{"id":70373,"date":"2023-05-25T00:01:49","date_gmt":"2023-05-24T22:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70373"},"modified":"2022-02-25T16:00:23","modified_gmt":"2022-02-25T15:00:23","slug":"rueckprojektion-perlokution-intention","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/25\/rueckprojektion-perlokution-intention\/","title":{"rendered":"R\u00fcckprojektion, Perlokution, Intention"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ein vom Arbeitsziel gebotenes Erfordernis werden bisweilen Begriffe, \u00c4u\u00dferungen oder Texte rein als Begriffe, \u00c4u\u00dferungen oder Texte betrachtet. Ohne internen oder gar externen kontextuellen Bezug, ganz unter lexikalischen, phonetischen, grammatikalisch-syntaktischen, semantischen, zeichentheoretischen oder anderen spezifischen Gesichtspunkten. Solange wir diese segmentierte Sichtweise nicht f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen, sondern uns immer dessen bewusst sind, wie sich Sprache de facto ereignet, ist dagegen nichts einzuwenden, schlie\u00dflich sprechen die Erkenntnisse der Einzeldisziplinen der letzten 200 Jahre eine mehr als beredte Sprache. Die Seinsweise der <em>langue<\/em> ist die <em>parole<\/em>. Die Sprache ist, so formulierte es Wilhelm von Humboldt pr\u00e4gnant, \u201ein ihrem Wesen aufgefasst, (\u2026) etwas best\u00e4ndig und in jedem Augenblicke Vor\u00fcbergehendes (\u2026). Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine T\u00e4tigkeit (Energeia)\u201c (Humboldt 2008: 324). Darum liegt auch \u201edie eigentliche Sprache in dem Acte ihres wirklichen Hervorbringens\u201c (ebd.: 325): Sprache ist Sprache im Moment des Gebrauchs, der sich im Rahmen eines strukturell dialogischen Konstrukts ereignet. Sie existiert nicht an einem geheimen Ort au\u00dferhalb der Menschen oder Menschheit, sondern nur in und durch uns: den Sprechern der nat\u00fcrlichen Sprachen. Das hei\u00dft, sie ist nur in dem Moment Sprache, wo sie von jemandem gesprochen oder geschrieben <em>und<\/em> von jemandem geh\u00f6rt, gelesen, rezipiert oder interpretiert wird<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Ist dies nicht der Fall, ist sie ein theoretisches Konstrukt, bestenfalls ein ungeh\u00f6rtes Ger\u00e4usch oder ungesehenes Geklecks. Aber auch nicht mehr.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der faktisch gegebene Sprachgebrauch vollzieht sich nicht im luftleeren Raum. Es handelt sich stets um einen Akt, der im situativen Kontext ge\u00e4u\u00dfert wird. Ein Akt, der nicht aus der Zeit gestanzt ist, sondern bei dem es ein Vorher und ein Nachher sowie strukturell stets Sprecher und Autoren sowie Angesprochene, Leser, Interpreten und Rezipienten gibt (auch wenn ich mit mir rede, rede ich strukturell mit <em>jemandem<\/em>). Ob nun alltagssprachlicher oder fachsprachlicher Sprachgebrauch: Solange ein Sprecher im Vollbesitz seiner geistigen Kr\u00e4fte ist, \u00e4u\u00dfert er sich stets mit Anlass und der Absicht, den Angesprochenen zu etwas zu bewegen (im weitesten Sinne dieses Ausdrucks). Dieses \u201a<em>zu etwas zu bewegen<\/em>\u2018 ist das vorrangige Ziel jedes kommunikativen Aktes. Gemeinhin k\u00f6nnte man nun annehmen, dass es sich bei diesem Ziel um die Verst\u00e4ndigung handelt. Dem ist aber nicht so. Entgegen unseres landl\u00e4ufigen Verst\u00e4ndnisses von Kommunikation ist Verst\u00e4ndigung gerade \u201e<em>nicht<\/em> \u201ader Zweck\u2018 der Sprache\u201c \u2013 \u201eallenfalls einer unter vielen\u201c (Keller 2014: 135, Hervorhebung S.O.). Die Ziele, die wir in der Kommunikation verfolgen, sind oftmals ganz andere: Ich will jemanden \u00fcberreden, bel\u00fcgen, t\u00e4uschen, einsch\u00fcchtern, von mir begeistern, ihn mir gewogen machen. Will, dass er seine Meinung \u00e4ndert. Dass er mich f\u00fcr hochgradig intelligent oder ungeheuer attraktiv h\u00e4lt. Dass er mir das gibt, was ich haben will u.v.a.m. Dabei ist es nat\u00fcrlich so hilfreich wie zielf\u00fchrend, dass es zwischen dem Sprecher resp. Autor sowie dem Angesprochenen, Leser, Interpreten und Rezipienten hinsichtlich der <em>konventionellen<\/em> Bedeutung des Gesagten eine verst\u00e4ndnissichernde Schnittmenge besteht, dass also nicht nur der Sprecher resp. Autor, sondern auch der Interpret um den aktuell in einer Sprachgemeinschaft allgemein akzeptierten Gebrauch der Worte \u201awei\u00df\u2018<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Mit anderen Worten: dass er das Gesagte in <em>diesem<\/em> Sinne des Gebrauchs des Wortes <em>verstehen<\/em> versteht. Angenommen, mein Gespr\u00e4chspartner geh\u00f6rt zur Volksgruppe der Tuwiner, die vornehmlich in S\u00fcdsibirien und der Westmongolei beheimatet sind. Leider spricht er sowenig Deutsch wie ich Tuwinisch spreche. Spreche ich ihn trotzdem auf Deutsch an, so wird meine Absicht, ihn im Gespr\u00e4ch zu bel\u00fcgen, aus naheliegenden Gr\u00fcnden kl\u00e4glich scheitern (Verstehen der konventionellen Bedeutung: <em>verstehen<sup>B<\/sup><\/em>).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderer Gebrauch des Wortes <em>verstehen<\/em> begegnet uns im Kontext des handlungstheoretischen Grundmodells, das der britische Sprachphilosoph Herbert Paul Grice f\u00fcr den Fall des Meinens (und damit des Verstehen des Gemeinten: <em>verstehen<sup>M<\/sup><\/em>) entwickelt hat<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>:<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Ich intendiere, dass du erkennst, dass ich mit meiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtige.<\/li>\r\n<li>Ich intendiere, dass du meine Intention (i.) erkennst.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">iii. Ich intendiere, dass du erkennst, was ich mit meiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtige, indem du meine Intention (ii.) erkennst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da es sich hier <em>nicht<\/em> um F\u00e4lle konventioneller Bedeutung des Gesagten handelt, die der Angesprochene allein durch den Rekurs auf die verst\u00e4ndnissichernde Schnittmenge <em>verstehen<sup>B<\/sup><\/em> kann, muss dieser eine reflexive, das hei\u00dft interpretative Leistung erbringen, um den Gehalt der kommunikativen Intention (Sprecher-Intention), also das mit der \u00c4u\u00dferung Gemeinte, die intendierte Wirkung (Sprecher-Bedeutung) <em>verstehen<sup>M<\/sup><\/em> zu k\u00f6nnen. <em>verstehen<sup>M<\/sup><\/em> hei\u00dft demnach: \u201ealle [offenen] Intentionen des Sprechers erkennen\u201c (Keller 2014: 133). <em>nicht verstehen<sup>M<\/sup><\/em> bedeutet, \u201enicht alle offenen Intentionen erkennen\u201c (ebd.: 133). Und <em>missverstehen<sup>M<\/sup><\/em>, dass \u201edem Sprecher Intentionen unterstellt (werden), die dieser nicht gehabt hat\u201c (ebd.: 133). Nun ist es aber so, dass wir durchaus nicht alle \u201eIntentionen, die wir beim Kommunizieren verfolgen, (auch) kommunizieren\u201c (ebd.: 