{"id":70592,"date":"2020-10-11T00:01:26","date_gmt":"2020-10-10T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70592"},"modified":"2022-03-01T08:16:13","modified_gmt":"2022-03-01T07:16:13","slug":"mit-nietzsche-wird-man-niemals-fertig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/11\/mit-nietzsche-wird-man-niemals-fertig\/","title":{"rendered":"Mit Nietzsche wird man (niemals) fertig"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals, als Der Ullrich noch zur Universit\u00e4t ging, berichtete er von einem Professor, der geseufzt habe: \u201eMit Nietzsche wird man niemals fertig!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ullrich am\u00fcsierte sich sehr \u00fcber dieses Zitat, er fand es ein Unding. Die Besch\u00e4ftigung mit einem Philosophen k\u00f6nne doch nicht ewig dauern, irgendwann m\u00fcsse man doch mal fertig sein. Wohlgemerkt: gemeint ist nicht erledigen, nicht abhaken oder dergleichen. \u201aFertig-sein\u2018 mein: man ist sich einen guten \u00dcberblick verschafft und wei\u00df ungef\u00e4hr Bescheid. Man kann ihn weiterhin inspirierend finden, aber man muss nicht mehr nachgr\u00fcbeln. Man hat ihn sozusagen kapiert, und wo man ihn nicht kapiert, kann man sagen: Nietzsche ist an der Stelle unklar oder widerspr\u00fcchlich. Man kennt seinen Nietzsche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ullrich war der Meinung, es spr\u00e4che <em>nicht f\u00fcr<\/em>, sondern <em>gegen <\/em>Nietzsche, dass der Prof mit ihm nicht fertig w\u00fcrde. Es spr\u00e4che aber auch gegen den Prof, weil der sich offenbar nicht abgrenzen und keinen Schlussstrich ziehen k\u00f6nne. Wenn die Leute mit Nietzsche nicht fertig werden, dann haben sie ein Problem, meinte Der Ullrich: \u201eEigentlich haben sie schon l\u00e4ngst alles gefunden, was es zu finden gibt; aber sie sind trotzdem unzufrieden, weil sie mehr erwartet haben und denken, da muss doch noch was sein \u2013 wie der Goldgr\u00e4ber, der seinen Claim l\u00e4ngst ausgesch\u00f6pft hat und trotzdem weitermacht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem schien es Dem Ullrich, sein Prof habe diesen Satz: \u201eHach, \u2026 mit Nietzsche wird man niemals fertig\u201c, in einem Ton wohligen Seufzens getan, so als litte der Prof zwar unter seinem scheinbaren intellektuellen Unverm\u00f6gen, freue sich insgeheim aber auch dar\u00fcber, mit diesem Teil seines Ichs wissensdurstiger Sch\u00fcler bleiben zu d\u00fcrfen. Er hing an Nietzsche, wenn man mir dieses despektierliche Bild gestattet, wie <em>das Baby an der Amme.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Den Ullrich war damit die Achtung f\u00fcr den Prof gefallen, er studierte danach nicht mehr bei ihm weiter. Denn hat Nietzsche nicht selbst geschrieben: \u201eDer Mensch der Erkenntnis mu\u00df nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch seine Freunde hassen k\u00f6nnen. \/ Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Sch\u00fcler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?\u201c (1891, 1999, S. 65)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Essay m\u00f6chte ich mit Nietzsche fertig werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die mittlere Schaffensperiode<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Viele ist \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c das wichtigste Nietzsche-Buch, f\u00fcr manche sogar das wichtigste Buch \u00fcberhaupt. Er selbst nannte es \u201edas h\u00f6chste Buch, das es gibt\u201c (1977, S. 37), nur wenige S\u00e4tze daraus, richtig verstanden, w\u00fcrden \u201ein eine h\u00f6here Ordnung der Sterblichen\u201c erheben (zit. in: Salom\u00e9, S. 269) Stefan George dichtete gar: \u201eDann aber stehst du strahlend vor den zeiten \/ Wie andere f\u00fchrer mit der blutigen Krone.\u201c (George, in: Wunberg, S. 127) Und Martin Heidegger, ebenfalls nicht gerade untersch\u00e4tzt, behauptet: \u201eKein Denkender zeigt sich, der dem Grundgedanken dieses Buches und seiner Dunkelheit gewachsen w\u00e4re\u201c (Heidegger, S. 32). Die beiden haben nicht alle Tassen im Schrank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Marco Brusotti ist dagegen klar, dass Nietzsche \u201edie literarische Qualit\u00e4t von <em>Also sprach Zarathustra<\/em>, das an stilistischer Eleganz weit hinter den aphoristischen Schriften zur\u00fcckbleibt, gewaltig \u00fcbersch\u00e4tzt\u201c (in: Ottmann, S. 121), und Otto Flake urteilt in seiner Nietzsche-Monographie sogar vernichtend: \u201eMan hat inzwischen selbst Erfahrungen gewonnen und sich mit dem Tatbestand des Lebens vertraut gemacht. Man hat auch gelernt, Forderungen an Denker, Schriftsteller, F\u00fchrer zu erheben. (\u2026) Nun, schon mit vierzig liest man den Zarathustra nicht abermals.\u201c (Flake, S. 87.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kerngedanke des \u201eZarathustra\u201c-Buchs ist in jedem Fall: der \u00dcbermensch, den Nietzsche als eine Weiterentwicklung des bisherigen Menschen sieht. So wie der Mensch sich evolution\u00e4r aus dem Tier entwickelt hat, wird sich der \u00dcbermensch aus dem Menschen entwickeln, und so wie der heutige Mensch auf das Tier herab blickt, wird der \u00dcbermensch auf den Menschen blicken. Auch das wurde sehr unterschiedlich verstanden. W\u00e4hrend z. B. Otto Flake beim \u00dcbermenschen an \u201eeinen Cesar Borgia, einen Alexander VI., einen Dschinghiskhan, einen Tempelritter\u201c (Flake, S. 94) denkt, schreibt Giorgio Penzo: \u201eDer \u00dcbermensch wird als Symbol f\u00fcr den freien Geist und Sch\u00f6pfer verstanden\u201c (in: Ottmann, Hrsg., S. 344), im Vorfeld der Nazi-Diktatur \u201etr\u00e4gt der \u00dcbermensch auch Z\u00fcge des Germanismus. Das biologische Moment wird im metaphysischen Sinne als Blut und Rasse gedeutet. Es wird von der Blonden Bestie gesprochen und der \u00dcbermensch wird als \u00dcberart dargestellt, die in der Zukunft hergestellt werden soll.\u201c (ebd.) Weniger kriegerisch, doch den futuristischen Moment finden wir auch bei Heidegger: \u201eDer \u00dcber-Mensch ist derjenige, der das Wesen des bisherigen Menschen erst in seine Wahrheit \u00fcberf\u00fchrt (\u2026) er soll dadurch in den Stand gebracht werden, k\u00fcnftig Herr \u00fcber die Erde zu sein, d. h. die Machtm\u00f6glichkeiten in einem hohen Sinn zu verwalten, die dem k\u00fcnftigen Menschen aus dem Wesen der technischen Umgestaltung der Erde und des menschlichen Tuns zu-fallen.\u201c (S. 39) Karl Jaspers, immerhin ein enger Freund Heideggers, doch weitaus klarer, auch skeptischer, dagegen nennt ihn eine \u201efast ins Leere verschwimmende Abstraktion\u201c (Jaspers, S. 163)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Poller verk\u00f6rpert der \u00dcbermensch \u201eeinen neuen Humanismus und stellt einen Gegenentwurf zum Massenmenschen dar.\u201c (Poller, S. 326) Ricarda Huch kommentiert: \u201eEiner der wenigen originellen Gedanken Nietzsches ist der, da\u00df das Erscheinen des Genies bisher immer vom Zufall abgehangen habe, da\u00df man es aber z\u00fcchten m\u00fcsse\u201c (in: Wunberg, S. 190), und sie fragt weiter: \u201eWar es Nietzsches \u00fcberhaupt ernst mit dem Gedanken? Er betont ja an anderer Stelle, da\u00df das Unbewu\u00dfte das Wichtigste am Menschen sei.\u201c (ebd.) Ein Zeitgenosse berichtete, wie Ende des 19ten Jahrhunderts eine Zarathustra-Mode losbrach und sich in \u201eGassen-R\u00fcpelei\u201c (Hillebrand, S. 58) \u00e4u\u00dferte: \u201eNachdem Nietzsche (\u2026) sein Zauberwort ausgesprochen hatte, war in Deutschland pl\u00f6tzlich alles \u00dcbermensch \u2026 Man machte Schulden, verf\u00fchrte M\u00e4dchen und besoff sich, alles zum Ruhme Zarathustras.\u201c (Leo Berg, zit. in: Hillebrand, S. 58) Auch so wurde der \u00dcbermensch ver\u00adstanden, als banale Aufforderung an die Leute: \u201eLass\u2018 doch mal die Sau raus!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So weit, so unklar. Was der \u00dcbermensch genau ist, steht also keinesfalls eindeutig fest. Sicher ist nur, dass der \u00dcbermensch kein endg\u00fcltiges Wesen ist, sondern eine Weiterentwicklung des bisherigen Menschen als Work in Progress, sozusagen ein Mensch im \u00dcbergang, ein \u00dcbergangs-Mensch, Nietzsche sagt: \u201eDer Mensch ist ein Seil, gekn\u00fcpft zwischen Tier und \u00dcbermensch, ein Seil \u00fcber einem Abgrunde.\u201c (Zarathustra, S. 13). Dieser Mensch muss sich noch selbst finden, denn er ist erst neuerdings wirklich frei, wurde er doch durch den Tod Gottes aus der Knechtschaft und Bevormundung der Religionen befreit. Diese Befreiung und T\u00f6tung Gottes erfolgte im 18ten Jahrhundert mithilfe von Aufkl\u00e4rung und Wissenschaft. Doch ist der Mensch f\u00fcr einen solch gro\u00dfen Schritt schon reif genug? Kann er mit der neu gewonnen Macht und Freiheit umgehen? Nietzsche zweifelt. Die frisch erlangte Freiheit m\u00fcndete in Nihilismus, das Ende des Glaubens macht die Menschen blasiert, sie wirken von sich und ihren K\u00f6rpern entfremdet, und Demokratie und Sozialismus bedrohen die Hochkultur, jedenfalls in Nietzsches Augen. Nietzsche f\u00fchlte sich heimatlos verloren und tappte in der taghell erleuchteten Welt der Wissenschaft &#8211; im Dunkeln. Er sehnte sich nach neuem Mythen, einem neuem Glauben, einer neuen starken Kultur, die ihren Anh\u00e4ngern Kraft und Orientierung schenkt, Richard Wagner stand zwar kurz davor, war in Nietzsches Augen aber dann doch ein Verr\u00e4ter, und im Grunde misstraute er jedem, au\u00dfer sich selbst und f\u00fchlte sich unverstanden. Der \u00dcbermensch, so k\u00f6nnte man schlie\u00dfen, w\u00e4re ein Mensch, der <em>all diese Probleme<\/em> f\u00fcr sich gel\u00f6st habe. Eine Art gebildeter, individualistischer Anarchist, das w\u00e4re die freundliche Version, \u00a0eine Utopie, mit der man leben k\u00f6nnte. Stattdessen sollten sich die \u00dcbermenschen zu einsamen Herren aufschwingen, einer tyrannischen Elite, die mit ihrem Fu\u00dfvolk nach eigenem D\u00fcnken verf\u00e4hrt, ohne moralische Schranken, ohne Rechenschaft, ein Diktator wie Stalin, Hitler, Mussolini. Wie konnte es soweit kommen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was zuvor geschah, knapp 40 Jahre fr\u00fcher, Nietzsche wird 1844 in Th\u00fcringen als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Dann geht es rasant weiter. Zuerst aufw\u00e4rts: er gilt als Wunderkind, wird mit nur 24 Jahren an der Universit\u00e4t Basel zum Professor berufen, obwohl er weder promoviert noch habilitiert hat. Dann steil abw\u00e4rts. Er leidet unter starken Kopfschmerzen. Mit Mitte 30 wird er Fr\u00fchrentner und erh\u00e4lt ein Ruhegehalt. 1889 kommt es zum endg\u00fcltigen Zusam\u00admenbruch, und Nietzsche wird zum Pflegefall. Bis er 1900 stirbt, also im selben Jahr, in dem Freuds \u201eTraumdeutung\u201c erscheint. In den zehn Jahren zwischen Berentung und Pflege, also von 1879 bis 1889 zog er wie ein Heimatloser durch die Schweiz und Norditalien, lebte in billigen Unterk\u00fcnften, geplagt von Kopfschmerzen, \u00dcbelkeit, aber mit hoher Produktivit\u00e4t: Nietzsche schreibt seine wichtigsten B\u00fccher, zwischen 1877 und 1882 die drei Aphorismen-B\u00fccher: \u201eMenschliches, Allzumenschliches\u201c, \u201eMorgen\u00adr\u00f6te\u201c und die \u201eFr\u00f6hliche Wissen\u00adschaft\u201c, dann 1884 das ber\u00fchmteste: \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c, und schlie\u00dflich das Sp\u00e4twerk mit \u201eJenseits von Gut und B\u00f6se\u201c, dem \u201eAntichrist\u201c, \u201eEcce Homo\u201c und dem \u201eWillen zur Macht\u201c, Lou Andreas-Salom\u00e9 spricht hier von seiner \u201eletzten Geistesperiode\u201c (S. 186), bis zu seinem Nervenzusammenbruch 1889. Danach hat er bis zu seinem Tod gar nichts mehr geschrieben, auch nicht gesprochen, nur leise gesummt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich m\u00f6chte ich daf\u00fcr pl\u00e4dieren, nicht das Sp\u00e4twerk ab dem \u201eZarathustra\u201c als Gipfel seines Schaffens anzusehen, sondern die sogenannte \u201eMittlere Phase\u201c (Riese und Kiesow. in: Ottmann, Hrsg., S. 91 ff.), in der wirklich gro\u00dfartige Werke entstanden sind! In der mittleren Phase gelang es ihm, \u201edurch seine vollendete Meisterschaft (\u2026): einen jeden Gedanken voll auszusch\u00f6pfen und mit seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben\u201c, schreibt Salom\u00e9: \u201eein geistreiches Spiel mit blendenden Hypothesen\u201c (Salom\u00e9., S. 186).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es handelt sich um Sammlungen kurzer Texte &#8211; Aphorismus aus nur ein, zwei S\u00e4tzen bis hin zu kurzen Essays von drei bis vier Seiten, die menschliches Leben auf sehr unterschiedliche Art beleuchten: \u201e(\u2026) von den Anf\u00e4ngen der Kultur bis zur staatlichen Organisation des gesellschaftlichen Lebens der Gegenwart, von der Kritik der sozialen Konvention zur individuellen oder gar esoterischen Gef\u00fchlswelt des K\u00fcnstlers und des Heiligen\u201c, schreiben Wiebrecht Ries und Karl-Friedrich Kiesow: \u201ePhilosophische, moralkritische, endlich sogar biologische und soziologische Argumentationsfiguren beherrschen ein Denken, das sich als philosophisches zugleich auf der Schwelle zum Abschied von der Philosophie wei\u00df.\u201c (S. 94) \u201eDer traditionelle Kanon der philosophischen Disziplinen (\u2026) weicht einer Flucht aus Perspektiven, welche den Bestand erster und letzter Wahrheiten in Frage stellt. Der \u00e4sthetische Reiz, der den Schriften N.s f\u00fcr den Leser von jeher angehaftet hat, ist nicht zuletzt eine Funktion dieser formalen und inhaltlichen Dynamik.\u201c (S. 92) Denn: \u201eIn dem Augenblick, da Nietzsche daran mitarbeiten will, <em>die Kenntnis des Menschen vorw\u00e4rts zu bringen, <\/em>wird ihm auch bewu\u00dft, da\u00df eine solche Arbeit nur mit einzelnen Erkundungen und Vorst\u00f6\u00dfen zu leisten ist. Wie sollte er auch imstande sein, diesen ungeheuren Kontinent, der sich ihm pl\u00f6tzlich zeigt, systematisch und mit dem Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit zu erschlie\u00dfen! Daf\u00fcr ist er zu ungeduldig und, wie sich sp\u00e4ter herausstellt, zu <em>grausam. <\/em>Er will angreifen, <em>nur im Angriff ist klingendes Spiel, <\/em>wird er sp\u00e4ter sagen.\u201c (Safranski, S. 157)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin seltsames Ding, unsere Strafe! Sie reinigt nicht den Verbrecher, sie ist kein <em>Ab<\/em>b\u00fc\u00dfen: im Gegenteil, sie beschmutzt mehr als das Verbrechen selber.