{"id":70730,"date":"2023-02-16T00:01:07","date_gmt":"2023-02-15T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70730"},"modified":"2022-02-25T11:18:35","modified_gmt":"2022-02-25T10:18:35","slug":"kunst-und-die-infrastruktur-geteilter-intentionalitaet_1-teil","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/16\/kunst-und-die-infrastruktur-geteilter-intentionalitaet_1-teil\/","title":{"rendered":"Kunst und die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t_1.Teil"},"content":{"rendered":"<ol>\r\n<li style=\"text-align: justify;\"><strong> Grundlagen<\/strong><\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.1<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">2009 erschien in deutscher \u00dcbersetzung ein Werk des seinerzeit am Leipziger Max-Planck-Institut f\u00fcr evolution\u00e4re Anthropologie forschenden amerikanischen Anthropologen und Verhaltensforschers Michael Tomasello: <em>Die Urspr\u00fcnge der menschlichen Kommunikation<\/em>. Es widmet sich, wie J\u00fcrgen Habermas in seiner Rezension in der ZEIT schrieb, des \u201euralte(n) Problem(s), an dem sich auch die Philosophie sp\u00e4testens seit Herder die Z\u00e4hne ausbei\u00dft: Wie die Sprachen entstanden sind, die eine uns gel\u00e4ufige kommunikative Handlungskoordinierung und arbeitsteilige Kooperation m\u00f6glich gemacht und damit einen v\u00f6llig neuen Modus der Vergesellschaftung ins Leben gerufen haben\u201c (Habermas 2009). Begeistert nannte es Habermas ein \u201ebahnbrechendes Buch\u201c. Bahnbrechend deshalb, weil damit ein schl\u00fcssiges, durch experimentelle Vergleiche untermauertes Konzept der Onto- und Phylogenese der Infrastruktur menschlicher Kommunikation im Abgrenzung zu der der \u00fcbrigen Hominiden vorgelegt wurde. Eine Infrastruktur, hinter die, einmal etabliert, der Mensch nicht mehr zur\u00fcckgehen kann: Sie ist die Pr\u00e4supposition jeder nur denkbaren Form menschlich-kommunikativer Akte; keine wie auch immer geartete intentionale \u00c4u\u00dferung des Menschen, selbst die der L\u00fcge oder des k\u00fcnstlerischen Schaffens, kann von dieser stillschweigenden Voraussetzung absehen und ohne sie vollzogen werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Worin besteht aber nun Tomasellos Leistung im Einzelnen? Er weist \u00fcberzeugend auf, dass \u201edie ersten, nur beim Menschen vorkommenden Formen der Kommunikation im Zeigen und Geb\u00e4rdenspiel\u201c (Tomasello 2017: 13) bestehen \u2013 sie sind \u201edie entscheidenden \u00dcbergangspunkte in der Evolution menschlicher Kommunikation\u201c (ebd.: 13). W\u00e4hrend sich selbst die Zeigegesten so hoch entwickelter nicht-menschlicher Primaten wie die der Hominiden im Rahmen \u201eselbstbezogene(r) Intentionalit\u00e4t\u201c (Habermas 2009) fast ausschlie\u00dflich auf den Akt des Aufforderns beschr\u00e4nken, besitzen die Zeigegesten<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> der Menschen aufgrund ihres prosozialen Charakters einen weit gr\u00f6\u00dferen Anwendungsbereich. So ist nach Tomasello eine zentrale Motivation des Menschen die des Informierens resp. des Helfens: Schimpansen werden, im Gegensatz zum Menschen, einem schreienden Jungen nicht zeigen, wo dessen Mutter ist, \u201eweil es einfach nicht zu ihren Kommunikationsmotiven geh\u00f6rt, andere auf hilfreiche Weise \u00fcber etwas zu informieren\u201c (Tomasello 2017: 16). Sie k\u00f6nnen nicht von sich und ihren eigenen Intentionen abstrahieren, sind deshalb nicht imstande, sich in andere hineinzuversetzen und im Sinne deren Intentionen kooperativ zu handeln. Demgegen\u00fcber ist die menschliche Kommunikation \u201eein grundlegend kooperatives Unternehmen\u201c (ebd.: 17).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So zeigt ein Schimpanse in der Regel nur auf etwas, was im Moment des Zeigens, hier und jetzt, Objekt <em>seiner<\/em> Begierde, also seiner egoistischen, selbstbezogenen Intention ist: Er fordert sein Gegen\u00fcber auf, ihm dieses Objekt zu geben. Beim menschlichen Akt des Informierens hingegen verfolgt Person A gegen\u00fcber B keine derart egoistischen Interessen, sondern handelt in gewisser Weise altruistisch: A informiert B, weil A glaubt, dass B diese Information haben m\u00f6chte. Mit der Zeigegeste generiert A dabei eine gemeinsame Aufmerksamkeit von A und B des durch ihn angezeigten, gemeinsam wahrgenommenen und identifizierten Objekts. Damit ist jedoch noch nichts gewonnen: Um die Zeigegeste des anderen angemessen interpretieren zu k\u00f6nnen, muss ich \u201efeststellen k\u00f6nnen, welche Absicht der andere mit einer derartigen Lenkung meiner Aufmerksamkeit verfolgt\u201c (Tomasello 2017: 15), damit der kommunikative Akt reibungslos abl\u00e4uft und erfolgreich ist. Wie kann aber nun, so fragt Tomasello, \u201eetwas so Einfaches wie ein ausgestreckter Finger auf so komplexe Weise etwas mitteilen \u2013 und das bei verschiedenen Gelegenheiten auf so verschiedene Weise\u201c (ebd.: 14)? Sehen wir uns einen prototypischen Fall an:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">A zeigt auf ein Fahrrad und lenkt so die Aufmerksamkeit von B darauf (geteilte Aufmerksamkeit). Das Fahrrad geh\u00f6rt C, einem stadtbekannten Filou. C hat sich auf unsch\u00f6ne Weise von D getrennt. Das wei\u00df A ebenso wie B. Und A wei\u00df, dass B dies wei\u00df. Zudem wei\u00df A, dass B wei\u00df, dass A wei\u00df, dass B dies wei\u00df (<em>ad infinitum<\/em>) \u2013 es liegt also \u201eein intersubjektiv <em>geteiltes<\/em> Wissen\u201c (Habermas 2009) vor. Mit diesem wechselseitig geteilten, kulturellen Wissen (das A und B getrennt voneinander, aber durchaus auch durch gemeinschaftliche T\u00e4tigkeiten erworben haben k\u00f6nnen) liegt ein \u201egemeinsamer begrifflicher Hintergrund\u201c (Tomasello 2017: 15) vor. Je gr\u00f6\u00dfer nun dieser gemeinsame Hintergrund ist, umso gr\u00f6\u00dfer die Wahrscheinlichkeit, dass der kommunikative Akt zwischen A und B reibungslos ablaufen wird: A und B besitzen bez\u00fcglich C und D ein maximales, wechselseitig geteiltes Wissen. A weist B auf das Fahrrad von C hin. B versteht die Absicht, die A mit der Zeigegeste verfolgt, \u201ablind\u2018<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Und macht einen gro\u00dfen Bogen um das Fahrrad, um ja nicht dem momentan abwesenden Filou C zu begegnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der wechselseitig vorausgesetzten, kooperativ angelegten \u201eprosoziale(n) Motivation\u201c (ebd.: 16) zur Kommunikation (A vermutet, dass B kein gesteigertes Interesse daran hat, C zu begegnen \u2013 und setzt ihn vermittels der Zeigegeste auf Basis ihres gemeinsamen Hintergrunds von Cs vermuteter Anwesenheit in Kenntnis) stellt die \u201eF\u00e4higkeit, einen gemeinsamen begrifflichen Hintergrund zu schaffen (\u2026), eine absolut entscheidende Dimension aller menschlichen Kommunikation\u201c (ebd.: 16) dar. Sie erweist sich somit im Sinne des britischen Sprachphilosophen H. Paul Grice, auf den Tomasello zentrale Einsichten seines Konzepts gr\u00fcndet, als \u201eein grundlegend kooperatives Unternehmen\u201c (ebd.: 17).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Spezifikum menschlicher Kommunikation wird, so Tomasello, durch etwas strukturiert, was in der Handlungstheorie und Philosophie bis heute unter den Begriffen \u201acollective intentionality\u2018 resp. \u201ashared intentionality\u2018 oder \u201aWe-intentionality\u2018 (\u201e\u201ageteilte Intentionalit\u00e4t\u2018 oder \u201aWir-Intentionalit\u00e4t\u2018\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> [ebd.: 17]) diskutiert wird. Eine solche \u201epsychologische Infrastruktur\u201c (ebd.: 19) der Intentionalit\u00e4t ist \u201ef\u00fcr die Beteiligung an spezifisch menschlichen Formen der Zusammenarbeit notwendig, bei denen ein Subjekt im Plural, ein \u201aWir\u2018 auftritt: gemeinsame Ziele, gemeinsame Absichten, wechselseitiges Wissen, geteilte \u00dcberzeugungen\u201c (ebd.: 17). Dies reicht von einfachen Formen der Zusammenarbeit wie der spontanen kooperativen Festlegung eines gemeinsamen Ziels bei der Zeigegeste von A, auf die B reagiert, \u00fcber die gemeinsame Herstellung eines Werkzeugs bis hin zu allt\u00e4glichen Gespr\u00e4chssituationen, in denen entsprechend des handlungstheoretischen Grundmodells von H. Paul Grice mit dem von A mit der \u00c4u\u00dferung x gegen\u00fcber B Gemeinten (Sprecher-Intention resp. Sprecher-Bedeutung) strukturell auch der Beginn einer Bedeutungsetablierung einhergeht, und \u201ekulturell konstruierten Dinge(n) wie Geld, Ehe und Regierung\u201c (ebd.: 17). Dinge, \u201edie nur innerhalb einer institutionellen, kollektiv konstituierten Wirklichkeit existieren, an die wir alle glauben und in der wir gemeinsam handeln, so als ob es sie wirklich g\u00e4be<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>\u201c (ebd.: 17).