{"id":70736,"date":"2023-03-16T00:01:33","date_gmt":"2023-03-15T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70736"},"modified":"2021-04-02T10:49:59","modified_gmt":"2021-04-02T08:49:59","slug":"kunst-und-die-infrastruktur-geteilter-intentionalitaet_1-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/16\/kunst-und-die-infrastruktur-geteilter-intentionalitaet_1-teil-2\/","title":{"rendered":"Kunst und die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t_2.Teil"},"content":{"rendered":"<ol start=\"2\">\r\n<li style=\"text-align: justify;\"><strong> Differenzierung<\/strong><\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.1<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Augenblick, in dem das Kind die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t ausbildet, wird es zum Handlungssubjekt, zum aktiv mitgestaltenden Teil seiner Lebenswelt. Ab dem zweiten Lebensjahr treten die Kinder zunehmend in die Phase des Erwerbs der gesprochenen Sprache ein. W\u00e4hrend dabei die Funktion der Zeigegesten erhalten bleibt, werden demgegen\u00fcber ikonische Gesten zunehmend weniger zu kommunikativen Zwecken benutzt. Diese Funktion \u00fcbernimmt mehr und mehr die gesprochene Sprache. Ikonische Gesten werden stattdessen zu spielerischen Zwecken \u201aumgeleitet\u2018: Kleinkinder entwickeln auf ihrer Basis das \u201eSo-tun-als-ob-Spiel\u201c (Tomasello 2017: 167). Ich \u201atrinke\u2018 aus einer leeren Tasse \u2013 das hei\u00dft, ich tue so, als ob ich trinken w\u00fcrde. Mit dieser Form des Spiels besch\u00e4ftigen sich die Kinder ihre gesamte Kindheit \u00fcber \u201eund werden dann schlie\u00dflich zu Erwachsenen, die sich allen m\u00f6glichen Arten von k\u00fcnstlerischen Unternehmungen widmen wie zum Beispiel dem Theater und der darstellenden Kunst\u201c (ebd.: 167; cf. auch Oehm 2019b: 340f.). Das \u201aSo-tun-als-ob-Spiel\u2018<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> der Kinder, dessen Entwicklung ohne die ausgebildete Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t nicht m\u00f6glich w\u00e4re, w\u00fcrde sich somit als erstes Stadium der Entwicklung zumindest der darstellenden K\u00fcnste erweisen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Generell basiert das menschliche Spiel als eine Form kooperativer Zusammenarbeit und sozialer Interaktion auf den F\u00e4higkeiten, Fertigkeiten und Motivationen geteilter Intentionalit\u00e4t. Wer nun nicht \u00fcber diese ontogenetisch etablierte psychologische Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t verf\u00fcgt, kann sich prinzipiell nicht an der situativen Ausgestaltung und Umsetzung sozialer Aktivit\u00e4ten und damit an den spezifisch menschlichen Formen der Zusammenarbeit und Kommunikation beteiligen, bei denen ein \u201aWir\u2018, das hei\u00dft ein Subjekt im Plural auftritt: \u201eDie unabdingbare Voraussetzung gemeinschaftlicher Handlungen ist ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Festlegung der Beteiligten darauf, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen\u201c (Tomasello 2017: 195). Zu den gemeinsamen Absichten und geteilten \u00dcberzeugungen gesellen sich als weitere unabdingbare Voraussetzungen noch ein wechselseitiges Hintergrundwissen (das hei\u00dft, um ein bei den in der gleichen Lebenswelt sozialisierten Beteiligten wechselseitiges implizites Wissen) sowie die gemeinsame Aufmerksamkeit dazu. Das hei\u00dft, diese ontogenetisch etablierte psychologische Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t kennzeichnet die <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung des Menschen auf der Handlungsebene \u2013 hinter sie kann der Mensch, ist sie einmal etabliert, im gesunden Zustand nicht mehr zur\u00fcckgehen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li><em>Ontogenetische Ebene<\/em>: Geteilte Intentionalit\u00e4t\/Wir-Intentionalit\u00e4t als elementare psychologische <em>Infrastruktur<\/em> menschlich-kooperativer Akte und <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung des Menschen.<\/li>\r\n<li><em>Handlungsebene<\/em><strong>:<\/strong> <em>Jegliche<\/em> menschliche Handlung pr\u00e4supponiert die ontogenetisch einmal etablierte Infrastruktur der geteilten Intentionalit\u00e4t (A.), unabh\u00e4ngig davon, welche Form der Intentionalit\u00e4t bei den Beteiligten im Vollzug einer aktualen Handlung situativ gegeben ist.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hei\u00dft, die <em>geteilte Intentionalit\u00e4t<\/em><em> als die im Vollzug einer aktualen Handlung situativ vorliegende <\/em><em>Intentionalit\u00e4tsvariante,<\/em> wie sie von Wilfrid Sellars, Raimo Tuomela, Kaarlo Miller, John R. Searle, Michael Bratman, Margaret Gilbert, Frank Liedtke u.a. diskutiert wird, und die <em>geteilte Intentionalit\u00e4t<\/em><em> als elementare psychologische Infrastruktur menschlich-kooperativer Akte<\/em>, wie sie Michael Tomasello beschreibt, sind auf zwei verschiedenen Ebenen zu verorten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.2<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschen sind nun, anders als Menschenaffen, in der Lage, von sich zu abstrahieren und bei Bedarf die Rolle des anderen einzunehmen: \u201e(M)enschliche Kleinkinder (verstehen) die gemeinsame T\u00e4tigkeit aus einer \u201aVogelperspektive\u2018\u201c (ebd.: 193). Spielen Schimpansen, so spielen sie stets sich. Spielen Menschen, so spielen sie sozial interaktiv. Die Vorstellung der gemeinsamen T\u00e4tigkeit des menschlichen Spiels bedeutet demnach, dass das Spiel als soziale Interaktion <em>stets<\/em> aus Spieler und Mitspieler besteht, die um die Rollen des jeweils anderen wechselseitig wissen und bei Bedarf imstande sind, die Perspektive zu wechseln und die Rollen zu tauschen. Selbst wenn das Kind alleine spielt, spielt es mit sich, ist es sich selbst Mitspieler (das wird deutlich, wenn Kinder vertr\u00e4umt mit ihren Puppen Rollenspiele spielen). Mit anderen Worten: Die Kategorie \u201aMitspieler\u2018 ist eine origin\u00e4r soziokulturelle, die in allen Formen sozialer Interaktion gegeben ist \u2013 im \u201aSpiel\u2018 und der \u201aKunst\u2018 ebenso wie im \u201aDialog\u2018.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wollen wir den Begriff \u201aMitspieler\u2018 aber nun in einem nicht allein auf das Spiel als soziale Interaktion beschr\u00e4nkten, sondern die sozialen Institutionen \u00fcbergreifenden Sinn verwenden, m\u00fcssen wir uns zun\u00e4chst vor Augen f\u00fchren, dass der Gebrauch des Wortes <em>Mitspieler<\/em> (cf. Differenzierung des Gebrauchs des Wortes <em>Kunst<\/em> in: Oehm 2019: 272) auf verschiedenen Ebenen stattfinden kann. Dabei erzeugen die \u201eGebrauchsregeln (\u2026) die Kategorien, nach denen wir unsere Welt klassifizieren\u201c (Keller 2018: 127), wobei diese Gebrauchsregeln nichts anderes sind als die Bedeutungen, aus denen sich die Begriffe bilden. So lassen sich auf zwei verschiedene Ebenen mindestens drei Gebrauchsweisen des Wortes <em>Mitspieler<\/em> differenzieren:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li><em><u>Mikroebene<\/u><\/em> -&gt; Gebrauch des Wortes <em>Mitspieler <\/em>(Handlungsebene: Ebene konkreter episodaler Ereignisse):<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M<\/sup> : <em>Mitspieler<\/em> \u2013 bezogen auf ein konkretes kompetitives Spiel, ein spezifisches Werk der modernen Kunst, einen situativen Dialog etc.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\r\n<li><em><u>Makroebene<\/u><\/em> -&gt; Gebrauch des Wortes <em>Mitspieler <\/em>(Ebene sozialer Institutionen):<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">C<sup>M.1<\/sup> : <em>Mitspieler<\/em> \u2013 bezogen auf episodale Ereignisse spezifischer \u00fcberindividueller sozialer Institutionen (z.B. kompetitives Spiel, moderne Kunst, Dialog)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">C<sup>M.2<\/sup> : <em>Mitspieler<\/em> \u2013 bezogen auf spezifische \u00fcberindividuelle soziale Institutionen (z.B. Spiel, Kunst, Kommunikation)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit aber nicht genug. Denn wir haben es zum Beispiel bei <em>kompetitiven<\/em> Team-Spielen (kT) wie etwa dem Fu\u00dfball oder dem Eishockey auf der Handlungsebene \u2013 das hei\u00dft: auf der uns hier vornehmlich interessierenden Mikroebene konkreter Ereignisse (1.) \u2013 zudem mit mindestens drei verschiedenen Typen von Mitspielern (M) zu tun:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.1<\/sup> : Die \u201aMitspieler\u2018 als <em>Spieler meines Teams<\/em>, die mit mir in gemeinschaftlicher Handlung agieren. Das hei\u00dft: \u201aWir\u2018 haben ein gemeinsames Ziel. Dar\u00fcber hinaus besteht eine gemeinsame Festlegung aller Beteiligten, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.2 <\/sup>: Die \u201aMitspieler\u2018 als <em>Gegenspieler<\/em>, also als Spieler des gegnerischen Teams, die auch in gemeinschaftlicher Handlung agieren und als \u201aWir\u2018 ebenfalls ein gemeinsames Ziel haben, bei dem eine gemeinsame Festlegung aller Beteiligten besteht, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.3<\/sup> : Die \u201aMitspieler\u2018 im Sinne Hans-Georg Gadamers, also als <em>Zuschauer<\/em>. Das hei\u00dft: der am Spiel teilnehmenden Beobachter. Sie sind konstitutiv f\u00fcr das Spiel<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Ohne sie w\u00e4re ein Spiel kein Spiel (eine Ahnung davon bekommen wir gerade ganz konkret in Zeiten leerer Stadien angesichts der Corona-Schutzma\u00dfnahmen). Dabei ist das Spiel f\u00fcr Gadamer geradezu Wesensbestimmung der Kunst: als ein freies Spiel, das ohne den Mitspieler im Sinne dieser dritten Bestimmung nicht bestehen kann. Er nennt es \u201edie participatio, die innere Teilnahme\u201c (Gadamer 2012: 39). \u201e(D)er Zuschauer ist offenkundig mehr als nur ein blo\u00dfer Beobachter, der sieht, was vor sich geht, sondern ist als einer, der am Spiel \u201ateilnimmt\u2018, ein Teil von ihm\u201c (ebd.: 39). Und weiter in einer Deutlichkeit, die nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrigl\u00e4sst: \u201eDer Mitspieler geh\u00f6rt zum Spiel\u201c (ebd.: 42), das wir als \u201aKunst\u2018 im Sinne einer sozialen Institution bezeichnen (auf der Handlungsebene etabliert der Mitspieler, wie ich an anderer Stelle ausgef\u00fchrt habe [Oehm 2019a: 15, auch Oehm 2019b: 194], durch seine teilnehmende Rezeption des Werks das Werk als <em>Kunst-Werk<\/em>: als rein subjektive, fl\u00fcchtige Signatur des Mitspielers, die keinen Bestand hat. Sie geh\u00f6rt <em>nicht<\/em> zum Werk selber, sondern ist der Disposition des Mitspielers geschuldet. Besitzt er keine diesbez\u00fcgliche Disposition, keine Empf\u00e4nglichkeit, wird das betreffende Werk ihm auch \u201anichts sagen\u2018.).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleiben wir einen Moment auf der Mikroebene konkreter Ereignisse und dort bei den kompetitiven Teamspielen (kT): Hier ist zum einen zu beachten, dass, treten zwei Mannschaften gegeneinander an, diese <em>intern<\/em> jeweils als \u201aWir\u2018 <em>konvergierende<\/em> Interessen verfolgen, die <em>extern<\/em> jedoch als <em>divergierende <\/em>Interessen wahrgenommen werden: Jeder will gewinnen, will den anderen besiegen. Und zum anderen: Auf der Metaebene des regelgeleiteten kompetitiven Spiels spielen beide Mannschaften ein <em>gemeinsames<\/em> Spiel. Das hei\u00dft, es besteht eine spezifische Konvergenz zwischen diesen beiden konkurrierenden Mannschaften: beide agieren in <em>korrespondierender<\/em> Handlung und haben, auf Basis der gemeinschaftlich akzeptierten Regeln, ein gemeinsames Ziel, bei dem eine gemeinsame Festlegung aller Beteiligten besteht, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen: <em>M\u00f6ge der Bessere gewinnen!