{"id":71409,"date":"2021-07-04T00:01:31","date_gmt":"2021-07-03T22:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71409"},"modified":"2021-07-02T20:11:48","modified_gmt":"2021-07-02T18:11:48","slug":"fehler-machen-leicht-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/04\/fehler-machen-leicht-gemacht\/","title":{"rendered":"Fehler machen, leicht gemacht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man, das ist \u00e4rgerlich, denkt Herr Nipp. Das ist es wirklich. Richtig \u00e4rgerlich, aber ganz ehrlich mal, da konntest du doch wirklich nichts daf\u00fcr, w\u00fcrde ein tr\u00f6stender Freund jetzt wahrscheinlich sagen, doch der ist gerade beileibe nicht zur Hand. Um jedoch zu verstehen, warum er sich so \u00e4rgert, sollte kurz erl\u00e4utert werden, worum es eigentlich geht. Herr Nipp nennt ja ganz stolz ein Auto sein eigen, in dem man zu Notzwecken oder in Notzeiten leidlich bequem schlafen kann, egal ob alleine, zu zweit oder gar zu dritt. Manchmal f\u00e4hrt er damit durch das Land, das er liebt, egal ob in die n\u00f6rdlichen St\u00e4dte, ja einmal war er sogar \u00fcberredeter Weise am Meer, oder in dem s\u00fcdlichen Teil der Republik. Dann stellt er den Wagen an einer stillen Ecke oder auf einem \u00f6ffentlichen Campingplatz ab und \u00fcbernachtet dort. Wenn er was sehen oder erleben will, f\u00e4hrt er weiter, parkt irgendwo wie jeder andere Autofahrer auch und macht seine Spazierg\u00e4nge oder Wanderungen. Das ist sehr praktisch, weil er sich so ohne viel Aufhebens vom Alltag verabschieden kann. Wohnmobile sind ihm daf\u00fcr erstens zu umst\u00e4ndlich und zweitens viel zu teuer. Au\u00dferdem kann man die meist nicht einfach irgendwo parken. Sie werden dann doch eher misstrauisch be\u00e4ugt. Ein Handwerkerauto interessiert dagegen niemanden, es sei denn, er f\u00e4hrt in seiner Heimatstadt nachts um halb drei herum, da kann es dann schon einmal passieren, dass ihn junge Polizisten anhalten, die dieses Auto noch nicht kennen. Dieses Mal also hat er sich in die Berge abgesetzt. Auf einem winzigen Waldparkplatz, durch B\u00e4ume verdeckt, steht es sich sogar recht idyllisch. Am Abend vorher hatte er eine Einladung ins Restaurant nicht ausschlagen k\u00f6nnen, schon alleine, weil er dran war zu bezahlen. Ein gutes Essen. Blattsalat, welches in dieser Stube als Unkraut tituliert wurde, mit Kernen, N\u00fcsschen und einer unglaublich gelungenen Essigsauce. Er hatte ein dazu passendes Bier getrunken, auch das gut. Und als das Gegen\u00fcber Apfelstrudel mit Eis bestellte, g\u00f6nnte sich unser Herr Nipp einen \u201eCapuccino\u201c, der es in sich hatte. Die beiden Blutsverwandten unterhielten sich noch lange und trennten sich irgendwann um 0 Uhr herum. Herr Nipp putzte sich unter der Heckklappe die Z\u00e4hne, schl\u00fcpfte aus den Sachen und kuschelte sich in die warme Oberdecke, die sonst zu Hause auch gerne im Bett liegt. Alles gut soweit, ok, der Wagen stand etwas schief, sodass er sich diagonal auf der Schlaffl\u00e4che platzieren musste. Das jedoch ist vertretbar, wenn niemand weiteres dort liegt. Verwerflich w\u00e4re es nur, wenn weitere Personen in dieser Situation versuchten, irgendwie auf schiefer Ebene in den Schlaf zu kommen. Man stelle sich nur einmal vor, was dann passiert, von Prellungen, Beschwerden und Geschrei bis zu schwerwiegenden Wutausbr\u00fcchen ist da alles denkbar. Das muss ja wirklich nicht sein. Dann gibt es den n\u00e4chsten Tag sicher auch noch Stress und monatelang Vorw\u00fcrfe wegen etwaiger blauer Flecken am Oberschenkel oder im R\u00fccken. Als er die beste denkbare Lagerung erreicht hatte, drehte er sich ganz gem\u00fctlich auf die rechte Seite und erwartete den heraufziehenden Schlaf. Nichts. Kein heraufziehender Schlaf. Nicht einmal eine Ahnung davon. Pl\u00f6tzlich und erwartbar nach dem Kaffeegetr\u00e4nk ist die angestaute M\u00fcdigkeit verschwunden, als sei sie f\u00fcr K\u00f6rper und Geist nur ein neumodisches und damit unverst\u00e4ndliches Fremdwort. So. Er lag also da, es begann zu regnen. Wer schon einmal unter B\u00e4umen geparkt hat, der wei\u00df, wie laut die riesigen Tropfen auf dem Blech aufschlagen. Es klingt wie Gewehrsch\u00fcsse \u00fcber einem Wiesental. Lawinengerumpel. Koffein und Regen also. Verheerende Kombination, wenn der Schlaf im Auto gesucht wird. Herr Nipp konnte es nicht, zwar lag er da mit