\u201c (1887, S.178)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fcdiger Safranski weiter: \u201eNietzsche erkl\u00e4rt, da\u00df seine Untersuchungen der Unterscheidung dienen, welche \u00dcbel in\u00a0 den menschlichen Verh\u00e4ltnissen <em>fundamental und unverbesserlich<\/em> seien und welche <em>verbessert<\/em> werden k\u00f6nnten.\u201c (Safranski, S. 157) Zum Beispiel in der Morgenr\u00f6te: \u201eWer sich selber hasst, den haben wir zu f\u00fcrchten, denn wir werden die Opfer seines Grolls du seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selbst verf\u00fchren.\u201c (1887, S. 274) &#8211; Nietzsche zieht hier den \u00fcberraschenden Schluss, den zu f\u00fcrchtenden Menschen mal nicht zu bek\u00e4mpfen. Es geht aber auch nicht um Feindesliebe, wie Jesus raten sollte, sondern die Verf\u00fchrung zur Selbstliebe, die den potentiellen Gegner unsch\u00e4dlich durch sein eigenes Gl\u00fcck machen soll. Das ist mehr als nur Befriedung, der ja in der Regel etwas Gewaltsames anhaftet, sondern hie\u00dfe tats\u00e4chlich Aufl\u00f6sung des Hasses in Wohlgefallen, wenn gleich durch eine List: der betroffene Mann soll ja zur Selbstliebe \u201averf\u00fchrt\u2018 werden. Es geht also um eine soziale Strategie, aber auch um einen echten qualitativen Wandel, und es wirft die Frage auf, wie genau das klappen kann?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Noch ein weiteres Beispiel aus Nietzsches mittleren Phase gef\u00e4llig?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie die Rokoko-Gartenkunst entstand, aus dem Gef\u00fchl \u201aDie Natur ist h\u00e4\u00dflich, wild, langweilig \u2013 auf! Wir wollen sie versch\u00f6nern!\u2018 so entsteht aus dem Gef\u00fchl \u201adie Wissenschaft ist h\u00e4\u00dflich, trocken, trostlos, schwierig, langwierig &#8211; auf! La\u00dft sie uns versch\u00f6nern!\u2018 immer wieder etwas, das sich <em>die Philosophie <\/em>nennt.\u201c (1887, S. 239)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er \u00fcber <em>den Schauspieler<\/em> philosophiert, dem Nietzsche einen \u201e\u00dcberschuss an Anpassungsf\u00e4higkeit aller Art\u201c (1982, S. 252) attestiert, und sodann den Beruf oder auch die Kunstform zu einem Menschentyp, eine subtile Welthaltung verallgemeinert: \u201eEin solcher Instinkt wird sich am leichtesten bei Familien des niederen Volks ausgebildet haben, die unter wechselndem Druck und Zwang, in tiefer Abh\u00e4ngigkeit ihr Leben durchsetzen mu\u00dften, welche sich geschmeidig nach ihrer Decke zu strecken, auf neue Umst\u00e4nde immer neu einzurichten, immer wieder anders zu geben und zu stellen hatten, bef\u00e4higt allm\u00e4hlich, den Mantel nach <em>jedem <\/em>Winde zu h\u00e4ngen und dadurch fast zum Mantel werdend, als Meister jener einverleibend und eingefleischten Kunst des ewigen Versteck-Spielens \u2026\u201c (ebd.) \u2013 der Leser vermutet, die feine Analyse k\u00f6nne nun abgleiten in ein Ver\u00e4chtlichmachen des P\u00f6bels, den \u201eMenschen des Ressentiment\u201c (1887, S. 29), den Nietzsche in der \u201eGenealogie der Moral\u201c gleichsam durch einen Mangel an Aufrichtigkeit, Authenzit\u00e4t charakterisiert: \u201eSeine Seele <em>schielt<\/em>; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintert\u00fcren, alles Versteckte mutet ihn an als <em>seine <\/em>Welt, <em>seine <\/em>Welt, <em>sein <\/em>Labsal\u201c (ebd., S. 29), aber dann biegt Nietzsche unvermutet anders ab und kommt zun\u00e4chst auf die Juden, dann auf die Frauen zu sprechen: \u201eMan denke \u00fcber die ganze Geschichte der Frauen nach \u2013 <em>m\u00fcssen <\/em>sie nicht zuallererst und \u2013oberst Schauspielerinnen sein? Man h\u00f6re die \u00c4rzte, welche Frauenzimmer hypnotisiert haben; zuletzt, man liebe sie &#8211; man lasse sich von ihnen \u201ahypnotisieren\u2018! Was kommt immer dabei heraus? Da\u00df sie \u201asich geben\u2018, selbst noch, wenn sie \u2013 sich geben \u2026 Das Weib ist so artistisch \u2026\u201c (S. 254) Aus der Betrachtung der Schauspielerei als Kunstform wird en passant eine soziologische Ph\u00e4nomenologie mit Anfl\u00fcgen von Gesellschaftskritik, um sodann anthropologisch zu werden und schlie\u00dflich in einer erotischen Faszination auszuklingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche folgt einfach seinen Gedanken, egal wo sie ihn hinf\u00fchren, solange sie nur irdisch und transparent bleiben. Er ist spursicher und konsequent diesseitig, fern jeglicher Spekulationen, aber haltlos und gedankenfl\u00fcchtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Ein Unzufriedener.<\/em> \u2013 Das ist einer jener alten Tapferen. Er \u00e4rgert sich \u00fcber die Zivilisation, weil er meint, dieselbe ziele darauf, alle guten Dinge, Ehren, Sch\u00e4tze, sch\u00f6ne Weiber \u2013 auch den Feigen zug\u00e4nglich zu machen.\u201c (1887, S. 126) Hier pflegt er noch nicht die explizit antidemokratische Attit\u00fcde, die er sich in der \u201eGenealogie der Moral\u201c zur eigen macht; so wie er damals sogar auch noch den Kirchen positive Seiten abgewinnen kann: \u201eDie freien Geister nehmen sich auch vor der Wissenschaft noch ihre Freiheiten \u2013 und einstweilen gibt man sie ihnen auch -, solange die Kirche noch steht!\u201c (1982, S. 157) Eine ger\u00fcttelte Portion Spott schwingt mit bei dieser Betrachtung, ausgerechnet die Kirchen als St\u00fctzen des freien Geistes auszumachen! Und doch ist keine Ironie im Spiel: denn die durch sie gest\u00fctzte Freiheit ist unentbehrlich, notwendig und echt. So konkret, so differenziert, aber auch so bestimmt und konsequent geht es in der mittleren Phase zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der mittleren Phase k\u00f6nnen Beobachtungen, Gedankeng\u00e4nge, Wahrnehmungen, die auf eine Aussage hinauslaufen neben anderen stehen, die das Gegenteil behauptet, einfach weil sie beide jeweils in sich abgeschlossen sind, das eine stimmt hier und jetzt, das andere auch, nur eben an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, oder in anderer Perspektive, oder unter anderen Bedingungen, oder Hinsichten. Wie sich die Geister \u00fcber die Bedeutung seiner Gedanken<em>inhalte <\/em>streiten, so einig sind sie in der Beurteilung seines Stils: \u201eMan mag einst \u00fcber Nietzsche denken, wie man will, \u00fcber den Schriftsteller in ihm wird es bald keinen Zweifel mehr geben. Er ist der gr\u00f6\u00dfte Virtuose der deutschen Sprache\u201c, schrieb Leo Berg, ein Zeitgenosse, bereits 1884 (zit. In: Hillebrand, S. 50)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist wahrhaft freigeistig, dem Lauf des eigenen Denkens folgend, auch wenn es auf ganz und gar fremde Gebiete f\u00fchrt, solange es nur nachvollziehbar bleibt. Im Ergebnis kommt man dann freilich zu sehr unterschiedlichen Schl\u00fcssen, aber darum geht es nicht, weil er in den Texten eigentlich das Denken selbst demonstriert, nicht um seine Ertr\u00e4ge, sondern um seines Prozesses willen. Es ist eben auch kein Ausdruck von Beliebigkeit, nicht blo\u00df unverbindlich Spiel, eben noch in die eine, dann in die entgegensetzte Richtung zu denken, sondern h\u00f6chster ernst, dem Gang des Denkens so weit zu vertrauen, dass man ihm auch auf ungewohntes, fremdes Gel\u00e4nde folgen mag. Alles im festen Vertrauen darauf, dass die eigenen Gedanken eben nicht nur so irgendwie oder auch anders, sondern kr\u00e4ftig genug, das eigene Gewicht schon tragen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese besondere Begabung und F\u00e4higkeit gipfelt in seiner Art, das Denken praktisch in seinem Vollzug vorzuf\u00fchren. Nietzsche denkt und schreibt, und w\u00e4hrend er schreibt, entwickeln sich die Gedanken weiter und damit auch das Geschriebene; die kurzen Abs\u00e4tze wirken immer wie\u00a0 aus einem ewig dahinstr\u00f6menden Fluss des Denkens herausgeschnitten, in W\u00fcrfel aus Bernstein eingegossen, und das alles auf h\u00f6chstem Niveau fl\u00fcssig, elegant, pr\u00e4zise, pointiert. \u201eNietzsche erprobt ein Sprechen, das so schnell, so pr\u00e4zise, so trocken, so angemessen und so fatal aus dem Redner hervorsprudelt, da\u00df f\u00fcr den Augenblick der Unterschied zwischen Leben und Reden verschwunden w\u00e4re.\u201c (Sloterdijk, S. 132) V\u00f6llig anders aber drei Jahre sp\u00e4ter, im \u201eZarathustra\u201c. Hier sprudelt und flie\u00dft gar nichts mehr, das Denken wirkt wie festgestellt, eingefroren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der \u201eMorgenr\u00f6te\u201c will Nietzsche ein Buch schreiben, dass \u201enicht zum Durchlesen und Vorlesen ist, sondern zum Auf\u00adschlagen, namentlich im Spazierengehen und auf Reisen: man muss den Kopf hinein- und immer wieder hinausstecken k\u00f6nnen und nichts Gewohntes um sich finden.\u201c (1887, S. 250) Beim Zarathustra ist es genau umgekehrt, \u00fcberall wo man den Kopf rein- oder rausstreckt, liest man das gleiche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNeidische Menschen mit feinerer Witterung suchen ihre Rivalen nicht genauer kennen zu lernen, um sich ihnen \u00fcberlegen f\u00fchlen zu k\u00f6nnen.\u201c (1887, S, 189)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine \u201afeine Witterung\u2018, so k\u00f6nnte man eigentlich vermuten, ist doch eigentlich eine Gabe. Sie so zu ignorieren, nur um dem eigenen Neid kein Futter zu geben \u2013 das w\u00e4re doch eigentlich dumm, m\u00fcsste man sagen. Indes klingt hier schon Nietzsches Ambivalenz an: die scharfe Sicht f\u00fcr die Erkenntnis, indes die gr\u00f6bere Sicht f\u00fcr das bessere Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So auch hier: \u201eDie Furcht hat die allgemeine Einsicht \u00fcber den Menschen mehr gef\u00f6rdert als die Liebe, denn die Furcht will erraten, wer der andre ist, was er kann, was er will: sich hierin zu t\u00e4uschen w\u00e4re Gefahr und Nachteil. Umgekehrt hat die Liebe einen geheimen Impuls, in dem so viel Sch\u00f6nes als m\u00f6glich zu sehen oder ihn doch so hoch als m\u00f6glich zu heben: sich dabei zu t\u00e4uschen w\u00e4re f\u00fcr sie eine Lust und ein Vorteil \u2013 und so tut sie es.\u201c (S. 204), wo er praktisch an den Volksmund ankn\u00fcpft: \u201aLiebe macht blind\u2018, aber diese Blindheit verteidigt, anstatt sie anzugreifen. Der Rausch der Liebe ist wichtiger als die Wahrheit. Das w\u00e4re, in der Tat, typisch, sehr nietzscheanisch. Doch selbst bei dieser Erkenntnis will er es noch nicht belassen, sondern er betont andersherum die Furcht als den Zustand mit dem gr\u00f6\u00dferen Erkenntnispotential. In der Furcht lernen wir mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals fiel es Nietzsche noch nicht schwer, beide Seiten der Sache zugleich betrachten \u2013 und sie sogar stehen zu lassen. Er dachte dialektisch, er nannte sich nicht so, aber er war ein echter Dialektiker: \u201e\u2018Man ist nicht unh\u00f6flich, wenn man mit einem Steine an die T\u00fcre klopft, welcher der Klingelzug fehlt\u2018 \u2013 so denken Bettler und Notleidende aller Art; aber niemand gibt ihnen Recht.\u201c (1982, S. 160) \u201e<em>Seine Taxe haben. <\/em>\u2013 Wenn man gerade so viel <em>gelten <\/em>will, als man <em>ist, <\/em>mu\u00df man etwas sein, das <em>seine Taxe <\/em>hat. Aber nur das Gew\u00f6hnliche hat seine Taxe. Somit ist jenes Verlangen entweder die Folge einsichtiger Bescheidenheit \u2013 oder dummer Unbescheidenheit.\u201c (1886, S. 562)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAlle regelm\u00e4\u00dfig Erfolgreichen besitzen eine tiefe Verschlagenheit darin, ihre Fehler und Schw\u00e4chen immer als anscheinende St\u00e4rken zum Vorschein zu bringen; weshalb sie diese ungew\u00f6hnlich gut und deutlich kennen m\u00fcssen.\u201c (ebd. S. 402) \u2013 Hier sehen, oder sollte ich besser sagen: <em>erleben <\/em>wir auch, wie fein, wie ver\u00e4stelt Nietzsche seine Gedanken ausf\u00fchrt, wie dicht sein Denken mit der Sprache geht, \u201aSelbsterkenntnis\u2018 und \u201aVerschlagenheit\u2018 so miteinander zu verschr\u00e4nken! Man sp\u00fcrt auch sein Bem\u00fchen, wahrhaft nicht mehr zu sagen als er kann, aber das daf\u00fcr ganz genau und mit allen Implikationen. Nietzsche moduliert wirklich jede Implikation aus den Worten heraus. Er wei\u00df, dass sich die Chose nicht aufl\u00f6sen l\u00e4sst, also will er sie wenigstens auf den Punkt bringen. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Aristokraten, \u00dcbermenschen und Individualisten<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gesagt, kommt in den drei Aphorismen-B\u00fcchern der Begriff des \u201e\u00dcbermenschen\u201c noch nicht vor. Seine, in diesem Sinne sozusagen noch unspezifischen Betrachtungen des Menschen und der Kultur machen indes deutlich, <em>wie<\/em> er sich <em>den zuk\u00fcnftigen Menschen <\/em>w\u00fcnschen k\u00f6nnte. Sie geben eine Vorahnung. Karl Jaspers sagt: \u201eDas Wesentliche ist, da\u00df schon der bei der psychologischen Darstellung jedesmal ein Ungen\u00fcgen mitspricht: der Blick dr\u00e4ngt zum <em>h\u00f6heren Menschen<\/em>.\u201c (Jaspers, S. 162; Hervorh. Im Orig. gesperrt) Auch Jaspers erkennt also in den Aphorismen bereits die Vorarbeiten zum Sp\u00e4twerk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Redewendung vom \u201eh\u00f6heren Menschen\u201c wird von Nietzsche in der mittleren Phase selbst immer wieder gebraucht: \u201eWas ist mir aber Gutherzigkeit, Feinheit und Genie, wenn der Mensch dieser Tugenden schlaffe Gef\u00fchle im Glauben und Urteilen bei sich duldet, wenn <em>das Verlangen nach Gewissheit <\/em>ihm nicht als die innerste Begierde und tiefste Not gilt \u2013 als das, was die h\u00f6heren Menschen von den niederen scheidet.\u201c (1982, S. 39) Der h\u00f6here Mensch wird hier vor allem als ein Mensch der Wissenschaft beschrieben, das bedeutet f\u00fcr ihn: klar denkend, skeptisch gegen\u00fcber allen vermeintlichen \u00dcberzeugungen und Gewissheiten, sowie Neugierig und schlie\u00dflich der experimentellen Methode verpflichtet. An anderen Stelle ermutigt Nietzsche die \u201ah\u00f6heren Menschen\u2018 zu ihren Triebe und leiblichen Bed\u00fcrfnissen: \u201eEs gibt genug Menschen, die sich ihren Trieben mit Anmut und Sorglosigkeit \u00fcberlassen <em>d\u00fcrfen: <\/em>aber sie tun es nicht, aus Angst vor dem eingebildeten \u201ab\u00f6sen Wesen\u2018 der Natur! <em>Daher <\/em>ist es gekommen, da\u00df sie so wenig Vornehmheit unter den Menschen zu finden ist: deren Kennzeichen es immer sein wird, vor sich keine Furcht zu haben, von sich nichts Schm\u00e4hliches zu erwarten, ohne Bedenken zu fliegen, wohin es uns reibt.\u201c (1982, S. 184) Ein weiteres typisches Merkmal des sp\u00e4ter sogenannten \u201a\u00dcbermenschen\u2018.