134). Ja, manchmal beabsichtigen wir sogar geradezu, dass unsere Absicht, \u201eauf die es beim Vollzug einer \u00c4u\u00dferung besonders ankommt\u201c (ebd.: 135), gerade nicht erkannt resp. verstanden wird. So wie bei meinem tuwinischen Gespr\u00e4chspartner. Ihn im Rahmen eines gew\u00f6hnlichen Sprechakts zu bel\u00fcgen kann mir nicht gelingen, weil er gewisserma\u00dfen die Bedingung der M\u00f6glichkeit, ihn bel\u00fcgen zu k\u00f6nnen, nicht erf\u00fcllt: Bei ihm liegt kein <em>verstehen<sup>B <\/sup><\/em>vor. Ist dies nicht der Fall, kann es weder ein <em>verstehen<sup>M<\/sup><\/em> noch ein <em>missverstehen<sup>M<\/sup><\/em> oder ein <em>nicht verstehen<sup>M<\/sup><\/em> geben. Zumindest letzteres w\u00e4re aber erforderlich, um in einem Sprechakt erfolgreich belogen werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kehren wir zur\u00fcck zum Anfang, zum \u201eGebrauch der Sprache\u201c (Austin 1979: 126). Ausgehend von Ludwig Wittgensteins gemeinhin \u201aGebrauchstheorie der Bedeutung\u2018 genannten \u00dcberlegungen war es der britische Sprachphilosoph John L. Austin, der sich in seinen 1955 als William James Lectures an der Harvard Universit\u00e4t gehaltenen Vorlesungen, 1962 auf Englisch unter dem Titel \u201aHow to do things with Words\u2018 (dt. <em>Zur Theorie der Sprechakte<\/em>) erschienen, erstmals systematisch dem Gebrauch der Worten statt ihrer Bedeutung widmete \u2013 dabei Wittgensteins Hinweis folgend: \u201eWorte sind auch Taten\u201c (Wittgenstein 1977: 231, PU \u00a7546). Wenn wir etwas \u00e4u\u00dfern, dann gibt es, so Austin in der 9. Vorlesung \u201eeine Reihe von Dingen (\u2026), die man mit einer \u00c4u\u00dferung <em>tut<\/em>\u201c (Austin 1979: 126, Hervorhebung S.O.). Das erste, was wir tun, wenn wir etwas sagen, ist das, was Austin einen \u201e<em>lokution\u00e4ren Akt<\/em>\u201c (ebd.: 126) nennt. Dieser l\u00e4uft \u201edarauf hinaus, <em>da\u00df<\/em> man einen Satz \u00e4u\u00dfert und damit etwas Bestimmtes \u00fcber etwas Bestimmtes sagt\u201c (ebd.: 126, Hervorhebung S.O.) \u2013 \u201edas hei\u00dft ungef\u00e4hr, da\u00df die \u00c4u\u00dferung im traditionellen Sinne \u201aBedeutung\u2018 hat\u201c (ebd.: 126, hier geht es um das Verstehen der [konventionellen] Bedeutung des Gesagten<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>: <em>verstehen<sup>B<\/sup><\/em>). Austin differenziert nun diesen \u201elokution\u00e4ren Akt des Sagens (\u2026) weiter in den <em>phonetischen Akt<\/em> (er besteht im \u00c4u\u00dfern gewisser Laute), den <em>phatischen Akt<\/em> (er besteht im \u00c4u\u00dfern von W\u00f6rtern in einer grammatischen Konstruktion) und (\u2026) den <em>rhetischen Akt<\/em> (man nimmt auf einen Gegenstand oder Sachverhalt Bezug und sagt etwas \u00fcber ihn aus)\u201c (Liedtke 2016: 52).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4u\u00dfere ich den Satz \u201aDer Wandel findet statt\u2018 (ebd.: 52), so vollziehe ich den lokution\u00e4ren Akt des Sagens. Nun ist aber<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>der Akt \u201e<em>da\u00df<\/em> man etwas sagt\u201c (ebd.: 117, Hervorhebung S.O.)