{"id":71655,"date":"2010-06-04T00:01:29","date_gmt":"2010-06-03T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71655"},"modified":"2021-10-25T08:35:15","modified_gmt":"2021-10-25T06:35:15","slug":"schulanekdote","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/06\/04\/schulanekdote\/","title":{"rendered":"Schulanekdote"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 10\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abends bei Geburtstagsfeiern, wenn die Stunde etwas vorger\u00fcckt ist, die Zunge etwas lockerer sitzt, dann braucht man nur gewisse Themen anzusprechen und schon kann jeder etwas beitragen. Ganz zwanglos versteht sich. Es sollten grundlegende Themen sein, die nicht zu sehr bed\u00fcrfen ins Detail gehen zu m\u00fcssen, die allgemeine Lebenserfahrung mit individual Erlebtem verkn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Themen, von denen man sp\u00e4ter erinnert, sie seien Gespr\u00e4che \u00fcber \u201eGott und die Welt\u201c gewesen. Manchmal hat man dann das Gl\u00fcck auf einen begnadeten Erz\u00e4hler zu treffen, der eine packende Anekdote zum Besten gibt. Gute Themen f\u00fcr solche Gelegenheiten sollten fernab vom Wetter und Fu\u00dfball die M\u00f6glichkeiten bieten Lustiges, Gewalt, Erotik, Ekel und eine gewisse Portion Erkenntnis zu verbinden. Geeignet sind hier Themen wie Urlaub, erste Freun- dinnen, Unf\u00e4lle und Krankenhausaufenthalte, Jugendfeinde, Hotels und Fahrten mit Clubs oder Vereinen jeglicher Art, auf keinen Fall aber Computer, Auto, Literatur oder eben andere Fetische. Am Schlimmsten: Briefmarken. Dann w\u00fcrde es nur zu langwierigen und \u2013weiligen Fachsimpeleien kommen, die einen Teil der Zuh\u00f6- rer- und Mitsprecherschaft ausschlie\u00dfen und innerhalb k\u00fcrzester Zeit vergraulen. Ans\u00e4tze zu solchen Themen kann man \u00fcbrigens immer im Keim ersticken, wenn man durch die Frage nach weiteren Getr\u00e4nken oder den verbindlichen Hinweis, dass die M\u00f6glichkeit besteht, noch einmal beim kalten Fingerfood zu zugreifen, insistiert. Ein gelungener Abend zeigt sich immer, wenn diese F\u00e4hrnisse umschifft wurden. Gestern Abend konnte dies durch un- glaublichen Zufall gelingen: Zun\u00e4chst wurde wie \u00fcblich bei Archi- tekten \u00fcber Architektur gesprochen. Neben vielen mehr oder weniger interessierten, daf\u00fcr aber h\u00f6flich nickenden Zuh\u00f6rern kamen also nur die Spezialisten zum Zuge. Fast schon wahnsinnig spannend wurde es, als \u00fcber Drempel und Pfetten diskutiert wurde.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 11\">\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>Die Stimmung drohte zu kippen. Die in diesem Moment herein- kommende Medizinstudentin murmelte etwas von einem Knochenbruch und hatte schon alle Aufmerksamkeit. Das ist ein tolles Thema, das kennt jeder und sei es aus dem Fernsehen. Pl\u00f6tzlich erz\u00e4hlte jeder \u00fcber eigene Erfahrungen und Erlebnisse und versuchte einen Lacher zu setzen. Pointiert war die folgende Ge- schichte eines durch seinen Zynismus bekannten Jungarchitekten:<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\" style=\"text-align: justify;\">\n<div class=\"column\">\n<p>\u201eIn der Schule geh\u00f6rte ich immer zu den Schw\u00e4cheren, die, mit denen man alles machen konnte. Wahrscheinlich habe ich auch einfach den Eindruck gemacht, der findet das gut. Jedenfalls habe ich unter den Scherzen meiner Mitsch\u00fcler ziemlich gelitten, vor allem einer hat mich immer wieder auf gemeinste Art gequ\u00e4lt. Nein, nicht so h\u00e4ufig k\u00f6rperlich, eher wurde ich der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben. Da wurden schon mal Seiten aus meinem Buch entfernt oder die Hefte in die M\u00fclltonne gesteckt, da wurden die Turn- schuhe v\u00f6llig und unl\u00f6sbar verknotet, so dass ich zwangsl\u00e4ufig aus Eigenschutz der erste Sch\u00fcler mit Klettverschl\u00fcssen war, lauter solches Zeug eben. Die Lehrer fanden das wahrscheinlich auch ganz lustig, jedenfalls habe ich immer den \u00c4rger gekriegt, nicht die T\u00e4ter. [Geschickt erz\u00e4hlt, denn so hatten die Zuh\u00f6rer erst einmal Mitleid mit ihm und jeder w\u00fcrde sp\u00e4ter sagen, dass seine Reaktion doch ganz richtig gewesen sei.]