{"id":71554,"date":"1996-11-04T00:01:43","date_gmt":"1996-11-03T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71554"},"modified":"2020-11-25T16:16:44","modified_gmt":"2020-11-25T15:16:44","slug":"regen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/11\/04\/regen\/","title":{"rendered":"Regen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">An diesem Morgen sieht Herr Nipp aus dem Fenster, er hat die Nacht lang und gut geschlafen. Ersch\u00f6pfungsschlaf. Drau\u00dfen stehen Rosen vor dem Fenster, lachsrosa. Dieser warme Ton mag vielleicht etwas kitschig sein, ja, aber Rosen, die ihm so ins Gesicht lachen, die kann er nur m\u00f6gen. Er war gestern nach einem arbeitsreichen Tag fr\u00fch ins Bett gegangen, v\u00f6llig ermattet, merkte, dass er doch langsam alt wird. Fr\u00fcher einmal war er nach solchen Anstrengungen abends noch raus gegangen und bis zum fr\u00fchen Morgen irgendwo geblieben, bei Freunden oder einer Party. Heute ist er dann einfach nur froh, ins Bett gehen zu k\u00f6nnen. Ja, er ist sogar gl\u00fccklich. Unzufrieden, aber gl\u00fccklich. Das Andere hat er schlie\u00dflich gemacht, das nimmt ihm niemand mehr. Den ganzen Tag hatte er mit Spitzhacke und Spaten gearbeitet, das Loch in den Abhang geschnitten, passend f\u00fcr den gro\u00dfen Wassertank, den er gebraucht geschenkt bekommen hatte. Da die Sommer seit Jahren von l\u00e4ngeren D\u00fcrrezeiten gepr\u00e4gt sind, will er in Zukunft Wasser sammeln, sich zumindest teilweise autark machen. Er hat bereits Hochbeete angelegt, die mit einer Mischung aus Humus, Mutterboden und Lehm gef\u00fcllt sind und damit durchaus lange Wasser halten k\u00f6nnen, doch es fehlten ihm Zisternen. Vor wenigen Tagen hatte ihm jemand ein altes wei\u00dfes Wasserfass im Stahlrahmen geschenkt. \u201eDas kann ich nicht mehr gebrauchen, aber vielleicht kannst du ja etwas damit anfangen. Musst du nur eine neue Palette drunter stellen. Passen tausend Liter rein.\u201c Ein Kubikmeter Wasser hilft zu \u00fcberbr\u00fccken, wenn es mal knapp wird. Wenn mehr Menschen Wasser sammeln w\u00fcrden, ginge es in vielen St\u00e4dten im Sommer nicht so sehr an den Grundwasserspiegel. Er k\u00e4mpft sich aus dem Bett und merkt jeden einzelnen Muskel im Leib. Auch das ist gut. Wenn man den K\u00f6rper sp\u00fcrt, denkt er, dann lebt man noch. Seine Tante hatte fr\u00fcher einmal gesagt: \u201eWenn du mit \u00fcber f\u00fcnfzig morgens aufwachst und hast keine Schmerzen, dann bist du tot.\u201c So schlimm ist es eher nicht, aber ein wenig dran ist schon, denkt er. Er geht in die K\u00fcche, setzt Kaffee auf, stellt die Bialetti auf den Herd, \u00f6ffnet die T\u00fcr zum Garten und traut seinen Augen kaum. In der Nacht hat es geregnet, das Fass ist schon zu einem Viertel gef\u00fcllt. In solchen Momenten wird er vom Gl\u00fcck \u00fcberrollt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 An diesem Morgen sieht Herr Nipp aus dem Fenster, er hat die Nacht lang und gut geschlafen. Ersch\u00f6pfungsschlaf. Drau\u00dfen stehen Rosen vor dem Fenster, lachsrosa. 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