{"id":70620,"date":"2020-11-04T00:01:27","date_gmt":"2020-11-03T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70620"},"modified":"2022-03-24T10:11:04","modified_gmt":"2022-03-24T09:11:04","slug":"moeppelheim","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/04\/moeppelheim\/","title":{"rendered":"Der Kleinb\u00fcrger aus M\u00f6ppelheim"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">In Deutschland bildet das [\u2026] Kleinb\u00fcrgertum die eigentliche Grundlage der bestehenden Zust\u00e4nde.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Karl Marx 1848<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <em>Spie\u00dfer<\/em> ist fast aus dem Duden gefallen. Zeit f\u00fcr eine Rehabilitation. Die absch\u00e4tzige Bezeichnung \u201eSpie\u00dfer\u201c geht auf die im Mittelalter in der Stadt wohnenden B\u00fcrger zur\u00fcck, die ihre Heimatstadt mit dem Spie\u00df als Waffe verteidigten. Soziologisch unterschieden Spie\u00dfb\u00fcrger sich von den in der Vorstadt wohnenden Pfahlb\u00fcrgern, sie geh\u00f6rten jedoch innerhalb der Stadtgesellschaft zu den eher \u00e4rmeren B\u00fcrgern, da sie bei den st\u00e4dtischen Fu\u00dftruppen ihren Dienst taten, w\u00e4hrend wohlhabendere B\u00fcrger daf\u00fcr S\u00f6ldner bezahlen konnten. Der Spie\u00df als Waffe war schmiedetechnisch relativ g\u00fcnstig herzustellen und zugleich gegen die adligen Ritterheere des Hoch- und Sp\u00e4tmittelalters effizient einzusetzen. Er verhalf B\u00fcrgern und Bauern in den Hussitenkriegen zu gro\u00dfen Siegen in den Schlachten gegen die adlige Kavallerie. Durch die sp\u00e4tere Gleichsetzung der Begriffe Treue und Ehre wurde der Treuebruch zu einem Ehrverlust. Die Bezeichnung \u201eSpie\u00dfb\u00fcrger\u201c war also vor den sogenannten \u201e68\u201c-ern positiv besetzt, da der Dienst zur Verteidigung der Heimatstadt als Ehre angesehen wurde.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Begriff <em>Ehre<\/em> verlor wie die Bezeichnung <em>Spie\u00dfer<\/em> den traditionellen moralischen Inhalt.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Ende des 20. Jahrhunderts geh\u00f6rte es zum guten Ton, alles als fragile Konstruktion von Sprache und Macht zu entlarven. Das ist nicht mehr so. Gerade werden in den sogenannten \u201esozialen Medien\u201c alle Relativierungen von Echtheit und Identit\u00e4t aufgrund einer verschwitzten Authentizit\u00e4t aufgegeben, (selbstverst\u00e4ndlich nicht ohne Beweisphoto!). Herr Nipp aus M\u00f6ppelheim l\u00f6ckt in seinen Zeitgeistst\u00fccken seit 1994 gegen den Stachel. Er untersucht, warum der Adler \u00fcber Arnsberg kreist, in H\u00fcsten die K\u00e4lber stehen, in M\u00fcschede die Eulen rufen, in Herdringen die Kr\u00e4hen kreisen, in Bruchhausen die Enten watscheln und sich in Vo\u00dfwinkel die F\u00fcchse davongeschlichen haben. Sein Panoramablick vom Hochsitz ist gepaart mit scharfer Zeitanalyse, meditativer Betrachtung und feinf\u00fchliger Introspektion, so bringt er das Kunstst\u00fcck zustande, die Provinz als etwas lebenswertes darzustellen. Beim Jagen findet Herr Nipp zur\u00fcck zu seinem urt\u00fcmlichen Wesen. Auf der Kanzel kann er den Kreis zu seinem archaischen Dasein schlie\u00dfen, seinem eingebauten Beuteinstinkt nachgehen und also seine \u00e4lteste Lebensform wiederentdecken. Sein <em>M\u00f6ppel<\/em> wartet stets am Fu\u00df des Hochstands. Ortega y Gasset war \u00fcberzeugt, \u201eda\u00df das Sein des Menschen zuerst darin bestand, da\u00df er J\u00e4ger war\u201c. Orion, der gro\u00dfe J\u00e4ger, ist laut der griechischen Mythologie von der Jagdg\u00f6ttin Artemis in den Himmel versetzt worden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Was f\u00fcr eine verteufelte Besch\u00e4ftigung ist eigentlich die Jagd?