{"id":70856,"date":"2020-10-25T00:01:36","date_gmt":"2020-10-24T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70856"},"modified":"2022-04-06T13:10:43","modified_gmt":"2022-04-06T11:10:43","slug":"emil-nolde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/25\/emil-nolde\/","title":{"rendered":"Emil Nolde \u2022 Revisited"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mit der &#8222;Deutschstunde&#8220; von Siegfried Lenz wurden unz\u00e4hige Oberstufler gequ\u00e4lt, bis heute gibt es zu diesem Roman kein Nachwort, der dieses Heiligenbildchen als Irrtum der Literaturgeschichte entlarvt*.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">F\u00fcr die Kunstgeschichte gibt es dagegen Hoffnung auf Aufkl\u00e4rung:<\/span><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Draiflessen Collection hat den Konzeptk\u00fcnstler Mischa Kuball eingeladen, sich mit dem Maler Emil Nolde (1867\u20131956) auseinanderzusetzen. Emil Nolde ist einer der bekanntesten K\u00fcnstler der Klassischen Moderne. Dass er bekennender Nationalsozialist war, geriet f\u00fcr Jahrzehnte aus dem Blick \u2013 obwohl dies den Zeitgenossen und auch denjenigen klar war, die sich nach 1945 kritisch mit ihm besch\u00e4ftigten. Seit l\u00e4ngerem gelangte die politische Orientierung Noldes aber wieder in den Fokus. Das k\u00fcnstlerische Werk Emil Noldes hat sich nicht ver\u00e4ndert, aber unser Blick darauf.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nach welchen Kriterien beurteilen wir Kunst?<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie pr\u00e4gt unser Wissen ihre Wahrnehmung?<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer war (und ist) an ihren Deutungen beteiligt?<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mischa Kuball entwickelte f\u00fcr die Ausstellung EMIL NOLDE \u2013 A CRITICAL APPROACH BY MISCHA KUBALL k\u00fcnstlerische Arbeiten, die ein vielschichtiges, offenes, kritisches und zugleich \u00e4sthetisches Durchleuchten eines der ambivalentesten deutschen K\u00fcnstler der letzten 100 Jahre umfassen. Kuball ist f\u00fcr die Aufgabe der Auseinandersetzung mit Noldes Werk und seiner Person durch seinen k\u00fcnstlerischen Ansatz und eine Reihe fr\u00fcherer Arbeiten besonders pr\u00e4destiniert. \u00dcber das Medium Licht und Lichtbildverfahren wie Film und Fotografie verhandelt er gesellschaftspolitische Themen und Fragen der Wahrnehmung, indem er Zusammenh\u00e4nge und Strukturen sichtbar werden l\u00e4sst und die Aufmerksamkeit in neue Richtungen lenkt. So erlauben die neu entstandenen Videoinstallationen und Bildserien Kuballs f\u00fcr das Ausstellungsprojekt einen ungewohnten Blick auf das \u0152uvre Emil Noldes, denn sie zeigen oder reproduzieren keine Werke, sondern \u00f6ffnen Assoziationsr\u00e4ume, die \u00fcber das konkrete Beispiel Nolde hinausweisen.\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ich glaube, dass wir uns da keinen Gefallen tun, indem wir sagen &#8222;Es sind tolle Bilder, aber der Typ war ideologisch verblendet&#8220;. Ich denke wenn Nolde Nazi war, dann tragen seine Bilder auch genau diesen Grundimpuls eines Menschenbildes, das Teile der Gesellschaft ausgrenzen wollte und Wegbereiter \u2013 ideologisch und auch k\u00fcnstlerisch \u2013 f\u00fcr das war, was dann eben mit den Nationalsozialismus eingetreten ist \u2013 V\u00f6lkermord. Auch wenn die NS\u2013Kulturideologen Nolde eben nicht als NS\u2013konform akzeptiert haben, hat er sich nicht um Aufkl\u00e4rung seiner Haltung bem\u00fcht \u2013 er w\u00e4hlte den Weg in den Mythos.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mischa Kuball<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nolde Stiftung Seeb\u00fcll erm\u00f6glichte Mischa Kuball freien Zugang zu ihren R\u00e4umlichkeiten, um vor Ort neue k\u00fcnstlerische Arbeiten f\u00fcr diese Ausstellung zu entwickeln. Kuball r\u00fcckt dabei drei Aspekte in den Fokus: Noldes Umgang mit fremden Kulturen, sein Engagement f\u00fcr die Nationalsozialisten und seine nach 1945 forcierte Stilisierung zu einem K\u00fcnstler im Widerstand. Kuballs besonderes Interesse galt neben dem ehemaligen Wohn- und Atelierhaus den nicht \u00f6ffentlichen Bereichen der Stiftung, dem Kunstdepot und Archiv, in denen Werke Noldes, seine Korrespondenz und seine zu Lebzeiten zusammengetragene Sammlung von Ethnografika bewahrt werden. Von zentraler Bedeutung f\u00fcr die Ausstellung sind au\u00dferdem die drei ersten Ausstellungen der <em>documenta<\/em>, auf denen Werke Noldes gezeigt wurden. Kuball w\u00e4hlte f\u00fcr sein Projekt ausschlie\u00dflich Arbeiten aus, die in diesen drei Schauen zu sehen waren. Vor allem die erste <em>documenta<\/em> von 1955 wurde als Gegenentwurf zur Ausstellung <em>Entartete Kunst<\/em> von 1937 wahrgenommen. Sie war nicht das einzige Projekt, das am Mythos von Nolde als verfemtem K\u00fcnstler Anteil hatte, aber in jedem Falle jenes, mit der bis in die heutige Zeit weitreichendsten Wirkung.