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche-J\u00fcnger, die ihre ostentative Verachtung der Vernunft f\u00fcr Weisheit halten, werden dies falsch finden, doch wir wollen den \u00dcbermenschen systematisch untersuchen. Das erscheint uns sinnvoller, als ihn mythisch zu verkl\u00e4ren: \u201eHoho, der \u00dcbermensch ist ja sooo gro\u00df, soo wahrhaftig, hohoho, aber auch sooo gef\u00e4hrlich, nichts f\u00fcr schwache Gem\u00fcter, hoho hoho!\u201c &#8211; Hohohoho! Nehmen wir also feierliche Dramatik und \u00fcberhitzten Gr\u00f6\u00dfenwahn weg und werfen einen kalten und klaren Blick, so k\u00f6nnen wir einige Merkmale des \u00dcbermenschen herausdestillieren \u2013 und ihn vielleicht sogar <em>ein bisschen definieren<\/em>: der \u00dcbermensch ist ein Freigeist, aber kein Spinner, sondern klar denkend, realistisch, wissenschaftlich ern\u00fcchtert; er glaubt an kein Jenseits, keine Metaphysik, auch sonst keinen Idealismus, in diesem Sinne ist er amoralisch; er ist zudem in einem hohem Ma\u00dfe bewusst, reflektiert, auch \u00fcber sich selbst; er ist komplett irdisch, diesseitig, materialistisch orientiert, k\u00f6rperbetont, lebensbejahend, sch\u00f6pferisch, selbstbewusst und kreativ, er ist eigensinnig, vornehm, einzelg\u00e4ngerisch, aber auch mutig, tatkr\u00e4ftig, die geborene F\u00fchrernatur. Er ist ein Individualist, was auch immer man darunter versteht, jedenfalls kein Herdentier, kein B\u00fcrokrat, kein Priester, kein Romantiker, kein Sozialist, kein Kopfmensch, kein Bauer und auch kein Faulenzer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anhand dieser Merkmalsliste k\u00f6nnen wir pr\u00e4ziser \u00fcber den <em>\u00dcbermenschen<\/em> reden als wenn wir ihn geheimnisvoll verkl\u00e4ren. \u2013 Dennoch sind diese Merkmale noch kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, Zum Beispiel denken wir beim <em>\u00dcbermenschen<\/em> an einen eigensinnigen und unabh\u00e4ngigen, vor allem geistig unabh\u00e4ngigen Menschen. Ich neige oft dazu, mir den \u00dcbermenschen als einen selbstbewussten, aufgekl\u00e4rten, lebensfrohen Individualisten vorzustellen, in Anlehnung an Nietzsches Rede vom \u201eguten Europ\u00e4er\u201c (Krell, Bates, S. 7), als einen <em>guten Amerikaner <\/em>sozusagen \u2026 und tats\u00e4chlich finden viele Autoren Parallelen zwischen ihm und der amerikanischen Philosophie des Pragmatismus (vgl. Marcuse, S. 202 ff., Safranski, S. ), die Ende des 19ten Jahrhunderts, also ungef\u00e4hr zur selben Zeit entstand \u2026 Nietzsche selbst bekannte, er \u201eliebe das amerikanische Lachen\u201c (zit. in: Marcuse, S. 206), vielleicht weil ihm der Optimismus, die Toleranz und die zupackende L\u00e4ssigkeit gefielen, die ja in einem schroffen Gegensatz stehen zu seiner sonst typischen Tragik und Dramatik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichwohl: Der <em>amerikanische Individualismus<\/em> d\u00fcrfte ihm zu weit gegangen sein. Denn, so Simmel, nicht \u201eder Einzelne, blo\u00df weil er ein Individuum ist, geht Nietzsche an (\u2026), sondern ausschlie\u00dflich diejenigen Einzelnen, durch deren Wertqualit\u00e4ten der menschliche Gattungstypus eine h\u00f6here als die bisher erreichte Stufe gewinnt.\u201c (Simmel, S. 362) Und Lou von Salom\u00e9 schreibt: \u201eDieser vollendete Mensch mit seiner vertieften und individualisierten Herren-Natur soll keineswegs seinem naiven Egoismus leben, (\u2026) sondern er soll zum Erstling einer neuen Menschengattung werden und f\u00fcr ihre Neugeburt sich opfern \u2026\u201c (Salom\u00e9, S. 227) So w\u00fcrde ich meinen, dass er an einer Figur wie dem letzten bayerischen K\u00f6nig, Ludwig II., zwar Gestaltungskraft und Unabh\u00e4ngigkeit gesch\u00e4tzt haben mag, ihm seine Schl\u00f6sserprojekte indes gewiss nicht hinreichend relevant erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <em>eigensinniger Mensch<\/em> kann, zweitens, jemand sein, der seine spezielle Sicht der Dinge pflegt, Probleme auf seine Art und Weise angeht und sich durch nichts von seinem Weg ablenken l\u00e4sst \u2013 dabei kann er extrem einseitig, ein echter Dorftrottel sein oder sich in ein total abgedrehtes Paralleluniversum einspinnen. An einem solchen Menschen prallen alle \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcsse einfach ab, weil er stur seinen Weg geht. Das macht ihn zwar unbeugsam, aber eben auch stumpf. Dagegen m\u00fcssen wir uns unter einem <em>geistig unabh\u00e4ngigen Menschen <\/em>einen durchaus offenen Menschen vorstellen, der in der Lage ist, viele, auch neue Gedanken, Ideen, Erfahrungen Informationen aufzunehmen. Seine Unabh\u00e4ngigkeit wahrt er nicht dadurch, dass er sich gegen\u00fcber allen \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen verschlie\u00dft, sondern indem er diese auf seine eigene Art und Weise verarbeitet. J. W. Goethe, den sogar Nietzsche als h\u00f6heren Menschen verehrte, wird gerne dadurch charakterisiert, dass er sich mit extrem verschiedenen Themen besch\u00e4ftigt hat, von Lyrik und Dichtung bis zu den Naturwissenschaften der Pflanzenkunde und der ber\u00fchmten Farbenlehre, aber auch als Minister am Weimarer Hof unter anderem mit Milit\u00e4r und Stra\u00dfenbau, dass er sich zudem mit all diesen h\u00f6chst verschiedenen Aufgaben <em>auf seine ganz eigene, subjektive, unverwechselbare Art und Weise besch\u00e4ftigt hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche spricht hier von <em>h\u00f6herer Bildung<\/em> und meint dies sicherlich idealistisch, nicht nur die Hochschulbildung im engeren Sinne. \u201eIm Verlaufe der h\u00f6heren Bildung wird dem Menschen alles interessant, er wei\u00df, die belehrende Seite einer Sache schnell zu finden und den Punkt anzugeben, wo eine L\u00fccke seines Denkens mit ihr ausgef\u00fcllt oder ein Gedanke durch sie best\u00e4tigt werden kann. (\u2026) Er geht zuletzt, wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter Menschen herum und nimmt sich selber als ein Ph\u00e4nomen wahr, welches nur seinen erkennenden Trieb stark anregt.\u201c (1886, S. 167)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zu einem wahren Freigeist geh\u00f6rt noch mehr. Der <em>eigensinnige Mensch <\/em>ist nicht automatisch geistig unabh\u00e4ngig, sondern kann starr und geistig unflexibel dumpf an den eigenen \u00dcberzeugungen haften. Nietzsche nennt ihn: den \u201egebundenen Geist\u201c. Geistige Unabh\u00e4ngigkeit setzt die F\u00e4higkeit voraus, zum eigenen Denken Abstand nehmen und zu sich selbst in Distanz gehen zu k\u00f6nnen, und das gelingt <em>eigensinnigen Menschen <\/em>h\u00e4ufig nicht, <em>\u00a0<\/em>denn dazu sind sie meistens zu engstirnig und zu verbohrt. \u201eNietzsche fordert freie Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber jede \u201a\u00dcberzeugung\u2018 und jeden \u201aGlauben\u2018\u201c (Kaulbach, S. IV) Diese wiederum l\u00e4sst sich nur \u00fcber klares Denken erreichen, denn wenn man seine eigene Gedanken mit Abstand reflektieren, ja sogar lenken m\u00f6chte, muss man sie zuvor fassen k\u00f6nnen; sie d\u00fcrfen einem nicht im eigenen Kopf verschwimmen, verschwurbeln oder in dunklen Tiefen versinken sein, sonst bleiben sie in einem negativen Sinn unfassbar \u2013 f\u00fcr andere, aber auch f\u00fcr einen selbst. Bei allem Pathos, Emotionalit\u00e4t und subjektiver Dramatik bleibt Nietzsche, zumindest seinem Anspruch nach, ein klarer Denker. So h\u00e4ngen Geistesfreiheit, klares Denken und die F\u00e4higkeit zur Selbstdistanzierung urs\u00e4chlich miteinander zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist auch der Grund daf\u00fcr, warum <em>Amoralit\u00e4t <\/em>nicht als eigenst\u00e4ndiges Merkmal in der Liste gelten kann. Das <em>unabh\u00e4ngige Denken, <\/em>das die Distanz zu allen \u00dcberzeugungen, Werten, Ideen, ja sogar Begriffen und Erfahrungen meint, impliziert logisch auch die Distanz zu allen <em>m\u00f6glichen Moralvorstellungen<\/em>. Das ist etwas anderes als <em>die schroffe Ablehnung<\/em> aller Moralvorstellungen, nicht Anarchie, nicht das \u201aRecht des St\u00e4rkeren\u2018, wie es oft hei\u00dft, sondern intellektuelle Indifferenz. In diesem Sinne unterscheidet Nietzsche scharf zwischen <em>Meinungen <\/em>und <em>Gedanken<\/em>, genauer: er stellt die Geistesfreiheit \u00fcber die Meinungsfreiheit, da letztere allein in moralischer Willk\u00fcr endet: \u201eEs sind die wahrhaft Unertr\u00e4glichen, von denen man selbst das Gute nicht annehmen mag, welche <em>Freiheit der Gesinnung<\/em> haben, aber nicht merken, dass es ihnen an <em>Geschmacks- und Geistes-Freiheit <\/em>fehlt.\u201c (1886, S. 404)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drittens existiert schlie\u00dflich eine <em>h\u00f6here Menschlichkeit<\/em>, die nur <em>im Auge des Betrachters<\/em> existiert. In der Geschichte vom \u201eKleinen Prinzen\u201c begegnet der kleine Prinz einer sprechenden Rose, in die er sich verliebt; sp\u00e4ter begegnet er auf seine Reise sodann einem Garten voller Rosen, die alle gleich aussehen. Der Kleine Prinzip ist deprimiert, weil er bis dahin dachte, seine Rose sei einzigartig. Die befreiende Erkenntnis liegt in der Erfahrung, dass alle Dinge und Wesen, zu denen wir eine pers\u00f6nliche Beziehung aufbauen, <em>f\u00fcr uns einzigartig<\/em>, wir k\u00f6nnen auch sagen: zu Individuen werden. Und so wie es im Christentum hei\u00dft: Gott liebt alle Menschen, k\u00f6nnte man auch sagen: Gott sieht in jedem das Individuelle. \u2013 und wem das zu spirituell ist, sollte sich klar machen, dass sogar naturwissenschaftlich betrachtet kein G\u00e4nsebl\u00fcmchen zu 100% einem anderen G\u00e4nsebl\u00fcmchen gleicht, dass selbst vor dem n\u00fcchternen Blick des Forschers jedes Exemplar einer Pflanze ein Individuum ist, sofern man nur nah genug heran geht. Wir haben hier das st\u00e4rkste Argument gegen die pauschale Behauptung, in der modernen, konformistischen Gesellschaft g\u00e4be es keine echten Individuen mehr. Selbst in Nordkorea werden die Menschen <em>als Einzelne<\/em> geliebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche selbst muss diese dritte Form des Individuums auch gekannt haben, denn er schrieb 1877 an seinen Freund Paul R\u00e9e: \u201eM\u00f6ge ich bald von ihnen, mein Freund, h\u00f6ren, dass die b\u00f6sen Krankheitsgeister ganz von ihnen gewichen sind: dann bliebe <em>mir <\/em>f\u00fcr ihr neues Lebensjahr Nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, als dass sie bleiben, der sie sind und dass Sie <em>mir <\/em>bleiben, der Sie in den letzten Jahren waren\u201c (zit. In: Salom\u00e9, S. 129).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00dcbergang von der sogenannten mittleren Periode zum Sp\u00e4twerk, spricht: von der \u201eFr\u00f6hlichen Wissenschaft\u201c zum \u201eZarathustra\u201c erfolgt, soweit ich es sehe, kein krasser Schnitt, aber die Akzente verschieben sich deutlich. Nicht nur, dass der h\u00f6here, vornehme, edle Mensch jetzt pl\u00f6tzlich \u00dcbermensch genannt wird. Die \u201eintellektuelle Redlichkeit\u201c, in den Aphorismen mehrfach als Wert benannt, taucht nun gar nicht mehr auf. Nietzsche deute \u201eGeltungsanspr\u00fcche in Machtanspr\u00fcche um\u201c, kritisiert J\u00fcrgen Habermas: \u201eDas sei bodenlos, weil sich <em>jede <\/em>theoretische Arbeit auf der Basis einer Unterscheidung zwischen Anspruch auf Macht und Anspruch auf Geltung vollziehen muss\u201c (Taureck, S. 148). Das unabh\u00e4ngige Denkens, zuvor von Nietzsche selbst noch als durchaus zweifelndes, selbstkritisches Denken verstanden, wird nun durch \u00fcbergro\u00dfes Selbstbewusstsein festgestellt. Dass man freier und wahrhaftiger sei, wird nicht mehr demonstriert, sondern nur noch behauptet. Wie er \u00fcberhaupt kaum noch argumentiert, begr\u00fcndet, sondern behauptet. Und aus dem Freigeistigen Denken, das ja eigentlich moralisch indifferent sein m\u00fcsste, wird ein polemisches anti-moralisches Denken, das schlie\u00dflich in einer neuen Moral, dem Recht des St\u00e4rkeren, m\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon bei meiner ersten Lekt\u00fcre des \u201eZarathustra\u201c, damals an der spanischen Atlantikk\u00fcste, beim Camping nahe Tarifa, fiel mir das auf: Auf dem Marktplatz tritt ein Seilt\u00e4nzer auf, st\u00fcrzt ab und stirbt. Zarathustra spricht mit dem Sterbenden, der sagt: \u201eWenn Du die Wahrheit sprichst, so verliere ich nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel mehr als ein Tier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schl\u00e4ge und schmale Bissen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNicht doch\u201c, sprach Zarathustra: \u201eDu hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zugrunde: daf\u00fcr will ich dich mit meinen H\u00e4nden begraben.\u201c (1891, S. 17) Es f\u00e4llt auf, dass Zarathustra, der Amoralist zum Seilt\u00e4nzer in moralischen Begriffen spricht: \u201aDaran ist nichts zu verachten\u2018, nur freilich nicht nach einer christlichen Moral der \u201aN\u00e4chstenliebe\u2018, sondern eines Heldenethos des wilden, gef\u00e4hrlichen Lebens. Ein wahrer Freigeist dagegen m\u00fcsste allen, d. h. <em>auch diesem Motiv<\/em> skeptisch gegen\u00fcber stehen. Sogar das Recht des St\u00e4rkeren w\u00e4re keine nat\u00fcrliche Tatsache, sondern ein menschliches Gesetz. Selbst Darwin sprach nicht vom \u00dcberleben des St\u00e4rkeren, sondern lediglich vom \u00dcberleben des hinreichend gut angepassten. Das Recht des St\u00e4rkeren verbietet zum Beispiel den Ungehorsam, den Tyrannenmord, den Sklavenaufstand. Oder w\u00e4re es legitim, wenn die Schwachen den Starken von hinten erschie\u00dfen oder in die Luft sprengen, wie es Elster 1936 mit Hitler versucht hat? Nach Zarathustras Lehre w\u00e4re das wom\u00f6glich feige, w\u00e4hrend der wahre Freigeist sich auch von solchen Urteilen \u2013 frei machen sollte. Nietzsches Amoralist gibt vor, nicht heimt\u00fcckisch, nicht von hinten, sondern nur geradeaus und mit offenem Visier zu k\u00e4mpfen, aber ist nicht gerade das auch hochmoralisch??!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt f\u00e4llt beim \u00dcbergang der mittleren Periode zum Sp\u00e4twerk eine Verh\u00e4rtung und Verengung des Denkens auf. Das, was zuvor leicht, spielerisch und voller Esprit daherkam, wirkt jetzt schroff und verh\u00e4rtet. \u2026 bereits im Schlussteil der \u201eFr\u00f6hlichen Wissenschaft\u201c erw\u00e4hnt er neben dem \u00dcbermenschen das zweite Grundthema des \u201eZarathustra\u201c, die Lehre der <em>Ewigen Wiederkehr<\/em>. Doch damals hatte er diese Lehre noch vorsichtig, als \u201eeine Vermutung ausgesprochen\u201c (Salom\u00e9, S. 253), im Konjunktiv, als blo\u00dfes Gedankenspiel formuliert: \u201eWie, wenn dir eines Tages oder Nachts ein D\u00e4mon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sage \u2026\u201c (1982, S. 216) Doch nur eine Erleuchtung sp\u00e4ter hei\u00dft es: \u201eWas geschah mir doch, meine Tiere? \u2013 sagte Zarathustra. Bin ich nicht verwandelt? Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?\u201c (1891, S. 68) Hier \u00e4ndert sich sein Ton auff\u00e4llig, vom spielerischen, freien Denken zum mythisch verblasenen. Sogar Jaspers kommentiert witzig: \u201eEr ist f\u00fcr Nietzsche der ersch\u00fctterndste Gedanken gewesen, w\u00e4hrend nach ihm wohl sonst niemand von dem Ernst betroffen worden ist.\u201c (Jaspers, S. 350)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und hie\u00df es in der \u201eFr\u00f6hlichen Wissenschaft\u201c, Nietzsches bestem Buch, noch: \u201eIch f\u00fcrchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in h\u00f6chst gef\u00e4hrlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat \u2013 als das wahnwitzige Tier, als das lachende Tier, als das weinende Tier, als das ungl\u00fcckselige Tier\u201c (1982, S. 163) So schrieb er nur drei Jahre sp\u00e4ter mit donnerndem Ton: \u201eSo will ich Mann und Weib: (\u2026) tanzs\u00fcchtig, mit Kopf und Beinen. Und verloren sei uns der Tag, wo nicht einmal getanzt wurde! Und falsch hei\u00dfe uns jede Wahrheit, bei der es nichts als Gel\u00e4chter gab!\u201c (1891, S. 172) Im Kern pr\u00e4sentieren uns beide Zitate verwandte Bilder. Doch in der \u201eFr\u00f6hlichen Wissenschaft\u201c existentiell, phantastisch, tragisch, im Zara\u00adthustra\u201c b\u00e4uerlich, kitschig, eher im bellenden Befehlston eines Kommandeurs geschrieben als dem heiterer Weisheit. &#8211; Was ist passiert? Alles Leben, was eigentlich beschworen werden soll, ist den Worten ausgetrieben. Bei aller vordergr\u00fcndigen Lebensbegeisterung dominiert im Zarathustra ein garstiger, \u00fcberdr\u00fcssiger Ton.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Grenze verl\u00e4uft zwischen der \u201eFr\u00f6hlichem Wissenschaft\u201c und dem \u201eZarathustra\u201c, die nur drei Jahre auseinander liegen und dennoch sein bestes Buch und sein schlechtestes Buch darstellen. Nietzsche selbst verzichtet ja darauf, eine b\u00fcndige Definition des \u00dcbermenschen zu geben, und zwar aus gutem Grund, wie ich denke. Entweder f\u00e4llt eine solche Definition n\u00e4mlich zu allgemein aus, dann wirkt sie platt, oder sie verzettelt sich in der Konkretion, dann verfehlt sie ihr Ziel oder trifft es nur halb. Schlie\u00dflich existiert der \u00dcbermensch ja noch gar nicht, sondern soll sich erst entwickeln. Nietzsche selbst kann heute noch gar nicht genau wissen, wie er in ferner Zukunft aussehen wird \u2013 er sagt nur, welche Aufgaben er dann gel\u00f6st haben muss. Anders als wir unvollkommenen Idioten, die heute herumstolpern, muss der \u00dcber\u00admensch zumindest f\u00fcr sich folgende Konflikte gel\u00f6st haben: Der \u00dcbermensch soll ein Mensch sein, der sein Leben nach der experimentelle Methode und skeptischen Grundhaltung eines Wissenschaftler ausrichtet, <em>zugleich <\/em>einen starken Glauben hat, der ihn leitet und treibt. Er ist kultiviert, hat gute Umgangsformen <em>und<\/em> folgt seinen Trieben und den Bed\u00fcrfnissen seines Leibes. Er ist Individualist und niemandem verpflichtet, fungiert <em>aber auch<\/em> als Vorbild f\u00fcr Andere, die ebenfalls frei und unabh\u00e4ngig werden wollen. Eigenschaften, die einander nicht zwingend ausschlie\u00dfen m\u00fcssen, die aber auch nicht ohne weiteres vereinbar sind. Zudem ist der \u00dcbermensch weniger theoretisches Konstrukt als vielmehr eine empirische Aufgabe, soll hei\u00dfen: niemand kann im Voraus sagen, wie er sein wird, aber wenn er da ist, ist er da. Andersherum: jeder Mensch muss selber sehen, wie genau er all diese Aufgaben l\u00f6st, das kann kein anderer f\u00fcr einen tun, und niemand kann einem Raten \u2013 doch falls es gelingt, wird dir gro\u00dfes Gl\u00fcck, Ruhm und Anerkennung zuteil!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei allen Schwierigkeiten, scheint der \u00dcbermensch durchaus ein erstrebenswertes Ziel. Zum Problem wird der \u00dcbermensch erst, wenn er zus\u00e4tzlich zum einsamen Herrscher stilisiert wird und mit Sonderrechten ausgestattet, \u00fcber die \u201eMi\u00dfratenen, Kr\u00e4nklichen, M\u00fcden, Verlebten, nach dem heute Europa zu stinken beginnt\u201c (1887, S. 33) zu herrschen. Dabei, man ahnt es fast, werden die vornehmen Ziele des Freigeistes, klares Denken, unabh\u00e4ngiges Denken, moralisch indifferentes Denken, einem beinahe archaischen Heldenkult geopfert. Nannte er anfangs noch \u201eNaturen von Erz, wie Beethoven, Goethe\u201c, (Jaspers, S. 164).die seinem Ideal nahe kamen, so spricht er in der \u201eGenealogie\u201c von der \u201eletzten politischen Vornehmheit, die des siebzehnten und achtzehnten <em>franz\u00f6sischen <\/em>Jahrhunderts\u201c, und \u201eNapoleon als den letzten Fingerzeig (\u2026), dieser Synthese von <em>Unmensch <\/em>und<em> \u00dcbermensch<\/em>\u201c (1891b, S. 42-43) Auch Safranski hat beobachtet, dass die \u00dcbermenschen der ersten Stunde \u201eAsketen, Ekstatiker, geistvolle und sch\u00f6pferische Menschen (waren), aber noch keine Cesare-Borgia-Typen, keine Vitalit\u00e4tsheroen und Kraftnaturen, keine Athleten der Amoralit\u00e4t\u201c (S. 273). Unser Programm mit Nietzsche gegen Nietzsche zu denken, soll darum nicht darauf hinauslaufen, den \u00dcbermenschen komplett zu diskreditieren, sondern lediglich in der Fassung ab 1884. Auf eine Parole gebracht: \u201eWir wollen unseren alten \u00dcbermenschen wieder haben!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Kraft<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wird Nietzsche von seinen Zeitgenossen keineswegs als Lebemann, K\u00e4mpfer- oder F\u00fchrernatur, sondern als eher \u00fcberkultiviert beschrieben. \u201a\u00dcberkultiviert\u2018, das bedeutet nicht nur hochkultiviert, sondern ein \u00dcberma\u00df, ein Zuviel. Sein Verhalten war so geschliffen, h\u00f6flich, feinsinnig und so weiter, dass er einfach nicht zum Zuge kam. Selbst Zarathustra, Nietzsches Alter Ego, wenn man so will, ist in Flakes Augen nur \u201eein beschaulicher Weiser mit dionysischen Z\u00fcgen, oder umgekehrt, ein Dionysos, dem doch der letzte Mut fehlt, (\u2026) nicht jemand, der unmittelbar lebt, sondern \u00fcber das Leben reflektiert.\u201c (S. 91), Irvin D. Yalom be\u00adschreibt ihn als \u201eVon ausgesuchter H\u00f6flichkeit. Scheu bis zur Dem\u00fctigkeit\u201c, (S. 77) und \u201evon eigenartiger Unk\u00f6rperlichkeit. Als k\u00f6nne man durch ihn hindurchgreifen\u201c (S. 78) und R\u00fcdiger Safranski urteilt: \u201eNietzsche kann l\u00e4ngst nicht so grausam, hart und r\u00fccksichtslos sein, wie er es sp\u00e4ter vom \u00dcbermenschen verlangen wird. (\u2026) Er ist nicht nur wetter-, sondern auch menschenf\u00fchlig. Das f\u00fchrt zu schlimmen Verwicklungen. Obwohl die Mutter und die Schwester mit ihrem Mangel an Verst\u00e4ndnis ihn oft dem\u00fctigen, klein machen, muss er doch mit ihnen empfinden. Er leider geradezu am \u00dcberma\u00df zu verzeihen. Nur schwer kann er seine Partei halten\u201c (S. 167) Gewiss w\u00e4re Nietzsche himself im wirklichen Leben nicht hart genug, in seiner eigenen \u00dcbermenschenkultur zu \u00fcberleben. Seine Philosophie ist zu einem gro\u00dfen Teil der Versuch, sich selbst zu kr\u00e4ftigen, wie er selbst unumwunden betont, wenn er von \u201eeinem z\u00e4hen Willen zum Leben\u201c, und seinem \u201elangen Krieg gegen den Pessimismus und die Lebensm\u00fcdigkeit\u201c (1886, S. 302) spricht. Doch dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lou Andreas-Salom\u00e9 sieht das f\u00fcr sie erstaunlichste an Nietzsche in seinen H\u00e4utungen, seinen radikalen Verwandlungen, zum Beispiel zwischen der ersten Phase der \u201eArtistenmetaphysik\u201c fr\u00fcher Schriften und der mittleren, \u201enaturalistischen\u201c (St\u00f6rig, S. 531) Phase der darauf folgenden Aphorismen-B\u00e4nde (vgl. Z. B. Safranski, S. 138 ff.; Flake, S. 53 f., Riese, Kiesow in: Ottmann, S. 91 ff., Jaspers, S. 43, G\u00f6rner, S. 231) Sie weist darauf hin, dass Nietzsche von Haus aus Philologe war, in seiner Ausbildung bei Ritschl also das \u201eHauptaugenmerk, sowohl nach Seiten der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale Beziehungen und \u00e4u\u00dfere Zusammenh\u00e4nge gerichtet\u201c wurde (S. 78; vgl. Jaspers, S. 418) Bevor er zu dem feurigen, \u00fcberbordenden Freak wurde, als den wir ihn alle kennen und lieben, hat Nietzsche eine streng formale, im engen Sinn geisteswissenschaftliche Ausbildung durchlaufen. Man vergisst, dass er zun\u00e4chst ein sehr gr\u00fcndlicher, genauer Denker gewesen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u201eMenschliches, Allzumenschliches\u201c spricht er selbst diese Haltung sehr sch\u00f6n elegant und pr\u00e4zise auf den Punkt: \u201e<em>Das K\u00f6nnen, nicht das Wissen, durch die Wissenschaft ge\u00fcbt. &#8211; <\/em>Der Wert davon, da\u00df man zeitweilig eine <em>strenge Wissenschaft <\/em>streng betrieben hat, beruht nicht gerade auf deren Ergebnissen: denn diese werden, im Verh\u00e4ltnis zum Meer des Wissenswerten, ein verschwindend kleiner Tropfen sein. Aber es ergibt einen Zuwachs an Energie, an Schlu\u00dfverm\u00f6gen, an Z\u00e4higkeit der Ausdauer; man hat gelernt, einen <em>Zweck zweckm\u00e4\u00dfig <\/em>zu erreichen. Insofern ist es sehr sch\u00e4tzbar, in Hinsicht auf alles, was man sp\u00e4ter treibt, einmal ein wissenschaftlicher Mensch gewesen zu sein.\u201c (S. 168) Das war, wie gesagt, f\u00fcnf, sechs Jahre <em>bevor <\/em>er in den Schweizer Bergen das Schreiben im Rausch entdeckte, oder, wie Safranski es schreibt: \u201eEs ist eigentlich keine Arbeit, sondern ein ekstatisches Spiel\u201c (S. 266), oder Peter P\u00fctz: \u201eeinige Teile werden so rasch niedergeschrieben, als entl\u00fcde sich ein lange angehaltener Stau an Kreativit\u00e4t\u201c (in: Nietzsche, 1891, S. 269), und St\u00f6rig: \u201eDer Zara\u00adthustra \u00fcberfiel ihn\u201c (S. 531), \u201ewahrsagerische Blitzstrahlen.\u201c (1891, S. 187)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist passiert? &#8211; Lou Andreas-Salom\u00e9 spricht von \u201edem Grundtrieb seiner Natur, \u00fcber das Selbstgeschaffene immer wieder hinauszugehen, es als endg\u00fcltig Erledigtes, Vergangenes von sich abzusto\u00dfen\u201c (S. 80), Karl Jaspers meint: \u201eEr verliert den festen Wohnsitz und irrt von Ort zu Ort, als ob er suchte, was er nie findet. Aber dieses Ausnahmesein ist selber eine Substanz, ist die Weise von Nietzsches gesamten Philosophieren.\u201c (S. 41) H\u00e4utungen, H\u00e4utungen, H\u00e4utungen. Doch so richtig diese Unterscheidung in sch\u00f6pferische Phasen Nietzsches sein mag, so unterschlagen sie den gemeinsamen Roten Faden, der sich durch all sein Denken und Schreiben zieht; ich meine den Roten Faden des vitalen Gef\u00fchls, denn es egal, wie Nietzsche konkret argumentiert und begr\u00fcndet, der letzte Ma\u00dfstab ist f\u00fcr ihn immer die eigene Vitalit\u00e4t, die er durch sein Denken beschw\u00f6ren m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte in Nietzsches Rastlosigkeit, seinem st\u00e4ndigen Umsto\u00dfen gerade erst vermeintlich gefundenen Gewissheiten die Suche nach den wahrhaft lebensf\u00f6rdernden Begriffen sehen, der heilsamen Philosophie, an der der kranke Mensch endlich genesen kann. Und Nietzsche selbst schien in schwachen Stunden geglaubt zu haben, den finalen heilsamen Gedanken zu finden, sich selbst quasi gesund zu denken, zum Beispiel indem er \u201esich die Aufgabe gestellt hat, das Leben <em>wider <\/em>den Schmerz zu verteidigen und alle Schl\u00fcsse abzuknicken, welche aus Schmerz, Entt\u00e4uschung, \u00dcberdru\u00df, Vereinsamung und anderem Moorgrunde gleich giftigen Schw\u00e4mmen aufzuwachsen pflegen.\u201c (1886, S. 301)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn allerdings auch nur in der Theorie, wie Otto Flake kritisiert: \u201eEs gibt freiere und \u00fcberlegenere Haltungen als die eines Mannes, der zuerst als geschundener und dann als gekreuzigter \u00fcber die Sieger des Lebens spricht.\u201c (S. 32), und f\u00fcr R\u00fcdiger G\u00f6rner ist Nietzsche \u201eProphet einer h\u00f6heren Gesundheit, der aber selbst nichts als Krankheit kannte und ihre diversen Symptome minuzi\u00f6s protokollierte.\u201c (S. 193) Soll hei\u00dfen, ausgerechnet bei Nietzsche, dem Philosophen, f\u00fcr den Philosophie und das eigene Leben so eng zusammenhingen wie sonst bei keinem anderen Philosophen, driften Denken und eigenes Leben auch besonders weit auseinander. Das soll sein Denken jedoch keineswegs diskreditieren, sondern lediglich die Schwierigkeiten seines Projekts deutlich machen. Des Projekts, das Leben, das irritierende, mal \u00fcberraschende, mal schmerzhafte, aber immer gro\u00dfartige und berauschende Laben \u2026 ja, was denn genau? \u2013 <em>herbei <\/em>zu denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber geht das \u00fcberhaupt, k\u00f6nnen wir die guten, lebensf\u00f6rderlichen Gedanken in einer allgemeing\u00fcltigen Philosophie pauschal definieren? Nietzsche ist ja kein Anh\u00e4nger der \u201eZur\u00fcck-zur-Natur\u201c-Philosophie wie die Reformbewegung der 20er Jahre oder die Hippies der 1968er Jahre. Aber er wird sicherlich gesp\u00fcrt haben, dass die protestantische Welt, aus der er kommt, dem freien Spiel der Triebe im Wege steht. Er vermutete, \u201esein Vater sei <em>auch <\/em>an dem, wie er glaubte, scheinheiligen Moralismus der Kirche zugrunde gegangen.\u201c (G\u00f6rner, S. 211) Nach einem kurzen Intermezzo in Naumburg, wo er von seiner Mutter und seiner f\u00fcrchterlichen Schwester gepflegt wird, rafft er seine letzten Kr\u00f6ten zusammen und flieht \u00fcber die Alpen nach Norditalien, nach Genua, wo er 1877 \u201eMenschliches, Allzumenschliches\u201c schreibt und damit seine Phase \u201epositivistischer Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit\u201c (Jaspers, S. 43; vgl. ) einleitet, R\u00fcdiger Safranski nennt es \u201eeine Art Entgiftungskur\u201c (S. 156), die Nietzsche vermittelt \u00fcber das Medium seines Denkens \u2013 an sich selbst vornehmen will, Otto Flake, er streife \u201edie Reste des Idealismus ab.\u201c (S. 53) .