{"id":71605,"date":"2010-02-04T00:01:24","date_gmt":"2010-02-03T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71605"},"modified":"2020-11-24T18:51:02","modified_gmt":"2020-11-24T17:51:02","slug":"wilder-garten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/04\/wilder-garten\/","title":{"rendered":"Wilder Garten"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" style=\"text-align: justify\" title=\"Page 7\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Herr Nipp sa\u00df auf der Gartenbank, zufriedenen Anscheins, vor der grauen, sonnenbeschienenen Wand des Hausanbaus. Vor Jahren, gemeinsam damals noch, geplant und gebaut, in einem furchtlosen Erweiterungswillen, man w\u00fcrde zusammen alles stemmen k\u00f6nnen, w\u00fcrde die andere Welt anhalten, eine eigene Welt bauen. Die mit- genommene Tasse Kaffe hatte er ausgetrunken, neben sich platziert und begonnen, in den wild kultivierten Garten zu schauen, angelegt unter altem Eichenbestand in langj\u00e4hrig st\u00e4ndiger Ver\u00e4nderung. Man hatte an diesem Garten gelernt, was wo wohl w\u00fcchse, dass nicht alle Stauden es eichenunterst\u00e4ndig m\u00f6gen, andere umso mehr, welche Auswirkungen neuer Mutterboden hatte und vor allem der j\u00e4hrliche hinzugef\u00fcgte Kompost, reiner D\u00fcnger, nicht allzuhoch aufzutragen. Man hatte typische g\u00e4rtnerische Anf\u00e4ngerfehler gemacht und daf\u00fcr das sprichw\u00f6rtliche Lehrgeld bezahlt, ganze stolze Pflanzenbest\u00e4nde hatten sich in Wohlgefallen aufgel\u00f6st. Das alte Ger\u00fccht vom sauren Eichenlaub hatte sich dagegen nicht best\u00e4tigt, wie jedes andere auch, zersetzte es sich bei richtiger Kompostierung. Wichtig war es dabei, einen vollen Komposter mit einer geschlossenen Fl\u00e4che von Steinen abzudecken, egal ob Waschbeton oder Natursteine. Diese hielten eine konstante W\u00e4rme und Feuchtigkeit f\u00fcr die Kleinstlebewesen und beschleunigten den biologischen Zersetzungsprozess. Herr Nipp beobachtete die kleinen Singv\u00f6gel beim Zusammensuchen des Nistmaterials f\u00fcr die recht hoch in den B\u00e4umen h\u00e4ngenden K\u00e4sten, Blau- und Kohlmeisen, Gartenrotschw\u00e4nzchen, wie jedes Jahr auch ein Paar Trauerschn\u00e4pper. Er mit dem kontrastreichen schwarzwei\u00dfen, sie mit braunwei\u00dfem Gefieder. Kleinere Balgereien der Amselh\u00e4hn- chen, zeternd eifers\u00fcchtig. Fr\u00fchlingswetter, Stimmung vom Sch\u00f6nsten. Die B\u00e4ume begannen die Bl\u00e4tter hinauszuschieben, erste Blumen, wie Schneegl\u00f6ckchen, Krokusse (oder hie\u00dfen sie in\u00a0<span style=\"letter-spacing: 0.05em\">der Mehrzahl Krokanten?) und Winterlinge waren lange verbl\u00fcht. Die Natur richtete sich wonnig auf den folgenden Mai ein. Die Akeleien hatten bereits seit einigen Wochen beste Anstrengungen angestellt, die gefiederten Bl\u00e4tter in dicken B\u00fcscheln nach oben zu dr\u00fccken, alle Kraft aus den jahrealten Wurzeln zu hervorzuzaubern, die ausgegraben Schwarzwurzeln sehr \u00e4hnlich erschienen oder Ginseng, Wunderarznei der siebziger Jahre. Bald w\u00fcrden auch die wunderbaren f\u00fcnfteiligen Bl\u00fcten folgen, von dunkelviolett \u00fcber blau, rosa bis hin zu strahlendem Gr\u00fcnlichwei\u00df. Herr Nipp hatte diese Pflanzen schon seit fr\u00fchester Kindheit gemocht, sich in den Dolomiten gefreut, wenn er dort die blauen Alpenakeleien gefunden hatte, die erst im Sommer bl\u00fchen. Das Wiesenschaumkraut legte mit unnachahmlichem Rosaviolett einen feinen Hauch \u00fcber das langsam wieder erstarkende Gras, l\u00f6ste Gef\u00fchle kindlichnaiven Entz\u00fcckens aus, damals hatte er es geliebt, wenn er im elterlichen Garten schaukelnd Welten eroberte. Auf das Flor der