{"id":71081,"date":"2020-11-17T00:01:17","date_gmt":"2020-11-16T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71081"},"modified":"2020-11-17T05:08:46","modified_gmt":"2020-11-17T04:08:46","slug":"der-lyriker-als-sein-eigenes-gedicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/17\/der-lyriker-als-sein-eigenes-gedicht\/","title":{"rendered":"Der Lyriker als sein eigenes Gedicht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die \u201eTrompete\u201c erinnert an den Dichter und Herausgeber Peer Schr\u00f6der<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peer Schr\u00f6der war einer der Menschen, ohne die ein unabh\u00e4ngiger, lebendiger Literaturbetrieb nicht vorstellbar ist: Ein Netzwerker, Mut-Macher, \u00fcberm\u00fctiger Aktivist und kreativer Kopf, vor allem aber ein begabter und vielseitiger Dichter. \u201eDer einzige Lyriker, den ich kenne, der auch sein eigenes Gedicht ist\u201c, wie Christoph Heubner in der von Schr\u00f6der mitgegr\u00fcndeten Zeitschrift \u201eTrompete\u201c schreibt. Am 12. April 2019 ist Peer Schr\u00f6der nach kurzer schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt Kassel gestorben, erst 62 Jahre jung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Was Peer Schr\u00f6ders Poeme nach Ansicht von Hadayatullah H\u00fcbsch \u201esonnenstrahlig, querquirlig und ungelenk h\u00fcbsch\u201c mache, seien seine widerborstigen Rubbeleien, mit denen er Worte auf eine Gedichtkette perlt, ohne auf den Gebrauchswert von einge\u00fcbten Satzfetzen und B\u00fcrokratiespr\u00fcchen zu achten.<\/em> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der zehnten Ausgabe der \u201eTrompete\u201c, dem \u201ePeriodikum f\u00fcr rebellische Lyrismen\u201c, \u00a0erinnern jetzt Freunde und Weggef\u00e4hrte an den Autor, der seit seinen Studententagen Literaturzeitschriften Sammelb\u00e4nde und Lesungen auf die Beine gestellt hat, um der darbenden Lyrik eine Form und ein Podium zu geben. Einige dieser fr\u00fchen Zeitschriften sind in der \u201eTrompete\u201c als Faksimile abgebildet; Gedichte mit der Reiseschreibmaschine abgetippt und handschriftlich erg\u00e4nzt, anarchistisch und doch liebevoll gebunden; ordentlich abgegriffen, wie sich das f\u00fcr gute Literatur geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Dichter und Kulturwissenschaftler Peer Schr\u00f6der sei einer der nimmerm\u00fcden Aktivisten der Beat Generation, ein Autor, der das Erbe der gro\u00dfen amerikanischen Idole Allen Ginsberg, Ted Berrigan oder Charles Olson nicht etwa ehrf\u00fcrchtig-kleinmeisterlich zitiere, sondern deren Dynamismus mit neuem Leben erf\u00fclle.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Herausgebern Theo K\u00f6ppen, Katja T\u00f6pfer und Michael Kellner ist eine feine Zusammenstellung gelungen, in der sich Gedichte, Grafiken und anekdotische Texte eines illustren Autorenkreises zu einem stimmigen Ganzen formen. Es zeigt auch, wie sehr Peer Schr\u00f6der in der regionalen Lyrik-Szene verwurzelt war \u2013 und weit dar\u00fcber hinaus. So schreibt der Lyriker Georg Milzner aus M\u00fcnster:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Symphytum officinale<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ausgegraben den Krieg aus<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">gegraben er lag in den Schneefeldern lag<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">unterm Lehm und im Froschlaich lag<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">er versteckt lag<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ausgebr\u00fcllt w\u00fcst und ergab sich nacktblind<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">seinem W\u00fcten ich hockte mit den Kollegen im Feld<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">und sah zu wie die Schaufeln ihn<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">trieben ihn weitertrieben den traurigen (\u2026)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und Caroline Hartge erinnert sich:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>mondschein, klang &amp; glut<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">alles auf reihe, alle in reihe<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">im fr\u00fchlingsmondbuchenwald<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">still nebeneinander auf einem stamm<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">von einem stamm<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">der klang einer halbvollen flasche wein<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">beim weiterreichen beim trinken<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">am ende der reihe die glut<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">der allereinzigen zigarette; Peer<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder finden sich Texte, die dem Abschied eine Form geben. \u201eIch gehe ins Schwarze Meer \u2013 eine Katze verspeisen &#8211; du auch?\u201c, zitiert J\u00f6rg Burkhard den Freund, f\u00fcr ihn ein \u201eHampelmann\u201c und \u201eseltener Poet\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">L\u00fcge sch\u00f6n<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Und schenke mir den letzten Schluck<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich werde dich nicht vergessen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(\u2026)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem knapp 80-seitigen Band ist mehr Dankbarkeit als Trauer zu versp\u00fcren. Es ist ber\u00fchrend, wie viele der 26 Autorinnen und Autoren in dem Heft Schl\u00fcsselmomente ihres literarischen Werdegangs mit Peer Schr\u00f6der verbinden und wie gro\u00df der Unwillen ist, diesen Verlust einfach so hinzunehmen. Dies alles verbindet sich zu einem vielstimmigen Lebensbild, das Peer Schr\u00f6der wohl gefallen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Trompete 10<\/strong> erscheint in einer einmaligen, nummerierten 200er Auflage in der Edition Michael Kellner, Hamburg<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Trompete.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-71086 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Trompete-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Trompete-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Trompete-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Trompete-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Trompete.jpg 356w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30278\">Gratulation<\/a> von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 70. Geburtstag auf KUNO. Eine \u00a0W\u00fcrdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12833\">hier<\/a>. Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201eTrompete\u201c erinnert an den Dichter und Herausgeber Peer Schr\u00f6der Peer Schr\u00f6der war einer der Menschen, ohne die ein unabh\u00e4ngiger, lebendiger Literaturbetrieb nicht vorstellbar ist: Ein Netzwerker, Mut-Macher, \u00fcberm\u00fctiger Aktivist und kreativer Kopf, vor allem aber ein begabter und vielseitiger&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/17\/der-lyriker-als-sein-eigenes-gedicht\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":60,"featured_media":71086,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[104,722,2697,2699,771,2596,2696,2698],"class_list":["post-71081","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-axel-kutsch","tag-caroline-hartge","tag-georg-milzner","tag-katja-toepfer","tag-markus-peters","tag-michael-kellner","tag-peer-schroeder","tag-theo-koeppen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71081","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/60"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71081"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71081\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}