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Safranski: Nietzsche habe \u201esich eine Di\u00e4t verordnet: keine \u00e4sthetischen oder metaphysischen Ausschweifungen mehr!\u201c (S. 161) \u2013 er will sich noch den Rest durch sein evangelisches Elternhaus anerzogenen Glauben austreiben. Doch das ist nicht von heute auf morgen getan, denn der Glaube sitzt ihm tief in den Knochen: \u201e\u00dcberall, wo man an menschlichen Bestrebungen eine h\u00f6here d\u00fcstere F\u00e4rbung wahrnimmt, darf man vermuten, da\u00df Geistergrauen, Weihrauchduft und Kirchenschatten daran h\u00e4ngengeblieben sind.\u201c (1886, S. 112) \u201eGott ist tot: aber so wie die Art der Menschen ist wird es vielleicht noch jahrtausendelang H\u00f6hlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. \u2013 Und wir. \u2013 wir m\u00fcssen auch noch seinen Schatten besiegen!\u201c (1982, S. 125) Seine positivistische Phase wird nicht zur Teufelsaustreibung, sondern zur Gottesaustreibung, im Sinne einer allgemeinen Metaphysik-, Werte- oder Idealismus-Austreibung. Die gro\u00dfe Ern\u00fcchterung! \u201eDie allermeisten finden es nicht ver\u00e4chtlich, dieses oder jenes zu glauben und darnach zu leben, <em>ohne <\/em>sich vorher der letzten und sichersten Gr\u00fcnde f\u00fcr und wider bewu\u00dft worden zu sein und ohne sich auch nur die M\u00fche um solcher Gr\u00fcnde hinterdrein zu geben.\u201c (1982, S. 39)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichwohl: das kalte, analytische Denken und die damit verbundene L\u00f6sung von allen \u00dcberzeugungen, Idealismen, Glaubensinhalten etc. seiner mittleren szientifischen Phase erfolgte nicht nur aus theoretischer Einsicht, sondern sollte zudem der Erweckung der Lebensgeister dienen. Dies wird in folgendem Ausschnitt aus der \u201eFr\u00f6hlichen Wissenschaft\u201c deutlich: \u201eVon Jahr zu Jahr finde ich das Leben wahrer, begehrenswerter und geheimnisvoller \u2013 von jenem Tage an, wo der gro\u00dfe Befreier \u00fcber mich kam, jener Gedanke, da\u00df das Leben ein Experiment des Erkennenden sein d\u00fcrfe.\u201c (1982, S. 200)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kraft durch Wissenschaft, das ist die Befreiung der Lebenslust vom Joch b\u00fcrgerlicher Moral, aber auch von herrschaftlicher Abh\u00e4ngigkeit, wie hier, an dieser Stelle, dort hei\u00dft es: \u201eDer Denker sieht in seinen eignen Handlungen Versuche und Fragen, irgendwor\u00fcber Aufschlu\u00df zu erhalten: Erfolg und Misserfolg sind ihm zuallererst <em>Antworten<\/em>. Sich aber dar\u00fcber, da\u00df etwas mi\u00dfr\u00e4t, \u00e4rgern oder gar Reue empfinden \u2013 das \u00fcberl\u00e4\u00dft er denen, welche handeln, weil es ihnen befohlen wird, und welche Pr\u00fcgel zu erwarten haben, wenn der gn\u00e4dige Herr mit dem Erfolg nicht zufrieden ist. (1982, S. 72) Hier wird das Prinzip wissenschaftlichen Denkens und denkenden Fortschreitens skizziert, das Prinzip des try-and-errors, aber auch lebensphilsophisch \u00fcberh\u00f6ht: die Wahrheit des Erkennens wird \u00fcber den Wunsch nach einer bestimmten Erkenntnis gestellt, und dieses Prinzip wird zum Lebensmotto des freien, unabh\u00e4ngigen Menschen. Der Knecht, bei dem die Meinung des Chefs\u00a0 jede experimentelle Erkenntnis vereitelt, wird verspottet. Die F\u00e4higkeit, mit Misserfolgen konstruktiv umzugehen, h\u00e4ngt also auch vom sozialen Status ab. Oder: die Freiheit, Erfahrungen zu machen, ist amoralisch, und macht nicht nur klug, meint Nietzsche, sondern auch froh. Darum hei\u00dft sein Buch: die \u201e<em>fr\u00f6h<\/em>liche Wissenschaft\u201c (1982; Hervh. von mir).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWer ernstlich frei werden will, wird dabei ohne allen Zwang die Neigung zu Fehlern und Lastern mit verlieren; auch \u00c4rger und Verdru\u00df werden ihn immer seltener anfallen. Sein Wille n\u00e4mlich will nichts angelegentlicher als Erkennen und das Mittel dazu, das hei\u00dft: den andauernden Zustand, in dem er am t\u00fcchtigsten zum Erkennen ist.\u201c (1886, S. 185) Das neugierige, irdische Denken ist das lebendige Denken des Freien Menschen. Hier sehen wir bereits in der auf das gesamte Leben \u00fcbertragenen Erkenntnismethode jenen von der Moral und fremden M\u00e4chten befreienden Zug. \u201eWir Forscher sind wie alle Eroberer, Entdecker, Schifffahrer, Abenteurer von einer verwegenen Moralit\u00e4t und m\u00fcssen es uns gefallen lassen, im Ganzen f\u00fcr b\u00f6se zu gelten.\u201c (1887, S. 242) Nicht erst der kampfbereite Egoist Zarathustra, sondern schon der Fr\u00f6hliche Wissenschaftler, ist ein freier Mann. Nur hat es leider nicht so funktioniert, wie Nietzsche gehofft hatte. Das ist schade!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn mit dem restlos aufgekl\u00e4rten, k\u00fchlen Verstand f\u00fchlt er sich auch nicht wohl. Die ersehnte Lebensbegeisterung bleibt aus. Die gro\u00dfe Ern\u00fcchterung f\u00fchrt zur Entt\u00e4uschung. Zwar hat sich seine Sicht auf die Welt verbessert, seine Lebensgeister jedoch nicht befeuert, er nennt sie \u201edie unkr\u00e4ftigste Form der Erkenntnis. Es schien, als ob man mit ihr nicht zu leben verm\u00f6ge\u201c (ebd., S. 127), und: \u201eWenn nun die Wissenschaft immer weniger Freude durch sich macht und immer mehr Freude, durch Verd\u00e4chtigung der tr\u00f6stlichen Religion, Metaphsysik und Kunst, nimmt: so verarmt jene gro\u00dfe Quelle der Lust, welche die Menschheit fast ihr gesamtes Menschentum verdankt.\u201c (1886, S. 165)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche sehnt sich nach einer anderen, neuen, besseren Kultur, in der das hemmungslose Flie\u00dfen der Lebensenergie nicht durch Kultur gebrochen, sondern verst\u00e4rkt, erh\u00f6ht, veredelt wird. Lebensphilosophie, das ist nicht nur ein Nachdenken \u00fcber die Gesetze des Lebens, das tun Biologen, Chemiker, Genforscher und so weiter auch, sondern vor allem Empfehlungen daf\u00fcr, wie man sein Leben m\u00f6glichst erfolgreich, lustbringend, unfallfrei oder wie auch immer f\u00fchren kann, <em>Lebensf\u00fchrung<\/em>sphilosophie. Er steht an einer Wegscheide: \u201eSobald ihr handeln wollt, m\u00fc\u00dft ihr die T\u00fcr zum Zweifel verschlie\u00dfen, &#8211; sagte ein Handelnder. \u2013 und du f\u00fcrchtest dich nicht, auf diese Weise der <em>Betrogene <\/em>zu werden? \u2013 antwortete ein Beschaulicher.\u201c (1887, S. 274) &#8211; Dieses Problem, hat er nie gel\u00f6st! \u2013 und andere, nebenbei gesagt, auch nicht. Ich glaube, es war Richard Rorty, der etwa sinngem\u00e4\u00df sagte, die Kunst best\u00fcnde darin, sich der Relativit\u00e4t des eigenen Denkens bewusst zu sein und ihm dennoch zugleich \u00fcberzeugt und beherzt zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach wie vor spricht Nietzsche der Wissenschaft nicht die Wahrheit ab, er vermisst etwas anders dabei. Trotz seiner saftigen Sprache bleiben ihm die erkannten Wahrheiten abstrakt. Er tr\u00e4umt davon, sie f\u00fchlbar zu machen. \u201eSolange uns die Wahrheiten nicht mit Messern ins Fleisch schneiden, haben wir in uns geheimen Vorbehalt der Geringsch\u00e4tzung gegen: sie scheinen uns immer noch den \u201agefiederten Tr\u00e4umen\u2018 zu \u00e4hnlich, wie als ob wir sie haben und auch nicht haben k\u00f6nnten \u2013 als ob etwas an ihnen in unserem Belieben st\u00fcnde, als ob wir auch von diesen unsern Wahrheiten <em>erwachen <\/em>k\u00f6nnten.\u201c (1887, S. 252) \u2013 und an anderer Stelle hei\u00dft es: \u201eEs ist immer noch eine ganz neue und eben erst dem menschlichen Auge aufd\u00e4mmernde, kaum noch deutlich erkennbare <em>Aufgabe, das Wissen sich einzuverleiben <\/em>und instinktiv zu machen.\u201c (1982, S. 48) \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Weg zur\u00fcck in die Kunstreligion ist ihm verbaut, nachdem er von den Bayreuther Festspielen angeekelt abgezogen ist und sich mit dem Wagner-Clan, bei dem \u201ejeder beliebige F\u00fcrst ein und aus gieng, wie als ob es sich um einen Sport mehr handelte\u201c (Nietzsche, zit. in Safranski, S. 136), zerstritten hat. Also kommt es 1884 zu seiner zweiten Wende, von der positivistischen Phase zur dritten Phase, dem Sp\u00e4twerk, der \u201emystischen Willensphilosophie\u201c (Salom\u00e9, S. 162), dem \u201eneuen Glauben\u201c (Jaspers, S. 43) Nun hei\u00dft es: \u201eDie Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil: Die Frage ist, wie weit es lebensf\u00f6rdernd, lebenserhaltend ist; Verzichtleisten auf falsche Urteile w\u00e4re ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des Lebens.\u201c (zit. ebd., S. 192) Als wahr erscheint ihm jetzt nicht mehr, \u201ewas theoretisch am schl\u00fcssigsten bewiesen wurde, sondern was sich im Sinne eines gelingenden Lebens am besten bew\u00e4hrt.\u201c (Sloterdijk, S. 40)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhard Taureck verwendet f\u00fcr Nietzsches Vision eines die eigene Vitalit\u00e4t befreienden, mobilisierenden Denkens den Begriff der \u201eLeibgewordenen Vernunft\u201c (Vgl. S. 165 ff.). Im Zarathustra hei\u00dft es: \u201eDer Leib ist eine gro\u00dfe Vernunft, eine Vielheit mit <em>einem <\/em>Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirte\u201c (1891, S. 28), und: \u201eDas Selbst sagt zum Ich: \u201ahier f\u00fchle ich Lust!\u2018 Da freut es sich und denkt nach, wie es noch oft sich freue \u2013 und dazu eben <em>soll <\/em>es denken\u201c (ebd., S. 29) Insofern ist Taurecks Formel von der \u201eleibgewordenen Vernunft\u201c falsch, da es sich eher um eine \u201eVernunft des Leibes\u201c handelt, wie Taureck an anderer Stelle ebenfalls sagt. Egal. Jedenfalls wird die Vernunft des Leibes in Abgrenzung zur sogenannten klassischen Vernunft von der Antike bis Kant definiert, in der der Geist \u00fcber den K\u00f6rper herrscht und die menschlichen Triebe unterdr\u00fccken oder kanalisieren soll. Wie einige Jahrzehnte sp\u00e4ter Sigmund Freud im \u201eUnbehagen in der Kultur\u201c, kritisiert Nietzsche die Herrschaft des Geistes \u00fcber den K\u00f6rper, sie m\u00fcnde im ungl\u00fccklichen Menschen, der sich dann moralinsauer, selbstverleugnend und so weiter \u00e4u\u00dfert. Das Ziel der Menschheit soll darum die Befreiung des Triebes von seiner Unterdr\u00fcckung durch Vernunft in h\u00f6herer Einheit von Leib und Vernunft sein, die dann freilich keine klassische Vernunft mehr w\u00e4re, sondern eher ein lebensf\u00f6rderlicher Irrationalismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aldous Huxley verneinte die M\u00f6glichkeit einer <em>nat\u00fcrlichen Sexualit\u00e4t<\/em> in dem Sinne, in dem es etwa eine nat\u00fcrliche Verdauung gibt. In den Sex spielen neben dem bioenergetischen Trieb zu viele weitere, \u00e4u\u00dfere Faktoren hinein, erkl\u00e4rte Huxley, Geist, Kultur, Macht, Moral, die den Sex als Ausdruck <em>reiner Natur <\/em>verzerren. Vielleicht steht daf\u00fcr die Unterscheidung zwischen Sex und Erotik, sozusagen: \u201aSex\u2018 als reiner Trieb, \u201aErotik\u2018 als kulturell vermittelter, kultivierter Trieb. Nietzsche, den Zeitgenossen wie Lou Andre-Salom\u00e9 durchaus als sogar <em>\u00fcberkultiviert <\/em>beschreiben, im Umgang mit den Frauen ungeschickt, weil gehemmt durch seine perfekten Umgangsformen, wird sich sehr nach einer sicheren Leitung durch den sexuellen Trieb gesehnt haben. Er stand auf den Begriff des \u201aDionysischen\u2018, f\u00fcr ihn der Name der rauschhaften Urkraft des Lebens, die bei Arthur Schopenhauer der \u201aWille\u2018, bei Sigmund Freud \u201aLibido\u2018 und bei Wilhelm Reich \u201aOrgon\u2018 hie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch diese Urkraft dr\u00e4ngt das Individuum zwar in grobe Richtungen, zum Beispiel Richtung Nahrung, Richtung Sex oder Schlaf. Dar\u00fcber hinaus ist sie allerdings unbestimmt, sie spricht nicht, sie dr\u00e4ngt von sich aus nicht zu einer bestimmten Form (vgl. Flake, S. 43 ff.). Sie kann nicht dar\u00fcber entscheiden, ob man lieber Mozart oder Rockmusik h\u00f6rt, FDP oder die Gr\u00fcnen w\u00e4hlt, Fahrrad oder mit dem Auto f\u00e4hrt. Jede n\u00e4here Gestalt stammt nicht aus der Natur, sondern ist sozialisiert, anerzogen, kulturell gelenkt. Die dr\u00e4ngende Kraft des Lebens, an und f\u00fcr sich allein betrachtet, ist vorbewusst, richtungslos. In dem Augenblick, da die unbestimmte Urkraft des Lebens ins Bewusstsein f\u00e4hrt, wird sie projiziert, durchl\u00e4uft sie kulturelle Filter, flie\u00dft sie in begriffliche vorgebahnte Bahnen. Es gibt keinen Weg, die unbestimmte Urkraft des Lebens gleichsam unverf\u00e4lscht und eins-zu-eins in Geist zu verwandeln. Zweifellos ist es m\u00f6glich, <em>mit<\/em> dem eigenen Leben zu denken oder <em>gegen<\/em> das eigene Leben zu denken, macht es <em>f\u00fcr <\/em>das Leben einen Unterschied, ob man so oder so denkt. Doch der Gedanke, die Lebensenergie k\u00f6nne der Vernunft die Richtung weisen, ungef\u00e4hr so wie ein Kompass dem Kapit\u00e4n beim Steuern eines Schiffs bei Nebel leitet, erscheint ein utopischer Wunsch\u00adtraum. Kurz ge\u00adsagt, die Idee einer \u201eVernunft des Leibes\u201c \u2013 wenn man darunter qualitativ mehr versteht als dass die Vernunft die Bed\u00fcrfnisse des Leibes ber\u00fccksichtigen soll, n\u00e4mlich dass der Leib der Vernunft die guten, sch\u00f6nen, wahren Gedanken praktisch souffliert &#8211; erscheint als eine Sehnsucht des Kopfmenschen, der unter seiner Kopflastigkeit leidet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals, in den Jahren vor dem \u201eZarathustra\u201c fand Nietzsche das Leben bei Sokrates, wie in den Naturwissen\u00adschaften, ja sogar im Christentum. Das macht die St\u00e4rke der drei Aphorismen-B\u00e4nde aus, sie sind wahrhaft vornehm und wahrhaft freigeistig, n\u00e4mlich in dem Sinne, dass sie zu allen Dingen die gleiche Distanz halten,\u00a0 im vermeintlich Guten das Schlechte, im vermeintlich Schlechten das Gute entdecken. Nietzsche ist damals scheinbar noch f\u00fcr alles offen, so lange es das Leben f\u00f6rdert. Und er ist bereit, <em>jede<\/em> Lehre auf ihre lebensf\u00f6rderliche Wirkung hin zu pr\u00fcfen. Es ist also weniger der Anspruch, den <em>absolut<\/em> lebendigsten Gedanken zu entdecken, was offenkundig ein sehr alchemistischer Anspruch w\u00e4re, als vielmehr <em>jeden Gedanken<\/em> auf sein lebendiges Potential abzuklopfen, wir k\u00f6nnen auch sagen: auf eine lebensf\u00f6rderliche Weise zu denken. Wenn Nietzsche also versucht hat, ein lebensf\u00f6rderliches Denken zu entwickeln und sich mit diesem Denken selbst zu heilen, dann war er in der mittleren Phase diesem Ziel deutlich n\u00e4her als mit dem Sp\u00e4twerk. Im \u201eZarathustra\u201c wird das Leben verdinglicht, Sache der Alchemie, Beschw\u00f6rung. Doch spottete er nicht einst selbst, damals in der \u201eFr\u00f6hlichen Wissenschaft\u201c: \u201eIch erkenne die Geister, welche Ruhe suchen, an den vielen <em>dunklen<\/em> Gegenst\u00e4nden, welche sie um sich aufstellen. Wer schlafen will, macht sein Zimmer dunkel oder kriecht in eine H\u00f6hle.