{"id":70805,"date":"2020-10-28T00:01:10","date_gmt":"2020-10-27T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70805"},"modified":"2022-02-26T16:53:03","modified_gmt":"2022-02-26T15:53:03","slug":"yeah-baby-shes-got-it","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/28\/yeah-baby-shes-got-it\/","title":{"rendered":"Yeah baby, she&#8217;s got it"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0\u201eDieses Buch ist recht absto\u00dfend, dennoch kann ich nicht sagen, dass es mich schockiert. Sehr ernst zu nehmende Leute \u2026 haben <em>Monsieur V\u00e9nus <\/em>in den Giftschrank ihrer Bibliothek verbannt,<em>\u2026\u201c<\/em> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Eingangspassage aus dem Vorwort zur dritten Auflage des Romans im Jahr 1889 aus der Feder des nationalistisch eingestellten, bedeutenden Schriftstellers Maurice Barr\u00e8s signalisierte eindringlich das Gefahrenpotential, das von diesem Roman und seiner Autorin ausging. 1884 von August Brancart, in Br\u00fcssel, publiziert, wurden Rachilde &#8211; und ihr fiktiver Co-Autor Francis Talman &#8211; von einem belgischen Gericht zu zwei Jahren Gef\u00e4ngnis und einer Geldstrafe von 2000 Francs verurteilt. Ein Jahr danach wurde der skandal\u00f6se Roman neu aufgelegt \u2013 allerdings mit einem Eingriff durch die Zensurbeh\u00f6rde. Ungeachtet dieser Eingriffe in die ersten Ausgaben erlebte <em>Monsieur V\u00e9nus <\/em>1889 die franz\u00f6sische Ausgabe, in der das siebte Kapitel fehlte, und Rachilde als alleinige Autorin fungierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vorliegende vollst\u00e4ndige deutsche Erstausgabe auf der Grundlage der Ausgabe von 1884 enth\u00e4lt ein vorbildliches, psychoanalytisch beleuchtetes Nachwort von Martine Reid, Autorin einer ausgezeichneten Biografie von George Sand. Sie beschreibt das umfangreiche schriftstellerische Werk von Marguerite Eymery (1860 -1953) unter verschiedenen Facetten. \u00a0Ausgehend von den psychisch stark belastenden Erfahrungen, die Marguerite in ihrer Kindheit sammelte, charakterisiert Reid sie als ein \u201evon Grund auf doppeltes Wesen, sie wird zu einem solchen gemacht und macht sich selbst dazu: junger Mann \/ junge Frau, frei und unter Zwang, grob und sanft.\u201c (S. 196) Aufgewachsen und bewacht von einem Vater, der selber ein Bastard gewesen sei und von einem Sohn anstelle der Tochter getr\u00e4umt habe, und einer von Wahnvorstellungen besessenen Mutter, habe Marguerite schon im jugendlichen Alter nach eigenst\u00e4ndigen Lebensmustern gesucht. Im Alter von zwanzig Jahren publiziert sie ihren ersten Roman <em>La Dame des bois<\/em>. Beeinflusst von zeitgen\u00f6ssischen esoterischen Str\u00f6mungen, behauptet sie, nach dem Diktat von Geistern zu schreiben. Ein gewisser Rachilde, ein schwedischer Edelmann aus dem 16. Jahrhundert, diktiere ihre Feder. Sie l\u00e4sst ihren Namen standesamtlich ver\u00e4ndern und publiziert von nun an unter dem Pseudonym Rachilde bis in das erste Drittel des 20. Jahrhundert hinein mehr als f\u00fcnfzig Romane, unter anderen auch <em>Monsieur V\u00e9nus \u2026 <\/em>oder <em>die Umkehrung der Geschlechter. <\/em>Unter diesem provozierenden Untertitel f\u00fchrt Martine Reid ihre Leser*innen in die Handlung des Romans ein. Umrahmt von einigen fotografischen Reproduktionen, die Rachilde zwischen 1885 und 1924 zeigen, fasst sie die Romanhandlung auf weniger als drei Druckseiten zusammen. Mademoiselle Raoule de V\u00e9n\u00e9rande, eine reiche, gebildete Adelige trifft in einem d\u00fcsteren Pariser Wohnhaus auf der Suche nach einer f\u00e4higen Schneiderin, die ihr ein Ballkleid n\u00e4hen soll, per Zufall den K\u00fcnstler Jacques Silvert, der seiner Schwester Marie bei der Arbeit