<\/li>\r\n<li>von dem \u201eAkt, den man vollzieht, <em>indem<\/em> man etwas sagt\u201c (Austin 1979: 117, Hervorhebung S.O.),<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zu unterscheiden. <em>Indem<\/em> wir A., den lokution\u00e4ren Akt des Sagens, vollziehen, vollziehen wir B., den illokution\u00e4ren Akt. Die Lehre der \u201eperformance of an act <em>in<\/em> saying something as opposed to performance of an act <em>of<\/em> saying something\u201c (Austin 1962: 99) nennt Austin \u201edie Theorie der verschiedenen Funktionen, die die Sprache unter diesem Aspekt haben kann\u201c (Austin 1979: 117): \u201ethe doctrine of \u201aillocutionary forces\u2018\u201c (Austin 1962: 99, in der von dem deutschen Philosophen Eike von Savigny bearbeiteten deutschen Fassung wird \u201aforce\u2018 nicht mit \u201aKraft\u2018, sondern mit \u201aRolle\u2018 \u00fcbersetzt). Wir vollziehen diese illokution\u00e4ren Akte, indem \u201ewir \u00c4u\u00dferungen tun, die eine bestimmte (konventionale) Rolle spielen\u201c (ebd.: 117). Eine solche \u00c4u\u00dferung ist \u201eauf dreierlei Art mit Wirkungen verkn\u00fcpft: das Verst\u00e4ndnis sichern, wirksam sein und zu einer Antwort auffordern\u201c (ebd.: 134). Oder wie Austin an anderer Stelle sagt: Sie \u201emu\u00df verstanden werden, sie hat Ergebnisse und sie fordert zu Reaktionen auf\u201c (ebd.: 137). Werden diese Wirkungen nicht erzielt, \u201egl\u00fcckt der illokution\u00e4re Akt nicht, wird er nicht erfolgreich vollzogen\u201c (ebd.: 133). F\u00fcr die illokution\u00e4ren Akt \u201egilt <em>ausnahmslos<\/em>, da\u00df man sich f\u00fcr sie konventionaler Mittel bedienen <em>mu\u00df<\/em>\u201c (ebd.: 136, Hervorhebungen S.O.). Bei der dritten \u201eDimension des Gebrauchs\u201c (ebd.: 126) bedient man sich hingegen nicht-konventionaler Mittel. Es handelt sich dabei um \u201e<em>perlokution\u00e4re Akte<\/em>\u201c (ebd.: 126). Sie bringen wir<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>\u201e<em>dadurch<\/em> zustande, <em>da\u00df<\/em> wir etwas sagen\u201c (ebd.: 126)<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sollen mit der \u00c4u\u00dferung \u201egewisse <em>Wirkungen erzielt<\/em> werden\u201c (ebd.: 137, auch Searle 1983: 42). \u201eZum Beispiel kann ich jemanden durch Argumentieren <em>\u00fcberreden<\/em> oder <em>\u00fcberzeugen<\/em>, durch Warnen <em>erschrecken<\/em>oder <em>alarmieren<\/em>, durch Auffordern <em>dazu bringen, etwas zu tun<\/em> (\u2026). Die in der Aufz\u00e4hlung kursiv gedruckten Ausdr\u00fccke bezeichnen perlokution\u00e4re Akte\u201c (Searle 1983: 42, auch Austin 1979: 126). Die Wirkungen <em>illokution\u00e4rer Akte<\/em> werden \u2013 nach Austin \u2013 <em>stets<\/em> konventional erzielt, <em>indem<\/em> ich etwas sage: Ich bin befugt, Befehle zu erteilen. Wenn ich also befehle, hat der andere zu gehorchen \u2013 das Wissen um die Wirkung eines Befehls ist in der konventionellen Struktur des Befehls angelegt. Es m\u00f6gen dar\u00fcber hinaus noch bestimmte Intentionen seitens des Befehlenden vorliegen. Die aber spielen beim Vollzug des Befehls und bei dessen Verstehen keine Rolle. Wirkungen <em>perlokution\u00e4rer Akte<\/em> hingegen werden laut Austin nicht-konventional<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> erzielt. Und zwar <em>dadurch<\/em>, dass ich etwas sage: Ich erreiche durch Drohung \u201eoder auch (\u2026) durch <em>au\u00dfersprachliche<\/em> Mittel\u201c (Austin 1979: 135), dass der andere mir gehorcht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun bestehen die Sprachhandlungen (\u201eactions\u201c, Austin 1962: 117), in der deutschen \u00dcbersetzung im Singular als der \u201eperlokution\u00e4re Akt\u201c<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> notiert, in