{"id":70468,"date":"2003-06-01T00:01:51","date_gmt":"2003-05-31T22:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70468"},"modified":"2022-08-23T07:49:36","modified_gmt":"2022-08-23T05:49:36","slug":"buchflaneure","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/06\/01\/buchflaneure\/","title":{"rendered":"Buchflaneure, eine R\u00fcckschau auf die MMPM"},"content":{"rendered":"<p class=\"rez\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Buch auf solche Weise aufzuschlagen, so da\u00df es winkt wie ein gedeckter Tisch, an dem wir mit all unseren Einf\u00e4llen, Fragen, \u00dcberzeugungen, Schrullen, Vorurteilen, Gedanken Platz nehmen.<\/em><\/span><\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuh\u00f6ren, Lesen und Schreiben sind aufeinander bezogene und einander bedingende Kulturtechniken. <span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Zuh\u00f6ren ist eine aktive Zuwendung auf das zu H\u00f6rende und in diesem Sinne ist Zuh\u00f6ren zwischen K\u00fcnstlern stets eine Handlung. <\/span><\/span>In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/01\/19\/rucksturz-in-der-gutenberggalaxis\/\"><em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em><\/a> mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haimo_Hieronymus\">Haimo Hieronymus<\/a> beschreibt A.J. Weigoni, wie er gleichsam in einem <em>Initiationsritual <\/em>zum Schriftsteller wurde:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Manche K\u00fcnstler werden fr\u00fchzeitig f\u00fcr ihr Leben gepr\u00e4gt, bei mir vollzog sich das so: Meine erste Publikation entstand auf Vermittlung eines Kollegen an einen Drucker der alten Schule. Bei diesem Schriftsetzer durfte ich im Satzkasten nach Bleilettern suchen und sie zeilenweise anordnen. Nachdem das Gedicht gesetzt war, habe ich den ersten Druck von der Presse abgezogen. Meine erste Ver\u00f6ffentlichung, ein Gedicht, Bleisatz auf B\u00fctten in limitierte Auflage<\/em><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_15936\" style=\"width: 248px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/mmpm_mainz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15936\" class=\"wp-image-15936 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/mmpm_mainz.jpg\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"118\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15936\" class=\"wp-caption-text\">Die Gutenbergstadt, seit 500 Jahren das Zentrum des schwarzen Kunst<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schreibakte und Leseszenen sind weitere aufeinander bezogene Techniken, man kann fast von einer janusk\u00f6pfigen Leseschreibtechnik sprechen. Weigoni erhielt den ersten Einblick in das gestalterischen Ansatzes und \u00e4sthetischen Verst\u00e4ndnisses, die darin konsequent und exzellent umgesetzt werden. Seither nimmt man B\u00fccher gerne zur Hand, Inhalt und Form bilden eine Einheit. Niemand erfindet das Rad neu, wenn man beginnt, ein Buch zu gestalten, steht schon vieles fest. Alle in Frage kommenden Schriften sehen sehr \u00e4hnlich aus, die Textzeilen verlaufen von links nach rechts und werden von oben nach unten gestapelt, die Seiten haben eine Z\u00e4hlung und werden nach links weitergebl\u00e4ttert. Diese Konventionen sind sp\u00e4testens seit dem Ende des 15. Jahrhunderts unver\u00e4ndert und das Grundmodell hat sich bew\u00e4hrt. Wer B\u00fccher gestalten will, sollte sich in die Buchgeschichte einlesen und landet fr\u00fcher oder sp\u00e4ter bei Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Lesen ist Schreiben ist Lesen ist Schreiben ist Lesen ist Schreiben<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gertrude Stein<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_20040\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Schland.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20040\" class=\"wp-image-20040 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Schland.