{"id":71007,"date":"2021-08-05T00:01:20","date_gmt":"2021-08-04T22:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=71007"},"modified":"2022-02-18T19:19:32","modified_gmt":"2022-02-18T18:19:32","slug":"ghouls","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/05\/ghouls\/","title":{"rendered":"Ghouls"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wenn in den Erinnerungen, im Gedenken und in der Geschichte kein Platz daf\u00fcr ist, kehren die untoten Ideen in die Gegenwart zur\u00fcck.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">George A. Romero<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Erforscher von Trivialmythen ging A.J. Weigoni stets aufs Ganze, es ist eine fast irrwitzige Sehnsucht nach dem Absoluten und dem Extremen. Beliebigkeit oder Gleichg\u00fcltigkeit waren Fremdw\u00f6rter f\u00fcr ihn. Er arbeitete extensiv mit \u00dcbertreibungen. Dank verschiedenster rhetorischer Hilfsmittel schaffte er es, Gegens\u00e4tze zu vereinen: Sie erweisen sich sowohl als leicht und schwierig, am\u00fcsant und traurig, tiefsinnig und scheinbar unbeschwert. Das Schreiben wurde von einer quecksilbrigen, wie aufgeputschten Intelligenz vorangetrieben. In den <em>Zombies<\/em> \u00fcberschritt Weigoni immer wieder Grenzen, Konventionen, Normen und Denkmuster. Seine Bilder waren oft d\u00fcster, von radikalem Pessimismus und teilweiser Emotionslosigkeit gepr\u00e4gt. Er schrieb \u00fcber die Nachtseite des Lebens, erz\u00e4hlt aus der F\u00fclle und aus einer Mitte des ergriffenen Daseins heraus, und dies erfahrungsges\u00e4ttigt von Menschen, die an der Geschichte zerbrechen oder am Ungl\u00fcck wachsen und die ein Leben lang mit ihrer Existenz ringen. Weigoni hielt dabei durchweg die Balance zwischen analytischer Distanz und emotionaler N\u00e4he. Schrecken verwandelt sich in Sch\u00f6nheit. Selten ist vom Sinnlosen und Entsetzlichen so heiter und enthusiastisch erz\u00e4hlt worden. Ihm gelang es, das Absurde in unterhaltsame Form zu bringen, ohne die Dinge \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu \u00fcberzeichnen. Seine Kunst vers\u00f6hnte die leser mit der Vergeblichkeit des Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Gute Belletristik zeichnet aus, dass der Raum der Erz\u00e4hlung gleichzeitig verlassen und doch nicht verlassen wird durch einzelne S\u00e4tze, die wie Eisbergspitzen aus der Horizontlinie der Buchstabenkette herausragen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nick Haflinger<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eigentliche Horror steckt in den Unzul\u00e4nglichkeiten der Lebenden: Gier, Egoismus und die Unf\u00e4higkeit zur Erkenntnis der eigenen Lage f\u00fchren zu immer neuen Katastrophen. In diesen Erz\u00e4hlungen sind gezielt un\u00fcbersichtliche Bildern von Abriegelung, Isolation und Ungewissheit im neuen Deutschland untergebracht. An keiner Stelle hat es Weigoni mit dem Au\u00dferweltlichen seines hochintelligenten Plots etwas \u00fcbertrieben, er schaffte eine Binnenspannung, die der fortw\u00e4hrende soziale Zusammensto\u00df zwischen den Lebenden und den Toten hervorruft und birgt die Erkenntnis, da\u00df Zeit unwiederbringlich ist. Seine <em>Zombies<\/em> stehen wie Fremde vor ihren ehemaligen Leben, das so erloschen ist, wie sie es eigentlich selbst sein m\u00fcssten. Darin besteht der eigentliche subtile Grusel seiner Erz\u00e4hlungen: Es ist der Horror der Innerlichkeit, des Verlustes und wom\u00f6glich der Einsicht, da\u00df Untote auch nur Menschen sind. Das Ephemere war naturgem\u00e4\u00df omnipr\u00e4sentes Thema seiner literarischen Arbeit, er untersuchte mit forensischer Aufmerksamkeit, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Es sind Erz\u00e4hlungen mit Matrjoschka-Charakter, in virtuos ineinander verschachtelten, zwischen historischen Ereignissen springenden Erz\u00e4hlp\u00e4ckchen f\u00fchrte dieser Romancier s\u00e4mtliche Schicksale und Handlungsstr\u00e4nge die er in den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=52\"><em>Zombies<\/em><\/a> ausgelegt hat in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=229\"><em>Cyberspasz <\/em><\/a>zusammen. Die Andersartigkeit dieser Erz\u00e4hlungen, jeder dieser Novellen, verlangt den Austritt der Leserin aus der bequemen Unm\u00fcndigkeit eines blo\u00dfen Literaturkonsumenten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der &#8222;Tod des Autors&#8220;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Weigoni war Literatur der Versuch, die Zeitlichkeit zu transzendieren und das Wissen vom Tod ertr\u00e4glich zu machen; drum handeln die Erz\u00e4hlungen explizit oder implizit immer auch vom Tod. In diesem Fall jedoch nicht f\u00fcr den, durch den franz\u00f6sischen Poststrukturalisten und Semiotikers Roland Barthes, angek\u00fcndigten &#8222;Tod des Autors&#8220;. A.J. Weigoni ist von uns gegangen, seine B\u00fccher aber leben, sie sind der Trost, der den Lesern niemand mehr nehmen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von\u00a0A. J. Weigoni, Edition Das La\u00adbor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A. J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div id=\"attachment_44223\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-image-44223 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-44223\" class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt zu den <em>Zombies<\/em> einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt zu <em>Cyberspasz<\/em> Artikel von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt-2\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht darin eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a>s Nachwirken im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn in den Erinnerungen, im Gedenken und in der Geschichte kein Platz daf\u00fcr ist, kehren die untoten Ideen in die Gegenwart zur\u00fcck. George A. Romero Als Erforscher von Trivialmythen ging A.J. Weigoni stets aufs Ganze, es ist eine fast irrwitzige&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/05\/ghouls\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":97950,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-71007","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71007","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=71007"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71007\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98413,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/71007\/revisions\/98413"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97950"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=71007"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=71007"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=71007"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}