{"id":70820,"date":"2024-02-24T00:01:54","date_gmt":"2024-02-23T23:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70820"},"modified":"2024-01-04T09:43:57","modified_gmt":"2024-01-04T08:43:57","slug":"gegenwartsvergessenheit-und-zukunftsverdraengung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/02\/24\/gegenwartsvergessenheit-und-zukunftsverdraengung\/","title":{"rendered":"Gegenwartsvergessenheit und Zukunftsverdr\u00e4ngung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Seit drei Jahren reden wir \u00fcber den Krieg.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">\u2026<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\"><em>Ein Bekannter hat sich freiwillig gemeldet.<br \/>\nEin halbes Jahr sp\u00e4ter ist er zur\u00fcckgekommen.<br \/>\nWo er war, wei\u00df keiner.<br \/>\nWovor er Angst hat, sagt er nicht.<br \/>\nAber er hat Angst.<br \/>\nEs scheint sogar,<br \/>\nEr hat vor allem Angst. (106)<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die markanten Spuren von Krieg, Tod, Verg\u00e4nglichkeit, Trauer, Gottverlassenheit und Hoffnungslosigkeit ziehen sich wie Menetekel durch dieses in einem Taubenblau gestalteten B\u00e4ndchen aus der Feder des ukrainischen Erz\u00e4hlers und Lyrikers Serhij Zhadan. 1974 in einem Dorf des Luhansker Bezirk in der Ostukraine geboren, ist er seit f\u00fcnf Jahren beredter Augen- und Ohrenzeuge eines Krieges geworden, der in der Zwischenzeit mehr als 13.000 Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet hat. Ausgel\u00f6st durch die Autonomiebestrebungen ostukrainischer Machthaber, milit\u00e4risch alimentiert durch den benachbarten russischen Staat, hat dieser Konflikt zwischen dem ukrainischen Staat und der abtr\u00fcnnigen \u201eDonbass-Republik\u201c tiefgreifende psychische Auswirkungen auf die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Es ist, als ob sich ein l\u00e4hmendes Netz, bestehend aus Gegenwartsvergessenheit und Zukunftsverdr\u00e4ngung, \u00fcber ihre K\u00f6pfe gelegt hat. Wie hei\u00dft es im <em>Schiffsverzeichnis, <\/em>im ersten Teil des Gedichtbandes:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Hier sind wir \u2013 hinausgeschrien in die Nacht,\/<br \/>\nausgebrannt in der Sonne wie Keramik.\/<br \/>\nMit einer Sprache, Vogellauten gleich.\/<br \/>\nMit Stimmen wie von Tieren, die sich zurufen,<br \/>\nwenn sie sehen, wie von allen Seiten das Feuer n\u00e4her r\u00fcckt.\/<br \/>\nDie Menschen des atemlosen Grenzlandes kommen zusammen.\/<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">\u2026 <em>(S. 23)<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und was h\u00e4lt die Menschen des Grenzlandes angesichts von materieller Verw\u00fcstung und seelischer Zerr\u00fcttung zusammen? Es ist<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der bange Glaube der Grenzv\u00f6lker,\/<br \/>\nDen eigenen Toten die Aufnahme ins himmlische Reich zu w\u00fcnschen,\/<br \/>\nVor allem jenen, die an nichts geglaubt haben:\/<br \/>\nIhr Ende mit dem Gesang der V\u00f6gel kundzutun,\/<br \/>\nsie in den tiefen Schnee hinabzulassen wie ins Meer,\/<br \/>\nin Booten, beladen\/<br \/>\nmit den herben Schlehen der Sloboda-Ukraine \u2026\/ (S. 26)<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es zeichnet den intimen Charakter der vorliegenden Publikation aus, dass Zhadans Aufzeichnungen aus dem Jahre 2018 mit dem <em>Telefonverzeichnis der Toten <\/em>beginnen. Sie sind seinem Vater gewidmet, der ein Tagebuch geschrieben hat, das sein Sohn erst nach dessen Tod lesen konnte, nach der Beerdigung, die er zum Anlass nimmt, \u00fcber Atheisten nachzudenken, die \u201e<em>ein Gebet suchen, um eines anderen Atheisten zu gedenken, der von ihnen gegangen ist. Sie \u00fcberlegen, aber es f\u00e4llt ihnen nichts ein<\/em>.\u201c (S. 17) Dieses Glaubensvakuum nimmt Zhadan zum Ausgangspunkt seiner Reflexionen \u00fcber den Begriff \u201ahimmlisches Reich\u2019. Er \u00fcbernehme die Aufgabe, als Stellvertreter f\u00fcr allm\u00f6gliche Empfindungen und psychische Orientierungen in der Menschen- und Tierwelt zu fungieren, selbst f\u00fcr atmosph\u00e4rische Beschreibungen werde er benutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das himmlische Reich \u2013 die Tiere atmen es in den St\u00e4llen,\/<br \/>\nDie klugen V\u00f6gel sp\u00e4hen es aus am Horizont,\/<br \/>\nBeinah Familienmitglieder,\/<br \/>\nDie man zu feierlichen Anl\u00e4ssen t\u00f6tet. <\/em>(S. 25)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der europ\u00e4ischen Lyrik sind solche Stimmen rar geworden, denen es gelingt, die atheistische Furchtbeladenheit in transzendentale R\u00e4ume zu verlagern, wo \u201e<em>das ewige Jagen nach der schreckhaften g\u00f6ttlichen Beute<\/em>\u201c (S. 39) zum Anlass einer Abrechnung mit den Machtbesessenen wird. Doch nicht die moralische Anklage bewegt das imagin\u00e4re Ich, es ist vielmehr der universale Dialog mit den B\u00e4umen, die den Steinen ausgeliefert sind, \u201e<em>wie die Prediger der grausamen Vernunft von Tieren<\/em>.