zwei verschiedenen Formen:<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>\u201eein perlokution\u00e4res <em>Ziel<\/em> erreich(en) (\u00fcberzeugen, \u00fcberreden)\u201c (Austin 1979: 134, Hervorhebung S.O., [\u201eperlocutionary object\u201c, Austin 1962: 117])<\/li>\r\n<li>\u201eein perlokution\u00e4res <em>Nachspiel<\/em> erzeug(en)\u201c (Austin 1979: 134, Hervorhebung S.O., [\u201eperlocutionary sequel\u201c, Austin 1962: 117])<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sage ich etwas, so vollziehe ich in diesem Moment nicht nur eine Lokution sowie eine Illokution, sondern ich erziele <em>dadurch<\/em>, <em>dass<\/em> ich diese \u00c4u\u00dferung mache, in der Regel bei dem anderen auch bestimmte <em>wichtige<\/em>Wirkungen<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> \u2013 bisweilen sogar \u201emit dem Plan, in der Absicht, zu dem Zweck\u201c (Austin 1979: 118), sie zu bewirken: \u201eSaying something will often, or even normally, produce certain consequential effects upon the feelings, thoughts, or actions of the audience, or of the speaker, or of other persons: and it may be done with the design, intention, or purpose of producing them\u201c (Austin 1962: 101). Bei diesen \u201aconsequential effects\u2018 handelt es um die \u201aperlocutionary sequel\u2018, das perlokution\u00e4re Nachspiel. Werden nun diese \u201aeffects\u2018, geplant oder ungeplant, intendiert oder nicht intendiert, bezweckt oder nicht, <em>dadurch<\/em> erzielt, dass man die \u00c4u\u00dferung macht, \u201e(w)e shall call the performance of an act of this kind the performance of a perlocutionary act or perlocution\u201c (ebd.: 101).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Rahmen eines Diskurses kann zum Beispiel A intendieren, B durch eine brillante Argumentation von seiner Auffassung a zu \u00fcberzeugen und dar\u00fcber hinaus intendieren, ihn f\u00fcr sich einzunehmen. Nun kann es durchaus passieren, dass A mit diesem Sprechakt, einer Perlokution, sein intendiertes perlokution\u00e4res Ziel verfehlt (B von a zu \u00fcberzeugen), aber sein intendiertes perlokution\u00e4res Nachspiel (B f\u00fcr sich einzunehmen) gelingt. Formal l\u00e4sst sich der perlokution\u00e4re Akt (im Rahmen einer Illokution und Lokution) also in etwa so ausdr\u00fccken:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">A tut etwas, indem er B etwas sagt und intendiert, bei B <em>dadurch<\/em> eine ganz bestimmte Wirkung zu erzielen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Perlokution kann A demnach \u201ethe design, intention, or purpose\u201c (Austin 1962: 101) verfolgen, ganz allgemein ausgedr\u00fcckt, B <em>zu etwas zu bewegen<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><strong>[8]<\/strong><\/a><\/em>. Also nicht nur, ihn zu \u00fcberzeugen (perlokution\u00e4res Ziel [\u201eperlocutionary object\u201c]), sondern auch ihn zu einer wie auch immer gearteten Reaktion zu bewegen (perlokution\u00e4res Nachspiel [\u201eperlocutionary sequel\u201c]). Wobei f\u00fcr letzteres ja gilt: \u201eit <em>may<\/em> be done with the design, intention, or purpose of producing them\u201c (Austin 1962: 101, Hervorhebung S.O.). Mit anderen Worten: Das \u201aNachspiel\u2018 der Perlokution kann ein \u201aintendiertes\u2018, aber auch ein \u201anicht-intendiertes Nachspiel\u2018 sein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1969 ver\u00f6ffentlichte der britische Historiker und Politikwissenschaftler, Quentin