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese einzigartige F\u00e4higkeit und Fertigkeit zur kooperativen Kommunikation erm\u00f6glicht es den Menschen, ihre \u201eAktivit\u00e4ten der Zusammenarbeit effizienter zu gestalten\u201c (ebd.: 19) und dabei en passant ihre gruppenspezifischen Bindungen auf Basis eines gemeinsamen begrifflichen Hintergrunds unter Festlegung auf gemeinsame kulturelle Ziele zu st\u00e4rken \u2013 bis hin zur Konstitution einer gemeinsamen Identit\u00e4t, die diejenigen ausgrenzt, die eben <em>nicht<\/em> \u00fcber den gemeinsamen begrifflichen Hintergrund und die wechselseitig geteilten Ziele und Absichten verf\u00fcgen. Im weiteren Verlauf der Entwicklung \u201ebegannen die Menschen au\u00dferhalb kooperativer Kontexte auf diese neue kooperative Weise zu \u00fcbergeordneten, nichtkooperativen Zwecken zu kommunizieren \u2013 bis sie sogar in der Lage waren, andere durch L\u00fcgen zu t\u00e4uschen\u201c (ebd.: 19, auch: 232). Da zeigt sich die Schattenseite dieser neuen F\u00e4higkeit zur geteilten Intentionalit\u00e4t: Menschen sind sie nun f\u00e4hig zu l\u00fcgen. Also nutzen sie irgendwann diese neue F\u00e4higkeit \u2013 und l\u00fcgen. Schimpansen hingegen l\u00fcgen nicht, weil sie <em>nicht<\/em> \u00fcber diese neue F\u00e4higkeit verf\u00fcgen. Das hei\u00dft: Sie k\u00f6nnen nicht l\u00fcgen. Daf\u00fcr k\u00f6nnen sie aber auch nicht Theater spielen. Oder irgendwelche anderen k\u00fcnstlerischen Aktivit\u00e4ten entfalten. Aber selbst wenn sie nun zu Aktivit\u00e4ten imstande sein sollten, die f\u00fcr einen unbedarften Beobachter von den k\u00fcnstlerischen Aktivit\u00e4ten und Artefakten der zur L\u00fcge bef\u00e4higten Hominiden nicht zu unterscheiden w\u00e4ren: Ihre Infrastruktur der Kommunikation beruht auf selbstbezogener, egoistischer Intentionalit\u00e4t; die der Menschen demgegen\u00fcber auf geteilter Intentionalit\u00e4t. Im Laufe seiner Phylogenese entwickelte der Mensch als Spezies die kooperative Infrastruktur, im Laufe seiner Ontogenese bildet der einzelne Mensch diese phylogenetisch angelegte Infrastruktur jeweils individuell aus<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Und handelt von da an kommunikativ auf Basis eben dieser kooperativen psychologischen Infrastruktur. Das hei\u00dft: Selbst wenn der Mensch, wie das leider oft genug der Fall ist, schamlos egoistisch handelt, handelt er <em>stets<\/em> auf Basis der Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t; die selbstbezogene Intentionalit\u00e4t des Menschen ist demnach strukturell anders geartet als die der Menschenaffen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An anderer Stelle haben wir den strukturellen Mechanismus aller im weitesten Sinne kommunikativer Handlungen \u2013 vom allt\u00e4glichen Gespr\u00e4ch \u00fcber das \u201aGespr\u00e4ch\u2018 als sozialem Diskurs (Clifford Geertz) und der Texte als intentionale Interventionen in die jeweiligen Diskurse ihrer Zeit (Quentin Skinner) bis hin zu den k\u00fcnstlerischen \u00c4u\u00dferungen \u2013, durch die A bei B intentional eine bestimmte Wirkung erzielen will, vorl\u00e4ufig als <em>perlokution\u00e4re Kraft<\/em> der Form \u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018 bestimmt. Im Lichte der Erkenntnisse von Michael Tomasello et al. l\u00e4sst sich nun festhalten, dass auch diese mit perlokution\u00e4rer Kraft vorgetragenen und egoistisch motivierten intentionalen kommunikativen Handlungen auf der bei jedem Einzelnen ontogenetisch ausgebildeten psychologischen Infrastruktur kooperativer Kommunikation basieren: der geteilten Intentionalit\u00e4t. Bei allen dabei auf den verschiedenen Ebenen kommunikativer Praxis vorl\u00e4ufig ausgemachten acht Erscheinungsformen der perlokution\u00e4ren Kraft ist diese Grundannahme somit stillschweigend vorauszusetzen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Verst\u00e4ndigung ist \u201enicht \u201ader Zweck\u2018 der Sprache, sondern allenfalls einer unter vielen\u201c (Keller 2014: 135). Vielmehr scheint eine wie auch immer sich darstellende Einflussnahme auf den Gespr\u00e4chspartner das vorrangige Ziel eines Sprechers in einem Gespr\u00e4ch zu sein: A will Einfluss auf B nehmen, also eine bestimmte Wirkung durch das, was er sagt, bei B erzielen. Das hei\u00dft: B durch x zu etwas zu bewegen. So zum Beispiel zu einer Antwort, die wiederum mit perlokution\u00e4rer Kraft das Ziel verfolgen kann, eine Replik von A zu initiieren (<em>ad infinitum<\/em>).<\/li>\r\n<li>Zentrales Momentum des handlungstheoretischen Grundmodells von H. Paul Grice ist das Erkennen der \u201ereflexive(n) Intention\u201c (Liedtke 2016: 37) des Sprechers durch den Angesprochenen. Um die kommunikative Intention (die Sprecher-Intention), also das mit der \u00c4u\u00dferung Gemeinte, sowie die intendierte Wirkung (die Sprecher-Bedeutung) verstehen zu k\u00f6nnen, muss der Angesprochene eine interpretative Leistung erbringen und \u00fcber relevantes Kontextwissen verf\u00fcgen. Dabei l\u00e4sst sich die Intention von A, unabh\u00e4ngig von jeder inhaltlichen Aussage, strukturell ebenfalls darstellen als: <em>A will B durch x zu etwas bewegen<\/em> \u2013 n\u00e4mlich zur Erkenntnis dessen, was A meint.<\/li>\r\n<li>Gem\u00e4\u00df des Grice\u2019schen handlungstheoretischen Grundmodells ereignet sich das Verst\u00e4ndnis des Gemeinten, das als Bedeutung noch nicht sozial festgelegt ist und bei der noch kein gemeinsamer Kontext konstituiert wurde, in einem Prozess kooperativen Handelns. Die Variation der <em>perlocutionary force<\/em><a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> (<em>A will B durch x zu etwas bewegen<\/em> \u2013 zur Erkenntnis dessen, was A meint) w\u00fcrde sich so als konstitutives Momentum jeder menschlich-kooperativen Interaktion und als struktureller Ausgangspunkt der Konventionalisierung resp. Codierung arbitr\u00e4rer sprachlicher Zeichen darstellen.<\/li>\r\n<li>In der Terminologie des britischen Sprachphilosophen John L. Austin wird der mit der Lokution und der Illokution verbundene Sprechakt der <em>Perlokution<\/em> als der nicht-konventionale Akt bezeichnet, mit der der Sprecher die Absicht verfolgt, <em>bestimmte<\/em> Wirkungen beim Angesprochenen zu erzielen. Diese intentionale Handlung lie\u00dfe sich damit ebenfalls auf die ganz allgemeine Formel bringen: \u201a<em>A will bei B durch x etwas bewirken\u2018 <\/em>(will ihn zu etwas bewegen).<\/li>\r\n<li>A verfolgt die Intention, B durch die \u00c4u\u00dferung x zu einer Replik zu inspirieren: Es hat den Anschein, als stelle dies den grundlegenden Impuls f\u00fcr Beginn und Fortf\u00fchrung eines <em>jeden<\/em> dialogisch konstituierten, kooperativen Konstrukts dar, also solcher Gespr\u00e4che und Diskurse, die auf das klassische Konstrukt von Rede und Widerrede hinauslaufen. Gegebenenfalls ist die <em>perlocutionary force<\/em> aber sogar die treibende Kraft eines <em>jeden<\/em> sozialen Diskurses, zu dem auch die intentionalen Interventionen der k\u00fcnstlerisch Schaffenden in den diskursiven Kontext ihrer Zeit und Kultur durch ein Artefakt geh\u00f6ren w\u00fcrde \u2013 siehe die Punkte 7 und 8 (dialogische Konstrukte sind immer reziprok, soziale Diskurse nicht zwingend \u2013 das ist der grundlegende Unterschied zwischen dem Gespr\u00e4ch und dem \u201aGespr\u00e4ch\u2018 [Clifford Geertz]).<\/li>\r\n<li>Die Vorsatzabsicht k\u00fcnstlerisch Schaffender, Artefakte zu kreieren, ist, so die Annahme, stets mit einer dar\u00fcber hinaus gehenden, grundlegenden kommunikativen Absicht verbunden: beim potentiellen Rezipienten eine bestimmte Wirkung zu erzielen, um ihn zu etwas zu bewegen. Hierunter w\u00e4re insbesondere die <em>Inspiration zur Assoziation<\/em> zu fassen. Damit w\u00e4re die perlokution\u00e4re Kraft als Impuls zur automatischen Rezeption die Voraussetzung daf\u00fcr, dass aus einem Werk ein Kunst-Werk, also die singul\u00e4re, rein subjektive und fl\u00fcchtige Signatur des Rezipienten, die keinen Bestand hat, werden kann (vorausgesetzt, seitens des Rezipienten besteht eine entsprechende <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung zur Rezeption).<\/li>\r\n<li>K\u00fcnstlerisch Schaffende intendieren, durch ihr Werk bei Rezipienten eine Reaktion hervorzurufen. Dabei kann es sich um die Inspiration zur Assoziation handeln, zudem kann sich die Intention aber auch als <em>Intention zur Inspiration<\/em> einer wie auch immer gearteten intelligiblen, interpretativen und reflexiven \u201a\u00c4u\u00dferung\u2018 \u00e4u\u00dfern. Das intentional mit perlokution\u00e4rer Kraft verfolgte Ziel einer solchen Replik umfasst dabei die gesamte Breite vom pers\u00f6nlichen Statement unter anderem des Kunstinteressierten \u00fcber die Interpretation durch die Kunstwissenschaft und Rezeption durch die Kunstkritik bis hin zur wohlwollenden Aufnahme durch den Kunstmarkt. Der grundlegende Mechanismus <em>\u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018<\/em> erscheint so als durchgehendes Merkmal generell <em>aller<\/em> im realen sozialen Kontext stattfindenden kommunikativen Akte. Auch die der \u201aGespr\u00e4che\u2018, die <em>nicht<\/em> auf ein Gespr\u00e4ch aus sind, also nicht auf das klassisch-dialogische Konstrukt von Rede und Widerrede. So wie es bei dem \u00fcberwiegenden Teil der durch Kunstschaffende erstellten Artefakte der Fall ist, die mit ihnen in der Regel <em>keinen<\/em> Dialog initiieren wollen.<\/li>\r\n<li>K\u00fcnstlerisch Schaffende greifen durch ihr Werk zudem in die \u201eallgemeinen diskursiven Kontexte ihrer Zeit\u201c (Skinner 2009b: 81) ein. Ihre Artefakte stellen insofern Beitr\u00e4ge sozialer Diskurse dar, die in kulturelle Kontexten eingebunden sind und die, will man sie \u201averstehen\u2018, zur\u00fcck in diejenigen Kontexte gestellt werden m\u00fcssen, in denen sie urspr\u00fcnglich verfasst wurden und einer Bedeutungsexplikation durch die \u201adichte Beschreibung\u2018 harren (wobei in der modernen und zeitgen\u00f6ssischen Kunst diese Beitr\u00e4ge zumeist <em>nicht<\/em> auf Basis sozial festgelegter Bedeutungsstrukturen, also mit konventionalen Zeichen resp. \u00f6ffentlichen Codes, sondern mit singul\u00e4ren \u201aK\u00fcnstler-Intentionen\u2018 verfasst werden). Hier zielt die perlokution\u00e4re Kraft des <em>\u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018<\/em> nicht zwingend auf eine konkrete Person B, sondern gegebenenfalls auf eine \u00d6ffentlichkeit, die Teil dieses sozialen Diskurses ist oder dazu motiviert werden soll, diesem Diskurs beizutreten.