{"id":70904,"date":"2020-12-21T00:01:59","date_gmt":"2020-12-20T23:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70904"},"modified":"2023-07-09T20:59:20","modified_gmt":"2023-07-09T18:59:20","slug":"sternchenhagelvoll","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/21\/sternchenhagelvoll\/","title":{"rendered":"Sternchenhagelvoll"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Eselei ist zuerst eine Schw\u00e4che des Denkens und des Redens. Der begrenzte Wortschatz verbindet sich mit logischen Fehlern und kategorialen Irrt\u00fcmern. Man beurteilt \u00e4sthetische Objekte allein nach moralischen Ma\u00dfst\u00e4ben, identifiziert die Roman- oder B\u00fchnenfigur mit der Autorin und beurteilt die Textqualit\u00e4t nach der Biografie des Verfassers. Man verwechselt den grammatischen Genus mit dem biologischen Sexus und vermischt alles im &#8217;sozialen Geschlecht&#8216;.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wolfgang Sofsky<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Freiheit erscheint uns so selbstverst\u00e4ndlich wie die Luft, die wir atmen. Daher ein paar Zeilen \u00fcber Atembeschwerden und semantische Schluckst\u00f6rungen. KUNO irritiert seit einiger Zeit, da\u00df die Freiheit des Ausdrucks immer mehr reglementiert werden soll. Eine Ern\u00fcchterungskompensationsbewegung will die <span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Parole Libert\u00e9, \u00c9galit\u00e9, Fraternit\u00e9<\/span><\/span> durch die der Identit\u00e4t ersetzen und bl\u00e4st zum Sturm auf die Gegenwart. Da tauchen in Texten Majuskeln in Wortmitten auf und werden als Belohnung f\u00fcr artgerechtes Verhalten gar Sternchen verteilt, damit sich jede\/r gemeint f\u00fchlt. Das * wird zur Projektionsfl\u00e4che ihrer Erl\u00f6sungssehns\u00fcchte. Die Anwender finden, was sie suchen, die Best\u00e4tigung, wie richtig doch die eigene politische Position, wie wichtig der eigene politische Kampf ist. Das * wird dar\u00fcber hinaus zum Herrschaftsinstrument, mit ihm legt man fest, was opportun, was gebilligt wird. Abseitige Meinungen und Vorgehensweisen werden als unzul\u00e4ssig, weil zum Beispiel diskriminierend oder ausgrenzend, festgelegt und verworfen. Das Thema <em>Identit\u00e4t<\/em> ist dabei, die progressive Politik zur Strecke zu bringen. Dies gilt sowohl f\u00fcr den k\u00fcnstlerischen als auch f\u00fcr den universit\u00e4ren Bereich, in dem insbesondere in den geisteswissenschaftlichen F\u00e4chern die Zumutbarkeitsgrenzen auf den einfachsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochen werden sollen. So werden Klassiker gereinigt, mit Trigger-Warnungen versehen oder gleich verbannt. Das Ziel dieser Eiferer ist eine ges\u00e4uberte Gesellschaft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Begriff <em>Kulturschaffende<\/em> haben die Nazis gepr\u00e4gt, im Sprachgebrauch der SED hat er \u00fcberwintert, heute dient er als Ausweis von Gendersensibili\u00e4t.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Newspeak<\/em> hei\u00dft die sprachpolitisch umgestaltete Sprache in George Orwells dystopischem Roman 1984. Durch Sprachplanung sollen sprachliche Ausdrucksm\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nkt und damit die Freiheit des Denkens aufgehoben werden.<\/span><\/p>\r\n<div id=\"attachment_70952\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/440px-Ingsoc_logo_from_1984.svg_.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-70952\" class=\"wp-image-70952 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/440px-Ingsoc_logo_from_1984.svg_-300x300.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/440px-Ingsoc_logo_from_1984.svg_-300x300.png 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/440px-Ingsoc_logo_from_1984.svg_-150x150.png 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/440px-Ingsoc_logo_from_1984.svg_-260x260.