\u201c (S. 47)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und welche Aufgabe \u00fcbernimmt die Liebe in dieser geistig entleerten, technisch hoch ger\u00fcsteten, digital verkn\u00fcpften Welt? Gleich zu Beginn der \u201aAntenne\u2019, die die lyrischen Nachrichten im dritten Abschnitt des Gedichtb\u00e4ndchens transportiert, sind den Liebesgeschichten nur noch Botschaften der Zwietracht, der Verlassenheit, des entleerten Streites, des Abschieds auf einem verlassenen Bahnsteig zu entnehmen, auf dem die letzten Umarmung mit der einstigen Geliebten abl\u00e4uft. Doch auch das Wiedersehen zwischen dem Liebespaar endet nach zwei Jahren hassbeladen. Das lyrische Ich zieht ein ern\u00fcchterndes Res\u00fcmee:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Welt h\u00e4ngt in Rechtfertigungsversuchen fest.\/<br \/>\nDie Welt zeigt sich hoffnungslos ungeeignet f\u00fcr das Leben.\/<br \/>\nZur Rechtfertigung hat sie die Literatur erfunden<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und welche Angebote macht der diese Literatur benutzende Dichter, obwohl der Krieg weiter sein m\u00f6rderisches Gesch\u00e4ft betreibt? Er fl\u00fcchtet in ein imagin\u00e4res Wir, das klug \u00fcber das Gemetzel redet, das sich an die Zahl der Gefallenen erinnert, das die Wirklichkeit mit der Gartenschere zerschneidet\u2026 Und dennoch: in der imagin\u00e4ren Figur einer Bibliothekarin, die in dem teilweise durch Granaten zerst\u00f6rten Lesesaal nach den Worten der toten Dichter sucht, zeichnet sich noch eine Spur von Hoffnung ab, die beim n\u00e4chsten Luftangriff jedoch wieder gel\u00f6scht wird. Alle \u00dcberlebende sollen mit Orden geehrt werden, und w\u00e4hrend die vom Krieg k\u00f6rperlich und seelisch schwer Verletzten, auf die Ehrung warten \u2026 Es mutet wie eine Flucht in eine innere, schwer zug\u00e4ngliche \u201eWelt\u201c an, wenn mitten in dieser \u201edekorierten\u201c Ausweglosigkeit pl\u00f6tzlich eine ganz andere Vision entsteht:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die tiefe Welt der Freude und B\u00e4ume,\/<br \/>\ndie Welt des Goldenen Schnitts der von Kindern getrampelten Pfade,\/<br \/>\ndie Welt der Sorge, die aus der Ruhe erw\u00e4chst,\/<br \/>\ngr\u00e4bt sich m\u00fchsam in den Winter wie der Spaten in die M\u00e4rzerde. (S. 126)<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der im Kost\u00fcm des lyrischen Ichs weiter nach Worten ringende Dichter?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Alles ist so unsagbar gut, schreibe ich.\/<br \/>\nder Winterhimmel \/<br \/>\nwartet hinter der Stadt<br \/>\nund birgt seinen zarten freien Hals<br \/>\nvorm Wind. (S. 127)<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was dann folgt ist die Anrufung eines Gottes, mit dem der Dichter sich anlegen will, um einer erwachsenen Frau, die der Welt gleicht, Trost und Geborgenheit zu spenden. Doch dieser Gott hat sich aus dem Staub gemacht und steht auf einer Kreuzung, um den Verkehr zu lenken. Wie immer solche pl\u00f6tzlichen \u201eSzenenwechsel\u201c bei einem mitteleurop\u00e4ischen Publikum \u201eankommen\u201c, das die Auswirkungen von jahrelangem Kriegsgeschehen nur noch aus Fernsehbildern wahrnimmt, es k\u00f6nnte f\u00fcr winzige Augenblicke schockiert sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Serhij Zhadan hat mit der vorliegenden Sammlung von Prosaskizzen und rhythmisierten Gedichten aus dem Jahre 2018, die Claudia Dauthe mit lyrischer Sensibilit\u00e4t und n\u00fcchternem Sachverstand aus dem Ukrainischen \u00fcbertragen hat, ein literarisches Dokument hinterlassen, das in der j\u00fcngsten osteurop\u00e4ischen Kriegsgeschichte einmalig ist. Die Welt der durch den Krieg gesch\u00e4ndeten Natur b\u00e4umt sich auf gegen die Gewalt, wendet sich in ihrer Hilflosigkeit einem Gott zu, der sich l\u00e4ngst anderen Gesch\u00e4ften gewidmet hat. Nichts Neues unter diesem m\u00f6rderischen Himmel? Was f\u00fcr ein Fehlschluss! Serhij Zhadan hat uns eine tief bewegende Botschaft geschickt. Es liegt nun an uns, ihm zu antworten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Antenne<\/strong>, Gedichte von Serhij Zhadan, \u00dcbersetzung: Claudia Dathe. Suhrkamp Verlag, 2020<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/10\/Antenne.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-70823 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/10\/Antenne-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/10\/Antenne-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/10\/Antenne-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/10\/Antenne-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/10\/Antenne.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p>\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p>\u2192\u00a0 Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> KUNO dieses post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>.<\/span><\/p>\n<p>\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p>\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit drei Jahren reden wir \u00fcber den Krieg. \u2026 Ein Bekannter hat sich freiwillig gemeldet. 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