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.2<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kompetenzen und Motivationen geteilter Intentionalit\u00e4t machen das aus, \u201ewas wir die \u201akooperative Infrastruktur menschlicher Kommunikation\u2018 nennen k\u00f6nnen\u201c (Tomasello 2017: 18). Wobei sich die \u201eanf\u00e4nglichen Schritte in diesem Proze\u00df (\u2026) h\u00f6chstwahrscheinlich im Modus der Geste\u201c (ebd.: 19) vollzogen haben. Sie werden von Menschenaffen h\u00e4ufig erlernt und flexibel zu verschiedenen sozialen Zwecken eingesetzt. Sie richten sie gezielt \u201ean bestimmte Individuen und ber\u00fccksichtigen dabei deren gegenw\u00e4rtigen Aufmerksamkeitszustand\u201c (ebd.: 19\/20), wohingegen Vokalisierungen bei ihnen \u201ebeinahe vollst\u00e4ndig genetisch festgelegt, eng mit spezifischen Emotionen verkn\u00fcpft und (\u2026) wahllos an alle in der unmittelbaren Umgebung gerichtet\u201c (ebd.: 19) sind. Was hier als phylogenetische Wurzel menschlicher Kommunikation bestimmt wird, hat sich in Tomasellos Untersuchungen zur Entwicklung kommunikativer Verhaltensmuster bei Kleinkindern best\u00e4tigt: In der Ontogenese tritt die \u201emenschliche kooperative Kommunikation (\u2026) zuerst in Form nat\u00fcrlicher, spontaner Gesten des Zeigens und des Geb\u00e4rdenspiels auf\u201c (ebd.: 22).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die nat\u00fcrliche Neigung des Menschen besteht beim Zeigen darin, \u201eder Blickrichtung von anderen zu externen Objekten zu folgen\u201c (ebd.: 20) und beim Geb\u00e4rdenspiel darin, \u201edie Handlungen anderer als absichtlich zu interpretieren\u201c (ebd.: 20). Damit wird eine wesentliche Basis f\u00fcr kollaborative Aktivit\u00e4ten geschaffen, \u201ein denen die Teilnehmer Absichten und Aufmerksamkeit teilen und (\u2026) durch nat\u00fcrliche Formen gestischer Kommunikation koordiniert werden\u201c (ebd.: 20). Dies kann als \u201ebiologische Anpassungen zur Kooperation und sozialen Interaktion im allgemeinen\u201c (ebd.: 22) in Gestalt der \u201epsychologischen Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t\u201c (ebd.: 22) des Menschen aufgefasst werden. Dazu geh\u00f6ren nach Tomasello neben<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>den \u201esozio-kognitiven Fertigkeiten zur gemeinschaftlichen Erzeugung gemeinsamer Absichten und gemeinsamer Aufmerksamkeit (und anderer Formen eines gemeinsamen Hintergrunds)\u201c (ebd.: 22)<\/li>\r\n<li>auch \u201eprosoziale Motive (und sogar Normen) des Helfens und Teilens mit anderen\u201c (ebd.: 22), wobei dieses Helfen und Teilen nicht ganz so selbstlos ist, wie es scheint: F\u00fcr den Kommunizierenden muss, so Tomasello, das unmittelbare Ziel dieses Handelns mit einem mittelbaren Nutzen verbunden sein.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Um nun den Schritt von den elementaren biologischen Komponenten menschlicher Kommunikation, den nat\u00fcrlichen Gesten und der Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t, hin zur kooperativen \u201e(k)onventionellen Kommunikation, wie sie in menschlichen Sprachen verk\u00f6rpert ist\u201c (ebd.: 23), machen zu k\u00f6nnen, bedarf es weiterer entscheidender Komponenten. Dabei handelt es sich um die \u201eFertigkeiten des kulturellen Lernens und der Nachahmung, um gemeinsam verstandene kommunikative Konventionen und Konstruktionen zu schaffen und weitergeben zu k\u00f6nnen\u201c (ebd.: 23): \u201e(A)uf dem R\u00fccken dieser bereits verstandenen Gesten\u201c (ebd.: 20) werden aus Zeichensprachen stimmliche Sprachen, die \u201edie Nat\u00fcrlichkeit des Zeigens und Geb\u00e4rdenspiels durch eine gemeinsame Geschichte des sozialen Lernens (von der alle wechselseitig wissen, da\u00df sie gemeinsam ist)\u201c (ebd.: 20) ersetzen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon bei nicht-menschlichen Hominiden l\u00e4sst sich etwas aufweisen, was wir strukturell als perlokution\u00e4re Kraft bestimmen k\u00f6nnen: der intentionale, strategische und flexible Gebrauch bestimmter Signale, um andere zu beeinflussen \u2013 <em>A will B durch x zu etwas bewegen. <\/em>Aber nur weil uns etwas gleich erscheint, handelt es sich noch nicht um das Gleiche. Denn die mit perlokution\u00e4rer Kraft vorgetragenen Intentionen der Menschen erfolgen auf Basis der Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t, w\u00e4hrend die der nicht-menschlichen Hominiden auf Basis der Infrastruktur egoistischer, selbstbezogener Intentionalit\u00e4t erfolgen. Zur kooperativen Kommunikation wird intentionale Kommunikation erst, wenn der Aspekt des Helfens, zu dem insbesondere der des selbstlosen Informierens geh\u00f6rt, und der des Teilens hinzutritt. Dies ist jedoch weder bei Vokalisierungen noch bei gestischer Kommunikation von nicht-menschlichen Hominiden der Fall: Vokalisierungen scheinen bei ihnen \u201ehaupts\u00e4chlich ein individualistischer Ausdruck von Emotionen zu sein und keine Handlungen, die an Empf\u00e4nger gerichtet sind\u201c (ebd.: 30) \u2013 f\u00fchlt sich der, der ruft, nicht selber bedroht, ruft er nicht. F\u00fchlt er sich bedroht, ruft er. Dabei geht der Ruf physikalisch zwar an alle im Umfeld, ist aber an <em>niemanden<\/em> gerichtet: Die Empf\u00e4nger informieren sich \u201edurch Lauschen, sind aber nicht Adressaten des Rufers\u201c (ebd.: 29). Das hei\u00dft: Der Ruf erfolgt <em>nicht<\/em> mit perlokution\u00e4re Kraft, will A doch B <em>nicht<\/em> durch x zu etwas bewegen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den Gesten sieht die Sache etwas anders aus. Denn die gestische Kommunikation der Menschenaffen und die sprachliche Kommunikation der Menschen haben \u201egrundlegende funktionale Aspekte gemein (\u2026), n\u00e4mlich den absichtlichen und flexiblen Gebrauch gelernter Kommunikationssignale\u201c (ebd.: 32). Tomasello nennt diese Art der Gesten, in Abgrenzung zu genetisch festgelegten \u201eDisplays\u201c (ebd.: 31; dazu geh\u00f6ren spezifische Gesten wie z.B. das Blecken der Z\u00e4hne), \u201eintentionale Signale\u201c (ebd.: 31). Sie betreffen \u201esoziale Aktivit\u00e4ten (\u2026), die emotional weniger aufgeladen und evolution\u00e4r weniger dringlich sind\u201c (ebd.: 31). Zwei funktionale Typen von Gesten werden nun von Tomasello unterschieden:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Erstens die ontogenetisch ritualisierten \u201eIntentionsbewegungssignale\u201c (ebd.: 33), bei denen A versucht, das Verhalten von B \u201ein der Interaktion direkt zu beeinflussen (ebd.: 33; hier liegt eine mit perlokution\u00e4rer Kraft vorgetragene Intention vor \u2013 aber auf Basis der Infrastruktur <em>egoistischer<\/em> Kommunikation): A hebt den Arm, um B zu signalisieren, dass er spielen will. Durch mehrfache Wiederholung der Handlung durch A lernt B, was A beabsichtigt: B lernt die Bedeutung. A lernt wiederum, die Antizipation von B vorwegzunehmen: A hebt den Arm \u2013 und wartet auf die entsprechende Reaktion von B. Diese Intentionsbewegungen, bei denen es sich fast ausnahmslos um Aufforderungen handelt, sind \u201eein Teil einer schon vorhandenen, sinnvollen sozialen Interaktion\u201c (ebd.: 38); ihre \u201eBedeutung ist schon in den Gesten eingebaut\u201c (ebd.: 38). Diese Art der Gesten sind einseitig, nicht wechselseitig gerichtete Kommunikationsmittel. Schimpansen sind <em>nicht<\/em> zum Rollentausch f\u00e4hig: Macht B gegen\u00fcber A die gleiche Geste des Armhebens wie A gegen\u00fcber B, so erkennt A die Bedeutung der Geste, die er vorher selber gezeigt hat, nicht \u2013 A muss sie genauso erlernen, wie sie zuvor B erlernt hat.<\/li>\r\n<li>Zweitens die \u201eAufmerksamkeitsf\u00e4nger\u201c (ebd.: 32) genannten Gesten. Mit ihnen intendieren Schimpansen (a.) die Aufmerksamkeit eines anderen zu erregen, um damit dessen Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken (<em>sehen<\/em>: \u201ereferentielle Intention\u201c [ebd.: 41]) und (b.), \u201eda\u00df der Empf\u00e4nger auf bestimmte Weise handelt\u201c (<em>tun<\/em>: \u201esoziale Intention\u201c [ebd.: 41]). Diese \u201ezweistufige intentionale Struktur (stellt eine) echte evolution\u00e4re Neuerung\u201c (ebd.: 41) dar, erfolgt doch hier die mit perlokution\u00e4rer Kraft vorgetragene intentionale Handlung durch einen Gestus, der flexibel f\u00fcr <em>verschiedene<\/em> soziale Zwecke eingesetzt werden kann. Zudem wird von dem Empf\u00e4nger eine komplexe geistige Leistung erwartet: B muss imstande sein, von dem, was er sieht, auf das zu schlie\u00dfen, was A will, dass B es tut.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind also <em>nicht<\/em> die Vokalisierungen der Menschenaffen, die als evolution\u00e4rer Vorl\u00e4ufer menschlich-stimmlicher Kommunikation anzusehen sind \u2013 es sind vielmehr die Zeigegesten und ihr flexibler Gebrauch, aus denen sich offensichtlich unsere Sprache entwickelt hat: Bei ihnen handelt es sich um F\u00e4lle \u201eeiner absichtlichen auf einen anderen gerichteten Handlung, in der sich zudem ein gewisses Verst\u00e4ndnis davon offenbart, inwiefern die Reaktion des anderen von dessen F\u00e4higkeiten abh\u00e4ngt, Dinge wahrzunehmen und zu intendieren\u201c (ebd.: 45). Kurz: um ein \u201eVerstehen intentionalen Handelns\u201c (ebd.: 56).