{"id":70429,"date":"2006-01-06T00:01:00","date_gmt":"2006-01-05T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70429"},"modified":"2026-01-22T14:53:10","modified_gmt":"2026-01-22T13:53:10","slug":"durchkomponierten-wortsymphonien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/06\/durchkomponierten-wortsymphonien\/","title":{"rendered":"Durchkomponierte Wortsymphonien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">F\u00fcr den VerDichter A.J. Weigoni wird Lyrik zur zweckgebundenen Gattung literarischen Sprechens und damit zugleich auch zu dem Genre, das dem dichterischen Selbstausdruck allein aufgrund des extrem hohen Formwillens am entschiedensten entgegensteht oder auch widersteht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> erfindet Sprachteile und setzt sie so zusammen setzt, dass daraus ein Kompositum entsteht. Falls der Komponist Robert Schumann recht hat und Musik die h\u00f6here Potenz der Poesie ist, dann sind die\u00a0<em>Parlandos<\/em> Musik. Dieser VerDichter setzte der Verg\u00e4nglichkeit der Sprache den Gesang entgegen. Jedes Gedicht hat neben seiner Metrik auch seine Melodie, eine Art rhythmisierter und melodischer Gesang. Es versammeln sich in diesem bewu\u00dft heterogen zusammengestellten Gedichtband philosophische Maximen, Gedankensplitter, mystische Reflexionen und rhapsodische Eindr\u00fccke. So vielgestaltig die Anl\u00e4sse, die den VerDichter zum Schreiben anregten, so vielschichtig gestalten sich diese Arbeiten, die f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/westfaelisches-landestheater.de\/\">Westf\u00e4lische Landestheater<\/a>, das Mecklenburgische <a href=\"http:\/\/www.plueschow.de\/frames\/frameset_projects.html\">K\u00fcnstlerhaus Schloss Pl\u00fcschow<\/a>, die Kunstsammlung NRW und den <a href=\"http:\/\/www.klangturm.at\/\">Klangturm St. P\u00f6lten<\/a> binnen 25 Jahren entstanden sind. Der Band <em>Parlandos<\/em> bietet einen konzisen \u00dcberblick \u00fcber Weigonis dichterisches Schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Synthese von Sprache und Klang<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den Auff\u00e4lligkeiten dieser <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=395\">Langgedichte und Zyklen<\/a>, da\u00df Weigoni die Sprachr\u00e4ume, die er ausschreitet, bevor er sie manchmal in geradezu schwindelerregende H\u00f6hen treibt. Nach dem Sturz ins Abgr\u00fcndige werden akribisch Bodenproben genommen, werden Bedeutungsablagerungen untersucht, wird genau analysiert, was da als Bodensatz vorhanden ist. In dieser Lyrik verdichten sich Zeit- und Raumdimensionen; Realit\u00e4t und Traum verschr\u00e4nken sich, die Laut- und Klangbilder werden an ihre Urspr\u00fcnge zur\u00fcckgef\u00fchrt, bis ein archaischer Rhythmus zu vernehmen ist. Seine F\u00e4higkeit besteht darin, allein aus Haltungen und Gesten zu erkennen, was den Menschen widerfahren ist. Er baut seinen Stoff aus Beobachtungen. Als Flaneur lockt Weigoni den H\u00f6rer in Fallen und Verstecke quer durch die Weltliteratur, durch die er sich, bildungssatt und erkenntnishungrig, als Cicerone bewegt, um auf immer wieder \u00fcberraschende Weise Arglist und T\u00e4uschung zum Arsenal der Kunst auszurufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Durch seine Verdichtungstechniken l\u00e4dt Weigoni dazu ein, die Sch\u00f6nheit und Tiefe der Sprache in einem neuen Licht zu betrachten und die Macht der Poesie zu entdecken.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In hochkonzentrierter Form macht das Monodram <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\"><em>Se\u00f1ora Nada<\/em><\/a> etwas, was nur die Literatur kann, aber auch sie nur sehr selten: Es macht Dinge vorstellbar, die man sich nicht vorstellen kann, weil es nicht auszuhalten w\u00e4re, wenn man es t\u00e4te. Mit den ersten Zeilen wird dieser Ton angeschlagen, wie in der Er\u00f6ffnung einer Cellosonate, dr\u00e4ngender Abstieg in gefa\u00dfte Melancholie. Vorsichtig, zur\u00fcckhaltend setzen sie ein, die Langgedichte, aber sie alle variieren ein einziges \u00fcberw\u00e4ltigendes Thema \u2013 was der Mensch ist in seiner Ungesch\u00fctztheit, wie er sich darin bew\u00e4hren kann, vor allem vor sich selbst. Bei <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\"><em>Se\u00f1ora Nada<\/em><\/a> provoziert Weigoni mit einem stream\u2013of\u2013consciousness durch Inhalte, und nicht durch Dolby\u2013Surround. Darin wird er von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6174\">Tom T\u00e4ger<\/a> begleitet mit einer