\u201c (S. 154)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Philosophie kann sich also auf mindestens drei Weisen dem Leben widmen. Sie kann, zum ersten, Geist, Bewusstsein, Kultur und so weiter als Bedingungen betrachten, die das Leben str\u00f6men lassen, hemmen oder umlenken. Safranski sagt: Das Bewu\u00dftsein kann \u201e\u00c4ngstlichkeiten, moralische Skrupel, Resignation erzeugen, es kann sich an ihm der vitale Schwung brechen. Aber das Bewu\u00dftsein kann sich auch in den Dienst des Lebens stellen; es kann Wertsetzungen vornehmen, die das Leben zum freien Spiel ermuntern, zur Verfeinerung und Sublimierung. (\u2026) Ob nun aber das Bewu\u00dftsein in die eine oder in die andere Richtung wirkt, das entscheidet kein bewu\u00dftloser Lebensproze\u00df, sondern der bewu\u00dfte Wille, also das Moment der Freiheit gegen\u00fcber dem Leben.\u201c (ebd.) In diesem Sinne bewunderte Nietzsche die \u201egriechischen G\u00f6tter, dieser Widerspiegelungen vornehmer und selbstherrlicher Menschen, in denen das <em>Tier <\/em>im Menschen sich verg\u00f6ttlicht f\u00fchlte und <em>nicht <\/em>sich selbst zerri\u00df, <em>nicht <\/em>gegen sich selbst w\u00fctete!\u201c (1887b, S. 81 f.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweitens k\u00f6nnte man unterschiedliche Techniken und Praktiken sammeln und untersuchen, die das Leben f\u00f6rdern sollen. Eine solche Philosophie des Lebens, das k\u00f6nnten lebensreformerische Ideale f\u00fcr Bewegung an der frischen Luft und ausgewogene Ern\u00e4hrung sein, oder wenn man es gewagter m\u00f6chte, Nudistencamps, Survivaltraining und Tantrasex. Auf psychologischer Ebene k\u00f6nnten Schulen im positiven Denken, Selbsterfahrung, bioenergetische K\u00f6per\u00adtherapien, Entwicklungsmodelle der humanistischen Psychologie stehen bis zur Orgon-Energie auf Seiten der Esoteriker oder den sogenannten Audits der Scientologen. Auf kultureller und k\u00fcnstlerischer Ebene k\u00f6nnte man unter anderen an Ausdruckstanz denken, Free Jazz, Punk, verschiedenen Formen surrealen und automatischen Schreibens, Dadaismus, Fluxus und Joseph Beuys, experimenteller Architektur von Jugendstil, Bauhaus bis Frank Wright und Luigi Colani und so weiter, unendliche M\u00f6glichkeiten, dem Leben zu huldigen, das Leben zu f\u00f6rdern und die Energien laufen zu lassen, bis hin zu Naturmystikern wie Rudolf Steiner und den Anthroposphen, die das Leben rituell anbeten. Die Vorteile dieses Verfahrens liegen auf der Hand, es ist konkret und praktisch: oft braucht man nur eine Yoga-Matte, einen Wald, Gleichgesinnte und kann gleich loslegen. Der Nachteil: die Effekte sind partiell, begrenzt und meistens fl\u00fcchtig, wie das Leben selbst allerdings eigentlich auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich k\u00e4men wir zur dritten Gruppe, die das Leben definieren m\u00f6chte. Diese Leute haben das Problem, dass das Leben als allumfassender, universeller Prozess mit Worten kaum zu fassen ist. Versuche, das Leben zu definieren, m\u00fcnden daher oft im Gegenteil, indem sie das Leben verdinglichen und damit den freien Fluss eher blockieren als f\u00f6rdern. Krasses Beispiel w\u00e4ren die Blut-und-Boden-Ideologien der Nazis, aber auch die Proklamationen der italienischen Futuristen, wenn man es niveauvoller haben m\u00f6chte: \u201eWir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Gefahr und Verwegenheit\u201c (Marinetti, zit. in: Wikipedia). Jenseits aller politischen Vorbehalte, haftet solchen Manifesten oft was Gezwungenes an. Das Leben ist ja etwas dynamisches, es in einem Manifest, einem Bild, gar in einer Statue darzustellen, hei\u00dft es einzufrieren. Es ist wie in dem antiken Paradox des fliegenden Pfeils, dessen Position f\u00fcr jeden Moment eindeutig bestimmbar ist, so dass er eigentlich steht. Zugleich ist diese Verdinglichung des Lebendigen wom\u00f6glich auch genau das, was der K\u00fcnstler will: in der real-sozialistischen oder faschistischen Kunst werden Explosionen, Kriegerische K\u00e4mpfe, also gerade solche Motive h\u00f6chster Kraft und Beweglichkeit, die eigentlich f\u00fcr Statuen nicht taugen, in Stein gemei\u00dfelt, zu Monumenten, um das Leben nicht freizulassen, sondern zu binden. Es ist wom\u00f6glich etwas \u00fcberinterpretiert, also unter Vorbehalt formuliert &#8211; wie wir wissen, war Nietzsche auf Brautschau. Mit Lou Andreas-Salom\u00e9, der blitzgescheiten, abenteuerlustige Russin, die Psychologie studierte und die er in Norditalien kennenlernte, h\u00e4tte es klappen k\u00f6nnen. Sie war von dem deutschen Freigeist fasziniert und f\u00fchlte sich ihm seelenverwandt. Allerdings wirkten auf sie \u201edas Pathos, die Steifheit und F\u00f6rmlichkeit im Wechsel mit der Freigeist-Attit\u00fcde absto\u00dfen. (\u2026) Sie empfand dies als ein kokettieren mit einer Verruchtheit, die er gar nicht besa\u00df.\u201c (Safranski, S. 260)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der \u201eMorgenr\u00f6te\u201c \u00e4u\u00dferte sich Nietzsche noch skeptisch: \u201eAus feuchten tr\u00fcben Tagen, Einsamkeit, lieblosen Worten an uns wachsen <em>Schl\u00fcssen <\/em>auf wie Pilze: sie sind eines Morgens da, wir wissen nicht woher, und sehen sich grau und griesgr\u00e4mig nach uns um. Wehe dem Denker, der nicht der G\u00e4rtner, sondern nur der Boden seiner Gew\u00e4chse ist!\u201c (1887, S. 226) &#8211; Wir erinnern uns, auch in \u201eMenschliches, Allzumenschliches\u201c verwandte er diese Metapher, verglich schlechte Gedanken mit \u201agiftigen Schw\u00e4mmen\u2018, die aus dem \u201aMoorgrunde\u2018 schlechter Stimmungen wachsen. Das Gehirn als eine Art Biotop, das verwildern kann, wenn man Pech hat, aber auch verdorren, versumpfen, eingehen. Der \u201aG\u00e4rtner\u2018 der eigenen Gedanken sein, nicht der \u201aBoden\u2018, das verstehe ich so: man soll sich zu seiner Denkungsart bewusst entscheiden und nicht von den eigenen Stimmungen treiben lassen, z. B. sich in Zeiten des Elends nicht zum pessimistischen Denken verleiten lassen. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim \u201eZarathustra\u201c indes will Nietzsche \u201aBoden\u2018 sein, wenn er sp\u00e4ter \u00fcber dessen \u201ephysiologischen Voraussetzung\u201c (1977, S. 105) schreibt: \u201esie ist das, was ich die <em>gro\u00dfe Gesundheit<\/em> nenne\u201c (ebd.), oder wenn er vor der Niederschrift \u00fcber deren Voraussetzung an seinen Kumpel K\u00f6selitz alias Peter Gast schreibt: \u201eUm <em>diesen <\/em>Theil machen zu k\u00f6nnen, brauche ich selbst erst tiefe, himmlische Heiterkeit: das Pathetische der h\u00f6chsten Gattung wird mir nur als <em>Spiel <\/em>gelingen\u201c (zit. in: G\u00f6rner, S. 236) und nach der Niederschrift an Franz Overbeck: \u201eIch bin nie mit solchen Segeln \u00fcber ein solches Meer gefahren; und der ungeheure \u00dcbermuth dieser dieser <em>ganzen <\/em>Seefahrergeschichte, welche so lange dauert als Du mich kennst, 1870, kam auf seinen Gipfel\u201c (zit. in: Farrell Krell, Bates, S. 195) Es scheint, als wolle sich Nietzsche zuerst in eine Hochstimmung der Lebensbegeisterung hineinsteigern, um dann im Zustand allergr\u00f6\u00dfter Gesundheit und gro\u00dfen Rausches das Buch mal eben so auszuschei\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier dreht Nietzsche zwischen 1883 und 1884 den Spie\u00df einfach um: ab jetzt ist es nicht mehr Aufgabe des Philosophen, eine lebensf\u00f6rderliche Philosophie zu denken, sondern umgekehrt: aus dem Zustand der St\u00e4rke, des \u00fcbersch\u00e4umenden Lebens soll das wahre Denken automatisch heraussprudeln wie aus einem heiligen Gral. Tats\u00e4chlich scheint Nietzsche jetzt zu denken, wenn der Denker nur gut im Saft steht, werden seine Gedanken selbstverst\u00e4ndlich wahr sein. Eine Idee, die kurz zuvor, seiner wissenschaftsgl\u00e4ubigen Phase gewiss vehement abgelehnt h\u00e4tte. Es ist ja auch einfach zu dumm, die Idee, es g\u00e4be sozusagen zwei Zust\u00e4nde des Menschen, einen wahren und einen falschen, und in dem wahren Zustand ist alles, was sie sagen und machen, wahr und weise, und in dem falschen Zustand, ist alles Irrtum, Ideologie und Kleinheit. Das nenne ich: Idiotie!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit ich es sehe, pr\u00e4sentiert uns der \u201e<em>Zarathustra<\/em>\u201c weder Hinweise zum lebensf\u00f6rderlichen Denken, noch zur Praxis zur Lebenssteigerung noch eine neue Kunstreligion, sondern er beschw\u00f6rt lediglich das Leben, das wilde, abenteuerliche, berauschte Leben. \u201eLieben und Untergehen: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen! \/ Aber nun will euer entmanntes Schielen \u201aBeschaulichkeit\u2018 hei\u00dfen! Und was mit feigen Augen sich tasten l\u00e4\u00dft, soll \u201asch\u00f6n\u2018 gekauft werden! Oh, ihr Beschmutzer edler Namen.\u201c (1891, S. 101)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei beschleicht den Leser h\u00e4ufiger das Gef\u00fchl, nur einer endlosen Ank\u00fcndigung beizuwohnen und keinem wirklichen Beginn. \u201eWo ist denn dein \u00dcbermensch?\u201c, fragt der Leser, durchaus wohlwollend, neugierig gemacht: \u201eZeig\u2018 ihn uns doch mal, d\u00fcrfen wir ihn endlich mal sehen?\u201c \u2013 \u201eOh, er wird kommen, er wird gro\u00dfartig sein, und furchtbar! Ihr werdet euch wundern!\u201c \u2013 \u201eJaja, ist schon o. k., <em>aber wann denn endlich<\/em>!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss es so hart sagen: Nietzsche war <em>vor<\/em> dem \u201eZarathustra\u201c weiter. Ich wiederhole mich, ich wei\u00df, und dennoch: So einf\u00e4ltig und aufgeblasen der \u201eZara\u00adthustra\u201c, so weise und fl\u00fcssig sind die drei B\u00fccher der mittleren Periode. In ihnen klingt durchaus an, was <em>konkrete <\/em>Lebensphilosophie sein k\u00f6nnte. Doch wie zaghaft klingen im Vergleich hier seine Entdeckungen. Sie sind, um es mal so zu sagen, einige Nummern kleiner, weil der ganze dramatische Pathos fehlt, aber auch, weil er nicht universell argumentiert, sondern das Leben immer in spezifischen Ph\u00e4nomenen und Problemen aufgesp\u00fcrt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Fans von Nietzsches Sp\u00e4twerk sind seine Gedanken der mittleren Phase vermutlich zu bunt, zu zerstreut, zu widerspr\u00fcchlich. Sie wollen es konzentrierter, eindeutiger, ja, Nietzsche selbst wollte am Ende seines Lebens ein systemisch ausgearbeitetes Hauptwerk vorlegen. Aber sie verwechseln Konzentration mit Reduktion, und sie \u00fcbersehen, dass die Gedanken in seiner mittleren Phase so pr\u00e4zise und vielschichtig sind, dass er mit zehn S\u00e4tzen so viel sagt wie sp\u00e4ter in einem ganzen Buch, ja alle wichtigen Motive seines Sp\u00e4twerk sind hier bereits auf nur wenigen Seiten ausgesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Beispiel gef\u00e4llig? \u2013 hier: \u201e<em>Offener Widerspruch oft vers\u00f6hnend. \u2013 <\/em>Im Augenblick, wo einer seine Differenz der Lehrmeinung in Hinsicht auf einen ber\u00fchmten Parteif\u00fchrer oder Lehrer \u00f6ffentlich zu erkennen gibt, glaubt alle Welt, er m\u00fcsse ihm gram sein. Mitunter h\u00f6rt er aber gerade da auf, ihm gram zu sein: er wagt es, sich neben ihm aufzustellen, und ist die Qual der unausgesprochenen Eifersucht los.\u201c (ebd., S. 324) &#8211; Kommentar: in diesen vier S\u00e4tzen klingen schon ein Gutteil der Motive des \u201eZarathustra\u201c an: die Notwendigkeit, \u00fcber den Meister hinauszuwachsen; die selbstbewusste Individuation, die von einer Kr\u00e4ftigung des Selbstbewusstseins begleitet wird; der Abschied vom Sich-selbst-Kleinmachen, das als der Ursprung des \u201aGrams\u2018, dem Haupt\u00fcbel zwischen den Menschen, verstanden wird, sowie schlie\u00dflich die Wiederlegung des Verdachts, er m\u00fcsse ihm \u201agram\u2018 sein, der als Umwertung der alten Werte der Sklavenmoral gedeutet werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu sagen, Nietzsche entdecke in allem das Gute, w\u00e4re indes zu wenig und w\u00fcrde den Texten nicht gerecht. Es geht nicht um naiven Optimismus, sich irgendeinen Frust sch\u00f6nzudenken, nach dem Motto: \u201eWenn dir das Leben Zitronen beschert, mach\u2018 Limonade draus\u201c, sondern um etwas Tieferes: \u201e<em>Weg zu einer christlichen Tugend. &#8211; <\/em>Von seinen Feinden zu lernen ist der beste Weg dazu, sie zu lieben: denn es stimmt uns dankbar gegen sie.\u201c (1886, S. 392) &#8211; so haben die Christen das gewiss nicht gemeint. Doch es geht um mehr als nur ein ironisches Missverstehen. Es geht um einen Wechsel des Begr\u00fcndungskontextes, vom christlichen Gebot zur praktischen Konsequenz aus einem \u00dcberlebenskampf. Es geht um Liebe, aber eine spezielle Sorte Liebe, eine Liebe, die nicht auf Zuneigung basiert, sondern aus einem Verstehen folgt, das am Anfang noch nicht einmal ein sympathisches Verstehen war, sondern ein feindseliges, misstrauisches, belauerndes, und das in der Liebe schlie\u00dflich nicht etwa aufgehoben, sondern eingeschlossen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAuch wir gehen mit Menschen um, auch wir ziehn bescheiden das Kleid an, in dem man uns kennt, achtet, sucht, und begeben uns damit in Gesellschaft, das hei\u00dft unter Verkleidete, die es nicht hei\u00dfen wollen; auch wir machen es wie alle klugen Masken und setzen jeder Neugierde, die nicht unser \u201aKleid\u2018 begrifft, auf eine h\u00f6fliche Weise den Stuhle vor die T\u00fcre. Es gibt aber auch andere Arten und Kunstst\u00fccke, um unter Menschen mit Menschen \u201aumzugehen\u2018: zum Beispiel als Gespenst \u2013 was sehr ratsam ist, wenn man sie bald los sein und f\u00fcrchten machen will. Probe: man greift nach uns und bekommt uns nicht zu fassen. Das erschreckt. Oder: wir kommen durch eine geschlossene T\u00fcr. Oder: wenn alle Lichter ausgel\u00f6scht sind. Oder: nachdem wir bereits gestorben sind.