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Menschenaffen erlernen im Umgang mit Menschen keine neuen Vokalisierungen. Hingegen scheinen sie problemlos neue Gesten zu erlernen, die sie jedoch nur gegen\u00fcber dem Menschen, nicht gegen\u00fcber Artgenossen verwenden. Es handelt sich dabei um spezifische Gesten, die \u201eals leistungsf\u00e4hige Erweiterung ihrer nat\u00fcrlichen Gesten zur Gewinnung von Aufmerksamkeit\u201c (ebd.: 46) betrachtet werden k\u00f6nnen: um das <em>Zeigen<\/em>. Jedoch ist auch der Gebrauch dieser Zeigegesten im Wesentlichen auf eine spezifische Form der \u201aSprechakte\u2018 begrenzt: Menschenaffen zeigen weder deklarativ noch informativ, sondern allein <em>auffordernd<\/em> (\u201eimperative Gesten\u201c [ebd.: 46]). Ebenso wenig k\u00f6nnen sie \u201emenschliche Zeigegesten (\u2026) verstehen, die den Zweck haben, sie hilfreich \u00fcber Dinge zu informieren\u201c (ebd.: 50). Offensichtlich sind sie nicht imstande zu \u201everstehen, da\u00df der Mensch altruistisch kommuniziert, um ihnen beim Erreichen ihrer Ziele zu helfen\u201c (ebd.: 53). So wie Menschenaffen <em>einzig<\/em> \u201ezu ihrem eigenen Gunsten auf etwas\u201c (ebd.: 65) zeigen, so verstehen sie, vice versa, auch nicht, \u201eda\u00df der andere zu ihren Gunsten auf etwas zeigt\u201c (ebd.: 65). Hier zeigt sich der entscheidende Unterschied zur Infrastruktur menschlicher Kommunikation: Wenn A in einer Spielsituation B mittels einer Zeigegeste auf etwas hinweist, so wei\u00df B, \u201eda\u00df diese Zeigegeste wahrscheinlich in gewisser Weise f\u00fcr ihr <em>gemeinsames<\/em> Ziel relevant ist, das Spielzeug zu finden\u201c (ebd.: 65; Hervorhebung S.O.). Im Gegensatz zu den kommunikativen Akten der Schimpansen zeigt sich hier eine Form der Kommunikation, die \u201edurch st\u00e4rker kooperative Motive beherrscht wird \u2013 also nicht nur durch individuelle Intentionalit\u00e4t, sondern durch geteilte Intentionalit\u00e4t\u201c (ebd.: 65).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeigegesten sind im Rahmen sozialer menschlicher Aktivit\u00e4t innovative Mittel der Kommunikation. Innovativ insofern, als dass sie nicht kodiert, also in ihrem Gebrauch und damit in ihrer Bedeutung festgelegt sind, sondern als nicht-konventionalisierte Zeichen in unterschiedlichen Situationen von verschiedenen Kommunizierenden gegen\u00fcber anderen flexibel eingesetzt werden. Und doch sind Menschen, wie sich in unserem Beispiel <em>\u201a<\/em><em>A zeigt auf ein Fahrrad und lenkt so die Aufmerksamkeit von B darauf\u2018 <\/em>eingangs gezeigt hat, in je unterschiedlichen Situationen imstande zu verstehen, was der jeweils andere gemeint\/intendiert hat. Wie ist dies nun aber ohne R\u00fcckgriff auf einen kodifizierten Zeichenbestand m\u00f6glich, bei dem die Bedeutungen festgelegt sind? Wie (und warum) gelingt eine Kommunikation \u201eohne Begleitung durch irgendwelche kodifizierte Sprachen\u201c (ebd.: 71)?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.3<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Forschungen zur menschlichen Kommunikation bei vorsprachlichen Kleinkindern zeigen, dass sie in der Lage sind, durch \u201edeiktische Gesten\u201c (Tomasello 2017: 71) intentional \u201edie Aufmerksamkeit eines Empf\u00e4ngers r\u00e4umlich auf etwas in der unmittelbaren Wahrnehmungsumgebung zu lenken\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> (ebd.: 70). In ihrer weiteren Entwicklung verwenden Kinder neben diesen dann zunehmend auch \u201eikonische Gesten\u201c (ebd.: 73). Mit ihnen wollen sie eine Handlung, eine Beziehung oder einen Gegenstand simulieren und die Aufmerksamkeit \u201eeines Empf\u00e4ngers auf etwas lenken, das sich normalerweise <em>nicht<\/em> in der unmittelbaren Wahrnehmungsumgebung befindet\u201c (ebd.: 72, Hervorhebung S.O.). In beiden F\u00e4llen ist es die referentielle Intention von A, B dazu zu veranlassen, die soziale Intention des Kommunikationsaktes von A zu erschlie\u00dfen, so dass der Kommunikationsakt nicht nur gelingt (B versteht, was A will), sondern auch erfolgreich ist: B tut das, was A mit seiner Geste beabsichtigt \u2013 entsprechend des Grice\u2019schen Grundmodells, dem das Konzept der Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t resp. Wir-Intentionalit\u00e4t inh\u00e4rent ist. Das Verst\u00e4ndnis des Gemeinten, das noch nicht sozial festgelegt ist und bei dem noch kein gemeinsamer Hintergrund konstituiert wurde (\u201aSprecher-Bedeutung\u2018 resp. \u201aSprecher-Intention\u2018), ereignet sich dabei in einem Prozess kooperativ-kommunikativen Handelns:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>A intendiert, dass B erkennt, dass A mit seiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtigt.<\/li>\r\n<li>A intendiert, dass B meine Intention (i.) erkennt.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">iii. A intendiert, dass B erkennt, was A mit seiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtigt, indem B sie Intention von A (ii.) erkennt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Intention von A ist es, dass B Ziel und Absicht, die A mit seiner \u00c4u\u00dferung verfolgt, erkennt und sich zu eigen macht (Konstitution eines gemeinsamen Ziels und einer gemeinsamen Absicht). Dar\u00fcber hinaus ist es die Intention von A, dass im Verlaufe des Prozesses zwischen ihm und B diesbez\u00fcglich ein wechselseitig geteiltes Wissen konstituiert wird. Ist dies der Fall, so sind in diesem Prozess kooperativ-kommunikativen Handelns wesentliche Faktoren f\u00fcr den Bestand eines gemeinschaftlichen begrifflichen Hintergrund gegeben: Aufgrund ihrer spezifischen psychologischen Infrastruktur der Intentionalit\u00e4t sind Menschen wie gesagt zu einer Zusammenarbeit f\u00e4hig, bei der \u201eein Subjekt im Plural, ein \u201aWir\u2018 auftritt: gemeinsame Ziele, gemeinsame Absichten, wechselseitiges Wissen, geteilte \u00dcberzeugungen\u201c (ebd.: 17). Das erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit dramatisch, dass der von A mit perlokution\u00e4rer Kraft erfolgte kommunikative Vorsto\u00df letztlich in einen produktiven kooperativen Dialog zwischen A und B m\u00fcndet.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese F\u00e4higkeit zur Initiation eines solchen Dialogs zeigt sich bei Kleinkindern bereits im Alter von ca. 12 Monaten, wenn sie Zeigegesten verwenden. Also lange \u201ebevor sie in gro\u00dfem Umfang oder \u00fcberhaupt \u00fcber eine Sprache verf\u00fcgen\u201c (ebd.: 77). Auch mit \u201ekomplexen Verwendungen ikonischer und\/oder konventionalisierter Gesten (beginnen sie) noch vor dem Spracherwerb\u201c (ebd.: 81). Selbst Erwachsene gebrauchen noch, obwohl bereits im Besitz vokalisierter Sprache, \u201ein nat\u00fcrlichen Kontexten Zeigegesten zum Gro\u00dfteil <em>ohne<\/em> Sprache\u201c (ebd.: 74, Hervorhebung S.O.). Tomasello demonstriert dies an einem simplen, hier paraphrasierten Beispiel:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">A sitzt in einer gut besuchten Bar auf dem Trockenen. Da es angesichts der Lautst\u00e4rke keinen Sinn hat, zu schreien, um noch etwas zu trinken zu bestellen, wartet er ab, bis der Barkeeper B zu ihm r\u00fcber schaut \u2013 und deutet dann wortlos auf sein leeres Bierglas.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit liegt ein vollst\u00e4ndiger, nicht-sprachlicher Kommunikationsakt vor, der, wie die Kommunikationsakte, die demgegen\u00fcber mit ikonischer Geste<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> vollzogen werden, auch ohne Rekurs auf bestehende Codes problemlos funktioniert. Dass dies m\u00f6glich ist, liegt an einem einzigartigen Umstand: \u201eDie Menschen <em>kooperieren<\/em> miteinander auf eine Weise, die wir von keiner anderen Spezies kennen, wobei diese Kooperation Prozesse geteilter Intentionalit\u00e4t beinhaltet\u201c (ebd.: 83) \u2013 Tomasello nennt es \u201edas Kooperationsmodell der menschlichen Kommunikation\u201c (ebd.: 82).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat es aber nun mit diesem sonderbaren Spezifikum \u201ageteilte Intentionalit\u00e4t\u2018 auf sich, durch das sich der Mensch grundlegend vom Menschenaffen unterscheidet? Anders als diese und alle anderen Lebewesen im Tierreich nutzen Menschen Sprache, stellen mathematische Gleichungen auf, schaffen soziale Institutionen, heiraten, bauen Wolkenkratzer und bet\u00e4tigen sich k\u00fcnstlerisch. Aber was ist es, so fragen sich Michael Tomasello und Malinda Carpenter in ihrem 2007 erschienen Aufsatz \u201a<em>Shared intentionality<\/em>\u2018, was einzig den Menschen dazu bef\u00e4higt, diese und noch viele andere Dinge zu tun? Ihre These lautet: Der Mensch entwickelt gar keine neuen kognitiven Kompetenzen (\u201eskills\u201c). Vielmehr vollzieht sich in seiner fr\u00fchkindlichen Phase eine bemerkenswerte ontogenetische <em>Transformation<\/em> der bereits bei nicht-menschlichen Hominiden bestehenden, ausgepr\u00e4gt individualistischen, selbstbezogenen Version elementarer kognitiver Skills hin zu einer Version geteilter Intentionalit\u00e4t, die sich allein beim Menschen findet. Dieser Wandel der kognitiven Infrastruktur, der sich im ersten und zweiten Lebensjahr ereignet, betrifft im Wesentlichen vier Aspekte:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>vom folgenden Blick zur gemeinsamen Aufmerksamkeit<\/li>\r\n<li>von der sozialen Beeinflussung zur kooperativen Kommunikation<\/li>\r\n<li>von der Gruppenaktivit\u00e4t zur Kollaboration<\/li>\r\n<li>vom sozialen Lernen zum instruierten Lernen<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei handelt es sich um sozial-kognitive und sozial-motivationale Kompetenzen, die sich auf kollaborative Interaktionen beziehen, bei denen die jeweiligen Kommunikationsteilnehmer Aufmerksamkeit, Hintergrund, Ziele und Pl\u00e4ne miteinander teilen, um ein Problem zu l\u00f6sen, ein Spiel zu spielen oder auch ein Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vom folgenden Blick zur gemeinsamen Aufmerksamkeit: <\/em>Kleinkinder folgen, wie Schimpansen auch, dem Blick anderer, um zu sehen, was diese sehen. Doch ab etwa dem ersten Lebensjahr<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> vollzieht sich bei ihnen ein entscheidender