{"id":70613,"date":"2024-10-07T00:01:17","date_gmt":"2024-10-06T22:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70613"},"modified":"2022-02-21T18:30:10","modified_gmt":"2022-02-21T17:30:10","slug":"herzzerreissende-lyrik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/10\/07\/herzzerreissende-lyrik\/","title":{"rendered":"Herzzerrei\u00dfende Lyrik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Von Schurken gebissen, war ich \u201eder grosse Einsame <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">unter den Dichtern Chiles\u201c, ich, verwundeter Krieger,<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">schleife eines Proleten zerrissenes Herz mit mir<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">und den epischen Entschluss, niemals zu unterliegen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ersten vier Zeilen des Sonetts aus dem Gedichtband von Pablo de Rokha, 1995 publiziert, verweisen auf tiefliegende mentale und psychische Verwundungen und einen unb\u00e4ndigen Willen, gegen das Leid in seinem \u201eschreckzerpfl\u00fcgtem Vaterland\u201c lebenslang zu k\u00e4mpfen. Zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung des Gedichts war der Dichter l\u00e4nger als ein Vierteljahrhundert tot. Sein Freitod am 10. September 1968 in Santiago de Chile hatte, wie sein Herausgeber und \u00dcbersetzer Reiner Kornberger im Vorwort zu dieser deutschsprachigen Auswahl der Gedichte von de Rokha anmerkt, eine klaffende \u201eeditorische L\u00fccke\u201c hinterlassen, die sich nun langsam schliesst. Es ist deshalb auch das Verdienst des vorliegenden spanisch-deutschen Gedichtbandes, dass er nicht nur das lyrische Werk von Pablo de Rokha umfasst, sondern auch eine repr\u00e4sentative Auswahl von Gedichten aus der Feder von Win\u00e9tt de Rokha enth\u00e4lt. Seit dem 25. Oktober 1916 waren Pablo und Win\u00e9tt ein Ehepaar, das ungeachtet seiner \u00e4usserst widrigen Lebensbedingungen und seiner mentalen und kreativen Unterschiedlichkeit auch in sehr schwierigen, existentiell bedrohlichen Situationen sein so unterschiedliches lyrisches Werk vorangetrieben hat. Diese ungew\u00f6hnliche poetische Ko-Existenz widerspiegelt sich in den einf\u00fchlsamen und sachlichen Ausf\u00fchrungen von Reiner Kornberger zu Leben und Werk der beiden Dichter-Pers\u00f6nlichkeiten. Beide Aspekte offenbarten sich in einem Co-Oeuvre, das unter dem Titel \u201e<em>Mein Herz br\u00fcllt wie ein rotes Tier<\/em>\u201c einerseits die oft z\u00fcgellose Dominanz von Pablo im Leben des Paares charakterisieren soll, andererseits aus der Sicht von Win\u00e9tt den \u201eMachokopf\u201c (cabeza de macho) ihres Ehemanns markiert, der ein \u201e<em>Stein mit Seele<\/em>\u201c (piedra con alma) sei. Die Einl\u00f6sung dieser Aussage deutet sich in zwei Gedichten an, die in der Publikation einen zentralen Platz einnehmen. Pablo beschreibt in \u201eSo bin ich nun einmal\u201c (Genio y figura) sein Verh\u00e4ltnis zu Win\u00e9tt: \u201emein M\u00e4dchen, so einsam, und sagst du \u201aich liebe dich\u2019\u201c (S. 33); Win\u00e9tt hingegen erfasst in \u201eM\u00e4nnerkopf\u201c (cabeza de macho) die Zwiesp\u00e4ltigkeit ihres Mannes als l\u00e4chelndes G\u00f6tzengesicht, das \u201eim Rosenkorb meiner Brust\u201c (S. 254) schl\u00e4ft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den wesentlichen Akzent in seiner umfangreichen Einf\u00fchrung widmet <a href=\"https:\/\/www.literaturhaus-bremen.de\/autor\/reiner-kornberger\">Rainer Kornberger<\/a> unter der \u00dcberschrift \u201eDer Puls der Welt ist mein Puls\u201c dem Werk von Pablo de Rokha, bettet aber zugleich markante Abschnitte seiner Ausf\u00fchrungen in die Beschreibung der Lebensbedingungen, unter denen der Dichter sein Schaffen gemeinsam mit seiner Ehefrau organisierte. Gemeinsam druckten sie ihre lyrischen Werke und k\u00fcmmerten sich vor allem um den Vertrieb seiner meist umfangreichen Poeme und Gedichtzyklen. Unter \u00e4usserst \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen, in der leiblichen Sorge um die zahlreichen Kinder aus der Ehe mit Win\u00e9tt, zog Pablo vor allem in den fr\u00fchen 1920er und in den 1930er Jahren durch Chile, stets auf der Suche nach Abnehmern seiner Gedichte. Ungeachtet dieser beklagenswerten Bedingungen\u2026 Auf deutsch wurden Ausschnitte aus de Rokhas Werken erst seit den 1950er Jahren publiziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das Verdienst der vorliegenden Ausgabe in chilenischem Spanisch und Deutsch, dass der aufmerksame Leser aufgrund der fundierten Einleitung die gattungsspezifischen, poetischen und \u00e4sthetischen Entwicklungslinien der Poetik von de Rokha im Ansatz erkennen kann. Hilfreich sind auch die Verweise auf die Poetik des hyperbolischen Solipsismus, ein besonders auff\u00e4lliges Merkmal der Lyrik von de Rokha, das in dem oft manischen