<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages tanzte besagter Sch\u00fcler also auf den Tischen herum, ganz speziell auf meinem und dort lagen aufgeschlagen meine Hefte, die nun Flecken, Trittspuren und Knicke bekamen. Die ganze Klasse lachte und johlte. Allerdings wusste er nicht, dass der Tisch eigentlich wackelte, wenn man nur den kleinen Holzkeil unter der einen Seite entfernte. Also trat ich ihn einfach weg, der Typ verlor sein Gleichgewicht und kippte vorn\u00fcber auf den n\u00e4chs- ten Tisch, beide Arme nach vorne gestreckt. Mit grotesker Pose und verbl\u00fcfftem Gesicht. Ein gro\u00dfer Lacher der Klasse, endlich hatte ich es auch mal geschafft. Dann stand der Sch\u00fcler seltsam\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">umst\u00e4ndlich auf und schaute entsetzt auf seine Arme, eine weiterer Schrei in der Klasse, M\u00e4dchenschrei, jetzt aber des Entsetzens. Stille. \u2013 [ An dieser Stelle f\u00fcgte der Erz\u00e4hler eine Kunstpause ein, im Hintergrund spielte zuf\u00e4llig Firestarter von Prodigy, das Publi- kum wartete gebannt auf die Pointe.] \u2013 Beide Arme hingen wie ge- klappt herunter. Er war mit beiden Armen auf den anderen Tisch aufgeschlagen und hatte sie sich gebrochen. [H\u00e4misches Gel\u00e4chter am Tisch, als es vorgef\u00fchrt wurde, dann noch die Lehre.] Und die Moral von der Geschichte, du sollst das geistige Eigentum der anderen achten.\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 5\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 1994 ver\u00f6ffentlich Herr Nipp auf KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/02\/04\/geschichten-schreiben-oder-andere-texte\/\">unerh\u00f6rte Geschichten<\/a> mit dem Titel <strong>Das Mittelma\u00df der Welt. <\/strong>In 2011 ist es soweit, sein erstes Buch mit dem Titel <strong>Die Angst perfekter\u00a0<\/strong><b>Schwiegers\u00f6hne <\/b>erscheint in der Edition Das Labor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-e1549272345570.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-44215 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haimo_Hieronymus\">Haimo Hieronymus<\/a> ist ein Poet, wenn er Holzschnitte erstellt, und ein realistischer Tr\u00e4umer, wenn er mit Herrn Nipp kurze Texte verfa\u00dft. Wie ein Dichter schreibt er nicht, dazu ist er zu n\u00fcchtern und zu lapidar; die Fiktion ist nicht seine Sache, es entstehen auch keine imagin\u00e4ren Welten. Die Wirklichkeit und die Erinnerung sind ihm r\u00e4tselhaft genug. Herr Nipp betreibt das einfache, das wahre Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion und n\u00e4hert sich einer Topografie der Melancholie. \u2013 Ein Sammlerst\u00fcck ist die Vorzugsausgabe von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a>. Hieronymus hat das Cover einer limitierten Auflage mit einem Holzschnitt versehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Abends bei Geburtstagsfeiern, wenn die Stunde etwas vorger\u00fcckt ist, die Zunge etwas lockerer sitzt, dann braucht man nur gewisse Themen anzusprechen und schon kann jeder etwas beitragen. Ganz zwanglos versteht sich. 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