Wandel gegen\u00fcber dem Verhalten der Schimpansen: Sie folgen nicht mehr einfach nur dem Blick anderer, um zu sehen, was diese sehen \u2013 sie versuchen zudem, Aufmerksamkeit mit ihnen zu teilen: \u201e(F)rom a very early age human infants are motivated to simply share interest and attention with others in a way that our nearest primate relatives are not\u201c (Tomasello 2007: 122). Diese durch sozial-motivationale Kompetenzen geschaffene gemeinsame Aufmerksamkeit ist aber nicht einfach dadurch gekennzeichnet, dass zwei Personen das gleiche Objekt zur gleichen Zeit wahrnehmen. Es addiert sich, so betonen Tomasello\/Carpenter, ein ganz entscheidender Faktor: Nicht nur nehmen die beiden Personen das gleiche Objekt zur gleichen Zeit wahr \u2013 <em>sie wissen auch beide, dass sie dies tun<\/em>. Tomasello nennt diesen Faktor \u201eintersubjective sharing\u201c (ebd.: 121). Damit wird eine geteilte Basis geschaffen, die von kollaborativen Aktivit\u00e4ten bis hin zu geteilten Zielen in menschlich-kooperativer Kommunikation alles erm\u00f6glicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Von der sozialen Beeinflussung zur kooperativen Kommunikation: <\/em>Um von Menschen zu bekommen, was sie wollen, kommunizieren Hominide intentional in bemerkenswert flexibler Weise mit Gesten. Bei ihrem Versuch, das Verhalten von Menschen in dieser Weise zu beeinflussen, geht es allerdings ausschlie\u00dflich um selbstbezogene Intentionen: Es handelt sich dabei um <em>Aufforderungen<\/em>, die allein ihrem selbstbezogenen Interesse dienen. Nutzen hingegen Menschen Zeigegesten, um mit anderen zu kommunizieren, zeigt sich ein anderes Bild \u2013 \u201e(t)hese gestures depend fundamentally on skills and motivations of shared intentionality\u201c (ebd.: 122):<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Menschlich-intentionale Kommunikation basiert ganz wesentlich \u201eon some kind of shared common ground between communicator and audience\u201c (ebd.: 122) wie zum Beispiel auf einem gemeinsamen Aufmerksamkeitsrahmen: Spielt ein Erwachsener mit einem Kleinkind ein Versteckspiel und zeigt er in diesem Kontext mit einer Geste ins Blaue hinein, so wird das Kleinkind wahrscheinlich <em>schlussfolgern<\/em>, dass sich das versteckte Objekt genau dort befindet, wohin der Erwachsene zeigt \u2013 eine Abstraktionsleistung, zu der nicht-menschliche Hominide nicht imstande sind. Sie teilen mit dem Menschen nicht den Aufmerksamkeitsrahmen des <em>Versteckspiels<\/em>. Zudem verstehen sie nicht, dass es sich bei der Zeigegeste um eine relevante Geste im Sinne einer gemeinsamen Handlung handelt.<\/li>\r\n<li>Menschenaffen nutzen zwar Gesten, um andere dazu bringen, das zu tun, was sie wollen, dass sie es tun. Allerdings nicht in dem menschlich-kollaborativen Sinn, dass sie mit anderen Erfahrungen teilen und sie altruistisch helfend \u00fcber bestimmte Dinge informieren wollen. Im Gegenteil: Zeigegesten der Menschen, die sie zum Beispiel dar\u00fcber informieren, wo Nahrung verborgen ist, verstehen sie nicht \u2013 es ist ihnen im Rahmen ihrer kognitiven Infrastruktur selbstbezogener Intentionalit\u00e4t <em>nicht<\/em> m\u00f6glich, den Sinn einer solchen selbstlosen Hilfe zu erkennen. So haben f\u00fcr sie diese Gesten und ihre impliziten kooperativen Motive, obwohl sie ja f\u00fcr sie von betr\u00e4chtlichem Nutzen w\u00e4ren, keine Bedeutung. Anders die Kleinkinder: Bereits mit circa 9 Monaten nutzen sie Zeigegesten, um auf Basis gemeinsamer Aufmerksamkeit zu interagieren. Mit etwa 12 Monaten gehen sie dazu \u00fcber, diese Gesten zu nutzen, um andere \u00fcber Dinge zu informieren, die sie nicht kennen. So teilen sie kooperativ Informationen mit ihnen, auch wenn sie selbst davon gar keinen resp. keinen unmittelbaren Nutzen haben. Aber dieses Teilen von Informationen im Sinne eines altruistischen Helfens hat einen entscheidenden <em>mittelbaren<\/em> Nutzen: Er st\u00e4rkt die soziale Bindung, schafft Gemeinsamkeit und konstituiert langfristig Identit\u00e4t \u2013 hier zeigt sich die soziale Dimension der spezifisch menschlich-kognitiven Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bemerkenswert ist, darauf weisen Tomasello\/Carpenter hin, dass selbst dann, wenn Kleinkinder selbstbezogen intentional handeln, ihre Kommunikation kollaborativ strukturiert ist: \u201e(T)hey are not just trying to get the things but instead to in\ufb02uence the other\u2019s informational and goal states\u201c (ebd.: 122; selbst vorsprachliche Kinder kommunizieren in der Weise kooperativ \u2013 h\u00e4ufig ist das Teilen von Erfahrungen und Informationen mit anderen sogar ihre einzige kommunikative Motivation). Menschen handeln also stets kollaborativ, weil bei der Entwicklung zum Homo sapiens phylogenetisch eine Transformation grundlegender kognitiver Skills stattgefunden hat, die sich ontogenetisch bei jedem einzelnen Menschen abbildet: ein Wandel von der individualistischen Version dieser Kompetenzen hin zur Version geteilter Intentionalit\u00e4t. So l\u00e4sst sich vermuten, dass <em>alle<\/em> menschlich-kommunikativen Akte auf Basis dieser Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t erfolgen. Was, sollte es so sein, weitreichende Konsequenzen h\u00e4tte. Denn es w\u00fcrde bedeuten, dass vom allt\u00e4glichen Gespr\u00e4ch \u00fcber das \u201aGespr\u00e4ch\u2018 als sozialem Diskurs (Clifford Geertz) und den Texten als intentionale Interventionen in die jeweiligen Diskurse ihrer Zeit (Quentin Skinner) bis hin zu den k\u00fcnstlerischen \u00c4u\u00dferungen, also jedwedem k\u00fcnstlerischen Schaffen in allen nur erdenklichen Medien in <em>allen<\/em> Kulturen und Epochen (auch den zuk\u00fcnftigen), kein im weitesten Sinne kommunikativer Akt des Menschen ohne die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t vorstellbar w\u00e4re: Sie ist all unserem kommunikativen Handeln und damit auch allen mit perlokution\u00e4rer Kraft (<em>\u201aA will B durch x zu etwas bewegen\u2018<\/em>) vorgetragenen und egoistisch motivierten intentionalen kommunikativen Handlungen unterlegt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Von der Gruppenaktivit\u00e4t zur Kollaboration: <\/em>Bei Gruppenaktivit\u00e4ten wie der Jagd verfolgen nicht-menschliche Hominide ihre individuellen Ziele und reagieren auf das, was andere sehen und tun. Aber sie arbeiten nicht an einem gemeinsamen Ziel im Sinne geteilter Intentionalit\u00e4t koordiniert und kooperativ zusammen. Auch wenn es sich um eine kognitiv hoch komplexe Gruppenaktivit\u00e4t handelt \u2013 sie beinhaltet <em>keine<\/em> Kollaboration in der Weise, dass alle Mitglieder ein geteiltes Ziel haben, auf das sie gemeinsam hinarbeiten und gemeinsam wissen, dass sie darauf hinarbeiten sowie Pl\u00e4ne miteinander teilen, um dieses Ziel zu erreichen. Eine solche Interaktion ist allein dem Menschen vorbehalten. So kooperieren bereits Kleinkinder. Wobei es bei ihnen sogar manchmal den Anschein hat, als w\u00fcrde die Kooperation zum Selbstzweck werden. Ein Beispiel: Im Rahmen eines Spiels nimmt ein Erwachsener ein Spielzeug an sich und gibt es einem Kleinkind. Das nimmt das Spielzeug entgegen. Doch anstatt damit zu spielen, legt es das Kind wieder dorthin zur\u00fcck, von wo es der Erwachsene genommen hat. Und das nur, damit dieser ihm das Spielzeug noch einmal gibt \u2013 eine auf den ersten Blick g\u00e4nzlich dysfunktional erscheinende, weder ziel- noch nutzenorientierte Wiederholungshandlung, die bei Menschenaffen niemals auftritt. Die reine kollaborative Aktivit\u00e4t bereitet offenbar den Kindern zuweilen fast mehr Freude als das Spielen mit dem Spielzeug (wobei diese reine kollaborative Aktivit\u00e4t durchaus als ein durch das Kind initiiertes <em>neues<\/em> Spiel aufgefasst werden kann). In diesem Sinne l\u00e4sst sich sagen, dass die Teilnahme von Menschenaffen bei Gruppenaktivit\u00e4ten von selbstbezogener Intentionalit\u00e4t, die Teilnahme der Kleinkinder ab einem Alter von etwa einem Jahr hingegen von geteilter Intentionalit\u00e4t in Form geteilter Ziele und Pl\u00e4ne (\u201eperhaps underlain by skills of joint attention and cooperative communication\u201c [Tomasello 2007: 123]) sowie von rein sozialen Motiven wie dem Teilen von Erfahrungen mit anderen gepr\u00e4gt ist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vom sozialen Lernen zum instruierten Lernen<\/em>: Lernen Menschenaffen von anderen, so ist dieses Lernen <em>nicht<\/em> von einem gezielten Lehren durch einen anderen begleitet. Menschenaffen lernen in der Regel von anderen, indem sie sie bei deren Tun beobachten. Kleinkinder hingegen imitieren nicht nur die Handlungen anderer, um zu lernen, manchmal imitieren sie diese einfach nur deshalb, um dem Anderen zu zeigen, dass sie wissen, wie es geht. Auch machen erwachsene Menschen etwas, was Menschenaffen in dieser spezifischen Form niemals tun: Sie lehren. Das hei\u00dft, sie zeigen Kindern intentional, gezielt und geplant Dinge, damit sie diese imitieren. Dabei internalisieren Kinder, was sie lernen \u2013 ein Lernvorgang, den Tomasello \u201einstructed learning\u201c (ebd.: 123) nennt. Ebenfalls im Alter von etwa einem Jahr beginnen Kleinkinder dar\u00fcber hinaus mit einer Art spielerischem Rollentausch<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>: \u201e(T)hey sometimes observe adult actions directed to them, and then reverse roles and redirect the actions back to the demonstrator, making it clear by looking to the demostrator\u2019s face that they see this as a joint activity\u201c (ebd.: 123\/124). In diesem Verhalten l\u00e4sst sich eine fr\u00fche Phase des Erlernens sozialer Normen erkennen. Ist das menschliche Lernen kollaborativ strukturiert und oft mit der Motivation verbunden, geteilte