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/440px-Ingsoc_logo_from_1984.svg_-160x160.png 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/440px-Ingsoc_logo_from_1984.svg_.png 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-70952\" class=\"wp-caption-text\">Um in Ozeanien INGSOC zu verwirklichen (English Socialism), entwickelt \u201edie Partei\u201c Newspeak als semantisch und sprachtechnisch kontrollierte Ausdrucksform. Dieses sprachpolitische Instrument dient zur Erzeugung und Absicherung politisch korrekter Vorstellungen bei allen Mitgliedern der Bev\u00f6lkerung. (Logo: Nirwrath)<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Totalalgorithmus er\u00f6ffnet weder eine geradlinige Kulturkritik, noch deutet das Internet einen utopischen M\u00f6glichkeitsraum an. Demokratie ben\u00f6tigt eine Kultur des freien Ausdrucks, die zum Dissens ermutigt. Das Recht auf Meinungsfreiheit und Redefreiheit stellt die vom Grundgesetz garantierte abweichende Meinung ins Zentrum der Freiheitsidee. Es ist ein Irrtum zu glauben, da\u00df derjenige, dem man das Sprechen und Schreiben beschneidet, noch frei denken kann. Es kann keine Freiheit des Denkens geben, ohne die M\u00f6glichkeit einer ver\u00f6ffentlichen Mitteilung des Gedachten. Wenn es in der Demokratie keine Freiheit des Gedankens mehr gibt, steht man vor der Alternative, ob man zwischen Sicherheit und Konformismus oder Wahrheit und Verfolgung w\u00e4hlt. Die aktuelle Form der Verfolgung ist die Isolationsdrohung des sozialen Boykotts, eine &#8222;Cancel Culture&#8220;, der es um die Verhinderung oder gar Zerst\u00f6rung kultureller Werke geht, die als diskriminierend aufgefa\u00dft werden k\u00f6nnten oder den Handelnden nicht ins Weltbild passen. Wer sich von diesem Gendwerwahn anstecken l\u00e4\u00dft, wird zum Objekt souver\u00e4ner Instanzen, die mutwillig mit ihm verfahren. Die spachpolitischen Ma\u00dfnahmen des *chens haben das Ziel, \u00fcber die Kommunikations- und Ausdrucksm\u00f6glichkeiten der Individuen die Gedankenfreiheit und damit die personalierte Identit\u00e4t, den Ausdruck der pers\u00f6nlichen Meinung und den freien Willen einzuschr\u00e4nken, und letztlich zu steuern. Damit wollen diese Spracherneuerer eine neue Gesellschaft erschaffen, die glaubt und denkt und tun zu <em>wollen<\/em>, was sie denken und tun <em>sollen<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende des Tages droht nichts weniger als die Abkehr von den Werten der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Grazie beruht auf einer Art von Nat\u00fcrlich-Werdung h\u00f6herer Ordnung: durch Vergeistigung.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heinrich von Kleist<\/span><\/p>\r\n<div id=\"attachment_78892\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Innen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-78892\" class=\"wp-image-78892 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Innen-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Innen-300x224.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Innen-768x574.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Innen-560x419.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Innen-260x194.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Innen-160x120.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Innen.jpg 828w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-78892\" class=\"wp-caption-text\">Ab sofort wird auch auf Baustellem gegendert!