Skinner, einen Aufsatz, in dem er die Angemessenheit der hermeneutischen Verfahrensweisen der etablierten Geschichtswissenschaft grunds\u00e4tzlich in Frage stellte: \u201aMeaning and Understanding in the History of Ideas\u2018. Darin verwies er gleich vier \u201eg\u00e4ngige Pr\u00e4missen der Ideengeschichte (\u2026) ins Reich der Mythologien\u201c (Gallus 2019: o.S.):<\/p>\r\n<ul style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>\u201eDie \u201amythology of doctrines\u2018 projiziere Lehren der Gegenwart in die Geschichte zur\u00fcck und erzeuge Anachronismen. Noch schlimmer ist es, wenn der Historiker gleich von zeitlosen Fragen und Werten ausgeht (\u201aperennialism\u2018)\u201c.<\/li>\r\n<li>Die \u201emythology of coherence\u201c verf\u00fchre dazu, \u201eaus verstreuten Bemerkungen politischer Denker eine logisch geschlossene Theorie zu formen, mithin einen ebenso widerspr\u00fcchlichen wie wandlungsreichen Denkprozess in ein Schema zu pressen\u201c.<\/li>\r\n<li>Zwei weitere Denkfehler, die \u201emythology of prolepsis\u201c und die der \u201eparochialism\u201c, zielen \u201eauf die Konstruktion von historischer Kontinuit\u00e4t (\u2026). Statt sich auf die Eigenlogik geschichtlicher Ideenwelten einzulassen, w\u00fcrden mit leichter Feder Vorwegnahmen von Sp\u00e4terem (\u2026) schraffiert\u201c (alle Zitate: Gallus 2019: o.S.).<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer als Geschichtswissenschaftler (und wer wollte Kunsthistoriker aus dieser Gruppe ausschlie\u00dfen?)Aussagen und Wortbedeutungen historischer Texte angemessen zu verstehen sucht, wer nicht in die Falle der R\u00fcckprojektion heutiger Denkmuster und Begriffe in die Vergangenheit tappen will, hatte nach Skinners Auffassung diese Denkfehler zu vermeiden, um den Anspruch seri\u00f6ser wissenschaftlicher Hermeneutik erheben zu k\u00f6nnen. Aber auch wenn es, so Skinner, grunds\u00e4tzlich niemals <em>die<\/em> g\u00fcltige Interpretation eines Textes, also die verifizierte Feststellung der \u201evom Autor intendierte(n) Bedeutung eines Textes\u201c (Skinner 2009a: 7) geben kann, so muss doch \u201edas hermeneutische Ziel der Bedeutungsexplikation, hier verstanden als Feststellung der auktorialen Intention\u201c (ebd.: 8), weiterhin als \u201eKern der hermeneutischen Aufgabe\u201c (ebd.: 17) bestehen bleiben:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUm eine ernstgemeinte \u00c4u\u00dferung zu verstehen, m\u00fcssen wir nicht nur die <em>Bedeutung des Gesagten<\/em>erfassen, sondern zugleich auch die <em>beabsichtigte Kraft<\/em>, mit der die \u00c4u\u00dferung gemacht wurde\u201c (Skinner 2009b: 54, Hervorhebungen S.O.).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Probleme, die sich beim Versuch ergeben, die konventionelle Bedeutung vergangener \u00c4u\u00dferungen zu verstehen, haben wir bereits an anderer Stelle ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert (Oehm 2020: 6 und 13ff.), sie sollen uns hier nicht interessieren. Wichtiger erscheint in diesem Zusammenhang der Umstand, dass sich Skinner hier des Begriffs der \u201aKraft\u2018 bedient, mit der die W\u00f6rter gesagt werden resp. die \u00c4u\u00dferung gemacht wird. Ein Begriff, den er explizit John L. Austin entlehnt, der die \u201e\u201aillokution\u00e4ren Rollen\u2018 [illocutionary forces]\u201c (Austin 1979: 117) als die Funktionen illokution\u00e4rer Akte identifizierte. Es gilt, so Skinner, bei historischen