Zust\u00e4nde anderen mitzuteilen, so gehen Kinder im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung dazu \u00fcber, bestimmte erlernte Handlungen in normative Cluster einzubetten. Ein Ph\u00e4nomen, das sich zum Beispiel beim Spiel mit Puppen beobachten l\u00e4sst: Kinder stellen mit ihnen gezielt Handlungen nach, die nicht mit den in ihrem sozialen Kontext etablierten sozialen Normen konform gehen. Dann weisen sie die Puppen explizit auf ihr Fehlverhalten hin \u2013 und erzwingen so die Norm. \u201eSocial norms \u2013 even of this relatively trivial type \u2013 can only be created by creatures who engage in shared intentionality and collective beliefs\u201c (ebd.: 124). Das hei\u00dft: Nur Wesen, die \u00fcber die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t verf\u00fcgen, sind imstande, soziale Normen zu konstituieren. Und nur dann, wenn diese konstituiert wurden, k\u00f6nnen kulturelle Gruppen auch Werte teilen und geteilte Werte aufrechterhalten, was wiederum langfristig zur Bildung einer Gruppenidentit\u00e4t wie auch, das ist die dunkle Seite der Macht menschlich-kognitiver Skills, zur Ab- und Ausgrenzung anderer beitr\u00e4gt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kompetenzen und Motivationen f\u00fcr geteilte Intentionalit\u00e4t sind demnach, so der gegenw\u00e4rtige Stand der Forschung, direkter Ausdruck einer biologischen Adaption, die Kleinkinder dazu bef\u00e4higt, an kulturellen Praktiken und Prozessen um sie herum aktiv teilzunehmen. Dank dieser ontogenetisch angelegten F\u00e4higkeiten und Motivationen sind Menschen zur Konstitution sozialer Normen, kollektiver Annahmen und kultureller Institutionen bef\u00e4higt. Das Ph\u00e4nomen der geteilten Intentionalit\u00e4t bringt so Biologie und Kultur zusammen. L\u00e4sst man es bei der Betrachtung kultureller Aktivit\u00e4ten, zu denen auch das k\u00fcnstlerische Schaffen geh\u00f6rt, au\u00dfer acht, so werden sich diese kaum angemessen beschreiben lassen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.4<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Transformation der selbstbezogenen Intentionalit\u00e4t zur geteilten Intentionalit\u00e4t wird das Kind zum mit- und umgestaltenden Teil seiner Lebenswelt \u2013 der intersubjektiv konstituierten Welt menschlich-kooperativen Verhaltens. Es ist dies die je spezifische Welt codierter Zeichen und konventioneller Bedeutungen im Rahmen einer bestehender Sprachgemeinschaft und Kultur innerhalb einer bestimmten Epoche. In sie wird der junge Mensch hineingeboren, sozialisiert und in einen gemeinsamen begrifflichen Hintergrund, ausgestattet mit gemeinsamen Zielen, gemeinsamen Absichten, wechselseitigem Wissen<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> und geteilten \u00dcberzeugungen, eingebettet. Eine Welt, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die einen \u201eaufgrund kooperativer Motive andere \u00fcber bestimmte Dinge absichtlich zu informieren\u201c (Tomasello 2017: 24) suchen. Allgemeiner formuliert bedeutet dies: Wir versuchen, mit Signalen \u201eandere zu beeinflussen\u201c (ebd.: 25). Das funktioniert \u201eam nat\u00fcrlichsten und reibungslosesten im Kontext eines wechselseitig vorausgesetzten, gemeinsamen begrifflichen Hintergrunds (1) und wechselseitig vorausgesetzter, kooperativer Kommunikationsmotive (2)\u201c (ebd.: 17): Menschliche Kommunikation beruht als kooperative Kommunikation eben \u201eauf geteilter Intentionalit\u00e4t\u201c (ebd.: 18).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Kontext ereignet sich auch die strukturell erste Verwendung einer Zeigegeste des Kindes als <em>nicht<\/em> codiertes Zeichen. Ausgehend von diesem singul\u00e4ren Gebrauch l\u00e4sst sich nun ein hypothetischer Prozess beschreiben, der strukturell nicht wesentlich anders verl\u00e4uft als der der Etablierung der Gebrauchsweise eines Wortes (also seiner Bedeutung): der Weg von der singul\u00e4ren Verwendung eines Wortes \u00fcber die dauerhafte Verwendung durch einen, sp\u00e4ter durch mehrere Teilnehmer (Regularit\u00e4t) bis hin zum kollektiven Gebrauch (Regel). An diesem soziokulturellen Prozess<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> nehmen potentiell alle in einer Sprachgemeinschaft sozialisierten Personen teil. Durch eben diese aktive Teilnahme am Konstitutions- und Wandlungsprozess der Sprache und mit ihr der Bedeutung erwirbt der Muttersprachler eben jenes verst\u00e4ndnissichernde kollektive implizite Erfahrungswissen, das ihn die Sprache, mit der er aufw\u00e4chst, im Ryle\u2019schen Sinne \u201aim Schlaf\u2018 verstehen l\u00e4sst. Das hei\u00dft: Der vom singul\u00e4ren Gebrauch strukturell ausgehende Prozess der Konventionalisierung<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> findet stets in einem sozialen Rahmen statt, in dem zumindest die rudiment\u00e4re Form eines codierten Zeichensystems vorliegt<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen ganz \u00e4hnlichen Gedanken hegt der ungarische Kunsthistoriker Arnold Hauser bei seiner soziologischen Deutung der Kunst. Einerseits sei sie, so schreibt er 1973 in seinem Werk <em>Kunst und Gesellschaft<\/em>, \u201ean den Menschen als Menschen, an das Individuum als einzigartiges, wegen der unwiederholbaren Kombination seiner Anlagen und Neigungen unvergleichliches Wesen gebunden\u201c (Hauser 1973: 20). Andererseits ist aber das \u201eIndividuum selber gewisserma\u00dfen ein Produkt des sozialen Bodens\u201c (ebd.: 39), gibt es kein \u201evon jeder zwischenmenschlichen Bindung und jedem gesellschaftlichen Einflu\u00df freies Individuum\u201c (ebd.: 55). \u201eDer Einzelne und die Gruppe sind (\u2026) voneinander untrennbar und aufeinander nicht zu reduzieren\u201c (ebd.: 39). Das soziale Element ist damit konstituierende Komponente \u201edes individuellen sch\u00f6pferischen Faktors\u201c (ebd.: 39). Und weil der Mensch eben \u201eein wesentlich gesellschaftliches Dasein\u201c (ebd.: 23) im Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen f\u00fchrt, f\u00fchrt auch die Kunst kein isoliertes Dasein \u201einmitten eines einheitlich zusammenh\u00e4ngenden, praktisch unteilbaren, weltanschaulich z\u00e4surlosen Lebens\u201c (ebd.: 23). Vielmehr ist sie integraler Bestandteil des \u201eGanzen des normalen Lebens\u201c (ebd.: 21; die Idee der Autonomie der Kunst entpuppt sich damit als eine in der Renaissance geborene Chim\u00e4re).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zwingende Bindung des Kunstschaffenden an die Lebenswelt, in die er hineingeboren ist, muss ihm aber durchaus kein Hindernis, sondern kann ihm h\u00f6chst produktives Momentum sein: \u201eDer k\u00fcnstlerische Ausdruck vollzieht sich nicht trotz, sondern dank dem Widerstand, auf den er in der Form der Konvention st\u00f6\u00dft\u201c (ebd.: 30). Dabei hat man \u201ees stets mit der gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit von zwei in gleichem Ma\u00dfe konstitutiven Prinzipien zu tun\u201c (ebd.: 32) \u2013 es ist einerseits der \u201esubjektive Antrieb zum k\u00fcnstlerischen Schaffen\u201c (ebd.: 32), der nicht von den gesellschaftlichen Bedingungen zu trennen ist, in dem es sich ereignet. Andererseits ist dieser \u201esubjektive Impuls\u201c (ebd.: 32) aber <em>nicht<\/em> aus diesen Bedingungen abzuleiten. \u201eK\u00fcnstler sind, wie ihre Mitmenschen, soziale Wesen, Produkte <em>und<\/em> Produzenten der Gesellschaft\u201c (ebd.: 56; Hervorhebung S.O.). Das hei\u00dft: Einerseits sind sie bedingte Wesen \u2013 andererseits sind sie es, die die Bedingungen, durch die sie bedingt werden, selber wandeln. Und damit ein St\u00fcck weit eben die Bedingungen schaffen, durch die die n\u00e4chste Generation bedingt wird. Wobei es sich bei diesen Bedingungen, wie bei allen soziokulturellen Ph\u00e4nomenen, um die kollektive, weder intendierte noch geplante \u201ekausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen (handelt), die mindestens partiell \u00e4hnlichen Intentionen dienen\u201c (Keller 2014: 93). Individuum und Gesellschaft \u201emachen sich gleichzeitig geltend, entwickeln sich im gleichen Schritt und ver\u00e4ndern sich in gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeit voneinander\u201c (Hauser 1973: 55). Aber dabei sind sie doch \u201eblo\u00df zwei Aspekte ein und derselben Erscheinung\u201c (ebd.: 56), bei der das Individuum \u201eeinziger aktiver Vertreter\u201c (ebd.: 57) ist: Das Individuum ist das einzige Handlungssubjekt und allein imstande, Kunstwerke zu erschaffen. Dabei ist es aber immer \u201eTeil und Organ eines Kollektivs\u201c (ebd.: 57). Dies ist selbst in Epochen und Kulturen der Fall, die keinen Begriff der Individualit\u00e4t haben: Ein Kollektiv kann nicht \u201eder aktive Tr\u00e4ger von Kulturprozessen\u201c (ebd.: 65) sein, stets liegt \u201edie Funktion des Denkens und Handelns (\u2026) beim Individuum\u201c (ebd.: 65).<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p><strong>Was gibt es in der Kunst zu \u201everstehen\u201c?<\/strong>, Rigorose Reflexionen zum Kunstbegriff von Stefan Oehm.\u00a0 K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2021<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-scaled-e1617188402283.