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Bestimmung der jeweilig vorliegenden Intentionalit\u00e4t auf der Mikroebene konkreter Ereignisse, der Handlungsebene (B.), gilt es im Rahmen regelbasierter kompetitiver Team-Spiele also zumindest drei verschiedene Formen der Intentionalit\u00e4t zu differenzieren:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Die <em>geteilte<\/em> Intentionalit\u00e4t (gINT), die intern innerhalb eines Teams (als konvergierendes Interesse) bei Spielern und Mitspielern vorliegen muss.<\/li>\r\n<li>Die <em>kollektiv-selbstbezogene<\/em> Intentionalit\u00e4t (ksINT), als die sich die geteilte Intentionalit\u00e4t eines Teams extern dem gegnerischen Team (als divergierendes Interesse) gegen\u00fcber darstellt.<\/li>\r\n<li>Die <em>korrespondierende<\/em> Intentionalit\u00e4t (kINT) der konkurrierenden Teams eines kompetitiven Spiels: Beide verfolgen ihre jeweils selbstbezogenen Ziele im Rahmen geteilter Intentionalit\u00e4t auf Basis gemeinsam akzeptierter Regeln.<strong> <br \/><\/strong><\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\r\n<li><strong> Beschreibung <\/strong><\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.1<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es l\u00e4sst sich also festhalten: Die im Vollzug aktualer Handlungen situativ vorliegenden diversen Intentionalit\u00e4tsvarianten, so auch die der geteilten Intentionalit\u00e4t (gInt), pr\u00e4supponieren die ontogenetisch ausgebildete psychologische Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t. Nach ihrer Ausbildung im fr\u00fchen Kindesalter zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr ist <em>jede<\/em> Form kommunikativer Akte in diese infrastrukturelle Gegebenheit eingebettet, sie ist uns mithin zur eigentlichen Natur geworden. Der Mensch kann, so hat es Paul Watzlawick einmal pr\u00e4gnant formuliert, nicht nicht kommunizieren. Tomasellos Forschungsergebnisse zeigen nun, dass der Mensch nicht nur stets kommuniziert, sondern dies auch immer auf Basis der Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t tut (eine St\u00f6rung dieser prinzipiellen infrastrukturellen Gegebenheit deutet deshalb in der Regel auf eine psychotische Krise hin).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Form menschlich-sozialer Interaktion erweist sich demnach strukturell als intersubjektives Unternehmen mit wechselseitig vorausgesetzter prosozialer Motivation zur Kommunikation: Was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, ist seine F\u00e4higkeit, die reflexive Intention des anderen erkennen zu k\u00f6nnen. Er kann von sich abstrahieren, kann die Rolle des anderen einnehmen und die gemeinsame T\u00e4tigkeit aus einer Vogelperspektive betrachten. Mit anderen Worten: Der Mensch spielt nie allein, selbst wenn er allein ist. Er agiert als Mensch stets im Rahmen der Struktur <em>Spieler &#8211; Mitspieler<\/em>. Auf der Handlungsebene, der Mikroebene konkreter episodaler Ereignisse, haben wir nun, beispielhaft f\u00fcr die soziale Interaktion <em>\u201akonkretes kompetitives Spiel\u2018<\/em>, vorerst drei verschiedene Typen von \u201aMitspielern\u2018 differenziert (Mitspieler als Spieler meines Teams, als Gegenspieler sowie als Zuschauer), bei denen wiederum zumindest drei Intentionalit\u00e4tsvarianten zu differenzieren sind: die geteilte, die kollektiv-selbstbezogene sowie die korrespondierende Intentionalit\u00e4t:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><u>Kompetitives Teamspiel<\/u><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.1 -&gt; gINT<\/sup> : Die \u201aMitspieler\u2018 als <em>Spieler meines Teams<\/em>, die mit mir auf Basis <em>geteilter<\/em> Intentionalit\u00e4t (gINT) in gemeinschaftlicher Handlung agieren. Das hei\u00dft: \u201aWir\u2018 haben ein gemeinsames Ziel. Dar\u00fcber hinaus besteht eine gemeinsame Festlegung aller Beteiligten, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen: <em>\u201aWir\u2018 wollen gegen das andere \u201aWir\u2018 gewinnen.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.1 -&gt; ksINT<\/sup> : Die Intentionalit\u00e4t, die sich innerhalb eines Teams als geteilte Intentionalit\u00e4t mit konvergierenden Interessen darstellt, stellt sich gegen\u00fcber dem konkurrierenden Team als <em>kollektiv-selbstbezogene<\/em> Intentionalit\u00e4t (ksINT) mit divergierendem Interesse dar: <em>Das andere \u201aWir\u2018 will <\/em><em>gegen \u201aUns\u2018 gewinnen.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.1 -&gt; kINT<\/sup> : Bei einem regelgeleiteten kompetitiven Spiel spielen die konkurrierenden Mannschaften \u2013 und damit die jeweiligen \u201aMitspieler\u2018 auf beiden Seiten \u2013 in spezifischer Hinsicht ein <em>gemeinsames<\/em> Spiel. Beide \u201aWir\u2018 agieren auf Basis gemeinschaftlich akzeptierter Regeln mit <em>korrespondierender<\/em> Intentionalit\u00e4t (kINT). Das hei\u00dft, sie haben, trotz aller Konkurrenz, ein gemeinsames Ziel, bei dem eine gemeinsame Festlegung aller Beteiligten besteht, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen: <em>M\u00f6ge der Bessere gewinnen!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.2 -&gt; gINT <\/sup>: Die \u201aMitspieler\u2018 als <em>Gegenspieler<\/em>, also als Spieler des gegnerischen Teams, agieren auch auf Basis <em>geteilter<\/em> Intentionalit\u00e4t (gINT) in gemein-schaftlicher Handlung. Dabei haben sie, vice versa, als \u201aWir\u2018 ein gemeinsames Ziel, bei dem eine gemeinsame Festlegung aller Beteiligten besteht, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen: <em>\u201aWir\u2018 wollen gegen das andere \u201aWir\u2018 gewinnen.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.2 -&gt; ksINT<\/sup> : Analog zu B<sup>M.kT.1 -&gt; ksINT<\/sup> stellt sich die Intentionalit\u00e4t der Gegenspieler, die sich ihnen intern als geteilte Intentionalit\u00e4t mit konvergierenden Interessen darstellt, \u201aUns\u2018 als <em>kollektiv-selbstbezogene<\/em> Intentionalit\u00e4t (ksINT) mit divergierendem Interesse dar: <em>Das andere \u201aWir\u2018 will <\/em><em>gegen \u201auns\u2018 gewinnen. <\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.2 -&gt; kINT<\/sup> : entspricht als <em>korrespondierende<\/em> Intentionalit\u00e4t (kINT) der beiden konkurrierenden Mannschaften B<sup>M.kT.1 -&gt; kINT<\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B<sup>M.kT.3<\/sup> : Die \u201aMitspieler\u2018 als teilnehmende <em>Zuschauer<\/em> nehmen eine spezifische Rolle ein. Einerseits sind sie konstitutiv f\u00fcr kompetitive regelbasierte Spiele, andererseits sind sie aber nicht unmittelbar an diesem Spiel beteiligt. Sie geh\u00f6ren laut Regelwerk nicht zu den Spielern eines Teams und damit qua definitionem zu keinem der beiden m\u00f6glichen \u201aWir\u2018. Auch wenn die emotionale Identifikation des einen oder anderen Zuschauers mit seiner Mannschaft bisweilen so weit gehen kann, dass sie in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis durchaus zu einem \u201aWir\u2018 geh\u00f6ren, ja manchmal sogar meinen, das wahre \u201aWir\u2018 zu repr\u00e4sentieren (aber dieses \u201aWir\u2018 liegt auf einer anderen Ebene). Ihre Intentionalit\u00e4t als teilnehmende Zuschauer ist dementsprechend nicht integraler Bestandteil der Spielhandlung, also weder der geteilten, kollektiv-selbstbezogenen oder korrespondierenden Intentionalit\u00e4t der teilnehmenden Spieler zuzuordnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.2<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gemeinsames Ziel und die gemeinsame Festlegung zu haben, eben dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen, scheint ein durchgehendes Merkmal aller kompetitiven Team-Spiele zu sein. Analoges l\u00e4sst sich von der <em>disputatio<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><strong>[3]<\/strong><\/a><\/em>, die im Mittelalter \u00fcbliche und mithin regelgeleitete Form der Kl\u00e4rung wissenschaftlicher Streitfragen, sagen. Ihr gemeinsames Ziel war nicht, wie bei einem komplement\u00e4ren Sprechakt, die \u201akooperativ erarbeitete und komplement\u00e4r hergestellte Deutung\u2018, sondern die \u201aschl\u00fcssigste Deutung\u2018. Hier wie in typisch kompetitiven Team-Spielen (Fu\u00dfball, Basketball, Eishockey etc.) konkurrierten Spieler und Gegenspieler auf Basis gemeinschaftlich akzeptierter Regeln mit <em>korrespondierender<\/em> Intentionalit\u00e4t miteinander: Es handelte sich bei <em>allen<\/em> Teilnehmern der <em>disputatio<\/em> um \u201aMitspieler\u2018, die insofern eine gemeinsame Handlung ausf\u00fchrten, als dass sie ein gemeinsames Ziel verfolgten \u2013 <em>m\u00f6ge der Bessere gewinnen<\/em>. Die \u201aMitspieler\u2018 der eigenen Mannschaft besa\u00dfen bei konvergierenden Interessen im<em> Innenverh\u00e4ltnis<\/em> eine <em>geteilte<\/em> Intentionalit\u00e4t, die sich als <em>kollektiv-selbstbezogene<\/em> Intentionalit\u00e4t bei divergierenden Interessen im<em> Au\u00dfenverh\u00e4ltnis<\/em> gegen\u00fcber der konkurrierenden Mannschaft darstellte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommt es bei den Beteiligten kompetitiver Team-Spiele<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> zu Abweichungen vom gemeinsamen Ziel <em>,M\u00f6ge der Bessere gewinnen!\u2018<\/em> (Spieler\/Team verlassen w\u00e4hrend des laufenden Spiels das Spielfeld; Spieler\/Team spielen w\u00e4hrend des Spiels im Sinne des gegnerischen Teams; Spieler\/Team nehmen nicht am Spiel teil etc.), so liegt bei ihnen offensichtlich nicht die f\u00fcr den erfolgreichen Vollzug der Spielhandlung erforderliche geteilte, kollektiv-selbstbezogene und korrespondierende Intentionalit\u00e4t vor: \u201aMitspieler\u2018 (\u201aSpieler des eigenen Teams\u2018 oder \u201aGegenspieler\u2018) kann auf der Handlungsebene nur der sein, der die Regeln und Implikationen des jeweiligen kompetitiven Spiels kennt und beachtet, sich also ihnen entsprechend verh\u00e4lt. \u201aMitspieler\u2018 sind in kompetitiven Team-Spielen aber nicht allein die unmittelbar an dem Spiel Beteiligten, sondern zudem auch die teilnehmenden Zuschauer. Welche Bedingungen nun jemand erf\u00fcllen muss, um nicht nur blo\u00dfer Beobachter, sondern <em>teilnehmender<\/em> Zuschauer, also in dieser Hinsicht auch \u201aMitspieler\u2018 sein zu k\u00f6nnen, ist wiederum von verschiedenen Faktoren abh\u00e4ngig, die ihrerseits von Spiel zu Spiel, von Epoche zu Epoche, von Kultur zu Kultur und von Gesellschaft, sozialer Gruppe, Sprachgemeinschaft und Ethnie zu Gesellschaft, sozialer Gruppe, Sprachgemeinschaft und Ethnie verschieden sein k\u00f6nnen. So kann in manchen Spielen der Beobachter nur dann<em> teilnehmender<\/em> Zuschauer resp. \u201aMitspieler\u2018 sein, wenn er in eben der spezifischen Lebenswelt sozialisiert wurde, in der das Spiel gespielt wird. Dies gilt insbesondere f\u00fcr solche Spiele, die einem kultischen Ritual dienen, wie es bei den mesoamerikanischen Ballspielen der Fall war. Bei anderen Spielen k\u00f6nnen die Bedingungen gegebenenfalls weniger rigide sein, so dass aus einem blo\u00dfen Beobachter leichter ein teilnehmender Zuschauer und damit ein \u201aMitspieler\u2018 werden