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich wollte Nolde zeigen, ohne ihn wirken zu lassen. Ich wollte Nolde zeigen, ohne ihn richtig zu zeigen. Und das habe ich konsequent in der Ausstellung umgesetzt, \u00fcbrigens auch im Katalog. Da ist alles in Schwarz\u2013Weiss. Das heisst, Nolde wird praktisch heruntergebrochen auf seine Form und Figur, aber er kommt nicht zur farblichen Wirkmacht. Das ist einer der wesentlichen Z\u00fcge meiner Intervention.\u00a0<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mischa Kuball<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">EMIL NOLDE \u2013 A CRITICAL APPROACH BY MISCHA KUBALL 11.10.2020\u201307.02.2021 | Draiflessen Collection | Georgstra\u00dfe 18 | D-49497 Mettingen<\/p>\r\n<div id=\"attachment_70857\" style=\"width: 271px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Erscheinungsbild_NOLDE-KUBALL.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-70857\" class=\"wp-image-70857 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Erscheinungsbild_NOLDE-KUBALL.jpg\" alt=\"\" width=\"261\" height=\"261\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Erscheinungsbild_NOLDE-KUBALL.jpg 261w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Erscheinungsbild_NOLDE-KUBALL-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Erscheinungsbild_NOLDE-KUBALL-160x160.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 261px) 100vw, 261px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-70857\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Archiv Mischa Kuball, D\u00fcsseldorf<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ausstellung wird durch ein umfangreiches Rahmenprogramm aus Gespr\u00e4chen mit dem K\u00fcnstler Mischa Kuball, F\u00fchrungen durch die Kuratorinnen Barbara Segelken und Nicole Roth, Themenf\u00fchrungen,\u00a0 einer Exkursion und museumsp\u00e4dagogischen Angeboten f\u00fcr unterschiedliche Zielgruppen erweitert \u2013 auch der Studierendentag findet als Tagung im Rahmen dieser Ausstellung statt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0* Anders als die Romanfigur von Lenz war Nolde, trotz der Beschlagnahmung und Weggeschobenheit seiner Kunst im Dritten Reich, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs \u00fcberzeugter Nationalsozialist, Antisemit und Bewunderer Adolf Hitlers. Bei einem Auftritt im Deutschen Literaturarchiv (Marbach, 2014), bezeichnete Lenz den Maler als problematischen Menschen, der sich in politischer Hinsicht \u201eein bisschen katastrophal\u201c verhalten habe. Zwar lie\u00dfe sich dar\u00fcber nachtr\u00e4glich nicht Gericht halten, aber er werfe Nolde vor, sich f\u00fcr seine Kollaboration mit den Nationalsozialisten auch nach dem Krieg nie entschuldigt zu haben. Seitdem ist es an der Zeit, die &#8222;Deutschstunde&#8220; von den Lehrpl\u00e4nen der Deutsch-Unterrichts zu streichen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div id=\"attachment_101176\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-101176\" class=\"size-full wp-image-101176\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/MischaKuball-scaled-e1646039304379.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-101176\" class=\"wp-caption-text\">Mischa Kuball. Photo: Daniel Biskup, Wittenberg<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stefan Oehm betrachtete f\u00fcr KUNO Mischa Kuballs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50277\">Lichtinstallation<\/a> <strong><em>res\u00b7o\u00b7nant<\/em><\/strong>. Lesen Sie im Rahmen der <em>public preposition\u00a0<\/em>ein\u00a0Gespr\u00e4ch zwischen Vanessa Joan M\u00fcller und Mischa Kuball \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33030\">\u00f6ffentliche Beziehungen<\/a>. Gleichfalls empfehlenswert das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8632\">Ateliergespr\u00e4ch<\/a> von Prof. Dr. Matei Chihaia mit Mischa Kuball.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Projekt <em>Kollegengespr\u00e4che<\/em> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Mit dem K\u00fcnstler Mischa Kuball teilt der Romancier den <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/02\/dauerlaufen-und-durchhalten-ein-diskurs\/\">Dauerlauf<\/a><\/em>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der &#8222;Deutschstunde&#8220; von Siegfried Lenz wurden unz\u00e4hige Oberstufler gequ\u00e4lt, bis heute gibt es zu diesem Roman kein Nachwort, der dieses Heiligenbildchen als Irrtum der Literaturgeschichte entlarvt*. 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