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81219 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/a>Die inflation\u00e4re Verwendung des zentralen Terminus technicus im Kunstdiskurs geht mit einer befremdlichen sprachlichen Sorglosigkeit einher. Keiner der Beteiligten nimmt eine systematische Begriffsdifferenzierung vor, um sicherzustellen, dass alle wissen, wor\u00fcber sie reden, wor\u00fcber sie miteinander reden und wor\u00fcber der Andere redet. Wie kann ein Verstehen gew\u00e4hrleistet sein, wenn nicht dieses Wissen gew\u00e4hrleistet ist? \u00dcber welchen Begriff \u203averstehen\u2039 reden wir in der Kunst? Geht es in der Kunst \u00fcberhaupt darum, etwas zu verstehen oder verstehen zu geben? Die hier vorliegenden f\u00fcnf Aufs\u00e4tze widmen sich einigen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen, um von diversen liebgewonnenen Topoi Abschied zu nehmen. Helfen werden Gedanken des Ethnologen Clifford Geertz, den sein Unbehagen an der mangelnden begrifflichen Pr\u00e4zision deutender Ans\u00e4tze zum Konzept der \u203aDichten Beschreibung\u2039 f\u00fchrte. Des Weiteren jene des Historikers Quentin Skinner, der den Mythen der R\u00fcckprojektion bestehender Konzepte in die Vergangenheit und historischer Kontinuit\u00e4ten Einhalt bot. Und nicht zuletzt des Anthropologen Michael Tomasello, der die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t als Basis menschlicher Kommunikation und kooperativen Handelns identifizierte \u2013 die Basis dessen, was wir so gerne Kunst nennen.<\/p>\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte das Buch <em>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/em> von Stefan Oehm mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/15\/nachdenken-ueber-kunst\/\">Rezensionsessay<\/a>. &#8211; Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Austin, John L. (1979): Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words), Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Austin<\/strong>, John L. (1962): How to do things with Words\u2018, London: Oxford University Press. Online unter: <a href=\"https:\/\/pure.mpg.de\/rest\/items\/item_2271128_6\/component\/file_2271430\/content\">https:\/\/pure.mpg.de\/rest\/items\/item_2271128_6\/component\/file_2271430\/content<\/a>, zuletzt abgerufen am 27.02.2020<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Cavell<\/strong>, Stanley (2001): M\u00fcssen wir meinen, was wir sagen?, in: Nach der Philosophie, Berlin: Akademie Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fuchs<\/strong>, Thomas (2020a): Wahrnehmung und Wirklichkeit. Skizze eines interaktiven Realismus, in: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verk\u00f6rperten Anthropologie, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fuchs<\/strong>, Thomas (2020b): Leiblichkeit und personale Identit\u00e4t in der Demenz, in: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verk\u00f6rperten Anthropologie, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gadamer<\/strong>, Hans-Georg (2012): Die Aktualit\u00e4t des Sch\u00f6nen, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gallus<\/strong>, Alexander (2019): Die Schule von Cambridge &#8211; Wort, Satz und Sieg, Frankfurter Allgemeine Zeitung (https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/geist-soziales\/quentin-skinner-und-die-schule-von-cambridge-16480789.html, zuletzt abgerufen am 29.01.2020)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Geertz<\/strong>, Clifford (1987\/1983): Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur, in: Dichte Beschreibung \u2013 Beitr\u00e4ge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<strong> Grice<\/strong>, Herbert Paul (1957\/1979): Intendieren, Meinen, Bedeuten. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1968\/1979): Sprecher-Bedeutung, Satz-Bedeutung, Wort-Bedeutung. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1972-73\/1979): Sprecher-Bedeutung und Intentionen. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp. <strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1975\/1979): Logik und Konversation. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp. <strong>Habermas<\/strong>, J\u00fcrgen (2009): Es beginnt mit dem Zeigefinger, Rezension in: DIE ZEIT, 10. Dezember 2009, Nr. 51, online unter: https:\/\/www.zeit.de\/2009\/51\/Habermas-Tomasello (zuletzt abgerufen am: 28.06.2020). <strong>Hauser<\/strong>, Arnold (1973): Kunst und Gesellschaft, M\u00fcnchen: C.H.Beck Verlag. <strong>Jocks<\/strong>, Heinz-Norbert (2020): Das digitale Weltmuseum (Interview mit P. Weibel), in: Kunstforum International Bd. 269 08\/09.2020.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>4<\/sup>2014): Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag.<strong> Liedtke<\/strong>, Frank (2016): Moderne Pragmatik, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag. <strong>Liedtke<\/strong>, Frank (2019): Sprechhandlung und Aushandlung, in: S. Meier, L. B\u00fclow, F. Liedtke u.a. (Hrsg.), 50 Jahre Speech Acts. Bilanz und Perspektiven (Hg.), T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag. (ich zitiere aus einem autorisierten Manuskript des Autors) <strong>Nagel<\/strong>, Thomas (2016): What Is It Like to Be a Bat?\/Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019a): Entwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs &#8218;Kunst&#8216;, in: Mythos Magazin (<a href=\"http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm\">http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm<\/a><strong>) Oehm<\/strong>, Stefan (2019b): Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?, W\u00fcrzburg: Verlag K\u00f6nigshausen &amp; Neumann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rebentisch<\/strong>, Juliane (<sup>3<\/sup>2015): Theorien der Gegenwartskunst, Hamburg: Junius<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ryle<\/strong>, Gilbert (1969): Der Begriff des Geistes, Stuttgart: Reclam Verlag. <strong>Searle<\/strong>, John R. (1983): Sprechakte, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp. <strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009a): \u00dcber Interpretation, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<strong> Skinner<\/strong>, Quentin (2009b): Interpretation und das Verstehen von Sprechakten, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<strong> Tomasello<\/strong>, Michael (<sup>4<\/sup>2017): Die Urspr\u00fcnge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tomasello<\/strong>, Michael\/Carpenter, Malinda (2007): Shared intentionality, in: Developmental Science. 10, 2007, S.\u00a0121\u2013125 <strong>Wiesing<\/strong>, Lambert (<sup>2<\/sup>2013): Sehen lassen \u2013 Die Praxis des Zeigens, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Philosoph Lambert Wiesing hat dem Thema \u201aZeigen\u2018 2013 ein ungemein erhellendes Buch gewidmet: <em>Sehen lassen. Die Praxis des Zeigens<\/em>. Darin weist er auf einen ebenso unstrittigen wie, gerade in bildwissenschaftlichen Beitr\u00e4gen, zumeist unbeachtet bleibenden Aspekt hin: \u201eSo wenig wie ein Gehirn denkt, f\u00fchlt oder etwas will, so wenig k\u00f6nnen Bilder, Pfeile, Uhren und Museen selbst etwas zeigen\u201c (Wiesing 2013: 13). Sie \u201ezeigen nicht von selbst, sondern es sind Menschen, die mit diesen Instrumenten jemandem etwas zeigen \u2013 und dass dies so ist, gilt es vielleicht nicht im Alltag, aber doch in geisteswissenschaftlichen Kontexten strikt zu beachten\u201c (ebd.. 13). Das hei\u00dft: \u201eWenn man beschreiben m\u00f6chte, wie etwas \u2013 zum Beispiel eine Uhr oder ein Gesicht \u2013 etwas zeigt, dann gilt es eine Praxis zu beschreiben, eben wie jemand wem was womit zeigt\u201c (ebd.: 14). Bilder zeigen nicht etwas wie handelnde Subjekte, \u201esondern immer nur, weil Menschen sie \u2013 wie viele andere Dinge auch \u2013 zum Zeigen verwenden\u201c (ebd.: 14; cf. z.B. den Titel eines Aufsatzbandes des renommierten Kunstwissenschaftlers Hans Ulrich Reck <em>Das Bild zeigt das Bild selber als Abwesendes<\/em> [Verlag Springer, Wien: 2007]). Deshalb stellt sich bei ihnen stets die Frage: \u201e<em>Wer zeigt wem was womit?<\/em>\u201c (ebd.: 14). Ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen l\u00e4sst sich beobachten, wenn zum Beispiel davon die Rede ist, der Staat m\u00fcsse daran arbeiten, das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft einzul\u00f6sen und Chancengleichheit herstellen: Auch der Staat ist kein handelndes Subjekt. Deshalb kann er unm\u00f6glich an irgendetwas arbeiten, das k\u00f6nnen immer nur Menschen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Was sich hier auf der Ebene situativer Handlungen ereignet, l\u00e4sst sich ganz allgemein auf die Ebene sprachlicher Sozialisation \u00fcbertragen: Ein Epiph\u00e4nomen der Beteiligung an Prozessen sozialer Interaktion ist das <em>implizite<\/em> Wissen der Sprecher um die Regeln des in einer Sprachgemeinschaft allgemein akzeptierten Gebrauchs der Worte und damit die Internalisierung der Bedeutung: Die Regeln sind \u201eerworbene Dispositionen\u201c (Ryle 1969: 48), sie werden uns \u201ezur zweiten Natur\u201c (ebd.: 49). Und weil sie uns derart zur \u201azweiten Natur\u2018 geworden sind, k\u00f6nnen wir sie, anders als die, die <em>nicht<\/em> mit ihnen aufgewachsen und <em>nicht <\/em>in sie hineingewachsen sind, \u201eim Schlaf\u201c (ebd.: 51) \u2013 wir verstehen sie \u201ablind\u2018.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Zu nennen w\u00e4ren hier insbesondere Wilfrid Sellars, Raimo Tuomela, Kaarlo Miller, John R. Searle, Michael Bratman, Margaret Gilbert und Frank Liedtke. Wobei es zwischen ihnen und Tomasello einen entscheidenden Unterschied gibt: Jene diskutieren die kollektive Intentionalit\u00e4t auf der Handlungsebene, w\u00e4hrend Tomasello sie als <em>grundlegende<\/em> psychologische Infrastruktur kooperativer Kommunikation beschreibt, die jeder Mensch in seiner Ontogenese ausbildet. Mit anderen Worten: Tomasellos Begriff der geteilten resp. Wir-Intentionalit\u00e4t kennzeichnet die <em>dispositionelle<\/em> Grundverfassung des Menschen und erweist sich damit als <em>conditio sine qua non <\/em>der geteilten resp. Wir-Intentionalit\u00e4t der Menschen auf der Handlungsebene (wie auch immer Handlungstheoretiker*innen diese nun im Detail beschreiben m\u00f6gen). \u201eShared intentionality is a small psychological difference that made a huge difference in human evolution in the way that humans conduct their lives\u201c (Tomasello 2007: 124). Und weiter: \u201eSkills and motivations for shared intentionality are, in the current account, direct expressions of the biological adaption that enables children to participate in the cultural practices around them\u201c (ebd.: 124).