<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jos\u00e9 Ortega y Gasset<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem neuen Buch <em>Guppy im Gin<\/em> unternimmt Herr Nipp die teilnehmende Beobachtung seiner selbst. Ein knappes Jahr lang horchte er in sich hinein, ging dem Widerhall der Debatten in sich selbst nach. Diese Gebrauchstexte sind zu trocken, zu sprunghaft f\u00fcr Schw\u00e4rmerei. Keine Waldweisheit, keine Mystifizierung des Waldes als h\u00f6heres Wesen findet sich hier. Erdgebunden geht es dem knorrigen Sauerl\u00e4nder um die gro\u00dfen Fragen, und warum man sie einfach nicht beantworten kann. Es ist eine Form von Wirklichkeitsliteratur, die das Dichterische hinter sich gelassen hat. In seinen ebenerdigen Glossen, Zeitst\u00fcckchen und seiner <em>Twitteratur<\/em> zeigt er auf, wie konstituierend das Kleinb\u00fcrgertum f\u00fcr die Zeit nach der narzistischen Versuchung war. Der Ouerbeetdenker r\u00e4umt in seinen zuweilen essayistischen Betrachtungen grunds\u00e4tzlich mit dem rasenden Fortschritt auf, mit dem Glauben, da\u00df der Mensch kraft seines Intellekts zu den Sachen selbst und so zur absoluten Wahrheit vordringen k\u00f6nne. Weiterleben<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Herr Nipp, ein entfernter Verwandter von Herrn Keuner und Herrn Karl.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterleben bedeutet im Sauerland das Leben gelassen aushalten zu k\u00f6nnen. Die daraus entstehende Kraft vermag Herr Nipp zu \u00fcbertragen, in Glossen, Twitteratur und sonstige literarische Selbsterkundungen. Als geduldiger Beobachter steht er stets Abseits, quasi als Spie\u00dfer in Reserve. Aus der Pedanterie seiner Abschweifungen gewinnt er Medizin gegen Melancholie. Nicht mittun, Abstand halten, jede Torheit unter Vorbehalt stellen und bis an die Z\u00e4hne mit Skepsis bewaffnet sein. Er hat das Luhmann\u02bcsche Prinzip der Beobachtung h\u00f6herer Ordnung in seinen Zeitgeistbetrachtungen verarbeitet. Dieser Alltagsmensch l\u00e4\u00dft sich das Heimatgef\u00fchl nicht von selbsternannten Heimatpflegern wegnehmen. Seine &#8211; wenn man so will &#8211; historische Aufgabe ist es, das Kleinb\u00fcrgertum mit einem Spie\u00df vor den Identit\u00e4ren und den sich selbst ernannten Reichsb\u00fcrgern zu bewahren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Guppy im Gin<\/strong>, weitere Geschichten von Herrn Nipp. Edition Das Labor 2020<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Guppy_Cover-e1601837356657.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-70634 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Guppy_Cover-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich die\u00a0Totholzausgabe von Herrn Nipps <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> entwickelt.\u00a0Au\u00dferdem belegt sein Taschenbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a>, da\u00df man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=899\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> ein. Und au\u00dferdem pr\u00e4sentiert Haimo Hieronymus die bibliophile Kostbarkeit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den Notizb\u00fcchern des Herrn Nipp. <span data-offset-key=\"bv319-0-0\">Begleitendes zur Ver\u00f6ffentlichung des Buches <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/04\/fatale-wirkungen\/\"><em>Fatale Wirkungen<\/em><\/a>, von Herrn Nipp (Mit Fotos von Stephanie Neuhaus). <br \/><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":69710,\"width\":168,\"height\":256,\"sizeSlug\":\"large\"} --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese bibliophile Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland bildet das [\u2026] Kleinb\u00fcrgertum die eigentliche Grundlage der bestehenden Zust\u00e4nde. Karl Marx 1848 Der Spie\u00dfer ist fast aus dem Duden gefallen. Zeit f\u00fcr eine Rehabilitation. 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