Pr\u00e4senz des lyrischen Ichs zum Ausdruck kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eIch begreife nicht, wie ich bin, wo und wann ich bin, ob ich bin<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Ob ich ein anderer bin, anders, universell, kumuliert, versunken<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Mit meinen Adlern \u2026\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eich bin und bin nicht ich, der spricht, denn da spricht die br\u00fcnstige Bestie,<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">da spricht das Leben und alle seine Formen, da spricht der brutale<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">Paarungsakt der tierischen, mineralischen, pflanzlichen Natur\u2026\u201c (S. 163)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Zeilen aus dem volumin\u00f6sen Poem \u201eMorphologie des Schreckens\u201c, gestaltet in freier Prosa, 1942 mitten im II. Weltkrieg geschrieben, bringen eine sprachliche Hyberbolik zum Ausdruck, die nach Kornberger \u201eKennzeichen seines gesamten poetischen Schaffens\u201c (S. 20) ist. Doch ist es nicht ausschliesslich eine auf das dichterische Ich bezogene Exaltiertheit. Sein f\u00fcnf Jahre fr\u00fcher entstandener \u201eFluch der faschistischen Bestie\u201c (1937), eine wortgewaltige Anklage des spanischen Faschismus, eine Verh\u00f6hnung \u201eder grossen Idiotin Adolf Hitler\u201c (S. 151), ein Fluch auf den \u201eGott der Henker und der Entarteten\u201c, verdichtet sich zu einem leibhaften und traumverinnerlichten politischen Engagement, das sich auch gegen Pablo Nerudas didaktische Lyrik wendet, die, so Kornberger, \u201enur aufzeigt oder anklagt\u201c. De Rokhas vulkanische Lyrik erf\u00e4hrt in den 1940er Jahren erste gr\u00f6ssere internationale Anerkennung, die sich in der Publikation einiger Gedichte in einer us-amerikanischen Anthologie 1943 und sich in der Einladung 1944 zu einer Lesung in der Washingtoner Bibliothek des Kongress niederschl\u00e4gt. In der zweiten H\u00e4lfte der 1940er Jahre folgen dann Lesungen aus seinen Werken in einigen L\u00e4ndern von S\u00fcdamerika.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Beginn der 1950er trifft ihn der pl\u00f6tzliche Tod von Win\u00e9tt mit aller H\u00e4rte. Seine tiefe Trauer um seine Gef\u00e4hrtin schl\u00e4gt sich in dem Tenor seines Sp\u00e4twerkes nieder. In einem Poem aus dem Jahr 1961 w\u00fcrdigt er ihr Werk, indem er alle seine B\u00fccher als \u201eein Denkmal \/ f\u00fcr deine Sch\u00f6nheit und deine Gedichte\u201c (S. 193) bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die letzten sieben Jahre auf seinem Lebensweg waren aber auch von einer F\u00fclle von Beschimpfungen und Beleidigungen gezeichnet, mit denen er nicht nur seine chilenischen Dichterkollegen, darunter auch Pablo Neruda, diffamierte. Dessen Lobeshymnen auf Mao und Stalin bildeten die Kernpunkte einer Kampagne, die auch Dichterkollegen gegen den sp\u00e4teren Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fchrten. In diesem Zusammenhang erwies sich allerdings die Lobeshymne von de Rhokha auf die diktatorische Volksrepublik China aus dem Jahr 1963, &#8211; Ergebnis einer gesponserten Chinareise &#8211; als \u201eweniger\u201c gewichtig. Der ihm kurz vor seinem Freitod am 10. September 1968 verliehene Premio National, die h\u00f6chste literarische Auszeichnung in Chile, wird den so widerspr\u00fcchlichen Dichter und sein Werk, wie zu hoffen ist, nunmehr endg\u00fcltig in das Rampenlicht der Weltliteratur holen. Einen sicherlich markanten Anteil an einer solchen W\u00fcrdigung hat Reiner Kornberger als Herausgeber und kongenialer \u00dcbersetzer mit seinen pointierten, rhythmisch ad\u00e4quaten Nachdichtungen in einer Publikation, die von der Kulturabteilung am chilenischen Aussenministerium finanziell gef\u00f6rdert worden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mein Herz br\u00fcllt wie ein rotes Tier<\/strong> \u00b7 Gedichte 1916\u20131966 von Pablo de Rokha \/ Mit einer Auswahl von Gedichten von Winett de Rokha.\u00a0Deutsch &#8211; Spanisch.\u00a0Edition Schwarzdruck,\u00a02020<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Herz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-70615 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Herz-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Herz-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Herz-260x413.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Herz-160x254.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Herz.jpg 314w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Schurken gebissen, war ich \u201eder grosse Einsame unter den Dichtern Chiles\u201c, ich, verwundeter Krieger, schleife eines Proleten zerrissenes Herz mit mir und den epischen Entschluss, niemals zu unterliegen. 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