{"id":71576,"date":"1997-07-04T00:01:29","date_gmt":"1997-07-03T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71576"},"modified":"2020-11-25T16:30:51","modified_gmt":"2020-11-25T15:30:51","slug":"baugrund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/07\/04\/baugrund\/","title":{"rendered":"Baugrund"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es gibt St\u00e4dte, die pflegen und erhalten ihre eigene Baugeschichte. Ihre Kulturgeschichte sowieso. Dann werden sie in der Regel daf\u00fcr durch nie abrei\u00dfende Touristenstr\u00f6me belohnt, andere St\u00e4dte scheinen nie verstanden zu haben, dass die besondere Form ihrer Geschichte auch besonders spannend sein k\u00f6nnte. Also werden nach rund hundert Jahren die Bauwerke dem Boden gleich gemacht. Vielleicht bleiben an manchen Stellen auch einige wenige erhalten, aber das wird nicht ernst genommen. Und irgendwann findet sich doch ein Investor, der genug Geld bietet. Denn diese St\u00e4dte leben von der Ver\u00e4nderung, von der steten Anpassung an aktuelle Gegebenheiten. Der Rubel muss rollen. Auch die Friedh\u00f6fe einiger St\u00e4dte sind durchaus Besuchermagneten und ber\u00fchmt, nicht so der alte Stadtfriedhof in Herrn Nipps n\u00e4herer Umgebung. Auch alte Gr\u00e4ber, die er in seiner Kindheit noch bestaunen konnte, Gr\u00e4ber aus der Zeit der Jahrhundertwende, also um 1900, sind pl\u00f6tzlich verschwunden. Er kann sich gut erinnern, dass diese von geschlagenen, von Steinmetzen gefertigten Mauerfriesen umgeben waren, auf denen geschmiedete Gitter standen. Eingefriedete kleine G\u00e4rten, kleine Architekturen, die den Gedanken an die Gr\u00fcnder dieser Industriestadt aufrecht erhielten. Nur die m\u00e4chtigen Familien, die geblieben sind, konnten ihre Gr\u00e4ber erhalten. Plattengr\u00e4ber aus der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, die den Hauptweg s\u00e4umten? Verschwunden. Wundersch\u00f6ne Skulpturen, individuell gefertigt? Einfach so weg. Zwei Friedh\u00f6fe in seiner Stadt wurden v\u00f6llig ausgel\u00f6scht. \u00dcber dem einen befindet sich heute erstens eine riesige Autobahnbr\u00fccke, zweitens ein ziemlich bescheidener Skaterpark. Der andere musste einer Feuerwehrstation weichen, denn die historische Feuerwache hatte aus Gr\u00fcnden des innerst\u00e4dtischen Parkplatzmangels ebenfalls kein Bleiberecht. Alte Schulgeb\u00e4ude? Abgerissen. Alte innerst\u00e4dtische Fabriken? Planiert. Unter Denkmalschutz stehende Gr\u00fcnderzeitvillen, aus farbig glasiertem Backstein gebaut? Huch, das wussten wir nicht, jetzt sind sie weg. Da steht aber immerhin jetzt ein wunderbar klobiges Arbeitsamt mit Sandsteinvert\u00e4felung. Eine Villa mit unglaublich reichhaltigem Stuck neben dem Krankenhaus? \u00c4h, da h\u00e4tte doch eigentlich eine neue Einfahrt hingesollt, also abgerissen, war ja auch sicherlich aus baulicher Sicht nicht mehr brauchbar. Ein altes Rathaus, auf das die B\u00fcrger dieser Stadt immer stolz waren? \u00c4h, da ist jetzt der Marktplatz. Aber vielleicht wird ja irgendwann das brutalistische neue Rathaus am Rande der Stadt unter Denkmalschutz gestellt. Immerhin gibt es hier eine gewisse Liebe zum schroffen Beton. Die alte Poststation? Weg damit, steht einer Stra\u00dfenverbreiterung mit Tunnel im Weg. Anmutige, individuelle Gesch\u00e4ftsh\u00e4user des innerst\u00e4dtischen Einzelhandels? Mussten wei\u00dfen W\u00fcrfeln f\u00fcr Handelsketten weichen. Fachwerkh\u00e4user? Die sind energetisch ineffektiv. Stuckverkleidungen an H\u00e4usern? Abschlagen, dann bekommt ihr eine Pr\u00e4mie daf\u00fcr!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Je l\u00e4nger er nachdenkt, desto l\u00e4nger wird die Liste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das ist nat\u00fcrlich alles an den Haaren herbeigezogen, klar. So eine Stadt kann es doch gar nicht geben, wird sich der Leser jetzt nat\u00fcrlich denken. Die Auflistung zeigt uns auch, dass der Verfasser dieser Zeilen irgendwo im Nirvana seiner Vorstellungen und kruden Fantasien schwebt. Niemand hat die Absicht, die Geschichte einer Stadt zu verleugnen. Wir sehen mal wieder, dass die lustigen Geschichten von Herrn Nipp reinste Fantasieprodukte sind, es gibt, und darauf sei hier an dieser Stelle verwiesen, niemals auch nur ansatzweise Bez\u00fcge zur Realit\u00e4t. Als er an diesem Morgen mit dem Hund \u00fcber den Friedhof geht, sieht er zwei Menschen dort an einer Ecke stehen. Beide Anzugtr\u00e4ger mit offenen Hemdkr\u00e4gen. Sie gestikulieren und scheinen vor ihrem inneren Auge einen Plan zu schmieden. Im Vorbeigehen kann er gerade noch einige Worte aufschnappen. \u201e\u2026br\u00e4uchten wir keinen weiteren Park in der Stadt und neue Bestattungen kommen auf die n\u00e4chsten hundert Jahre sowieso nicht infrage, das alles kostet doch nur. Das sollte alles abger\u00e4umt werden und dann k\u00e4men hier richtig sch\u00f6ne gro\u00dfe Baugrundst\u00fccke hin. \u00dcberleg dir mal, wie viele Quadratmeter das sind.\u201c Wahrscheinlich hat er einfach falsch geh\u00f6rt. Aber in manchen St\u00e4dten ist alles denkbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Es gibt St\u00e4dte, die pflegen und erhalten ihre eigene Baugeschichte. Ihre Kulturgeschichte sowieso. 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