\u201c (1982, S. 258) Auch hier spekuliert Nietzsche nicht, sondern geht von einer allt\u00e4glichen Beobachtung aus, die er schlie\u00dflich in einem phantastischen Bild auslaufen l\u00e4sst. Doch anders als den Romantikern geht es ihm nicht um die Verzauberung der Realit\u00e4t, sondern um die Intensivierung der Erkenntnis. Seinen \u201aGespenstern\u2018 haftet nichts Phantastisches an, sie sind so allt\u00e4glich wie irgendwas. Nietzsche konstruiert nichts, er verliert sich nicht, er bleibt ganz bei seiner Beobachtung. Ja, es l\u00e4sst sich sogar als lebensphilosophische Empfehlung lesen: wenn Du unter Menschen verkehren willst, sie dir aber nicht zu nahe kommen sollen, mache es so und so \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie zwei gr\u00f6\u00dften Justizmorde in der Weltgeschichte sind, ohne Umschweife gesprochen, verschleierte und gut verschleierte Selbstmorde. In beiden F\u00e4llen <em>wollte <\/em>man sterben; in beiden F\u00e4llen lie\u00df man sich das Schwert durch die Hand der menschlichen Ungerechtigkeit in die Brust sto\u00dfen.\u201c (1886, S. 332) &#8211; Na, hat irgendjemand hier eine Idee, welche Justizmorde Nietzsche meinen k\u00f6nnte? Er selbst verr\u00e4t es uns nicht. Ich vermute, Sokrates und Jesus. Aber Selbstmorde? Haben die beiden, in Nietzsches Augen, ihre Herrscher etwa solange genervt, bis diese gar keine andere Wahl als das Todesurteil hatten? Ich kombiniere, im Umkehrschluss soll das wohl hei\u00dfen: Unbeugsamkeit bedeute Todessehnsucht. Ein weiser Mann muss doch mit \u201amenschliche Ungerechtigkeit\u2018 rechnen! Wird er dennoch hingerichtet, muss er den Tod wohl gesucht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch hier geht es um das Leben wie im \u201eZarathustra\u201c, konkreter, feiner, allt\u00e4glicher, differenzierter und dennoch, ganz klar: das Leben. Man m\u00f6chte Nietzsche sch\u00fctteln und rufen: \u201eEyh, Alter, du hast es geschafft, du hast das Leben gefunden!\u201c Das schillernde, geheimnisvolle, mal freundliche, mal sensitive, mal grausame, aber immer energetische Leben. Nietzsche findet es in den unterschiedlichsten Ph\u00e4nomenen, auch in solchen, die er sp\u00e4ter rigoros verdammen wird, wie dem Christentum oder der Zivilisation. Das ist vor allem noch ein Leben, das nicht herrschen, sondern erstmal nur f\u00fcr sich frei sein und existieren m\u00f6chte, aber das offenbar weit radikaler, weit lustvoller als der artige Lebensbegriff der Kalenderspr\u00fcche und Katzenposter. Doch Nietzsche arbeitet sich noch tastend voran, kein Wunder also, dass er irgendwann auch mal zupacken m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u201eZarathustra\u201c schlie\u00dflich packt Nietzsche zu &#8211; leider daneben. Er greift ins Klo. Pl\u00f6tzlich klingt seine Suche nach dem Leben \u2013 gar nicht mehr lebendig, sondern verbissen. Anders gesagt: Er war auf dem richtigen Weg, aber nach der \u201eFr\u00f6hlichen Wissenschaft\u201c ist Nietzsche falsch abgebogen. Vielleicht w\u00e4re es schlauer gewesen, dem klaren Denken treu zu bleiben und ihrer ern\u00fcchternden Wirkung durch Ironie zu begegnen, oder \u2013 wie in dem Gespenster-Aphorismus \u2013 die n\u00fcchterne Analyse in poetischer Bilder flie\u00dfen zu lassen und den Holzhammer im Schrank zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00dcbermensch und Gesellschaft<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grundgedanke meines Essays lautet, dass eigentlich schon die B\u00fccher vor dem \u201eZarathustra\u201c vom \u00dcbermenschen handeln, den Nietzsche da nur noch anders nennt: h\u00f6herer Mensch, edler Mensch, vornehmer Mensch etc. Der Gedanke geht weiter, dass diese Darstellung des h\u00f6heren Menschen in den Aphorismen weit plastischer, lebendiger, vielseitiger, aber auch klarer, nachvollziehbarer ist als der \u00fcberhitzte Pathos des \u201eZarathustra\u201c, den ich im Grunde f\u00fcr aufgeblasenes Geschw\u00e4tz halte!!! Warum musste er den \u201eZarathustra\u201c schreiben, warum konnte er es nicht einfach bei den B\u00fcchern bis 1884 belassen hat, die inhaltlich das gleiche plus noch viel mehr enthalten? Man k\u00f6nnte sagen, der \u201eZarathustra\u201c ist die \u201eFr\u00f6hliche Wissenschaft\u201c mit weniger Inhalt, aber mehr Pathos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum zweiten blickt der h\u00f6here Mensch zwar bereits in den Aphorismen mit gro\u00dfer Verachtung auf die normalen Menschen, die braven, \u00e4ngstlichen, angepassten etc. Doch erst in den Schriften nach dem Zarathustra bis zu seinem Nervenzusammenbruch entfaltet Nietzsche die Idee einer strikt Hierarchischen Gesellschaft mit Herren und Sklaven. Die zweite Frage lautet also, warum der <em>\u00dcbermensch <\/em>au\u00dferdem ein <em>Herrenmensch <\/em>sein soll?!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sogar Peter Sloterdijk wundert sich: \u201eWenn Leben Selbstdichtung ist, dann ist der Wille zur Macht nur<em> eine<\/em> seiner m\u00f6glichen Auslegungen\u201c (Sloterdijk, S. 98; Hervorh. von mir), der sonst f\u00fcr jede amoralischen Provokation zu haben ist. Kurz: der \u00dcbermensch k\u00f6nnte sich einfach an der eigenen \u00dcbermenschlichkeit erfreuen und damit gl\u00fccklich und zufrieden sein. Die \u00fcbrigen kleingeistigen, sklavenhaften Menschen w\u00fcrden auf ihre Weise nebenher existieren, er k\u00f6nnte sie auf Distanz halten oder auf sie herabblicken. Warum aber dieser Zorn des \u00dcbermenschen auf die \u00fcbrigen Menschen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhard Taureck nennt Nietzsches Gedanken \u201eprotofaschistisch\u201c (S. 157 ff.), da Nietzsche freilich 1884 nichts von Hitler und den Nazis ahnen konnte, mit seiner Lehre den Boden daf\u00fcr indes bereitet habe. Und tats\u00e4chlich findet Taureck zahlreiche Belege, die seine These untermauern. Allerdings macht es, aus meiner Sicht, durchaus einen Unterschied, ob Taureck diesen \u201eProtofaschismus\u201c in einzelnen Aussagen Nietzsches entdeckt oder in dem Konzept des \u00dcbermenschen. Meine These lautet nun, dass es bei Nietzsche zwar protofaschistisch Tendenzen gibt, diese in der Idee des \u00dcbermenschen indes nicht logisch zwingend angelegt sind oder jedenfalls <em>nicht angelegt sein m\u00fcssen<\/em>. Es k\u00f6nnte \u2013 sozusagen mit Nietzsche gegen Nietzsche gedacht &#8211; auch einen demokratischen \u00dcbermenschen geben. Allgemeiner m\u00fcsste man fragen, inwieweit die Lehre vom \u00dcbermenschen eine autorit\u00e4re Gesellschaftspolitik bedingt, und zwar unabh\u00e4ngig von Nietzsches pers\u00f6nlichen Neigungen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche meint, die Entwicklung einzelner \u00dcbermenschen sei eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Das h\u00f6chste Ziel der Menschheit, f\u00fcr das sich alle einsetzen, f\u00fcr das alle Opfer bringen m\u00fcssen \u2013 wie die Bev\u00f6lkerung eines Landes in einem Krieg. \u201eDer \u00dcbermensch ist der Sinn der Erde.\u201c (1891, S. 11) Und weil dieses Potential der Entwicklung zum \u00dcbermenschen nur wenigen gegeben sei, m\u00fcsste die Masse der Menschen zugunsten dieser einzelner, heute w\u00fcrde man sie \u201eElite\u201c nennen, zur\u00fccktreten,. Doch weil in der Demokratie und im Christentum alle Menschen vor dem Staat oder vor Gott gleich sein sollen, ziehen sie die Starken zu sich hinab und verderben damit diese Chance. Insofern die Entwicklung des \u00dcbermenschen jedoch der letzte Sinn aller menschlichen Existenz ist, sabotieren die Elenden und Schwachen auf diese Weise die Realisierung des h\u00f6chsten Sinns des Menschen. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verfechter des Rechts des St\u00e4rkeren scheinen au\u00dferdem zu glauben, in einer weniger zivilisierten, moralisch weniger reglementierten Kultur w\u00fcrden sie <em>die <\/em>Achtung erhalten, die sie eigentlich verdienten. Nur durch soziale R\u00fccksichtnahme w\u00fcrde ihre Gr\u00f6\u00dfe verkannt, w\u00fcrden sie an ihrer Selbstentfaltung gehindert. Georg Brandes urteilt d\u00fcster: \u201eIn unseren Tagen bedeutet eine sogenannte Kulturinstitution nur zu oft eine Einrichtung, kraft welcher die Gebildeten in geschlossener Reihe vorgehend, alle Einsamen und Widerspenstigen, deren Streben auf h\u00f6here Ziele gerichtet ist, zur Seite dr\u00e4ngen.\u201c (Brandes, S. 45) &#8211; Dass Sie indes in einer Kultur der St\u00e4rksten noch weniger zum Zuge k\u00e4men, auf diesen Gedanken kommen diese Einfallspinsel nicht. Daher kommt es zu der witzigen Situation, dass die Kranken, Armen, Dummen und Schwachen den Starken vorwerfen, sie w\u00fcrden zu wenig R\u00fccksicht nehmen, w\u00e4hrend umgekehrt die Starken behaupten, die Schwachen w\u00fcrden sie terrorisieren und an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Kurzum, jeder beschuldigt den anderen, am eigenen Misserfolg Schuld zu sein. Dass es sich auf beiden Seiten nur um armselige Ausreden handelt, den jeweils anderen die Schuld f\u00fcr das eigene Unverm\u00f6gen zu geben, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Nietzsche will noch mehr, er leitet er aus der Differenz zwischen dem hellen Leben des \u00dcbermenschen und dem erb\u00e4rmlichen Leben der Sklaven und Kleingeister das Recht oder sogar eine Pflicht der Herrschaft der einen \u00fcber die anderen ab. Hierbei handelt es sich jedoch nicht allein um blo\u00dfes Naturrecht, etwa nach dem Motto: \u201eDie Starken sollen herrschen, das liegt in ihrer Natur.\u201c Eine solche Begr\u00fcndung w\u00e4re viel zu flach. Nietzsche sah nach Gottes Tod eine nihilistische Welt kommen, vor der er mit der eindr\u00fccklichen Metapher: \u201eDie W\u00fcste w\u00e4chst: weh Dem, der W\u00fcsten birgt!\u201c (1891, S. 248) warnt. Nach Taureck argumentiert er weiter, in der restlos entzauberten, krass nihilistischen Gesellschaft der Zukunft br\u00e4uchte es starke F\u00fchrer, die die Massen im Zaum halten, weil ja sonst keine Werte, keine Ordnung mehr existieren. In diesem Sinne ist sein Protofaschismus weniger Proklamation als vielmehr Prophezeiung, eine pessimistische, dystopische Prophezeiung wohlgemerkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Argumentation l\u00e4uft in etwa so: 1.) in der nihilistischen Welt existieren keine allgemeinverbindlichen Werte mehr; 2.) die Leute wollen allgemeinverbindliche Werte; 3.) der starke Mensch verk\u00f6rpert Werte und wird darum automatisch als Herrscher akzeptiert. 4.) Da sonst keine Werte existieren, sondern alle Werte vom neuen Herrscher stammen, gibt es praktisch kein Korrektiv. Der Herrscher kann machen, was er will. Nimmt man das als rein technische Beschreibung, nicht als Empfehlung, w\u00fcrde die Sehnsucht nach einem starken Mann in Zeiten der Krisen, Unsicherheiten Nietzsche Recht geben. Wir k\u00f6nnen uns den Gedanken aber auch an harmloseren Beispielen als Hitler und den Nazis klarmachen. Ein guter Chef, so ein Ergebnis der zeitgen\u00f6ssischen F\u00fchrungssoziologie, erteilt seinen Untergebenen nicht nur Anweisungen, sondern vermittelt ihnen ein Koordinatensystem der Werte, Normen und Regeln. Wobei vermitteln freilich nicht meint, dass er ihnen einen Katalog vorbetet, sondern dass er sie vorlebt, in einem tiefen, umfassenden Sinne verk\u00f6rpert, mit Leib und Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies vorwegnehmend, war f\u00fcr Nietzsche \u201egro\u00dfe Politik\u201c nicht das klein-klein der Tagespolitik, Werben um Zustimmung, Diplomatie, demokratische Man\u00f6ver, sondern das Vorgeben von Sinn und Orientierung in einem weiteren, radikaleren Rahmen und in dem festen Vertrauen, die eigene Position w\u00fcrde schon verfangen! \u201eWenn man den Helden auf der B\u00fchne spielt, darf man nicht daran denken, Chorus zu machen, ja man darf nicht einmal wissen, wie man Chorus macht.\u201c (1887, S. 139) Der Herrenmensch geht sozusagen selbstbewusst voran, die Herdenmenschen folgen, wobei sie eben nicht nur seine konkrete Befehle empfangen und ausf\u00fchren, sondern sich dar\u00fcber hinaus mit ihrem F\u00fchrer identifizieren, seine Perspektive, seine Werte, sein ganzes Sein \u00fcbernehmen. In diesem Sinne <em>schenkt <\/em>der \u00dcbermensch seinen Anh\u00e4ngern eine Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er <em>schenkt <\/em>ihnen eine Welt, die \u201eganze ewig wachsende Welt von Sch\u00e4tzungen, Farben, Akzenten, Perspektiven, Stufenleitern, Bejahungen und Verneinungen.\u201c (1982, S. 189), indem er die an sich sinnlose Welt der Dinge mit einem neuen Koordinatensystem \u00fcberzieht, das von den \u201epraktischen Menschen (unseren Schauspielern, wie gesagt) eingelernt, einge\u00fcbt, in Fleisch und Wirklichkeit, ja Allt\u00e4glichkeit \u00fcbersetzt.\u201c (ebd.) wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss aber kritisch fragen, ob das Recht des St\u00e4rkeren wirklich das geeignete Verfahren ist, die h\u00f6chsten und am weitesten entwickelten Menschen an die Spitze zu sp\u00fclen? Ebenso gut k\u00f6nnten sich auf dem Weg die Skrupellosesten, Heuchlerischten, Intrigantesten o. \u00c4, an die Spitze stellen. Und man muss fragen, wie, d. h: auf welche Weise diese Supermenschen an der Spitze auf die H\u00f6herentwicklung der \u00fcbrigen Menschheit hinwirken sollen &#8211; sicherlich nicht, indem sie Lager und Erziehungscamps gr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antwort lautet, so seltsam dies klingen mag: durch den <em>vornehmen Menschen, <\/em>weil sie dem \u201eVornehmheitsideal\u201c (Simmel, S. 407) entsprechen. Georg Simmel f\u00fchrt aus: \u201eDer Aristokrat mag meinen, da\u00df Menschen und Dinge ihm schlechthin zu dienen haben. Vom Parven\u00fc und blo\u00df egoistischen Gen\u00fc\u00dfling unterscheidet es ihn, da\u00df er ganz von innen her \u2013 nicht nur durch die aufgeblasene Illusion, die doch immer eine geheime Unsicherheit enth\u00e4lt \u2013 dies durch die Qualit\u00e4t seiner Person nach objektiver Gerechtigkeit zu verdienen glaubt, und sich entsprechend verh\u00e4lt; nur da\u00df die Pflicht, mit der er diesen Rechten entspricht, sich nicht immer auf jene Verpflichtungen selbst richtet, sondern zun\u00e4chst auf ihn selbst: er ist verpflichtet, sein Sein so zu gestalten oder zu bewahren, da\u00df ihm von diesem her diese Rechte zukommen.\u201c (Simmel, S. 383) Ein sch\u00f6ner Satz: \u201a\u2026 verpflichtet, sein Sein so zugestalten, da\u00df ihm diese Rechte zukommen\u2018, soll wohl hei\u00dfen: der Aristokrat steht \u00fcber dem gemeinen Volk, aber er muss sich dieser, seiner herausgehobenen Stellung auch w\u00fcrdig erweisen und zwar nicht nur durch einzelne Handlungen oder Aktivit\u00e4ten, sondern durch seine ganze vollkommene Existenz. Inhaltlicher wird auch Simmel nicht, aber die Idee ist klar: es geht um die Pers\u00f6nlichkeit, die auf andere Menschen wirkt, aber nicht vermittels politischer Ma\u00dfnahmen, Proklamationen, symbolischer oder konkreter Taten, sondern kraft ihrer Aura als gute, gebildete, wahrhaftige Individuen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSchopenhauer suchte sich weder anzupassen noch auf die landes\u00fcblichen Fragestellungen einzugehen\u201c, erkl\u00e4rte Otto Flake: \u201eEr hatte die m\u00e4nnlichste Haltung, die es \u00fcberhaupt gibt: die schroffe, die eine Lehre aufstellt und es den anderen \u00fcberl\u00e4sst, ob sie davon Gebrauch machen wollen oder nicht.