kann. So zum Beispiel auch ein Beobachter, der nicht in der europ\u00e4ischen Kultur sozialisiert wurde und weder etwas \u00fcber die spezifische Auspr\u00e4gung geteilter, kollektiv-selbstbezogener und korrespondierender Intentionalit\u00e4t in Fu\u00dfballspielen noch \u00fcber \u201adie participatio, die innere Teilnahme\u2018 des teilnehmenden Zuschauers und seine emotionale Verbundenheit mit der einen oder anderen Mannschaft wei\u00df. Erlebt er dann live die Atmosph\u00e4re der Gelben Wand, der Dortmunder S\u00fcdtrib\u00fcne, von The Kop, der Fantrib\u00fcne des FC Liverpool an der Anfield Road oder in La Bombonera, dem Stadion der Boca Juniors aus Buenos Aires inmitten euphorisierter Zuschauer der Heimmannschaft, so wird auch er, vorausgesetzt, er verf\u00fcgt \u00fcber eine bestimmte dispositionelle Grundverfassung, im Laufe des Spiels schnell zum teilnehmenden Zuschauer, ergo zum \u201aMitspieler\u2018 werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.3<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie verh\u00e4lt es sich nun bei der sozialen Aktivit\u00e4t \u201aDialog\u2018? Es gibt zum einen Formen, die durch die geteilte Intentionalit\u00e4t von \u201aSpieler\u2018 und \u201aMitspieler\u2018, den beiden Gespr\u00e4chspartnern, gekennzeichnet sind (<em>komplement\u00e4re<\/em> Dialoge). Bei ihnen muss die gegenseitige stillschweigende \u00dcbereinkunft bestehen, dass sie eine gemeinsame Handlung ausf\u00fchren, bei der sie ein gemeinsames Ziel verfolgen und es eine gemeinsame Festlegung besteht, eben dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen. Auch wenn sie dabei kein klar konturiertes Ziel vor Augen haben wie der Trupp M\u00f6belpacker, der ein Klavier von A nach einem definierten B tragen soll, so k\u00f6nnen sie sich doch im Geiste geteilter Intentionalit\u00e4t, die auf die Maxime gelingender Kooperation ausgelegt ist, <em>ad hoc<\/em> ein offenes, gemeinsam bestimmtes Ziel \u201asetzen\u2018: <em>Lass uns gemeinsam eine plausible Antwort finden!<\/em> Demgegen\u00fcber gibt es aber auch Formen, bei denen dies nicht der Fall ist (<em>kompetitive<\/em> Dialoge). Das verdeutlicht der Linguist Frank Liedtke in einer Gegen\u00fcberstellung komplement\u00e4rer und kompetitiver Gespr\u00e4chssituationen anhand transkribierter Dialoge, die im Leipziger Museum der Bildenden K\u00fcnste aufgenommen wurden. In einem ersten Dialog, bei dem es um die Deutung eines Bildes geht, haben beide am Gespr\u00e4ch Beteiligte <em>konvergierende<\/em> Sichtweisen. Es liegt somit \u201eder Fall eines gemeinsamen, kooperativ hergestellten und damit ko-konstruierten Sprechakts\u201c (Liedtke 2019: 16) ergo der einer <em>geteilten<\/em> Intentionalit\u00e4t (Wir-Intentionalit\u00e4t) vor. Ein zweiter Dialog hingegen ist durch <em>divergierende<\/em> Sichtweisen beider Beteiligten gepr\u00e4gt, was als \u201eVorkommnis zweier individueller Sprechakte (\u2026) aufzufassen\u201c (ebd.: 16) ist: Es treffen hier zwei <em>selbstbezogene<\/em> Intentionen aufeinander; eine geteilte Intention ist nicht gegeben. In diesem Fall greift, so Liedtke, allein das \u201eGrice\u2019sche Kooperationsprinzip<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, das lediglich die Einhaltung einer gemeinsamen Richtung des Gespr\u00e4chs verlangt\u201c (ebd.: 16).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Erachtens handelt es sich dabei jedoch um zwei verschiedene Formen <em>kompetitiver<\/em> Dialoge, die sorgsam auseinandergehalten werden sollten:<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Bei kompetitiven Dialogen, bei denen sich die Beteiligten, die <em>divergierende<\/em> Sichtweisen vertreten, auf Basis rein <em>selbstbezogener <\/em>Intentionalit\u00e4t begegnen und strikt ihre selbstbezogenen Ziele verfolgen, agiert der Andere nicht als \u201aMitspieler\u2018, sondern ausschlie\u00dflich als \u201aGegenspieler\u2018. In diesem Fall, bei dem keine <em>korrespondierende<\/em> Intentionalit\u00e4t der Gespr\u00e4chsteilnehmer vorliegt, kann man nur sehr bedingt davon sprechen, dass es einen gemeinsam akzeptierten Zweck oder eine akzeptierter Richtung des Gespr\u00e4chs Und nur das w\u00fcrde die Aussage rechtfertigen, dass hier das Grice\u2019sche Kooperationsprinzip greift. So aber lautet der Schlachtruf konsequent selbstgezogen: <em>Ich hab recht (und werde gewinnen)!<\/em><\/li>\r\n<li>Bei kompetitiven Dialogen, bei denen das Grice\u2019sche Kooperationsprinzip greift,<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">verfolgen die Gespr\u00e4chsteilnehmer ihre jeweils selbstbezogenen Ziele und divergierenden Sichtweisen auf Basis einer gemeinsam vertretenen diskursiven Ethik, die in gewisser Hinsicht ein gemeinsames Ziel<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> definiert \u2013 die Gespr\u00e4chs-teilnehmer begegnen sich im Rahmen korrespondierender Intentionalit\u00e4t als \u201aSpieler\u2018 und \u201aMitspieler\u2018, der als \u201aGegenspieler\u2018 auftritt. So lautet der Slogan hier eher \u00e4hnlich wie bei regelbasierten kompetitiven Team-Spielen: <em>M\u00f6ge das bessere Argument gewinnen!<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei kompetitiven Dialogen, bei denen das Grice\u2019sche Kooperationsprinzip greift, gibt es unter den \u201aMitspielern\u2018 die stillschweigende Vereinbarung, nach Vorlage der Argumente die Deutung des anderen als die schl\u00fcssigere zu akzeptieren. Hier w\u00e4re der idealtypisch-herrschaftsfreie Diskurs zu verorten, den J\u00fcrgen Habermas in seiner Theorie kommunikativen Handelns vor Augen hat, wie auch die mittelalterliche <em>disputatio<\/em>, die \u00e4hnlich wie ein regelbasiertes kompetitives Team-Spiel konzipiert ist. Erweitert man die Teilnehmer des Leipziger Dialogs mit divergierenden Sichtweisen auf beiden Seiten tentativ um mindestens eine Person, so wird dies augenf\u00e4llig: Bei beiden \u201aDialog-Teams\u2018 liegt intern eine <em>geteilte<\/em> Intentionalit\u00e4t (gINT) vor, die sich extern, in der spielerischen Konfrontation beider Teams, dem jeweils anderen Team als <em>kollektiv-selbstbezogene<\/em> Intention (ksINT) darstellt. Wobei beide Parteien wiederum, vorausgesetzt, sie erachten die gemeinsam verabredeten und akzeptierten Regeln als verbindlich, eine <em>korrespondierende<\/em> Intentionalit\u00e4t (kINT) besitzen. Das hei\u00dft: Im Rahmen intern geteilter Intentionalit\u00e4t verfolgen die konkurrierenden \u201aDialog-Teams\u2018 ihre jeweils kollektiv-selbstbezogenen Ziele auf Basis einer beide Teams umfassenden korrespondierenden Intentionalit\u00e4t.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Je nach Konstellation des Dialogs kann gegebenenfalls die Etablierung weiterer Begriffe \u201aMitspieler\u2018 erforderlich werden. So bei Diskursen, die sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum erstrecken und an denen sich eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl Teilnehmer unterschiedlicher Provenienz und Interessenslage beteiligen (z.B. bei Interventionen in die \u201aallgemeinen diskursiven Kontexte ihrer Zeit\u2018 [Quentin Skinner]). Hier finden sich solche \u201aMitspieler\u2018, die ganz im Sinne eines Dialog-Teams argumentieren, den kompetitiven Charakter des Diskurses au\u00dfer acht lassen und im Innenverh\u00e4ltnis im Sinne geteilter Intentionalit\u00e4t einen komplement\u00e4ren Dialog f\u00fchren, den Blick ausschlie\u00dflich auf das gemeinsame Ziel gerichtet. Dann finden sich auch \u201aMitspieler\u2018, die sich, wie bei einem kompetitiv organisierten Team-Spiel auf Basis korrespondierender Intentionalit\u00e4t im Sinne des \u00fcbergeordneten Ziels (<em>m\u00f6ge das bessere Argument gewinnen!<\/em>) verhalten und zum \u201aMitspieler\u2018 eines Dialog-Teams und damit zum \u201aMitspieler als Gegenspieler\u2018 des anderen Dialog-Teams werden: Verf\u00fcgen sie im<em> Gemeinschaftsverh\u00e4ltnis<\/em> \u00fcber korrespondierende Intentionalit\u00e4t, verf\u00fcgen sie im<em> Innenverh\u00e4ltnis<\/em> \u00fcber geteilte\/Wir-Intentionen, die sich im<em> Au\u00dfenverh\u00e4ltnis<\/em> als kollektiv-selbstbezogene Intentionen darstellen. Werden die Dialoge im \u00f6ffentlichen Rahmen gef\u00fchrt, kann es zudem zu Interventionen in die diskursiven Kontexte kommen, die die dialogische Konstruktion substantiell erweitert. Leser, Zuh\u00f6rer, Zuschauer et al. k\u00f6nnen dabei zu <em>teilnehmenden<\/em> Lesern, Zuh\u00f6rern, Zuschauern und damit ebenfalls zu \u201aMitspielern\u2018 werden \u2013 sowohl im Sinne komplement\u00e4rer Dialoge als auch kompetitiver Dialoge, bei denen das Grice\u2019sche Kooperationsprinzip greift. In diesem Fall k\u00f6nnen sie sich zwar dem \u00fcbergeordneten Ziel verpflichtet f\u00fchlen, m\u00fcssen dabei aber weder die eine noch die andere divergierende Sichtweise eines der Dialog-Teams goutieren, vice versa also weder mit der einen noch der anderen Sichtweise konvergieren. Sie k\u00f6nnen eine dritte, vierte oder f\u00fcnfte etc. Position vertreten, so dass sich die Anzahl der konkurrierenden Dialog-Teams ad infinitum erweitern kann. Auch gibt es Teilnehmer, die sich nicht nur keinem Team, sondern auch nicht dem Grice\u2019sche Kooperationsprinzip verpflichtet f\u00fchlen, also einen kompetitiven Diskursbeitrag liefern, der einer <em>divergierenden<\/em> Sichtweise entspricht und konsequent selbstbezogen ist \u2013 um nur einige m\u00f6gliche Typen von Teilnehmern (sprich: \u201aMitspielern\u2018) zu nennen, die im Laufe des Diskurses in der Diachronie denkbar sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.4<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch \u201aKunst\u2018 ist insofern ein kooperatives Unternehmen, als es allen daran Beteiligten gar nicht m\u00f6glich w\u00e4re \u201amitzuspielen\u2018, w\u00fcrden sie nicht \u00fcber diese phylogenetisch angelegte und ontogenetisch jeweils ausgebildete elementare psychologische Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t und den damit einhergehenden F\u00e4higkeiten, Fertigkeiten und Motivationen zum kooperativen Handeln verf\u00fcgen. Aber bei diesem spezifisch kooperativen Unternehmen \u201aKunst\u2018 ist einiges anders als bei den kooperativen Unternehmen \u201aSpiel\u2018 oder \u201aDialog\u2018. Es beginnt bereits damit, dass es \u201adie Kunst\u2018 als Oberbegriff (und nicht z\u00e4hlbares Substantiv, <em>mass noun<\/em>) aller k\u00fcnstlerischen Gattungen erst seit gut 200 Jahren gibt. Zuvor waren es nur die diversen einzelnen K\u00fcnste, zu denen, je nach Epoche, bisweilen recht unterschiedliche Gattungen gez\u00e4hlt wurden. Doch auch diese K\u00fcnste haben ihre T\u00fccken. Denn reden wir von ihnen, reden wir tats\u00e4chlich erst einmal \u00fcber ein K\u00f6nnen: Das althochdeutsche Wort <em>kunst<\/em> ist ein Verbalabstraktum zu \u201ak\u00f6nnen\u2018 und bedeutet urspr\u00fcnglich \u201aWissen, Verstehen\u2018. Es handelt sich um eine Lehnbedeutung, die sich aus der \u00dcbersetzung des lateinischen <em>ars<\/em> und des griechischen <em>techn\u00e9 <\/em> herleitet. Mit anderen Worten: Selbst die Aussage, der Begriff \u201aKunst\u2018 sei abendl\u00e4ndisch gepr\u00e4gt, ist mit h\u00f6chster Vorsicht zu genie\u00dfen \u2013 weder Kelten noch Germanen oder Slawen war etwas derartiges gel\u00e4ufig, was die Griechen mit dem Begriff \u201atechn\u00e9\u2018 und sp\u00e4ter die R\u00f6mer mit dem Begriff \u201aars\u2018 bezeichneten. Das hei\u00dft, wir reden \u00fcber einen urspr\u00fcnglich hellenistischen Begriff, der, streng genommen, auf andere Kulturen (Gesellschaften, Sprachgemeinschaften, Epochen) nicht ohne Weiteres anwendbar ist. Insbesondere nicht auf solche, die erst im Zuge der aggressiven europ\u00e4ischen Kolonialisierung der letzten 500 Jahre in den zweifelhaften Genuss gekommen sind, von der abendl\u00e4ndischen Kultur, ihren Denkmustern und Traditionslinien \u00fcberformt zu werden. Die recht unbedarfte Etikettierung ihrer vergangenen, gegenw\u00e4rtigen und auch kommenden literarischen, musikalischen, malerischen etc. \u00c4u\u00dferungen mit dem eurozentrischen Begriff \u201aKunst\u2018 durch Experten, die im abendl\u00e4ndischen Kulturkreis sozialisiert wurden, mutet wie eine Projektion resp. R\u00fcckprojektion gegenw\u00e4rtiger westlicher Kategorien auf andere Kulturen und Epochen<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> an. Verfallen nun gar Experten aus eben jenen L\u00e4ndern, die Leidtragende des kultur\u00fcberformenden und -zerst\u00f6renden europ\u00e4ischen Kolonialismus waren, einem solch leichtfertigen Sprachgebrauch, so wirkt dieser Vorgang nachgerade verst\u00f6rend.