen Menschen, den man wirklich mag. 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