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zudem behandeln wir diese vermeintlich real existierenden, kulturell konstruierten Dinge gerne wie rational begabte Handlungssubjekte und nicht als das, was sie sind: unbelebte Entit\u00e4ten, die prinzipiell nicht selbstt\u00e4tig agieren oder reagieren k\u00f6nnen (cf. Wiesing 2013: 13f.). Nicht einmal wie chemische Substanzen oder biologische Organismen. So sprechen wir v\u00f6llig unbefangen davon, dass die Sprache sich wandelt, der Markt sich selber reguliert, die Kunst die Menschen erfreut oder Bilder uns ansprechen. Nichts davon ist aber der Fall. Bei keinem dieser kulturell konstruierten Dinge handelt es sich um ein Handlungssubjekt. Was aber nicht hei\u00dft, dass diese Aussagen nun Fiktionen statt Fakten beschreiben. Letzteres tun sie sehr wohl, jedoch den Sachverhalt in verk\u00fcrzender und damit in verf\u00e4lschender Weise darstellend. In der Alltagskommunikation ist dies eine l\u00e4ssliche S\u00fcnde; f\u00fcr die Teilnehmer des politischen, juristischen oder auch (kunst)wissenschaftlichen Diskurses hingegen ist h\u00f6chste Pr\u00e4zision \u00a0bei der Darstellung des Sachverhalts unerl\u00e4sslich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ob diese Infrastruktur bei bestimmten Entwicklungsst\u00f6rungen (zum Beispiel der Autismus-Spektrum-St\u00f6rung), die mit Auff\u00e4lligkeiten im Sozialverhalten sowie in der sprachlichen und non-verbalen Kommunikation einhergehen, ontologisch gar nicht oder nur rudiment\u00e4r ausgebildet wird oder ob sie zwar als vollst\u00e4ndig ausgebildete Potenz angelegt ist, sie aber, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, bei diesen St\u00f6rungen nicht oder nicht vollumf\u00e4nglich aktiviert wird oder werden kann, ist eine Frage, die in der Wissenschaft weiter diskutiert wird (cf. Carpenter, M., Tomasello, M., &amp; Striano, T. [2005]. Role reversal imitation and language in typically-developing infants and children with autism. <em>Infancy<\/em>, 8, 253\u2013278 oder auch Carpenter, M. [2006]. Instrumental, social, and shared goals and intentions in imitation. In S.J. Rogers &amp; J. Williams [Eds], Imitation and the development of the social mind: Lessons from typical development and autism [pp. 48\u201370]. New York: Guilford).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Dies hat bereits John R. Searle in seinem sprachphilosophischen Essay <em>Speech Acts <\/em>(1969) \u2013 allerdings kritisch \u2013 konstatiert: \u201eGrob gesehen l\u00e4uft Grices Bestimmung darauf hinaus, da\u00df Bedeutung unter dem Gesichtspunkt der Absicht, einen perlokution\u00e4ren Akt zu vollziehen, definiert werden mu\u00df\u201c (Searle 1983: 70).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Dieses Ph\u00e4nomen ist kultur- und ethnieninvariant. Was die Vermutung nahelegt, dass es sich um ein <em>universales<\/em> menschliches Verm\u00f6gen handelt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Tomasello gibt hierf\u00fcr verschiedene sehr eing\u00e4ngige Beispiele. So dieses: Bei einem Fu\u00dfballspiel verfehlt ein Schuss nur knapp das Tor. Der Trainer macht gegen\u00fcber seinem Assistenten mit Daumen und Zeigefinger ein markantes Zeichen. Seine Aussage ist unmissverst\u00e4ndlich: Nur so viel hat gefehlt!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Analog dazu f\u00fchrt der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs in seiner Differenzierung des \u201eimpliziten Ged\u00e4chtnis(ses)\u201c (Fuchs 2020b: 283) aus: \u201eSchon im ersten Lebensjahr erlernt der S\u00e4ugling Muster von sozialen Interaktionen mit anderen, die sich seinem Leibged\u00e4chtnis einpr\u00e4gen, lange bevor sich das biographische Ged\u00e4chtnis im zweiten Lebensjahr entwickelt\u201c (ebd.: 284). In diesem Fall spricht man von \u201eimpliziten Beziehungswissen\u201c (ebd.: 284), ein Terminus, der durch den amerikanischen Psychoanalytiker Daniel Stern gepr\u00e4gt wurde.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Diese F\u00e4higkeit zum Rollentausch ist Ausweis der menschlichen F\u00e4higkeit, von der individuellen, perspektivischen Wahrnehmung abzusehen und die m\u00f6glichen Perspektiven anderer zu ber\u00fccksichtigen. Dieses von Thomas Fuchs \u201eimplizite Intersubjektivit\u00e4t des \u201ageneralisierten Anderen\u2018\u201c (Fuchs 2020a: 164) genannte Verm\u00f6gen \u201eberuht ontogenetisch auf fr\u00fchen sozialen Interaktionen: Gemeinsame Aufmerksamkeit, gemeinsame Praxis und schlie\u00dflich gemeinsame Sprache\u201c (ebd: 169). Damit wird eben das konstituiert, was Tomasello \u201egeteilte oder \u201aWir-Intentionalit\u00e4t\u2018 (nennt), die sich der individuellen Wahrnehmung einschreibt und damit ihren lebensweltlichen Realismus begr\u00fcndet\u201c (ebd.: 169). Diese infrastrukturelle Intersubjektivit\u00e4t konstituiert so die von den Individuen \u201ewahrgenommene Welt als eine implizit intersubjektive Realit\u00e4t, der damit auch das legitime Pr\u00e4dikat der Objektivit\u00e4t zukommt\u201c (ebd.: 169). Befinde ich mich im gew\u00f6hnlichen Erleben \u201ein der gemeinsamen Mitwelt, konstituiert durch die implizite Intersubjektivit\u00e4t der Wahrnehmung\u201c (ebd.: 167), so kann demgegen\u00fcber in \u201eder Schizophrenie (\u2026) das wahrnehmende In-der-Welt-Sein, n\u00e4mlich die implizite Intersubjektivit\u00e4t und damit Objektivit\u00e4t der Wahrnehmung, verloren gehen\u201c (ebd.: 167). Damit geht ein \u201eR\u00fcckzug aus der gemeinsamen Wirklichkeit in eine solipsistische Eigenwelt\u201c (ebd.: 168) einher, der dazu f\u00fchren kann, dass der Patient glaubt, \u201edie Existenz des Wahrgenommenen selbst h\u00e4nge von der eigenen Wahrnehmung ab \u2013 eine \u201epathologische Form von Berkeleys \u201a<em>esse est percipi<\/em>\u2018\u201c (ebd.: 166).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Bei diesem Wissen handelt es sich <em>nicht<\/em> um ein explizites Wissen, vielleicht noch nicht einmal um ein von den Beteiligten explizierbares Wissen, sondern vielmehr um ein <em>implizites<\/em> Wissen \u2013 die ontogenetisch angelegte, kooperative Annahme, dass das, was bei mir vorliegt, vice versa auch bei dem anderen vorliegt und dass beide \u201aannehmen\u2018, dass sie dies wechselseitig wissen und in dieser Weise \u00fcber ein geteiltes Wissen verf\u00fcgen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Cf. Rudi Keller <em>Sprachwandel<\/em> (2014). Es handelt sich um eine Erkl\u00e4rung \u201avon unten\u2018. Eine solche \u201eist den Prinzipien des methodologischen Individualismus verpflichtet. Das hei\u00dft: Ausgangspunkt der Erkl\u00e4rung sind handelnde Individuen; nicht Sprachen, Strukturen, Prozesse oder Kollektive\u201c (Keller 2014: 164). Laut dieser erkenntnistheoretischen Position sind kollektive Ph\u00e4nomene, zu denen auch Recht, Staat, Sitte, Geschmack oder Mode geh\u00f6ren, stets auf Entscheidungen und Handlungen der sie erzeugenden Individuen zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Dies ist m.E. eine wesentliche Pointe des Grice\u2019schen Grundmodells: Mit der singul\u00e4ren Sprecher-Bedeutung nimmt der Prozess der Bedeutungsetablierung strukturell seinen Anfang (bei diesem Prozess wiederum handelt es sich um eben den, den Keller als \u201aInvisible-hand-Prozess\u2018 beschreibt). Diese Pointe ist es, die nach meinem Daf\u00fcrhalten Stanley Cavell nicht sieht: Die \u201eIntentionen oder W\u00fcnsche eines Individuums (k\u00f6nnen) ebensowenig die allgemeine Bedeutung eines Wortes hervorbringen, wie sie aus einem Armen einen Reichen (\u2026) machen k\u00f6nnen\u201c (Cavell 2001: 69). Doch er l\u00e4sst sich im expliziten Bezug auf H. Paul Grice noch ein argumentatives Schlupfloch offen: Man kann, so sagt er, \u201emit einem bestimmten Wort in einer bestimmten Situation nicht eher das eine als das andere meinen [du konntest nicht etwas Beliebiges meinen], ohne dich dabei auf eine [allgemeine] Bedeutung dieses Wortes zu verlassen, die unabh\u00e4ngig von deiner Intention in dieser Situation ist [<em>es sei denn, du \u201agibst\u2018 dabei dem Wort eine spezielle Bedeutung<\/em>]\u201c (ebd.: 69; Hervorhebung S.O.).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Diese Aussage mutet zugegebenerma\u00dfen zirkul\u00e4r an. Es ist dabei jedoch zu bedenken, dass wir es hier mit Prozessen zu tun haben, die nicht nur die ontogenetische Historie eines einzelnen Wesens betreffen, sondern auch die phylogenetische Historie einer ganzen Gattung: des <em>Homo sapiens<\/em>. Wir reden also nicht \u00fcber ein singul\u00e4res episodales Ereignis, das sich innerhalb eines begrenzten Zeitraums in der Synchronie abspielt \u2013 wir reden hier im Grunde \u00fcber den gesamten Zeitraum der Genese der Menschheit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grundlagen \u00a0 1.1 2009 erschien in deutscher \u00dcbersetzung ein Werk des seinerzeit am Leipziger Max-Planck-Institut f\u00fcr evolution\u00e4re Anthropologie forschenden amerikanischen Anthropologen und Verhaltensforschers Michael Tomasello: Die Urspr\u00fcnge der menschlichen Kommunikation. 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