geschlossenen Augen, aber das hatte nichts zu sagen. Immer wieder schien es Gebiete auf den B\u00e4umen zu geben, wo sich gr\u00f6\u00dfere Wassermengen sammelten, nur um mit vereinter Kraft laute Aufschl\u00e4ge auf dem Blech herbeizuf\u00fchren. Und man bedenke hier, nicht im regelm\u00e4\u00dfigen Rhythmus, das kann man ja gerade noch aushalten. Fast schon etwas boshaft. \u00c4hnliche unrhythmisch wie einige der Fr\u00fchwerke der Einst\u00fcrzenden Neubauten. Herr Nipp musste an diverse Folgen von Doctor Who denken, in denen solche ungew\u00f6hnlichen Ereignisse durchaus verheerende Folgen zeitigen konnten, angefangen von der Ankunft oder dem Angriff der gef\u00fcrchteten Daleks bis hin zu seltsamen Echsenwesen oder gar zu den weinenden Engeln. So etwas sollte sich wirklich niemand ausmalen, der gerade in einem alten Gem\u00e4uer schl\u00e4ft oder nur durch eine hauchd\u00fcnne Blechwand von der Wildnis getrennt ist. Nachts. Bei einem st\u00fcrmischen Gewitter auch noch. Was da so alles passieren kann, man hat ja einiges geh\u00f6rt. So dachte er sich in seinem Kampf mit dem Kopfkissen allerhand andere Geschichten aus, die sich mehr und mehr zu einem veritablen Roman oder einer Fernsehserie verdichteten. Ablenkung pur. Eine durchaus vermarktbare Story, wie der moderne Mensch so sch\u00f6n sagt. Potentiale steckten in diesen potemkinschen D\u00f6rfern, die er sich dahind\u00e4mmernd ausmalte. Eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen. Distelmeyer w\u00fcrde sagen, eine eigene Geschichte mit eigener Moral. So verbrachte er gef\u00fchlt Stunden. Minute um Minuten. Jede Sekunde erleiden. Nur wer solches selber schon mitgemacht hat, wei\u00df darum, wie es ist, dann doch die Gnade des Schlafes zu finden. Zwar nur leichten Schlafes nat\u00fcrlich, durchsetzt mit fieberhaften Tr\u00e4umen nat\u00fcrlich, immer durchbrochen von kurzem Aufschrecken nat\u00fcrlich. Ganze Staffeln neuer Fernsehserien hatte er sich diese Nacht ertr\u00e4umt, eine krude Mischung aus Thriller, Geschichtsepos und Fantasy mit Ankl\u00e4ngen von Science Fiction und Splatter, Horror nat\u00fcrlich, auch die Liebe und Anfl\u00fcge von Erotik fehlten dabei nicht. Sicher kam auch ein Arzt dabei vor, vielleicht ein Anwalt und auf jeden Fall ein gebrochener Superheld. Irgendjemand musste mit einem Rollstuhl durch die Szene rollen und sicher kamen auch alle anderen Erscheinungen und Spezifiken irgendwie und irgendwann vor. Probleme gesellschaftlicher, pers\u00f6nlicher Natur durchsetzt von einer unglaublich spannenden Geschichte, der er immer weiter folgen wollte. Das Ganze durchsetzt von wissenschaftlichen Erkl\u00e4rungsversuchen \u00e4u\u00dferst seri\u00f6ser Experten. Wer so langweilig ist, wie Herr Nipp nun einmal bewiesenerma\u00dfen, der gebiert im Schlaf der Vernunft Monster. Jetzt liegt er da auf seinem Lager, ist gerade richtig aufgewacht, ger\u00e4dert und \u00e4rgert sich, dass er den Plot nicht zumindest aufgeschrieben hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Guppy im Gin<\/strong>, weitere Geschichten von Herrn Nipp. Edition Das Labor 2020<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Guppy_Cover-e1601837356657.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-70634 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Guppy_Cover-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620\">historische Aufgabe<\/a> von Herrn Nipp aus M\u00f6ppelheim.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man, das ist \u00e4rgerlich, denkt Herr Nipp. Das ist es wirklich. Richtig \u00e4rgerlich, aber ganz ehrlich mal, da konntest du doch wirklich nichts daf\u00fcr, w\u00fcrde ein tr\u00f6stender Freund jetzt wahrscheinlich sagen, doch der ist gerade beileibe nicht zur Hand.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/04\/fehler-machen-leicht-gemacht\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":70634,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-71409","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71409","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71409"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71409\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71409"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71409"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71409"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}