hilft. Raoule ist von Jacques\u2019 k\u00f6rperlichen Erscheinung sexuell ber\u00fchrt, was seine Schwester sofort als gewinnbringende Beute f\u00fcr das Geschwisterpaar deutet. Doch Rachilde ver\u00e4ndert bewusst das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis, weil sie der weiblichen Figur die sozial und intellektuell dominierende Position zuweist. Die Adelige Raoule leiht dem K\u00fcnstler Jacques ein Atelier am Boulevard Montparnasse, macht ihn zu einem existentiell abh\u00e4ngigen Mann. Sie weist auch das Heiratsangebot des Barons Raittolbe zur\u00fcck mit der Begr\u00fcndung zur\u00fcck, sie zum ersten Mal verliebt sei in einen Mann\u00a0 \u201edessen Seele mit ihrer weiblichen Pr\u00e4gung sich in der H\u00fclle vertan hat\u201c. In der Folge gehen Raoule und Jacques so weit, dass sie ihre Kleider tauschen, d.h. Jacques tr\u00e4gt ein Kleid und Raoule den Gehrock. Das freiwillig \u201eumgedrehte\u201c Paar heiratet, um nach den Legenden der Brahmanen ein vollst\u00e4ndiges Wesen zu werden. Baron Raittolbe, vollkommen verst\u00f6rt von diesem Rollentausch, verliebt sich nun in Jacques und, so Martine Reid, \u201emacht ihn zu seinem Geliebten.\u201c Doch damit ist der Rollentausch noch nicht abgeschlossen. Ein gewisser Martin Durant, ein Architekt, erliegt den Reizen des Barons, was Raoule, wie ein \u201eechter\u201c betrogener Mann, veranla\u00dft, den Baron Raittolbe zu bitten, Jacques zum Duell aufzufordern. Der sterbende Jacques, ach, liebe Leser*innen, lesen Sie diese schauderhafte Geschichte zu Ende und vers\u00e4umen Sie nicht, auch einen Blick in das XVII. abschlie\u00dfende Kapitel zu werfen. Es nimmt so vieles vorweg, was die zweite H\u00e4lfte des XX. Jahrhunderts in der Kulturgeschichte der Beziehungen zwischen Mann und Frau so pervers erscheinen l\u00e4sst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufkl\u00e4rung \u00fcber das dekadente XX. Jahrhundert mit seinem vielf\u00e4ltigen Rollentausch und der Frage nach der Identit\u00e4t von Frau und Mann &#8211; mit den interpretierenden Hinweisen auf Gynandrie, Homophilie, Inzest, Zoophilie &#8211; beschlie\u00dft das Nachwort von Martine Reid, die dieser bedeutsamer Publikation den Rang einer einzigartigen deutschsprachigen Erstver\u00f6ffentlichung verleiht. Wenn auch die Lekt\u00fcre von <em>Monsieur Venus <\/em>da und dort von Verwirrungen begleitet sein k\u00f6nnte, es bleibt der fesselnde Eindruck eines Romans aus der Feder einer emanzipierten Schriftstellerin, die nicht nur in der franz\u00f6sischen Literaturgeschichte eine f\u00fchrende Position eingenommen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rachilde. Monsieur V\u00e9nus<\/strong>. Materialistischer Roman. Aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt von Alexandra Beilharz und Anne Maya Schneider. Nachwort von Martine Reid. Ditzingen (Philipp Reclam jun. Verlag) 2020.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rachilde.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-70809\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rachilde.jpg\" alt=\"\" width=\"305\" height=\"499\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rachilde.jpg 305w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rachilde-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rachilde-260x425.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Rachilde-160x262.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 305px) 100vw, 305px\" \/><\/a><\/p>\n<h4>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat seit jeher ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u201eDieses Buch ist recht absto\u00dfend, dennoch kann ich nicht sagen, dass es mich schockiert. 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