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber lassen wir an dieser Stelle diese grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterungen einmal beiseite. Konzentrieren wir uns darauf, was in abendl\u00e4ndischer Tradition derzeit <em>K\u00fcnste<\/em> genannt wird oder als \u201aKunst\u2018 gilt (cf. die Differenzierung der verschiedenen Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> in Oehm 2019b: 83, 92ff.; auch: Oehm 2019a: 10ff.): So sehr, wie unter Kunstwissenschaftlern und Kunstsoziologen Einigkeit dar\u00fcber besteht, dass der Status der verschiedenen \u00fcberindividuellen sozialen Institutionen (Musik, bildende Kunst, Theater etc.) und deren Artefakte in den verschiedenen Epochen der verschiedenen europ\u00e4ischen Kulturen ein jeweils anderer war und dass dieser Status dementsprechend jeweils aus <em>seiner<\/em> Zeit und <em>seiner<\/em> Kultur heraus verstanden werden muss, so wenig halten sich viele dieser Experten an die Konsequenzen ihrer eigenen Einsicht. Anders ist es kaum zu erkl\u00e4ren, dass selbst die H\u00f6hlenmalerei von Altamira heute noch ganz selbstverst\u00e4ndlich und v\u00f6llig unwidersprochen <em>Kunst<\/em> genannt wird. Ganz so, als g\u00e4be es von dort aus eine direkte, ungebrochene Traditionslinie bis in die New Yorker, Londoner oder D\u00fcsseldorfer Ateliers heutiger Kunstschaffender. Ja, als bes\u00e4\u00dfe das, was auf den verschiedenen Ebenen recht inflation\u00e4r und gerne mythisch raunend <em>Kunst<\/em> genannt wird, Ewigkeitscharakter: Wir etikettieren durchg\u00e4ngig durch alle Epochen und Kulturen die verschiedensten sozialen Institutionen und Artefakte als <em>Kunst<\/em>. Wobei sich vor allem eine Frage stellt: Was legitimiert uns eigentlich dazu? Wenn keine dezidiert dichte Beschreibung der jeweiligen synchronen Konstellationen und der \u201eallgemeinen diskursiven Kontexte ihrer Zeit\u201c (Skinner 2009b: 81) vorgelegt werden kann, die eine Kennzeichnung von Institutionen und Artefakten aus ihrer Zeit heraus und f\u00fcr diese Zeit als <em>Kunst<\/em> schl\u00fcssig rechtfertigt \u2013 handelt es sich dann nicht eher um eine R\u00fcckprojektion des heutigen Verst\u00e4ndnisses von Kunst auf vergangene k\u00fcnstlerische \u00c4u\u00dferungen (cf. Gallus 2019)? Wird dabei im Gebrauch des Etiketts <em>Kunst<\/em>, ungeachtet des Wandels seiner Gebrauchsweise und Implikationen, nicht unbewusst, ungeplant, unreflektiert das eurozentrische Weltbild perpetuiert und global zementiert?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unabh\u00e4ngig davon, wie diese Fragen im Einzelfall zu beantworten sind: Ein wesentlicher Unterschied heutiger Kunstschaffender globaler Provenienz zu den \u201aKunstschaffenden\u2018 vergangener Epochen und Kulturen ist, dass sie \u201enicht mehr in einer Gemeinde\u201c (Gadamer 2012: 10) wirken. Ihre \u00c4u\u00dferungen in den jeweiligen k\u00fcnstlerische Gattungen sind nicht mehr wie selbstverst\u00e4ndlich in das in der jeweiligen Synchronie gegebene kollektive Verst\u00e4ndnis einer \u201aGemeinde\u2018 eingebettet. Ihre \u201aGemeinde-mitglieder\u2018 k\u00f6nnen folglich diese \u00c4u\u00dferungen nicht mehr \u201aim Schlaf verstehen\u2018, wie dies vielleicht noch die Griechen konnten, wenn sie ins Theater gingen, um die St\u00fccke von Aischylos, Sophokles oder Aristophanes zu sehen. Oder die mittelalterlichen Adligen, die den Dichtungen der Troubadoure lauschten, die leseunkundigen Gl\u00e4ubigen, die ehrf\u00fcrchtig staunend die Bedeutungsmalerei in einer gotische Kirche betrachteten oder auch die Japaner, die den Auff\u00fchrungen des Kabuki oder No-Theaters beiwohnten. Eben diese Unf\u00e4higkeit bezeichnet aber gerade ein historisches Momentum: Bei der modernen Kunst handelt es sich nicht mehr um eine in spezifischer Weise gemeinschaftliche Handlung der Mitglieder einer Gesellschaft. Es ist keine Konstellation mehr zu erkennen, bei der \u201eein Subjekt im Plural, ein \u201aWir\u2018 auftritt\u201c (Tomasello 2017: 17), wo es \u201egemeinsame Ziele, gemeinsame Absichten, wechselseitiges Wissen, geteilte \u00dcberzeugungen\u201c (ebd.: 17) gibt. Es besteht auch kaum mehr gemeinsames Hintergrundwissen bei gemeinsamer Aufmerksamkeit (bestenfalls bei einer kulturinteressierten und kunstaffinen <em>peer group<\/em>). Ebenso wenig wird ein gemeinsames Ziel verfolgt mit einer gemeinsamen Festlegung der Beteiligten darauf, eben dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen. Damit verliert das Kunstschaffen seine Funktion, gruppenspezifische Bindungen auf Basis eines gemeinsamen begrifflichen Hintergrunds unter Festlegung auf gemeinsame kulturelle Ziele zu st\u00e4rken, was zur Konstitution der gemeinsamen Identit\u00e4t einer Gesellschaft beitragen kann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunstschaffen ist heute, wie Gadamer bereits betonte, ein weitgehend singul\u00e4rer Akt ohne Gemeinde, der die Rezipienten zur aktiven Teilnahme auffordert. Wobei es dabei prim\u00e4r nicht um ein Verstehen geht, schon gar nicht um ein Verstehen von <em>Kunst<\/em>, sondern um einen perlokution\u00e4ren Akt, eine intentionale Inspiration zur Assoziation: <em>\u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018<\/em>. Es ist befreites, befreiendes, selber schaffendes, eigenverantwortliches Mitspielen des Rezipienten. Das immer wieder ein episodal neues, intersubjektiv konstituiertes und damit ein zeitlich befristetes, gemeinsames Kunstverst\u00e4ndnis (genauer gesagt: diverse neu konstituierte Verst\u00e4ndnisse von \u201aKunst\u2018, denn es gibt auf der synchronen Achse nie nur genau ein Verst\u00e4ndnis, das f\u00fcr die Dauer einer Episode verbindlich f\u00fcr alle gilt) innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft auf der Mikro- wie Makroebene schafft und wandelt: durch die Rezipienten, durch die Kunstschaffenden, durch den Prozess der unsichtbaren Hand.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.5<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragen wir nach dem Begriff \u201aMitspieler\u2018 und seinen Differenzierungen in der Kunst, kommen wir nicht umhin, die jeweilige Ebene, Gattung, Epoche und Kultur zu befragen. So ist auf der <em>ontogenetischen Ebene<\/em>, wie bei allen sozialen Aktivit\u00e4ten, die elementare psychologische Infrastruktur kooperativen Verhaltens gegeben. Mit ihrer Ausbildung wird sie dem Menschen zur eigentlichen Natur. Selbst ein Kunstschaffender, der, abgeschottet von allen anderen, sein Leben als ewiger Robinson auf einer einsamen Insel verbringt, vermag seine Kunst nicht ohne diese ihm ontogenetisch gegebene Infrastruktur zu erschaffen. Insofern kann er, erschafft er ein Werk, aufgrund seiner dispositionellen Grundverfassung als kooperatives, intersubjektiv agierendes Wesen in gewisser Hinsicht nie allein sein. Er ist sich selbst stets Freitag und damit \u201aMitspieler\u2018.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Um nun auf der <em>strukturellen Handlungsebene<\/em> der modernen Kunst die verschiedenen Begriffe \u201aMitspieler\u2018 bestimmen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste zuvor der Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 selbst bestimmt werden. Handelt es sich doch bei dem Begriff \u201aKunst\u2018 wie gesagt um einen erst im 18. Jahrhundert etablierten Oberbegriff <em>aller<\/em> Gattungen und Sch\u00f6pfungen. Zudem beansprucht dieser Begriff, dass er die Komprehension aller K\u00fcnste, also die Menge aller vergangenen, heutigen wie auch zuk\u00fcnftigen Kunstgattungen umfasst. Der auf diesen Begriff rekurrierende Begriff \u201amoderne Kunst\u2018<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> m\u00fcsste also gewisserma\u00dfen als episodales Ereignis aus diesem Oberbegriff extrahiert und in einem n\u00e4chsten Schritt auf gegenw\u00e4rtige spezifische \u00fcberindividuelle soziale Institutionen \u2013 also den verschiedenen K\u00fcnsten \u2013 abgebildet werden (cf. Oehm 2019b: 83, 92ff.; auch: Oehm 2019a: 10ff, unsere vorl\u00e4ufige Differenzierung der Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> w\u00fcrde sich dann um eine weitere Gebrauchsweise erweitern: <em>\u201aKunst\u2018 als episodales Ereignis der allgemeinen \u00fcberindividuellen sozialen Institution<\/em>).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Welches sind aber nun die K\u00fcnste, die zur Zeit zur \u201amodernen Kunst\u2018 gerechnet werden? \u201eWir haben heute\u201c, so konstatiert die Kunstphilosophin Juliane Rebentisch, \u201elauter Werke vor uns, die ganze Gattungen begr\u00fcnden, aber doch zugleich nur f\u00fcr dieses jeweilige Werk: Nirgends geht es mehr darum, Prototypen f\u00fcrs Kunstmachen im Allgemeinen zu generieren\u201c (Rebentisch 2015: 110). Wer vermag in Zeiten solch entgrenzter Gattungen da noch die K\u00fcnste z\u00e4hlen, geschweige denn analysieren, wann und wo welcher Begriff \u201aMitspieler\u2018 resp. welche Form der Intentionalit\u00e4t bei den Beteiligten jeweils vorliegt? Es bleibt uns nicht viel anderes \u00fcbrig, als recht willk\u00fcrlich Gattungen (resp. Werke, die eine ganze Gattung begr\u00fcnden) herauszugreifen, die gegenw\u00e4rtig in den abendl\u00e4ndisch gepr\u00e4gten Gesellschaften und Kulturen in allgemeiner Akzeptanz bei relevanten Gruppen<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> als \u201amoderne Kunst\u2018 gelten, um an ihnen exemplarisch aufzuzeigen, welche Begriffe \u201aMitspieler\u2018 zu differenzieren sind:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">(i)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bildende Kunst: <em>moderne Malerei<\/em><\/p>\r\n<ul style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Literatur: <em>Slam-Poetry<\/em><\/li>\r\n<li>Performance: <em>\u201aA minute of silence\u2018 (Marina Abramovic)<\/em><\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"4\">\r\n<li><strong> Anwendung <\/strong><\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>(i) Bildende Kunst: <em>moderne Malerei<\/em> <\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stand jetzt<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> haben wir es in der modernen Malerei auf <em>struktureller Handlungsebene<\/em> nicht mit einer Konstellation geteilter Intentionalit\u00e4t zu tun. Es gibt kein \u201aSubjekt im Plural\u2018, keine gemeinschaftliche Handlung der Beteiligten, der Kunstschaffenden und Rezipienten: Sie agieren <em>nicht<\/em> als \u201aWir\u2018 in gemeinsamer Unternehmung, arbeiten <em>nicht<\/em> an einem gemeinsamen Werk als ein gemeinsames Ziel. Ist jedoch der Rezipient aufgrund seiner Sozialisation mit den spezifischen kulturellen Bedingungen der Rezeption nicht-transitorischer Werke vertraut, so besteht zwischen Kunstschaffenden und Rezipienten zwar keine geteilte Aufmerksamkeit<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, aber zumindest doch ein spezifisches gemeinsames Hintergrundwissen bez\u00fcglich des allgemeinen Ziels und der allgemeinen Funktion k\u00fcnstlerischer \u00c4u\u00dferungen. Insofern l\u00e4sst sich davon sprechen, dass zwischen ihnen in diesem sehr spezifischen Sinn ein gemeinsames Ziel sowie eine gemeinsame \u201aFestlegung\u2018<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> besteht, wie dieses Ziel zu verfolgen ist, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein gemeinsames Ziel im Sinne der korrespondierenden Intentionalit\u00e4t wie zum Beispiel bei den Dialog-Teams, die sich im Rahmen eines kompetitiven Dialogs gemeinsam einer diskursiven Ethik verpflichtet f\u00fchlen (<em>M\u00f6ge das bessere Argument gewinnen!).