\u201c (Flake, S. 42) Das w\u00e4re der Punkt, an dem \u201agro\u00dfe Politik\u2018 und der \u201ader vornehme Stil des \u00dcbermenschen\u2018 einander treffen k\u00f6nnten. Der Vornehme Mensch schielt nicht danach, was andere Denken oder von ihm erwarten, sondern pr\u00e4sentiert sein Denken und Leben und steht dazu als ganze Person und kann dann in Ruhe abwarten, was davon bei den Menschen ankommt und in die Kultur und die Gesellschaft hineinwirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt auf der Hand, dass ein solches einsames, vornehmes Individuum <em>sehr stark <\/em>sein muss, wenn es auf diesem Weg Erfolg habe will. Und dieser Erfolg ist es, der zum einen seine Gr\u00f6\u00dfe bezeugt, die St\u00e4rke seiner Weltdeutung, die dann eben auch von anderen \u00fcbernommen werden soll, und seine Weltdeutung legitimiert, ihre Wahrheit begr\u00fcndet. Der Starke Mensch, so beantworten wir nun unsere Frage von vorhin, ist der, der sich mit seiner Sicht der Dinge durchsetzen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verh\u00e4ltnis von \u00dcbermensch zu den \u00fcbrigen Menschen ist weniger wie das zwischen Chef und Untergebenen, oder gar F\u00fchrer und Volk, sondern eher wie das zwischen Meister und Sch\u00fcler, Guru und J\u00fcnger. Der \u00dcbermensch verk\u00f6rpert mit seiner ganzen Pers\u00f6nlichkeit den richtigen Weg, und die anderen\u00a0 lassen sich von ihm inspirieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine Paradoxie, aber eine durchaus bedenkenswerte, wie ich finde. Der herrschende \u00dcbermensch, in Nietzsches speziellem Sinne: der vornehme Mensch, der radikale Aristokrat regiert <em>nicht <\/em>mit dem Anspruch, das Wohl aller herzustellen. Im Grunde denkt er nur an sich selbst, doch macht er dies auf eine anspruchsvolle Art und Weise, denn er steht unter dem Druck, sich <em>zu einem h\u00f6heren Menschen zu entwickeln<\/em>, der \u201enicht mehr: \u201aIch will\u2018 sagt, sondern nur noch: \u201aIch bin\u2018\u201c (Fr\u00fcchtl, S. 408) sagt. Ich rekapituliere: Dieses \u201aIch bin\u2018 ist nicht das eigensinnige Ich-Bin des Exzentrikes, der einfach nur macht was er will und sich von allen Pflichten, Wahrheiten etc. entbunden f\u00fchlt, sondern es stellt ihn vor die Aufgabe, die Wiederspr\u00fcche des modernen Menschen zu l\u00f6sen, Geist und Natur, Glaube und Wissenschaft, Nihilismus und Sch\u00f6pfung, Spiel und Wahrhaftigkeit gl\u00fccklich zu vereinen und in einem produktiven Leben zu ver\u00e4u\u00dfern und sichtbar zu machen. Wie genau der \u00dcbermensch das schafft, ist seine Sache, k\u00f6nnen wir heute noch nicht wissen. Nur: wenn er es schafft, ist er Vorbild f\u00fcr alle Menschen, auch f\u00fcr die normalen Leute, die Sklaven, die im Prinzip ja vor derselben Aufgabe stehen. \u201eWas ist am Genie gelegen, wenn es nicht seinem Betrachter und Verehrer solche Freiheit und H\u00f6he des Gef\u00fchls vermittelt, da\u00df er des Genies nicht mehr bedarf! <em>Sich \u00fcberfl\u00fcssig machen<\/em> \u2013 das ist der Ruhm alles Gro\u00dfen\u201c (1886, S. 430), erkannte Nietzsche schon Jahre zuvor, in \u201eMenschliches, Allzumenschliches\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir es so sehen, erscheint die Trennung zwischen dem \u00dcbermenschen und den Normalmenschen weniger schroff. Nach <em>diesem Zitat <\/em>w\u00e4re er den \u00fcbrigen Menschen lediglich ein paar Schritte voraus, aber nicht unerreichbar; und seine Aufgabe best\u00fcnde darin, die \u00fcbrigen Menschen ihrerseits zu einer \u00fcbermenschlichen Lebensweise zu inspirieren. V\u00f6llig anders als Bernhard Taureck, der Nietzsche so zusammenfasst: \u201eDer Staatsmann soll der eigentliche K\u00fcnstler sein. Das Staatsvolk hat darin nur die Funktion des Materials\u201c (S. 82), k\u00f6nnen wir Nietzsches \u201eradikale Aristokratie\u201c (Brandes) auch so deuten: als ein fruchtbares Vorleben einer Lebensm\u00f6glichkeit, die besser ist als das bekannte Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dieses bessere Leben ist nicht auf <em>irgendeine<\/em> subjektive Weise besser, sondern wird inhaltlich bestimmt. Darin liegt der besondere Charme dieser Lesart. Ich fasse nochmal zusammen: in seiner <em>fr\u00fchen Fassung <\/em>war der h\u00f6here Mensch kein Kriegsherr, sondern ein Individuum, das zentrale menschliche Merkmale gl\u00fccklich vereint, die sonst typischerweise im Konflikt stehen: Kultur und K\u00f6rper, Glaube und Geist, Freiheit und Notwendigkeit. Man k\u00f6nnte sagen, dass dies die wichtigsten Probleme sind, die mit der Emanzipation des Menschen von der Natur, Mythos und Religion entstanden sind. Insofern ist Heidegger trotz seiner merkw\u00fcrdig hochgestimmten und absurd verdrehten Sprache zuzustimmen: \u201eDer \u00dcbermensch ist eine zu bedenkende Aufgabe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte jetzt das<em> w\u00fcnschenswerte<\/em> an Nietzsches Herrschaft der \u00dcbermenschen herausfinden. Daf\u00fcr muss ich kurz rekapitulieren: Wir haben uns mit dem Problem befasst, die gestaltlose, unfassbare Dynamik der Lebenskraft in kulturelle Formen zu gie\u00dfen, ohne sie zu brechen oder zu verdinglichen. Wir haben uns gefragt, wie eine universelle Philosophie des Lebens aussehen kann, wenn doch ihr \u201eGrundimpuls (\u2026) die Aufl\u00f6sung aller festen Gestalten im Strom des Lebens und die Wiedergewinnung des Erlebens aus den erstarrten Konventionen\u201c (Joas, S. 122) sein soll und daher <em>eigentlich nicht lehrbar<\/em> ist. Ich habe, mit Verlaub, den \u201eZarathustra\u201c missgl\u00fcckt genannt, weil der Funke des Lebens in ihm nicht \u00fcberspringt, weil er seinen Worten alles Leben austreibt. Um dieser Gefahr zu entgehen, denken wir an die Wirkung gro\u00dfer Pers\u00f6nlichkeiten auf ihre J\u00fcnger. Der Sch\u00fcler verkehrt mit dem Meister, arbeitet, \u00fcbt und spricht mit ihm, beobachtet und studiert ihn und erf\u00e4hrt auf diesem Wege indirekt, alles, was der Meister \u00fcber das Leben wissen kann. \u00a0<em>Dies, <\/em>so k\u00f6nnte man sagen,<em> ist vielleicht der einzige Weg ist, das Leben kulturell zu vermitteln, ohne in eine der oben aufgef\u00fchrten Fallen zu gehen. <\/em>\u00a0Georg Brandes schreibt: \u201eNietzsches Wert beruht darauf, da\u00df er Tr\u00e4ger einer solchen wirklichen Kultur ist: ein Geist, der, selbst unabh\u00e4ngig, Unabh\u00e4ngigkeit mitteilt und der f\u00fcr andere jene befreiende Macht werden kann, die Schopenhauer in seiner Jugend f\u00fcr ihn wurde.\u201c (Brandes, S. 46)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es also \u00fcberhaupt einen Weg geben soll, das Leben <em>zu lehren, <\/em>und wenn F\u00fchrer diese Aufgabe haben sollen und nicht, wie es bisher ist, sich um praktische Dinge wie Stra\u00dfenbau oder Vertragsrecht k\u00fcmmern, dann w\u00e4re daf\u00fcr wom\u00f6glich der sinnvollste Weg <em>die Verk\u00f6rperung durch vornehme Menschen<\/em>. Denn der vornehme Mensch, nach Nietzsches Verst\u00e4ndnis, bildet sich selbst zu einem h\u00f6heren Menschen &#8211; und pr\u00e4sentiert das Ergebnis, also sich selbst als Prototyp. Er fungiert dadurch als Vorbild, stellt indes die innere Stimmigkeit seiner Person \u00fcber ihre \u00f6ffentliche Wirkung, er bleibt mehr sich selbst, seiner Ausbildung \u00fcbermenschlicher Eigenschaften verpflichtet als seiner gesellschaftlichen Wirkung. Dies entzieht ihn zwar einerseits der demokratischen Kontrolle, soll aber andrerseits eine reine Verk\u00f6rperung des Lebens erm\u00f6glichen und zugleich seinen Sch\u00fclern erm\u00f6glichen, an seinem Beispiel zu wachsen. Die meisten von uns kennen Erfahrungen, bei denen sie sich von besonders mutigen oder freien Menschen ermuntern lie\u00dfen, auch etwas unabh\u00e4ngiger und selbstbewusster zu agieren. Das w\u00e4re die vers\u00f6hnliche Deutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss gibt es aber auch noch einen Einwand: der \u00dcbermensch lebt mit seiner Weltdeutung ja nicht nur allein, sondern \u00fcberzieht mit ihr die \u00fcbrigen, nicht-\u00fcbermenschlichen Normalmenschen, die f\u00fcr eigene Welt\u00adsch\u00f6pfungen zu schwach sind. Dennoch f\u00fchrt dies, meines Erachtens nach, nicht automatisch dazu, alle Aussagen der Starken M\u00e4nner kritiklos akzeptieren zu m\u00fcssen. Auch im Konstruktivismus kann man fragen: \u201eWie kommst du dazu? Warum glaubst du das, was du glaubst\u201c, oder: \u201eWas willst du damit bezwecken?\u201c Man kann verlangen, dass der F\u00fchrer aus einer Position n\u00fcchterner Klarheit heraus f\u00fchrt, mit nachvollziehbaren Argumenten, in transparenter Sprache \u2013 und wenn er anf\u00e4ngt, sich hitzk\u00f6pfig zu ereifern oder auff\u00e4llig diffus, ausweichend zu werden, ihm die Gefolgschaft versagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf k\u00f6nnte man Nietzsche nun entgegnen, man solle die Weisheit des \u00dcbermenschen doch nicht durch kleinliches Nachfragen zerreden. Darauf w\u00e4re wohl zu erwidern: Was ist denn das f\u00fcr eine \u00fcbermenschliche Weisheit, die sich einfach so zerreden l\u00e4sst?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Hinweis zu <strong>Clockwork Orwell<\/strong><i>. \u00dcber die kulturelle Wirklichkeit negativ-utopischer Science-fiction <\/i>von Thomas N\u00f6ske, finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/01\/fortschrittspessimisten\/\">hier.<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_14422\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14422\" class=\"size-full wp-image-14422\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14422\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Nietzsche, 1882 (Photographie von Gustav Adolf Schultze)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51602\">Zarathustra \u2022 Revisited<\/a>\u201e. Z\u00e4hlung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Friedrich Nietzsche ist der Godfather des Cynismus. Oft leisten seine Texte viel mehr: Aufschreckende Br\u00fcche und Diskontinuit\u00e4ten im Sprachlichen, unruhige und gewagte Kombinationen und Schnitte, alchemistische Verbindungen von Kontexten, die man so nicht erwartet h\u00e4tte. Neben dem Zeremonienmeister Lichtenberg (und, so wage ich zu behaupten, Martin Walsers alter ego Me\u00dfmer) ist Nietzsche sicher ein interessanter Vorl\u00e4ufer der Form des \u2013 bei ihm noch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/07\/25\/bayreuther-assoziationen\/\">wortmechanischen \u2013 Tweet<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>_____________________________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lou Andreas-Salom\u00e9: Nietzsche in seinen Werken, Leipzig, Ffm, 1983.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hartmut B\u00f6hme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. Reinbek, bei Hamburg, 2006.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Brandes: Nietzsche. Berlin, Berenberg, 2004.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">David Farrell Krell, Donald L. Bates: Nietzsche. Der gute Europ\u00e4er, M\u00fcnchen, 2000.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Otto Flake: Nietzsche, Ffm, Suhrkamp, 1980.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Josef Fr\u00fcchtl: Das unversch\u00e4mte Ich. Eine Heldengeschichte der Moderne, Ffm, 2004.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fcdiger G\u00f6rner: Nietzsches Kunst. Ann\u00e4herungen an einen Denkartisten, Leipzig, 2000.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Heidegger: Was hei\u00dft Denken? Suttgart, 1992.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruno Hillebrand: Nietzsche. Wie ihn die Dichter sahen, G\u00f6ttingen, 2000;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karl Jaspers: Nietzsche. Einf\u00fchrung in das Verst\u00e4ndnis seines Philosophierens, Berlin, New York, de Gruyter, 1981.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Joas: Die Entstehung der Werte, Ffm, 1997, 1999.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Kaulbach: Nietzsches Idee einer Experimentalphilosophie, K\u00f6ln, Wien, 1980.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ludwig Marcuse: Aus den Papieren eines bejahrten Philosophiestudenten. M\u00fcnchen, 1964.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Leipzig, 1886, 1999.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Nietzsche: Morgenr\u00f6te, Leipzig, 1887, 1999.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Nietzsche: Die Fr\u00f6hliche Wissenschaft, Ffm, Leipzig, 1982.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Leipzig, 1891.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, Leipzig, 1887b.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedrich Nietzsche: Ecce homo, Frankfurt am Main, 1977.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Horst Poller: Die Philosophen und ihre Kerngedanken. Ein geschichtlicher \u00dcberblick, Freiburg, M\u00fcnchen,2005, 2007.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fcdiger Safranski: Nietzsche. Biographie seines Denkens, M\u00fcnchen, Wien, 2000.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Simmel: Schopenhauer und Nietzsche. Ffm, 1995.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Sloterdijk: Der Denker auf der B\u00fchne. Nietzsches Materialismus, Ffm, 1986.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhard H. F. Taureck: Nietzsche und der Faschismus. Ein Politikum, Leipzig, 2000.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gotthart Wunberg: Nietzsche und die deutsche Literatur. Band 1: Texte zur Nietzsche-Rezeption 1873 \u2013 1963, T\u00fcbingen, 1973.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte, M\u00fcnchen, Z\u00fcrich, 1992, 2001<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Damals, als Der Ullrich noch zur Universit\u00e4t ging, berichtete er von einem Professor, der geseufzt habe: \u201eMit Nietzsche wird man niemals fertig!\u201c Der Ullrich am\u00fcsierte sich sehr \u00fcber dieses Zitat, er fand es ein Unding. 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