Texten nun \u201eall die unterschiedlichen Kontexte (zu) untersuchen, in denen diese W\u00f6rter verwendet wurden \u2013 all die <em>Funktionen<\/em>, die diese W\u00f6rter haben k\u00f6nnen, all die unterschiedlichen Dinge, die man mit ihnen tun kann\u201c (Skinner 2009b: 57, Hervorhebung S.O.). Wenn wir Dinge mit Worten tun, so tun wir sie \u201e\u00fcberlegt und willentlich\u201c (Skinner 2009c: 66). Damit \u201ekann die Verbindung zwischen der illokution\u00e4ren Kraft der Sprache und dem Vollzug illokution\u00e4rer Handlungen \u2013 wie bei allen willentlichen Handlungen \u2013 nur in den <em>Absichten<\/em>des Sprechers<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> liegen\u201c (ebd.: 66, Hervorhebung S.O.).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen also anerkennen, so Skinner, \u201eda\u00df Texte (\u2026) Autoren haben und da\u00df Autoren \u00fcber bestimmte Absichten verf\u00fcgen, wenn sie Texte schreiben\u201c (ebd.: 82) \u2013 Derrida hin, Foucault her. Und weiter: \u201eJeder Kommunikationsakt beinhaltet eine Stellungnahme in bezug auf einen bereits bestehenden Gespr\u00e4chs- und Argumentationskontext\u201c (ebd.: 78). Jede Rede, jeder Text ist demnach ein <em>intentionaler<\/em> Eingriff in einen Diskurs, bei historischen Texten also ein intentionaler Eingriff in die \u201eallgemeinen diskursiven Kontexte ihrer Zeit\u201c (ebd. 81). Wir m\u00fcssen deshalb nicht nur die Bedeutung des Gesagten und die <em>illocutionary forces<\/em>verstehen \u2013 wir m\u00fcssen auch die \u201ein der \u00c4u\u00dferung selbst bestehenden Interventionen\u201c (ebd.: 80) in bestimmte Diskurse in bestimmten Kulturen in bestimmten Epochen angemessen zu verstehen suchen. Um aber das tun zu k\u00f6nnen, um also \u201edie (\u2026) untersuchten Texte zur\u00fcck in diejenigen kulturellen und diskursiven Kontexte zu stellen, in denen sie urspr\u00fcnglich verfa\u00dft wurden\u201c (ebd.: 88), m\u00fcssen wir bestimmen, um welche \u201abestimmten <em>Absichten<\/em>\u2018 es sich handelt, die ein Diskursteilnehmer mit den \u201ain der \u00c4u\u00dferung selbst bestehenden Interventionen\u2018 verfolgt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Worin besteht der Eingriff in den Diskurs? Was ist die \u201aauktoriale Intention\u2018? Und was ist die \u00fcber diese \u201aauktoriale Intention\u2018 hinausgehende diskursive Absicht, die mit dem Eingriff verfolgt wird? A kann \u201eeine Frage stellen oder beantworten; informieren, eine Versicherung abgeben, warnen; eine Entscheidung verk\u00fcnden, eine Absicht erkl\u00e4ren; ein Urteil f\u00e4llen; berufen, appellieren, beurteilen; identifizieren oder beschreiben\u201c (Austin 1979: 116). F\u00e4lle wie diese bezeichnet Austin als \u201aillokution\u00e4re Akte\u2018, sie sind f\u00fcr ihn \u201ekonventional\u201c<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> (ebd.: 137). Doch ist diese Beschreibung als Beschreibung eines Eingriffs in den Diskurs noch nicht hinreichend, sagt sie doch noch <em>nichts<\/em> \u00fcber die diskursive Absicht aus, die A mit seinem Eingriff verfolgt \u2013 also \u00fcber sein kommunikatives Ziel:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">A beabsichtigt, dass mit seinem Eingriff in den Diskurs, also mit seiner \u00c4u\u00dferung, bei B, C, D, E und P<sub>N<\/sub> \u201egewisse <em>Wirkungen erzielt<\/em> werden\u201c (ebd.: 137).