<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Besteht eine entsprechende <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung seitens des Rezipienten, so erfolgt, inspiriert durch die <em>perlokution\u00e4re Kraft<\/em> des Eingriffs in den sozialen Diskurs durch den Kunstschaffenden mittels des von ihm geschaffenen Werks, durch den Rezipienten eine teilnehmende <em>assoziative<\/em> Rezeption des Werks auf Basis dieses gemeinsamen Hintergrundwissens<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> \u2013 der Rezipient wird damit zum \u201aMitspieler\u2018. Dieser Rezeption geht in der Regel eine unmittelbare physische und\/oder psychische Reaktion voraus. In jedem Moment der teilnehmenden <em>assoziativen<\/em> Rezeption durch den Rezipienten (\u201aMitspieler\u2018) wird das Werk von ihm neu aufgefasst, gesehen, gelesen, geh\u00f6rt und mit immer neuen Assoziationen in Verbindung gebracht. Es sind dies die <em>Kunst-Werke<\/em>, die rein subjektiven, fl\u00fcchtigen Signaturen der Rezipienten, die keinen Bestand haben. Sie geh\u00f6ren <em>nicht<\/em> zum Werk selber, sondern sind der jeweiligen Disposition des Rezipienten geschuldet. Besitzt der Rezipient keine diesbez\u00fcgliche <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung, keine Empf\u00e4nglichkeit, wird ihm das betreffende Werk auch \u201anichts sagen\u2018. Er hat schlicht keinen Sinn daf\u00fcr. Und solange sich kein Rezipient findet, der eine diesbez\u00fcgliche Grundverfassung besitzt, sich also nicht durch das Artefakt unmittelbar und automatisch inspiriert f\u00fchlt, bleibt das Werk ein Werk und wird nie zum Kunst-Werk. Besitzen Rezipienten jedoch eine entsprechende <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung, sind sie, im Gegensatz zu den Kunstschaffenden, zwar nicht konstitutiv f\u00fcr das Werk, aber als teilnehmende Zuschauer \u201aMitspieler\u2018. Und als solche konstitutiv f\u00fcr das <em>Kunst-Werk<\/em> (cf. Oehm 2019b: 193ff., auch Oehm 2019a: 14ff.).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schritt nach dieser assoziativ grundierten Rezeption, die auf der strukturellen Handlungsebene auf Basis eines gemeinsamen Hintergrundwissens mit <em>unbewusst<\/em> selbstbezogener Intention erfolgt, ist die reflexive, interpretative Rezeption. Bei ihr kann der Rezipient kein \u201aMitspieler\u2018 sein. Es handelt sich nicht um eine gemeinschaftliche Handlung mit einem gemeinsamen Ziel und einer gemeinsamen Festlegung der Beteiligten darauf, dieses Ziel zu verfolgen (wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen). Der interpretierende Rezipient agiert ganz auf Basis <em>bewusster<\/em> selbstbezogener Intentionalit\u00e4t. Ebenso wie all die, die durch ihre individuelle intentionale Zuschreibung von etwas als Kunstwerk unbeabsichtigt, ungeplant und unbewusst ihren Teil dazu beitragen, dass aus der Vielzahl intentional gleichgerichteter individueller Zuschreibungen in einem kollektiven Prozess der unsichtbaren Hand als episodales Ereignis die kollektive, allgemein akzeptierte Zuschreibung von etwas als Kunstwerk (die Attribuierung eines Werks als Kunst resp. Kunstwerk) innerhalb einer Sprachgemeinschaft (sozialen Gruppe, Kultur, Epoche) resultiert<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>. Gleiches gilt f\u00fcr exponierte Vertreter diverser Institutionen der Kunstwelt, die im fachwissenschaftlichen resp. fachspezifischen Diskurs ebenso zu autoritativen Zuschreibungen neigen wie die, die integraler Bestandteil des Kunstmarkts sind (Museen, marktbeherrschende Galerien, Auktionsh\u00e4user, K\u00e4ufer, Sammler etc.).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>(ii) Literatur: <em>Slam-Poetry<\/em><\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als literarischer Vertreter moderner Kunst stellt die Gattung \u201aSlam-Poetry\u2018 auf <em>struktureller Handlungsebene <\/em>ein Ph\u00e4nomen dar, das sich gegen eine pr\u00e4zise Beschreibung sperrt. Obgleich es als performative Dichtung gerne in eine Traditionslinie vom kulturgeschichtlich fr\u00fchen Erz\u00e4hlen \u00fcber m\u00fcndlich tradierte M\u00e4rchen und Volksballaden bis hin zu den dadaistischen Lautgedichten Hugo Balls, der Konkreten Poesie von Franz Mon und Ernst Jandl und der Literatur der Beatniks, allen voran William S. Burroughs\u2018 und Allen Ginsburgs, gestellt wird, gibt es einen Dissens um ihre Verortung. So wird bisweilen bestritten, dass es sich um eine explizit literarische Gattung handelt. Vielmehr sei es eine Kunstform, die sowohl literarische als auch nichtliterarische Aspekte vereint \u2013 neben den Merkmalen der Performance auch solche des Wettkampfs, wie sie bereits im antiken Dichterwettstreit zu finden sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Letzteres ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Steht doch auf der einen Seite der Literat, der, \u00e4hnlich dem Komponisten oder dem bildenden K\u00fcnstler, zumeist als Einzelner seine Werke unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit erschafft \u2013 und auf der anderen Seite steht derselbe Kunstschaffende als Performer seiner eigenen Texte im grellen Licht der \u00d6ffentlichkeit. Durch sein inszenatorisches Talent, durch das ganze Arsenal seiner rhetorischen Mittel, transformiert der Slam-Poet sein literarisches Werk in ein <em>performatives, transitorisches<\/em> Artefakt. In ein dramaturgisch inszeniertes Werk, aufgef\u00fchrt oftmals im Rahmen eines <em>Poetry-Slams<\/em>. Eines Wettbewerbs, bei dem die Zuschauer den Sieger k\u00fcren. Das hei\u00dft, das Werk ist in diesem Fall ausdr\u00fccklich und unmittelbar adressatenorientiert. Der Zuh\u00f6rer wird hier vom Kunstschaffenden w\u00e4hrend des Prozesses seines Kunstschaffens nicht nur unmittelbar in das Ereignis involviert und zur teilnehmenden assoziativen Rezeption inspiriert (und so zum \u201aMitspieler\u2018). Er ist auch qua Strukturdefinition des Ereignisses \u201aPoetry-Slam\u2018 zur Bewertung aufgefordert. Damit wird er in einem weiteren Sinn des Begriffs \u201aMitspieler\u2018 zum \u201aMitspieler\u2018: als konstitutiver Teil des Wettbewerbs \u201aPoetry-Slam\u2018.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben wir es aber nun bei der Gattung Slam-Poetry als <em>Poetry-Slam<\/em> bei Performer und Zuschauer\/Zuh\u00f6rer mit einer Konstellation geteilter Intentionalit\u00e4t zu tun, bei der \u201aein Subjekt im Plural, ein Wir\u2018 auftritt? Wir erinnern uns an die Definition, die Tomasello gibt: \u201eDie unabdingbare Voraussetzung gemeinschaftlicher Handlungen ist ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Festlegung der Beteiligten darauf, dieses Ziel zu verfolgen, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen\u201c (Tomasello 2017: 195) \u2013 dies alles geschieht auf Basis eines gemeinsamen Hintergrundwissens bei gemeinsamer Aufmerksamkeit. Damit der Wettbewerb gem\u00e4\u00df seiner Regularien erfolgreich \u00fcber die B\u00fchne gehen kann, muss dieses Wissen zwingend bei allen unmittelbar Beteiligten, bei dem Performer ebenso wie bei den \u201aMitspielern als Gegenspieler\u2018 (selbst bei den \u201aMitspielern als Zuschauer\/Zuh\u00f6rer\u2018), vorliegen, damit sie imstande sind, sich situativ angemessen verhalten zu k\u00f6nnen. Zudem m\u00fcssen sie das dem Wettbewerb inh\u00e4rente Ziel (<em>M\u00f6ge der Bessere gewinnen!<\/em>) als gemeinsames Ziel akzeptieren und sich gemeinsam darauf festlegen, <em>dieses<\/em> Ziel zu verfolgen. Insofern muss bei diesem regelgeleiteten Wettbewerb, ganz \u00e4hnlich dem kompetitiven Team-Spiel oder einer <em>disputatio<\/em>, bei Performer und \u201aMitspieler als Gegenspieler\u2018 im Gemeinschaftsverh\u00e4ltnis eine <em>korrespondierende<\/em> Intentionalit\u00e4t vorliegen. Aber da die Konkurrenten nun mal in keinem komplement\u00e4ren Verh\u00e4ltnis zueinander stehen, kann bei ihnen auch nicht von einer geteilten Intentionalit\u00e4t die Rede sein: Sie agieren beide jeweils mit <em>selbstbezogener<\/em> Intentionalit\u00e4t. W\u00fcrden jedoch nicht einzelne Performer, sondern Performing-Teams auf der B\u00fchne stehen, w\u00fcrden die einzelnen jeweils beteiligten Team-Mitspieler als \u201aein Subjekt im Plural, ein Wir\u2018 auftreten. Das hei\u00dft: Die <em>(individuell-)selbstbezogene<\/em> Intentionalit\u00e4t der Einzelnen synchronisiert sich im Innenverh\u00e4ltnis des Teams zur intersubjektiv vermittelten, kooperativen Intentionalit\u00e4t, sprich: zur <em>geteilten<\/em> Intentionalit\u00e4t (\u201aWir-Intentionalit\u00e4t\u2018), die sich im Au\u00dfenverh\u00e4ltnis als <em>kollektiv-selbstbezogene <\/em>Intentionalit\u00e4t darstellt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem \u201aMitspieler als Zuschauer\/Zuh\u00f6rer\u2018 kommt in diesem kompetitiven \u201aKunstspiel\u2018 eine ganz eigent\u00fcmliche Rolle zu: Anders als bei anderen transitorischen Kunstformen ist es nicht allein die <em>participatio<\/em>, die innere Teilnahme, die ihn zum \u201aMitspieler\u2018 werden l\u00e4sst. Vielmehr ist er gem\u00e4\u00df den Regeln des Poetry-Slams <em>konstitutives<\/em> Element des Wettbewerbs, ohne aber dabei <em>kompetitives<\/em> Element zu sein: Mit spezifisch selbstbezogener Intention agiert er in diesem Wettbewerb <em>nicht<\/em> als Konkurrent, das hei\u00dft als mitspielender Gegenspieler. Er agiert vielmehr als au\u00dfenstehender Mitspieler: als Inquisitor. Er wertet. Und bestimmt im Verbund mit anderen, wer Sieger ist und wer Verlierer.