Musik der befreiten Melodien. Seine Komposition ist durchsetzt mit minimalistischen und improvisatorischen Erfahrungen, das Klangbild wird von experimentellen Kl\u00e4ngen zu Trivialkl\u00e4ngen in Bezug gesetzt. Es entsteht in der Zusammenarbeit mit der Regisseurin I<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9066\">oona Rauschan<\/a> und der Darstellerin Marina Rother ein Weltuntergangsdrama in Form einer fein ausziselierten, virtuos durchkomponierten Wortsymphonie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">In Weigonis Gedichten finden sich eine Vielzahl von Themen, die von der Natur \u00fcber gesellschaftliche Fragestellungen bis zu pers\u00f6nlichen Erfahrungen reichen. Diese Themenvielfalt spiegelt sich nicht nur in den Inhalten seiner Gedichte wider, sondern auch in der Art und Weise, wie er diese verdichtet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Rezitator testet Weigoni die Sprache, nutzt ihren bildlichen Reichtum, lotet Grenzen aus. Man freut sich \u00fcber eine entschlackte Sprache, die sich aus dem Morsealphabet der Lyrik zunehmend verdichtet herausgebildet hat. Der Gedichtband <em>Letternmusik<\/em> ist gleichfalls ein sorgf\u00e4ltig komponierter Band, in dem die Gedichte auf vielf\u00e4ltige Weise zueinander in Beziehung stehen. Weigoni hat auch diese Gedichte nicht einfach hervorgeholt und reproduziert, sondern sie in einer Rekonstruktion f\u00fcr seiner Trilogie <a href=\"http:\/\/www.lyrikwelt.de\/rezensionen\/letternmusik-r.htm\"><em>Letternmusik<\/em><\/a> \u2013 ein lyrisches Polydram in f\u00fcnf Akten, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25468\"><em>Dichterloh<\/em><\/a>\u00a0 \u2013 ein Kompositum in vier Akten und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27376\"><em>Schmauchspuren<\/em><\/a>\u00a0 \u2013 eine Todeslitanei, neu erarbeitet. Der Zeitpunkt der Entstehung kann nicht einfach nachgemacht werden, es m\u00fcssen Beweggr\u00fcnde des Schreibens analysiert werden; sie gehen einmal durch die Sprache hindurch, werden reflektiert, der Zustand, die Stimmung ihrer Entstehung wieder aufgerufen. Es ist eine Arbeit mit der Erinnerung und der ver\u00e4nderten Gegenwart. Diese Werkausgabe folgt der 1995 erschienenen Erstausgabe, bei diesem Overdub bestimmten der Poet und die Lektorin, wie der Loop \u00fcberschrieben wird. Der VerDichter wurde zum Sound- und Spracht\u00fcftler, das Ausgangsmaterial dieser phonetische Texturen stammte aus analogen Quellen, teilweise wurden Textvariationen von einer 5 \u00bc Zoll Diskette neu ausgewertet. Sinnf\u00e4llig wurden die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25399\"><em>LiteraturClips<\/em><\/a> auf dem Zyklus <em>the vera strange tapes integriert<\/em>, und es wurden Partikel aus dem verworfenen Projekt <em>vorl\u00e4ufiges zum \u00e4stheTrick des widerspruchs<\/em> montiert, dazu nicht verwendetes Material ber\u00fccksichtigt, zudem Texte aus entlegenen Publikationen sinnf\u00e4llig integriert und \u00dcberformungen des Sprachmaterials vorgenommen. Sein Stil verbreitet keine Eile, bremst in seiner Nachdr\u00fccklichkeit eher die Lekt\u00fcregeschwindigkeit und entschleunigt das Leben selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Monodram <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\"><em>Se\u00f1ora Nada<\/em><\/a>. wurde produziert im Tonstudio an der Ruhr. Klangkomposition: Tom T\u00e4ger.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_98641\" style=\"width: 741px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98641\" class=\"wp-image-98641 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Tom_Taeger-e1645292588467.jpeg\" alt=\"\" width=\"731\" height=\"500\" \/><p id=\"caption-attachment-98641\" class=\"wp-caption-text\">Tom T\u00e4ger im Tonstudio an der Ruhr. Das Recht f\u00fcr dieses Photo liegt bei Andreas Mangen<\/p><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p><strong>H\u00f6rbproben \u2192 <\/strong>Probeh\u00f6ren kann man Ausz\u00fcge der <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/schmauchspuren.html\">Schmauchspuren<\/a>, von <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/neige.html\">An der Neige<\/a> und des Monodrams <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17799\">MetaPhon<\/a>. Zuletzt bei KUNO, eine Polemik von A.J. Weigoni \u00fcber den Sinn einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/02\/07\/bartleby\/\">Lesung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den VerDichter A.J. 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