Bl\u00fctenwiese herunterschauen. Die Buchsbaumhecken hatten ihr hartes und abweisendes Dunkelstgr\u00fcn mit einem fast \u00fcberm\u00fctigen Schleier frischen Laubs \u00fcberzogen; Hellstgr\u00fcn auf dunklem Grund, ein sehr gelungener Farbkontrast, nur schwer aus dem Tuschkasten nach- zuahmen. Auch Hundsrosen und Ebereschen zeigten ihre ersten Chlorphyllfabriken an den grauen Zweigen. Bald w\u00fcrde auch alles Weitere anfangen zu bl\u00fchen und beginnen die sehns\u00fcchtigen D\u00fcfte eines verloren geglaubten F\u00fcllezustands des Lebens in die Luft zu str\u00f6men. Die verliebten Insekten w\u00fcrden wilde Luftabrobatik zeigen. Wolken von Schmetterlingen und putzigen K\u00e4fern ihn ein- h\u00fcllen und mittragen. Die Bienen br\u00e4chten Honig und abends die Amseln ihr partnerschaftlich intoniertes St\u00e4ndchen, als Wohlklang zum Chor der br\u00fctenden Nachtigallen. Diesmal keine Paradiesflucht. Herr Nipp w\u00fcrde sich zwischen den H\u00e4usern an Lianen durch die Urwaldschluchten schwingen. Im Wettlauf mit der Schar Affen, die seit einiger Zeit ihre Nester dort baute. Und er bemerkte,\u00a0<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em\">wie er in ernsthaftem Disput die Pflanzen davon \u00fcberzeugte, dass sie Nahrungsmittel waren. Aus dem Dickicht schauen ihn fremde Tiere an, er als Nahrung auf Beinen, er richtet sich f\u00fcr die Nacht ein, baut sich ein Zelt auf, sieht die Myriaden an Gl\u00fchw\u00fcrmchen chiffrenartige Zeichen bauen, die ihn an etwas erinnern, das er nicht fassen kann. Die Sterne, zum Greifen nahe, funkeln ihn freundlich an, ziehen ihn zu sich, ein kleines befl\u00fcgeltes Wesen setzt sich auf seine linke Hand, ganz sacht und l\u00e4chelt ihm verf\u00fchrerisch zwinkernd zu.<\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 9\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><span style=\"letter-spacing: 0.05em\">In diesem Moment musste er wohl von der Bank gerutscht sein, eingeschlafen, hatte sich ganz nebenbei einen fr\u00fchlingshaften Sonnenbrand eingefangen.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 5\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seit 1994 ver\u00f6ffentlich Herr Nipp auf KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/02\/04\/geschichten-schreiben-oder-andere-texte\/\">unerh\u00f6rte Geschichten<\/a> mit dem Titel <strong>Das Mittelma\u00df der Welt. <\/strong>In 2011 ist es soweit, sein erstes Buch mit dem Titel <strong>Die Angst perfekter\u00a0<\/strong><b>Schwiegers\u00f6hne <\/b>erscheint in der Edition Das Labor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-e1549272345570.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-44215 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haimo_Hieronymus\">Haimo Hieronymus<\/a> ist ein Poet, wenn er Holzschnitte erstellt, und ein realistischer Tr\u00e4umer, wenn er mit Herrn Nipp kurze Texte verfa\u00dft. Wie ein Dichter schreibt er nicht, dazu ist er zu n\u00fcchtern und zu lapidar; die Fiktion ist nicht seine Sache, es entstehen auch keine imagin\u00e4ren Welten. Die Wirklichkeit und die Erinnerung sind ihm r\u00e4tselhaft genug. Herr Nipp betreibt das einfache, das wahre Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion und n\u00e4hert sich einer Topografie der Melancholie. \u2013 Ein Sammlerst\u00fcck ist die Vorzugsausgabe von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a>. Hieronymus hat das Cover einer limitierten Auflage mit einem Holzschnitt versehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Nipp sa\u00df auf der Gartenbank, zufriedenen Anscheins, vor der grauen, sonnenbeschienenen Wand des Hausanbaus. 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