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"250\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20040\" class=\"wp-caption-text\">Schland, Peter meilchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Buch muss keinen Nutzen haben. In der Zeit des Digitalen erlebt die Frage nach der Materialit\u00e4t von Literatur eine neue Bl\u00fcte. Wie kaum eine andere Galerie in Deutschland hat \u2018Der Bogen\u2019 in Arnsberg immer Wert auf die handwerkliche Erarbeitung von K\u00fcnstlerb\u00fcchern gelegt. Diese Aura der Einmaligkeit reicht von den Materialb\u00fcchern des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35389\">J\u00fcrgen Diehl<\/a>, \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25405\"><em>Schland<\/em><\/a>-Box von Peter Meilchen, bis hin zu Hieronymus und Weigonis Erkundungen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Linie zwischen Schrift und Zeichnung, der Verstetigung von Schrift, Pinsel und der Drucktechnik.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hier findet sich eine Vielfalt des Ausdrucks, die ihresgleichen sucht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u00c4u\u00dfere eines K\u00fcnstlerbuches spiegelt die geschichtlichen und sozialen Entwicklungen wider. Bei der Frage zu Gestaltung der B\u00fccher in der Edition das Labor ging die Redaktion z.B. auf die Frage <span style=\"color: #000000;\">\u201eWarum Times?&#8220;<\/span> Sie ist in der Buchgestaltung stets ein schlagendes Argument; die Beweislast liegt immer beim Ver\u00e4nderer. Serifen machten das Schriftbild reicher und w\u00e4rmer und ihre Verwendung sei vertraut; auch bieten sie dem Leser Orientierungshilfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Diesseits des Virtuellen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO interessiert sich f\u00fcr das magische Quadrat der Typographie als Formel der Beziehung zwischen Schriftart, Schriftgr\u00f6\u00dfe, Laufweite und Zeilenabstand. Zahlreiche Gestaltungsbeispiele finden sich in der Buchreihe der Edition. Jede Kleinigkeit bringe dem Leser den Text n\u00e4her, mache das Buch sch\u00f6ner und das Lesen m\u00fcheloser. F\u00fcr eine gute Durchgestaltung des Buches ist das rechte Ma\u00df der Beziehungen zwischen Innenteil und \u00c4u\u00dferem n\u00f6tig. F\u00fcr die Gedichtb\u00e4nde von Weigoni gelten eigene Regeln, sie wurden gedruckt in einer modifizierten Garamond. Der K\u00fcnstler Georg von der Gathen gestaltete daf\u00fcr die die neue Ligatur \u201eue\u201c. Man darf das als Schule der Wahrnehmung bezeichnen, als Aufforderung, die Lyrik mit Respekt zu betrachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ein Buch ohne Druckfehler ist unanst\u00e4ndig.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">V. O. Stomps<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Holzschnitt pr\u00e4sentiert <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haimo_Hieronymus\">Haimo Hieronymus<\/a> eine Drucktechnik, er hat ihn auf die jeweiligen Cover der Gedichtb\u00e4nde von Weigoni gestanzt. Bei dieser k\u00fcnstlerischen Gestaltung sind <em>Gebrauchsspuren<\/em> geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover haptisch nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken, die Aura des Handgemachten pa\u00dft zum Genre der Lyrik wie ein Handschuh.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gibt es eine Analogie von Handschrift und Hirnschrift?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das K\u00fcnstlerbuch ist ein \u00fcberaus sinnlicher Gegenstand &#8211; und was im Zeitalter der Wischbildschirme \u00fcbersehen wird &#8211; ein dreidimensionales Beh\u00e4ltnis. Es soll gerne angeschaut und angefa\u00dft, gerne in die Hand genommen und in ihr gehalten, gewogen werden. Sensorik, Haptik, \u00c4sthetik sind ausgesprochen wichtig. Jeder kennt das Vergn\u00fcgen, seine Nase tief in das Innere eines neu erworbenen Buches zu stecken, am Papier zu schnuppern und \u00fcber Seiten und Einband zu streichen. Es ist die ewige Suche nach den sinnlichen Lesearchipelen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span><strong>Unbehaust<\/strong> ist erschienen bei: ur\u00e4us-Handpresse \/ Postfach 11 06 05 \/ 06020 Halle<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_100072\" style=\"width: 209px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100072\" class=\"wp-image-100072 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Parlandos_Cover-199x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100072\" class=\"wp-caption-text\">Original Holzschnitt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch auf solche Weise aufzuschlagen, so da\u00df es winkt wie ein gedeckter Tisch, an dem wir mit all unseren Einf\u00e4llen, Fragen, \u00dcberzeugungen, Schrullen, Vorurteilen, Gedanken Platz nehmen. 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