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehen wir einmal von der kompetitiven Seite, dem Wettkampfmodus des Poetry-Slam, ab und betrachten isoliert die Seite, bei der das Werk das durch den Kunstschaffenden noch nicht dramaturgisch inszenierte Poem darstellt: die literarische Kunstform des Slam-Poetry. Hier l\u00e4sst sich die Konstellation ganz \u00e4hnlich wie bei der modernen Malerei beschreiben: Kunstschaffende und Rezipienten vollziehen weder eine gemeinschaftliche Handlung noch arbeiten sie an einem gemeinsamen Werk im Sinne eines gemeinsamen Ziels. Besteht zwischen ihnen ein spezifisches gemeinsames Hintergrundwissen bez\u00fcglich des allgemeinen Ziels und der allgemeinen Funktion k\u00fcnstlerischer \u00c4u\u00dferungen, l\u00e4sst sich auch hier davon sprechen, dass zwischen ihnen in <em>diesem<\/em> spezifischen Sinn ein gemeinsames Ziel sowie eine gemeinsame \u201aFestlegung\u2018 formuliert wird, wie dieses Ziel zu verfolgen ist, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und die Festlegung teilen. Und auch hier muss eine entsprechende <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung zur Rezeption seitens des Rezipienten bestehen, damit bei ihm, inspiriert durch die <em>perlokution\u00e4re Kraft<\/em>, eine teilnehmende <em>assoziative<\/em> Rezeption des Werks auf Basis des gemeinsamen Hintergrundwissens mit unbewusst selbstbezogener Intention erfolgen und er so zum teilnehmenden Leser, zum \u201aMitspieler\u2018 werden kann, der das Werk als <em>Kunst-Werk<\/em> und damit als <em>seine<\/em> rein subjektive, fl\u00fcchtige Signatur konstituiert<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings handelt es sich beim Slam-Poetry als strukturell darstellender Kunst um eine transitorische Kunstform, bei der der assoziativ rezipierende Zuschauer\/Zuh\u00f6rer im Moment der Auff\u00fchrung der Poems bei der Entstehung des eigentlichen Werks, des performativen Artefakts, als episodales Ereignis anwesend ist. Das hei\u00dft, sowohl seine Aufmerksamkeit als auch die der Kunstschaffenden gilt in diesem Augenblick dem Werk (wie ein solches episodales Ereignis bei der <em>Reproduktion<\/em> durch Tontr\u00e4ger u.\u00e4. und damit auch der Status dieses \u201aMitspielers als Zuschauer\/Zuh\u00f6rer\u2018 zu beschreiben ist, dazu sp\u00e4ter mehr). Hingegen geh\u00f6rt die Malerei als nicht-transitorische Kunstform zu den Gattungen, bei denen sich Werk, Kunstschaffender und Rezipient nur selten zur gleichen Zeit am gleichen Ort befinden \u2013 die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer geteilten Aufmerksamkeit kommen kann, ist demnach \u00e4u\u00dferst gering. Zudem rezipiert hier der Betrachter in aller Regel das Werk des Kunstschaffenden nicht <em>w\u00e4hrend<\/em> dessen Entstehung, sondern erst <em>nach<\/em> dessen Entstehung.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>(iii) Performance: \u201a<em>A minute of silence\u2018 (Marina Abramovic) <\/em><\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Kunstphilosophin Juliane Rebentisch von Werken spricht, \u201edie ganze Gattungen begr\u00fcnden, aber doch zugleich nur f\u00fcr dieses jeweilige Werk\u201c (Rebentisch 2015: 110), so mag sie vielleicht die Performance <em>A minute of silence<\/em> der serbischen K\u00fcnstlerin Marina Abramovic vor Augen gehabt haben: 2010 verbrachte die K\u00fcnstlerin, auf einem Stuhl sitzend, w\u00e4hrend eines Zeitraums von drei Monaten mit insgesamt 1.565 ihr fremden Personen jeweils eine Minute der Ruhe. Die K\u00fcnstlerin und die unmittelbar beteiligten \u201aMitspieler\u2018 sa\u00dfen dabei einander gegen\u00fcber, wobei die K\u00fcnstlerin den verschiedenen \u201aMitspielern\u2018 stets regungslos verharrend in die Augen schaute. Jeder wurde von ihr gleich behandelt: neutral<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a>. Die \u201aMitspieler\u2018 hingegen, zun\u00e4chst bem\u00fcht um eine ebenso neutrale Konfrontation, hielten diese unnat\u00fcrliche Begegnung nicht lange aus und reagierten im Laufe der Minute mit typischen Gesten der Unsicherheit. Zudem wurde diese Situation gefilmt, also f\u00fcr weitere Rezipienten im Nachgang als transitorisches Werk erlebbar gemacht. <em>Diese<\/em> Rezipienten standen jedoch in einer strukturell anderen Beziehung zur K\u00fcnstlerin als die w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung der Performance <em>A minute of silence<\/em> involvierten \u201aMitspieler\u2018. Handelte es sich bei diesen um <em>unmittelbar Beteiligte<\/em><a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>, handelte es sich bei jenen um <em>mittelbar teilnehmende Beobachter<\/em>. Bei den Zuschauer des episodalen Ereignisses, der Performance <em>A minute of silence<\/em>, wiederum handelte es sich um eine dritte Art von \u201aMitspielern\u2018: um die <em>unmittelbar teilnehmenden Beobachter<\/em>. Durch das hautnahe Erleben des episodalen Ereignisses, der einmalig-transitorischen Konfrontation der K\u00fcnstlerin mit den in die Performance involvierten \u201aMitspielern\u2018, war ihre teilnehmende <em>assoziative<\/em> Rezeption eine andere als die der <em>mittelbar teilnehmenden<\/em> Beobachter, der Rezipienten des Videos.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Performance <em>A minute of silence<\/em> haben wir es demnach mit zumindest drei verschiedenen Arten \u201aMitspielern\u2018 zu tun, bei denen sich die Frage stellt, welche Formen der Intentionalit\u00e4t sich bei ihnen finden lassen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ul style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>K\u00fcnstlerin \u2013 \u201aMitspieler\u2018 als unmittelbar beteiligte A<sub>n<\/sub><\/li>\r\n<li>K\u00fcnstlerin \u2013 \u201aMitspieler\u2018 als unmittelbar teilnehmende Beobachter B<sub>n<\/sub><\/li>\r\n<li>K\u00fcnstlerin \u2013 \u201aMitspieler\u2018 als mittelbar teilnehmende Beobachter C<sub>n<\/sub><\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fall (a.) vollziehen die K\u00fcnstlerin und die jeweiligen \u201aMitspieler\u2018 A<sub>n<\/sub> als <em>unmittelbar Beteiligte<\/em> offensichtlich eine gemeinschaftliche Handlung bei gemeinsamer Aufmerksamkeit und haben sogar, f\u00fcr jeweils diese eine Minute, in gewisser Weise ein gemeinsames Ziel. Solange sich diese \u201aMitspieler\u2018 (unmittelbar Beteiligte) an die \u201aSpielregeln\u2018 halten und die Performance nicht mit einer Parodie verwechseln, liegt die gemeinsame Festlegung vor, <em>dieses<\/em> Ziel in dieser Minute zu verfolgen. Dabei verstehen alle Beteiligten jeweils wechselseitig, dass sie dieses Ziel und die entsprechende Festlegung teilen. Insofern besteht zumindest soviel gemeinsames Hintergrundwissen, dass unter normalen Umst\u00e4nden die jeweiligen Etappen der Performance \u2013 und damit mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit auch die gesamte Performance \u2013 erfolgreich im Sinne des intendierten Zieles der K\u00fcnstlerin verlaufen wird. Das in gewisser Weise gemeinsame Ziel, dass K\u00fcnstlerin und die jeweiligen \u201aMitspieler\u2018 A<sub>n<\/sub> als <em>unmittelbar Beteiligte<\/em> f\u00fcr die Dauer einer Minute haben, ist jedoch nicht das k\u00fcnstlerische Ziel, das die K\u00fcnstlerin mit ihrer gesamten Performance verfolgt: <em>Dieses<\/em> Ziel wird nicht gemeinschaftlich \u201averabredet\u2018. Vielmehr setzt es die K\u00fcnstlerin auf dieser Ebene allein mit <em>selbstbezogener<\/em> Intention. Und l\u00e4sst 1.565 Personen f\u00fcr jeweils eine Minute \u201amitspielen\u2018. Sie ist es auch, die bestimmt, wie dieses Ziel erreicht wird und wann resp. ob es erreicht ist (vielleicht \u00e4ndert sie das Ziel sogar spontan w\u00e4hrend der Performance). Deshalb kann vielleicht davon die Rede sein, dass K\u00fcnstlerin und \u201aMitspieler\u2018 A<sub>n<\/sub> gemeinsam an dem Werk arbeiten, jedoch nicht davon, dass sie an einem gemeinsamen Werk arbeiten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Umfang der Gemeinsamkeiten bei Kunstschaffenden und \u201aMitspielern\u2018 als <em>unmittelbar Beteiligte<\/em> (Handlung, Aufmerksamkeit, Hintergrundwissen, Festlegung des singul\u00e4ren Ziels, wechselseitiges Verstehen des Teilens des Ziels und seiner Festlegung) ist in dieser Konstellation weit gr\u00f6\u00dfer als bei Kunstschaffenden der modernen Malerei und den \u201aMitspieler\u2018, die letztlich nur mittelbar teilnehmende Beobachter sind. Er ist so gro\u00df, dass man fast versucht ist, hier bereits von <em>geteilter<\/em> Intentionalit\u00e4t zu sprechen. Aber doch erreicht sie nicht den Status geteilter Intentionalit\u00e4t, den wir beispielsweise bei einem komplement\u00e4ren Dialog oder dem Trupp M\u00f6belpacker antreffen, die in einem kooperativen Akt ein Klavier von A zu einem klar definierten Ziel B tragen. Er w\u00fcrde nur dann vorliegen, wenn zwischen beiden, K\u00fcnstlerin und \u201aMitspieler\u2018 A<sub>n<\/sub>, Gleichrangigkeit best\u00fcnde und das Ziel als ihr gemeinsames Ziel definiert w\u00fcrde, wobei alle wechselseitig verstehen, dass sie dieses gemeinsame Ziel und seine Festlegung teilen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der vorliegenden spezifischen Art gemeinschaftlicher Handlung von K\u00fcnstler\/Mitspieler tritt der \u201aMitspieler\u2018 A<sub>n<\/sub> als <em>unmittelbar Beteiligter<\/em> des Werks ins Werk und wird somit zum konstitutiven Element der Performance. Wobei er im Rahmen dieser Performance in seiner Rolle als <em>unmittelbar Beteiligter<\/em> nicht mit selbstbezogener Intentionalit\u00e4t agiert. Dies schlie\u00dft ihn <em>strukturell<\/em> \u2013 auf dieser Ebene, f\u00fcr diesen Moment, in dieser Konstellation, in dieser Funktion \u2013 als Rezipienten aus. Auf der Ebene der Rezeption hingegen kann eben dieser \u201aMitspieler\u2018 A<sub>n<\/sub> im gleichen Moment die Rolle des <em>unmittelbar teilnehmenden Beobachter<\/em> und \u201aMitspielers\u2018 B<sub>n<\/sub> einnehmen. Bei ihm w\u00fcrde, inspiriert durch die <em>perlokution\u00e4re Kraft<\/em> der K\u00fcnstlerin, mit unbewusst selbstbezogener Intention eine teilnehmende <em>assoziative<\/em> Rezeption des Werks erfolgen, die das Werk als <em>Kunst-Werk<\/em> und damit als <em>seine<\/em>, rein subjektive, fl\u00fcchtige Signatur konstituiert. Immer vorausgesetzt, es besteht bei ihm als \u201aMitspieler\u2018 B<sub>n<\/sub> eine entsprechende <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung zur Rezeption.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fall (b.) vollziehen die K\u00fcnstlerin und die jeweiligen \u201aMitspieler\u2018 B<sub>n<\/sub> als <em>unmittelbar teilnehmende Beobachter<\/em> keine gemeinschaftliche Handlung: Sie arbeiten nicht an einem gemeinsamen Werk im Sinne eines gemeinsamen Ziels. Obschon beider Aufmerksamkeit demselben Faktum gilt, besteht keine gemeinsame Aufmerksamkeit, da ihr jeweiliger Handlungsvollzug nicht kooperativ erfolgt \u2013 es liegt eben keine gemeinschaftliche Handlung vor. Besteht jedoch ein gemeinsames Hintergrundwissen bez\u00fcglich des allgemeinen Ziels sowie der allgemeinen Funktion k\u00fcnstlerischer \u00c4u\u00dferungen, so besteht in gewisser Weise <em>mittelbar<\/em> ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame \u201aFestlegung\u2018, wie es zu verfolgen ist. Aber auch hier muss eine entsprechende <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung zur Rezeption seitens der Rezipienten B<sub>n<\/sub> gegeben sein, damit bei ihnen, inspiriert durch die <em>perlokution\u00e4re Kraft<\/em>, eine teilnehmende <em>assoziative<\/em> Rezeption des Werks auf Basis des gemeinsamen Hintergrundwissens mit unbewusst selbstbezogener Intention erfolgen und sie so zu \u201aMitspielern\u2018 werden k\u00f6nnen, die das Werk als <em>Kunst-Werk<\/em> und damit als <em>ihre<\/em> rein subjektive, fl\u00fcchtige Signatur konstituieren. Dabei operiert die K\u00fcnstlerin auf Basis der ontogenetisch angelegten Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t auf dieser Handlungsebene mit <em>bewusster<\/em> selbstbezogener Intentionalit\u00e4t, w\u00e4hrend demgegen\u00fcber bei dem unmittelbar teilnehmenden Beobachter, dem auf gleicher Basis operierenden \u201aMitspieler\u2018 B<sub>n<\/sub>, im Moment seiner teilnehmenden assoziativen Rezeption eine <em>unbewusste<\/em> selbstbezogene Intention vorliegt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie im Fall (b.) so vollziehen auch im Fall (c.) die K\u00fcnstlerin und die jeweiligen \u201aMitspieler\u2018 C<sub>n<\/sub> als <em>mittelbar teilnehmende Beobachter<\/em> keine gemeinschaftliche Handlung. Insofern gilt das, was f\u00fcr (b.) gilt, weitgehend auch f\u00fcr (c.). Mit einem entscheidenden Unterschied: Da die Rezeption des Werks des Kunstschaffenden nicht <em>w\u00e4hrend<\/em> dessen Entstehung, sondern erst zu einem nicht zu definierenden Zeitpunkt <em>nach<\/em> dessen Entstehung, das hei\u00dft nach Vollendung erfolgt, muss die teilnehmende assoziative Rezeption des Werks durch den \u201aMitspieler\u2018 C<sub>n<\/sub> als <em>mittelbar teilnehmender Beobachter<\/em> zwangsl\u00e4ufig eine andere sein als die durch den \u201aMitspieler\u2018 B<sub>n<\/sub> als <em>unmittelbar teilnehmenden Beobachter<\/em>. Ist bei diesem die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er \u2013 vorausgesetzt, es liegt bei ihm eine entsprechende dispositionelle Grundverfassung vor \u2013 dem Werk in einem Akt teilnehmender assoziativer Rezeption ganz ergriffen mit <em>unbewusst<\/em> selbstbezogener Intentionalit\u00e4t begegnet (wobei diese Rezeption bei einem gemeinsamen Hintergrundwissen anders ausfallen d\u00fcrfte als ohne dieses implizite Wissen), so ist bei jenem, dem \u201aMitspieler\u2018 C<sub>n<\/sub> als <em>mittelbar teilnehmendem Beobachter<\/em>, eher wahrscheinlich, dass er das Werk von Anfang an mit <em>bewusst<\/em> selbstbezogener Intention rezipiert. Damit w\u00e4re die teilnehmende assoziative Rezeption bereits ein St\u00fcck weit der Macht der Ratio unterworfen. Und l\u00e4ge in unmittelbarer N\u00e4he zur teilnehmenden reflexiven, interpretativen und evaluativen Rezeption.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p><strong>Was gibt es in der Kunst zu \u201everstehen\u201c?<\/strong>, Rigorose Reflexionen zum Kunstbegriff von Stefan Oehm.\u00a0 K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2021<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-scaled-e1617188402283.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81219 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/a>Die inflation\u00e4re Verwendung des zentralen Terminus technicus im Kunstdiskurs geht mit einer befremdlichen sprachlichen Sorglosigkeit einher. Keiner der Beteiligten nimmt eine systematische Begriffsdifferenzierung vor, um sicherzustellen, dass alle wissen, wor\u00fcber sie reden, wor\u00fcber sie miteinander reden und wor\u00fcber der Andere redet. Wie kann ein Verstehen gew\u00e4hrleistet sein, wenn nicht dieses Wissen gew\u00e4hrleistet ist? \u00dcber welchen Begriff \u203averstehen\u2039 reden wir in der Kunst? Geht es in der Kunst \u00fcberhaupt darum, etwas zu verstehen oder verstehen zu geben? Die hier vorliegenden f\u00fcnf Aufs\u00e4tze widmen sich einigen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen, um von diversen liebgewonnenen Topoi Abschied zu nehmen. Helfen werden Gedanken des Ethnologen Clifford Geertz, den sein Unbehagen an der mangelnden begrifflichen Pr\u00e4zision deutender Ans\u00e4tze zum Konzept der \u203aDichten Beschreibung\u2039 f\u00fchrte. Des Weiteren jene des Historikers Quentin Skinner, der den Mythen der R\u00fcckprojektion bestehender Konzepte in die Vergangenheit und historischer Kontinuit\u00e4ten Einhalt bot. Und nicht zuletzt des Anthropologen Michael Tomasello, der die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t als Basis menschlicher Kommunikation und kooperativen Handelns identifizierte \u2013 die Basis dessen, was wir so gerne Kunst nennen.<\/p>\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte das Buch <em>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/em> von Stefan Oehm mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/15\/nachdenken-ueber-kunst\/\">Rezensionsessay<\/a>. &#8211; Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fuchs<\/strong>, Thomas (2020a): Jenseits des Menschen? Kritik des Transhumanismus, in: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verk\u00f6rperten Anthropologie, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fuchs<\/strong>, Thomas (2020b): Der Schein des Anderen. Empathie und Virtualit\u00e4t, in: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verk\u00f6rperten Anthropologie, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gadamer<\/strong>, Hans-Georg (2012): Die Aktualit\u00e4t des Sch\u00f6nen, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gallus<\/strong>, Alexander (2019): Die Schule von Cambridge &#8211; Wort, Satz und Sieg, Frankfurter Allgemeine Zeitung (https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/geist-soziales\/quentin-skinner-und-die-schule-von-cambridge-16480789.html, zuletzt abgerufen am 29.01.2020) <strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1975\/1979): Logik und Konversation, in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp. <strong>Hoye<\/strong>, William J. (1997): Die mittelalterliche Methode der Quaestio, in: Philosophie: Studium, Text und Argument, hrsg. von Norbert Herold, Bodo Kensmann u. Sibille Mischer, M\u00fcnster: LIT Verlag, 155-178, online unter: <a href=\"http:\/\/www.hoye.de\/name\/quaestio.pdf\">http:\/\/www.hoye.de\/name\/quaestio.pdf<\/a> (zuletzt abgerufen am 08.10.2020)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Jocks<\/strong>, Heinz-Norbert (2020): Das digitale Weltmuseum (Interview mit P. Weibel), in: Kunstforum International Bd. 269 08\/09.2020.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>4<\/sup>2014): Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag. <strong>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>2<\/sup>2018): Zeichentheorie, Tu\u0308bingen: UTB\/A. Francke Verlag.<strong> Liedtke<\/strong>, Frank (2016): Moderne Pragmatik, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag. <strong>Liedtke<\/strong>, Frank (2019): Sprechhandlung und Aushandlung, in: S. Meier, L. B\u00fclow, F. Liedtke u.a. (Hrsg.), 50 Jahre Speech Acts. Bilanz und Perspektiven (Hg.), T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag (ich zitiere aus einem autorisierten Manuskript des Autors). <strong>Nagel<\/strong>, Thomas (2016): What Is It Like to Be a Bat?\/Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019a): Entwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs &#8218;Kunst&#8216;, in: Mythos Magazin (<a href=\"http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm\">http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm<\/a><strong>) Oehm<\/strong>, Stefan (2019b): Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?, W\u00fcrzburg: Verlag K\u00f6nigshausen &amp; Neumann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rebentisch<\/strong>, Juliane (<sup>3<\/sup>2015): Theorien der Gegenwartskunst, Hamburg: Junius<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Verlag. <strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009a): \u00dcber Interpretation, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<strong> Skinner<\/strong>, Quentin (2009b): Interpretation und das Verstehen von Sprechakten, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<strong> Tomasello<\/strong>, Michael (<sup>4<\/sup>2017): Die Urspr\u00fcnge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tomasello<\/strong>, Michael\/Carpenter, Malinda (2007): Shared intentionality, in: Developmental Science. 10, 2007, S.\u00a0121\u2013125<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wittgenstein<\/strong>, Ludwig (1977): Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das Verm\u00f6gen, Virtualit\u00e4t und Realit\u00e4t, Schein und Wirklichkeit unterscheiden zu k\u00f6nnen, unterscheidet uns Menschen von den Tieren, da wir \u201edie Wirklichkeit immer auch unter Vorbehalt stellen, uns etwas Nicht-Seiendes vorstellen k\u00f6nnen, das hei\u00dft, weil wir so denken und so tun k\u00f6nnen, <em>als ob<\/em>. Die Sprachform des Irrealis \u2013 w\u00e4re, h\u00e4tte, k\u00f6nnte \u2013 ist der Ausdruck unserer Bef\u00e4higung zur Phantasie, zur Fiktionalit\u00e4t und damit auch zur Virtualit\u00e4t\u201c (Fuchs 2020b: 120; cf. 122ff.). Wir erkennen, auch wenn wir tagtr\u00e4umen, \u201edie eigene Vorstellung immer noch <em>als<\/em> Vorstellung\u201c (ebd.: 127). Nicht anders ergeht es den Kindern in ihren \u201aSo-tun-als-ob\u2018-Spielen, den Schauspielern und auch uns als Zuschauer, \u201ewenn wir uns in einen Schauspieler im Theater einf\u00fchlen\u201c (ebd.: 127): Wir tun das \u201emit dem zumindest latenten Bewusstsein, dass er seine Rolle nur spielt\u201c (ebd.: 127). Demgegen\u00fcber ist in \u201eder Psychopathologie (\u2026) die Psychose meist mit einem Zusammenbruch des \u201aAls-ob\u2018 verbunden, das den \u00dcbergang in den Wahn anzeigt\u201c (ebd.: 129): \u201e(D)er Schein (wird) auf einmal zur illusion\u00e4ren Wirklichkeit\u201c (ebd.: 129) \u2013 ein geradezu klassisches Motiv, das wir aus dem Film <em>Matrix<\/em> ebenso kennen wie aus Ovids <em>Metamorphosen<\/em> (Pygmalion) oder E.T.A. Hoffmanns <em>Sandmann<\/em>, aber auch aus den transhumani-stischen Prophezeiungen eines Ray Kurzweil und Nick Bostrom zu dem optimierten Menschen der technologischen Singularit\u00e4t, dem \u201eHomo optimus\u201c (Fuchs 2020a: 98).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Eine in dieser Rigidit\u00e4t nat\u00fcrlich recht gewagte These. Wittgenstein erl\u00e4utert am Begriff \u201aSpiel\u2018 sein Konzept der Familien\u00e4hnlichkeit (Wittgenstein 1977: 57, PU \u00a767), das sich durch das Ph\u00e4nomen \u201a\u00fcberlappender Merkmale\u2018 auszeichnet: Diverse Spiele (A) verf\u00fcgen \u00fcber eine Anzahl gleicher Merkmale. Andere Spiele (B) verf\u00fcgen nicht \u00fcber diese Merkmale, jedoch \u00fcber eine andere Anzahl von Merkmalen, \u00fcber die auch die Spiele (A) verf\u00fcgen. Die Spiele (C) wiederum besitzen keinerlei Merkmalsschnittmengen mit (A), sehr wohl aber mit (B) usw. Auf die situative Handlungsebene der faktisch gespielten Spiele angewandt bedeutet das: Zu einem kompetitiven Team-Spiel wie dem Fu\u00dfball-Spiel geh\u00f6ren teilnehmende Zuschauer offensichtlich konstitutiv dazu, zur Kunst als freiem Spiel ebenso. Aber auch zum Schach-Spiel, das zwar kein Team-Spiel, aber ein kompetitives Spiel ist? Oder zum Puppen-Spiel? Es scheint, als sei es selbst bis zur tentativen Kl\u00e4rung des Sprachgebrauchs noch ein weiter Weg.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die <em>disputatio<\/em> war im Mittelalter ein vermutlich von den Scholastikern entwickeltes, auf antiken Traditionen aufbauendes Streitgespr\u00e4ch, bei denen es nicht um Konsens, sondern um Sieg und Niederlage ging. Es wurde zwar nach strengen Regeln ausgetragen, endete aber nichtsdestotrotz h\u00e4ufiger in w\u00fcsten Schl\u00e4gereien. \u201eNach einer Definition, die Thomas von Aquin zugesprochen wird, ist eine Disputation eine syllogistische Veranstaltung (actus syllogisticus) zwischen <em>mindestens zwei<\/em> Gespr\u00e4chspartnern (duae personae opponentis et respondentis inter quas vertitur disputatio) mit dem Zweck, eine Proposition zu demonstrieren\u201c (Hoye 1997: 10; zitiert nach: <a href=\"http:\/\/www.hoye.de\/name\/quaestio.pdf\">http:\/\/www.hoye.de\/name\/quaestio.pdf<\/a>, Hervorhebung S.O.), so der Philosoph und katholische Theologe William J. Hoye.