{"id":71541,"date":"1996-07-04T00:01:26","date_gmt":"1996-07-03T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71541"},"modified":"2020-11-25T16:14:10","modified_gmt":"2020-11-25T15:14:10","slug":"aussaat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/07\/04\/aussaat\/","title":{"rendered":"Aussaat"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jedes Mal, wenn Herr Nipp durch die Stadt geht, hat er eine seiner Taschen mit Samen gef\u00fcllt. Entweder hat er die in einem Fachladen seines Vertrauens gekauft oder manchmal ist es auch eine Mischung aus eigenem Anbau. Dabei finden sich dann Mohnsamen, Akelei und Leinsaat, aber sicherlich auch immer wieder Ringelblumen, Erbsen, Wicken, Bienenfreund, Alant, Telekie und jede Menge anderer Sorten in der Jacke oder in der Hose. Er muss nur kurz in die Tasche langen und einige der kleinen Zukunftstr\u00e4ger herausfischen. Eine Freundin hatte ihm vor Jahren einmal gesagt, er m\u00fcsse sich die Stellen aussuchen, f\u00fcr die sich niemand zust\u00e4ndig f\u00fchlt, um Laternenpf\u00e4hle, an unzug\u00e4nglichen H\u00e4userecken, bei Glascontainern oder auf den Beeten von Parkpl\u00e4tzen, wenn er die eins\u00e4e, dann h\u00e4tte auch niemand etwas dagegen. Gut, das betreibt Herr Nipp genau seit dieser Zeit, aber in den Jahren ist ihm au\u00dferdem aufgefallen, dass sich immer mehr Vorg\u00e4rten in Steinw\u00fcsten verwandeln, die keinem Insekt mehr Nahrung liefern. Einige Menschen bezeichnen diese Ausartungen als G\u00e4rten des Grauens. Einfach und mit wenig Zeitaufwand zu pflegen, aber es sind eben auch echte Schandflecke, die im Sommer die Hitze der Stadt speichern und vergr\u00f6\u00dfern. Also muss dagegen etwas unternommen werden. Abends, aber auch tags\u00fcber also s\u00e4t er eifrig auf allen Wegen, die er geht. Die heimliche Freude begleitet ihn, ja sogar Gl\u00fcck kommt auf, wenn er wenige Wochen sp\u00e4ter die kleinen Erfolge sieht. Da und dort keimen Pflanzen, manche einj\u00e4hrig, aber auch Stauden finden sich. Einige von ihnen bringen es sogar zum Bl\u00fchen und Auss\u00e4en. Akeleien sind da sehr erfolgsversprechend, weil die Ameisen die Samen in ihre Nester tragen. Gelber Waldscheinmohn ist ebenso ein Hingucker, der inzwischen \u00fcberall in seiner Stadt gefunden werden kann. Ja, der ist zwar nicht einheimisch, aber daf\u00fcr sehr robust und bietet den Bienen und Hummeln eine Menge Bl\u00fctenstaub. Und sein Traum ist, dass die Stadt mit der Zeit immer bienenfreundlicher und bunter wird. Das ist nat\u00fcrlich nur eine Utopie, das wei\u00df er selber, aber aber. ABER!<br \/>\nUnd die gr\u00f6\u00dfte Freude hat er, wenn er freundlich Menschen gr\u00fc\u00dft, die dabei sind, Unkr\u00e4uter zwischen den groben Steinen ihrer Faulheit auszuzupfen. Und dann in ihrem Beisein die n\u00e4chsten Samen fallen l\u00e4sst, ganz nebenbei und \u00f6ffentlich.<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jedes Mal, wenn Herr Nipp durch die Stadt geht, hat er eine seiner Taschen mit Samen gef\u00fcllt. Entweder hat er die in einem Fachladen seines Vertrauens gekauft oder manchmal ist es auch eine Mischung aus eigenem Anbau. 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