<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Grunds\u00e4tzlich ist <em>Inclusion<\/em> etwas w\u00fcnschenswertes, aber diese <em>Schluckst\u00f6rungen<\/em> verorten sich in einem Geflecht der Erfolgsleere zwischen Anerkennungssuche und atomisierter Mitschuld. Hier erscheint Sprache als die T\u00e4tigkeit einer \u00d6ko-Landwirtin, der Besitzerin eines veganen Lebensmittelladens oder eines Craftbier-Braumeisters, in dem das einzig sinnstiftende Medium die anerkennende Idee des, wie auch immer gearteten Geschlechts, sein k\u00f6nnte. Das von diesen Typen benutzte Adjektiv &#8222;woke&#8220; umschreibt ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Gerechtigkeit, das weit \u00fcber politische Fragen hinausgeht. Woke ist im besten Sinne antirassitisch, feministisch, inklusiv, pazifistisch, umweltbewusst, antikapitalistisch und antiimperialistisch zugleich. Literatur ist jedoch kein identit\u00e4tspolitisches Best\u00e4tigungsmedium. Sprache als eine Existenzform ohne Gewalt ist ebenso illusion\u00e4r wie surreal. Das * ist eine bereichs\u00fcbergreifende Suche nach einer Grundstruktur von Macht und Gewalt in der etymologisch-semantischen Aufkl\u00e4rung welche diese Begriffe fundieren. Wahrscheinlich best\u00e4tigen wirklich gute Texte \u00fcberhaupt nichts, sie sind ein Ort sch\u00f6pferischer Verunsicherung. Erfinderisch insofern, als sie Identit\u00e4ten aufl\u00f6sen, um sie neu zusammenzusetzen oder sie in neuen R\u00e4umen freizusetzen. Ein eigenst\u00e4ndiges K\u00fcnstler-Ich geht nicht konform mit dem, was man vom Gender*chen in dieser Zeit erwartetet. W\u00e4re Literatur nur ein Katalog von Wahrheiten oder, um es moralisch zu sagen: <em>Wahrhaftigkeiten<\/em>, dann w\u00e4re sie gar nichts mehr. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, niemand hat das Recht auf eigene Fakten. Es gilt die Spiegelschrift der Freiheit zu entziffern.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Wie sollen wir \u201adas Individuum\u2018 gendergerecht formulieren? Ich als Mann f\u00fchle mich mit dieser Kennzeichnung sehr unwohl: Ich bin kein Neutrum! Ich f\u00fcr meinen Teil bestehe auf dem meinem nat\u00fcrlichen Geschlecht angemessenen Artikel: der Individuum.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Stefan Oehm<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich mit den Feinheiten der Sprache auseinanderzusetzen ist eine Art des Lebensvollzugs. Es geht um das \u00dcberleben der Poesie, in Permanenz.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p>\u00a0 <strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":45651,\"sizeSlug\":\"large\"} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"133\" height=\"133\" class=\"wp-image-45651\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Logo-klein.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Erinnerung wird zunehmend auf neue Technologien ausgelagert. Das Grundproblem der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/02\/in-eigener-sache\/\">Erinnerungskultur<\/a>, der Zeugenschaft, der Autorschaft, ist die Frage: Wer erz\u00e4hlt, wer verarbeitet, wem eine Geschichte geh\u00f6rt? \u2013\u00a0\u201eKultur schafft und ist Kommunikation, Kultur lebt von der Kommunikation der Interessierten.\u201c, schreibt Haimo Hieronymus in einem der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/06\/05\/interim-kulturnotizen\/\">Gr\u00fcndungstexte<\/a> von KUNO. Die ausf\u00fchrliche Chronik des Projekts <em>Das Labor<\/em> lesen sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/10\/zukunft-braucht-herkunft\/\">hier<\/a>. Diese Ausgrabungsst\u00e4tte f\u00fcr die Zukunft ist seit heute ein Label, die <em>Edition Das Labor<\/em>. Diese Edition arbeitet ohne Kapital, aber manchmal mit Kapit\u00e4lchen, sie befindet sich in der Situation des Baron von M\u00fcnchhausen und muss sich mit samt Pferd am eigenn Schopf aus dem Sumpf ziehen. Eine \u00dcbersicht \u00fcber die in diesem <em>Labor<\/em> seither realisierten K\u00fcnstlerb\u00fccher, B\u00fccher und H\u00f6rb\u00fccher finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">hier<\/a>. Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die\u00a0bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eselei ist zuerst eine Schw\u00e4che des Denkens und des Redens. Der begrenzte Wortschatz verbindet sich mit logischen Fehlern und kategorialen Irrt\u00fcmern. 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