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> F\u00fcr diese Art von Spielen ist es charakteristisch, dass ihr Ziel bestimmt, aber offen ist. Weshalb zum Beispiel \u201aWrestling\u2018, eine vor allem in den USA popul\u00e4re Schaukampf-Sportart, kein solches Spiel sein kann, steht hier doch das Ergebnis von vornherein fest.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> \u201eMache deinen Gespr\u00e4chsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder akzeptierten Richtung des Gespr\u00e4chs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird\u201c (Grice 1979: 248).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Folgt ein kompetitiver Dialog weitgehend dem Grice\u2019sche Kooperationsprinzip und einem gemeinsamen Ziel \u2013 <em>m\u00f6ge das bessere Argument gewinnen! <\/em>\u2013, so liegt m.E. bei den \u201aGegenspielern\u2018, die das Gespr\u00e4ch auf Basis dieser diskursiven Ethik f\u00fchren, eine <em>korrespondierende <\/em>Intentionalit\u00e4t vor. Ein geradezu prototypisches Beispiel f\u00fcr einen kompetitiven Dialog, bei dem zumindest bei einem der Beteiligten <em>keine<\/em> solche korrespondierende Intentionalit\u00e4t vorlag, war das TV-Duell zwischen dem amerikanischen Pr\u00e4sidenten Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden Ende September 2020 auf Fox News. Bem\u00fchte sich Biden noch halbwegs um eine Gespr\u00e4chsf\u00fchrung entlang des Grice\u2019schen Kooperationsprinzips, so ging es Trump offensichtlich um einen gezielten Bruch mit eben diesem Prinzip und dessen inh\u00e4renten Maximen (so zum Beispiel: \u201aVersuche deinen Beitrag so zu machen, da\u00df er wahr ist\u2018, \u201aSage nichts, was du f\u00fcr falsch h\u00e4ltst\u2018 und \u201aSage nichts, wof\u00fcr dir angemessene Gr\u00fcnde fehlen\u2018 [Grice 1979: 249]).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> In der renommierten deutschen Kunstzeitschrift \u201aKunstforum International\u2018, die sich im Bd. 269\/2020 ganz dem Thema <em>Entzauberte Globalisierung<\/em> widmet, nennt der Kunstkritiker Heinz-Norbert Jocks in einem Interview mit dem Kunst- und Medientheoretiker Peter Weibel das Problem der eurozentrischen Sichtweise bisheriger Kunstgeschichtsschreibung beim Namen. Es ist dies \u201edie apriorische Anwendung westlicher Begriffe, Kategorien, Kriterien und Einordnungsmuster auf die nichtwestliche, von der Moderne teils unbefleckte Kunst\u201c (Jocks 2020: 69). Peter Weibel, der sich in seiner Kritik am Eurozentrismus mit Jocks einig wei\u00df, weist in seiner Antwort darauf hin, dass \u201e(i)m Unterschied zum westlichen Kunstsystem der immer schnelleren Br\u00fcche (\u2026) die nichtwestliche Kunst der Tradition verhaftet\u201c (ebd.: 69) ist. Da wird, v\u00f6llig zurecht, die Unangemessenheit der apriorischen Anwendung westlicher Begriffe, Kategorien, Kriterien und Einordnungsmuster angeprangert, um dann im gleichen Atemzug v\u00f6llig unbefangen von der \u201anichtwestlichen <em>Kunst<\/em>\u2018 zu sprechen. Und das, wo doch der zentrale Begriff der Kunstgeschichtsschreibung \u2013 \u201aKunst\u2018 \u2013 ein eurozentrischer Begriff <em>par excellence<\/em> ist. Die Zeit scheint reif f\u00fcr ein neues, unvorbelastetes Begriffsinventarium.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Damit nicht genug. Es stellt sich auch die Frage, ob der Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 kulturinvariant verwendet werden kann. Oder ob die verschiedenen spezifischen \u00fcberindividuellen sozialen Institutionen, auf die der Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 Anwendung finden soll, <em>ad hoc<\/em> festgelegt werden oder ob es eine allgemein akzeptierte Liste solcher Institutionen in der Synchronie gibt. Und auch, ob unsere Verwendung des Begriffs \u201aKunst\u2018 im fachspezifischen Diskurs nicht von der alltagssprachlichen Gebrauchsweise des Wortes <em>Kunst<\/em> diktiert wird: Wer denkt, wenn er den Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 h\u00f6rt, nicht intuitiv zum einen an den Begriff \u201aKunst\u2018, der f\u00fcr das konkrete Werk steht, und zum anderen an den Begriff \u201aKunst\u2018, der f\u00fcr genau <em>eine<\/em> spezifische \u00fcberindividuelle soziale Institution steht: die bildende Kunst? Wir wollen uns an dieser Stelle provisorisch auf die unscharfe <em>ad hoc<\/em>-Festlegung des Begriffs \u201amoderne Kunst\u2018 als das episodale Ereignis der kulturinvariant gegebenen, allgemeinen \u00fcberindividuellen sozialen Institution \u201aKunst\u2018 festlegen, das in eben den spezifischen \u00fcberindividuellen Gattungen repr\u00e4sentiert wird, die in allgemein akzeptierter Gebrauchsweise des Wortes <em>Kunst<\/em> gegenw\u00e4rtig als \u201aKunst\u2018 apostrophiert werden (wer auch immer nun diese Allgemeinheit darstellt). Alltagstauglich gesprochen: Zum Umfang dessen, was als Gattung unter den Begriff \u201amoderne Kunst\u2018 f\u00e4llt, wollen wir an dieser Stelle all die K\u00fcnste z\u00e4hlen, die zur Zeit zur \u201amodernen Kunst\u2018 gerechnet werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Als \u201arelevant\u2018 sollen hier kulturinteressierte und kunstaffine <em>peer groups<\/em> gelten. Selbstverst\u00e4ndlich ist diese Festlegung nur als eine dem Arbeitsziel geschuldete Verk\u00fcrzung zu verstehen, die keinen Anspruch auf G\u00fcltigkeit erhebt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Zumindest f\u00fcr jene Begriffstypen, zu denen \u201aKunst\u2018 geh\u00f6rt (anders als der Typus, zu denen Begriffe wie \u201aPrimzahl\u2018, \u201aGold\u2018 etc. geh\u00f6ren [sogenannte \u201aFrege\u2019sche Begriffe\u2018]) gilt: Was heute gilt, hat keinen Anspruch auf zuk\u00fcnftige G\u00fcltigkeit. Wer wei\u00df schon, ob nicht morgen irgendwo auf der Welt ein Kunstschaffender ein Konzept geteilter Intentionalit\u00e4t in der Malerei etabliert?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Im Gegensatz zu transitorischen Kunstformen verl\u00e4uft bei der Malerei die Hervorbringung k\u00fcnstlerischer \u00c4u\u00dferungen und deren teilnehmende assoziative Rezeption nicht zeitgleich, sondern in der Regel zeitversetzt. Zudem sind Werk, Kunstschaffender und Rezipient nur selten zur gleichen Zeit am gleichen Ort, k\u00f6nnen also aus naheliegenden Gr\u00fcnden nicht die dem Werk geltende Aufmerksamkeit teilen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Eine solche Festlegung darf man sich nicht als bewussten, geplanten Akt der Vereinbarung vorstellen, der von den Beteiligten gemeinsam vollzogen wird. Vielmehr erfolgt sie in einem Prozess der unsichtbaren Hand und ist das stets fluide, das hei\u00dft in Wandlung begriffene kollektive und nicht intendierte Resultat gleichgerichteter intentionaler Handlungen Einzelner.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Ob auf dieser Basis bei den Rezipienten bereits im Moment der teilnehmenden assoziativen Rezeption eine selbstbezogene Intention vorliegt oder erst im Moment der teilnehmenden reflexiven, interpretativen Rezeption? Lege ich Rudi Kellers Begriffspr\u00e4zisierung zugrunde \u2013 \u201e(i)ntentional und planvoll sind keine Synonyme; intentional und unbewusst sind keine Gegens\u00e4tze\u201c (Keller 2014: 29) \u2013 m\u00fcsste die Antwort wohl lauten: Bereits im Moment der teilnehmenden assoziativen Rezeption liegt eine selbstbezogene Intention vor. Allerdings eine <em>unbewusste<\/em>, keine bewusste.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Diese Art der Zuschreibung ist auf der Makroebene (der Gemeinschaft) das <em>spontane<\/em> Resultat des Zusammenwirkens der Einzelnen einer Gemeinschaft (Mikroebene). Insofern l\u00e4sst es sich als Ph\u00e4nomen der Emergenz beschreiben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Der in Heidelberg lehrende Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs weist im R\u00fcckgriff auf Thomas Nagels ber\u00fchmt gewordenen Aufsatz <em>Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?<\/em> darauf hin, dass jede Art des subjektiven Erlebens, also der \u201eintentionale(n) Beziehung von Subjekt und Welt\u201c (Fuchs 2020: 182) an eine \u201ezentrierte Perspektive gebunden ist, die sich nicht in einer objektiven, physikalischen Beschreibung rekonstruieren l\u00e4sst\u201c (ebd.: 182). Dabei geht er sogar noch einen Schritt weiter: \u201eSubjektive Tatsachen\u201c, so zitiert er den Philosophen Hermann Schmitz, \u201esind sozusagen in h\u00f6herem Ma\u00df als objektive Tatsachen tats\u00e4chlich\u201c (ebd.: 183). Was erkl\u00e4rlich macht, warum bestimmte k\u00fcnstlerische \u00c4u\u00dferungen bei manchen Rezipienten eine immense emotionale Wucht besitzen, w\u00e4hrend andere Rezipienten dieselbe k\u00fcnstlerische \u00c4u\u00dferung v\u00f6llig kalt l\u00e4sst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Eine Ausnahme bildete die Konfrontation der K\u00fcnstlerin mit ihrem ehemaligen Lebensgef\u00e4hrten und k\u00fcnstlerischen Partner Ulay, der ohne ihr Wissen als unmittelbar beteiligter \u201aMitspieler\u2018 an dieser Performance teilnahm. Hier wusste sich selbst die sonst so beherrschte K\u00fcnstlerin nicht zu beherrschen. Es war ein ganz und gar nicht durch sie intendierter Aspekt der Arbeit. Was die interessante Frage aufwirft, ob solche und \u00e4hnliche von der K\u00fcnstlerin nicht intendierten Aspekte, unabh\u00e4ngig von ihrer nachtr\u00e4glichen Einsch\u00e4tzung, als konstitutiver Teil des Werks aufgefasst werden k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Es ist eben dieser Aspekt, der die Performance <em>A minute of silence<\/em> m.E. grundlegend von anderen unterscheidet und sie in gewisser Weise zu einer Gattung ihrer selbst macht: Sie ist nicht einfach nur eine ephemere Kunstform, bei der in Gegenwart <em>unmittelbar teilnehmender Beobachter<\/em> K\u00fcnstler und Werk zu verschmelzen scheinen \u2013 sie ist in diesem Fall eine Kunstform, bei der ein Zuschauer als <em>unmittelbar Beteiligter<\/em> des Werks ins Werk tritt und somit zum konstitutiven Element dieses episodalen Ereignisses selbst wird. Ein anderes Konzept wird bei der Immersion verfolgt, der Entgrenzung von teilnehmenden Beobachtern und dem Artefakt, bei der die \u201aMitspieler\u2018 in das bereits bestehende Werk \u201aeintauchen\u2018 sollen, um so zu einer neuen Ebene teilnehmender assoziativer Rezeption zu gelangen (Stichwort: Virtual Reality).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Differenzierung \u00a0 2.1 In dem Augenblick, in dem das Kind die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t ausbildet, wird es zum Handlungssubjekt, zum aktiv mitgestaltenden Teil seiner Lebenswelt. Ab dem zweiten Lebensjahr treten die Kinder zunehmend in die Phase des Erwerbs der gesprochenen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/16\/kunst-und-die-infrastruktur-geteilter-intentionalitaet_1-teil-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":81219,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2074],"class_list":["post-70736","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70736","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70736"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70736\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70736"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70736"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70736"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}