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun kennzeichnet aber die Absicht von A, mit seiner \u00c4u\u00dferung bei den Diskursteilnehmern B, C, D, E und P<sub>N <\/sub>bestimmte Wirkungen zu erzielen, f\u00fcr Austin <em>keinen<\/em> illokution\u00e4ren, sondern vielmehr einen <em>perlokution\u00e4ren<\/em> Akt (die im Gegensatz zu illokution\u00e4ren Akten, so Austin, <em>nicht<\/em> konventional sind, cf. Austin 1979: 137). Mit Austin lie\u00dfe sich also der Eingriff\/die Intervention in einen Diskurs in etwa so beschreiben:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">A beabsichtigt, <em>dadurch<\/em> bei B, C, D, E und P<sub>N<\/sub> bestimmte Wirkungen zu erzielen (perlokution\u00e4rer Akt),<em>indem<\/em> er das sagt\/schreibt (illokution\u00e4rer Akt), was er <em>sagt\/schreibt<\/em> (lokution\u00e4rer Akt).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie k\u00f6nnen wir uns nun die Struktur eines solchen intentionalen Eingriffs in einen Diskurs vorstellen? Und welches sind die wesentlichen Faktoren, die es dabei zu beachten gilt?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Diskursteilnehmer B, C, D und E haben sich zu einem bestimmten Thema ge\u00e4u\u00dfert, weitere Personen P<sub>N<\/sub> haben deren Beitr\u00e4ge zur Kenntnis genommen. A greift das Thema auf und \u00e4u\u00dfert sich mit einer bestimmten Intention dazu (\u201aauktoriale Intention\u2018). Mit anderen Worten: A greift in den Diskurs ein, der in den gegebenen zeitgeschichtlichen, kulturellen, ethnischen, gruppenspezifischen, sprachlichen et al. Kontext eingebettet ist. Das perlokution\u00e4re Ziel (<em>perlocutionary object<\/em>), das A mit seinem Eingriff verfolgt, ist es nun, bei den Diskursteilnehmern B, C, D, E und P<sub>N <\/sub>eine bestimmte Wirkung zu erzielen, sie also \u201azu etwas zu bewegen\u2018. So zum Beispiel, sie von seiner abweichenden Meinung zu \u00fcberzeugen (dieses Momentum \u201azu etwas zu bewegen\u2018 ist, so haben wir gesehen, das vorrangige Ziel eines <em>jeden<\/em> kommunikativen Aktes [Keller 2014: 135]). Dar\u00fcber hinaus kann der diskusive Eingriff von A auch noch perlokution\u00e4re Nachspiele (<em>perlocutionary sequels<\/em>) erzeugen. Wobei es sich dabei sowohl um <em>intendierte<\/em> \u201aperlokution\u00e4re Nachspiele\u2018 als auch um <em>nicht-intendierte<\/em>\u201aperlokution\u00e4re Nachspiele\u2018<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> bei den Diskursteilnehmern B, C, D, E und P<sub>N<\/sub> handeln kann (cf. Kap. 1, Ziele der Kommunikation).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der perlokution\u00e4re Akt kann nun, wie wir bereits bei Searle erfahren haben (cf. Kap. 2), durch gewisse Ausdr\u00fccke angezeigt werden. \u201eZum Beispiel kann ich jemanden durch Argumentieren <em>\u00fcberreden<\/em> oder <em>\u00fcberzeugen<\/em>, durch Warnen <em>erschrecken<\/em> oder <em>alarmieren<\/em>, durch Auffordern <em>dazu bringen, etwas zu tun<\/em>\u201c (Searle 1983: 42). Demnach handelt es sich bei Eingriffen in einen Diskurs strukturell <em>nicht<\/em> um eine Illokution, sondern vielmehr um eine <em>Perlokution<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><strong>[12]<\/strong><\/a><\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Diskurs<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> nimmt in der Reihe dialogischer Konstrukte eher die Rolle eines Exoten statt die des Normalfalls ein. Ein solcher Normalfall ist zum Beispiel das allt\u00e4gliche Gespr\u00e4ch, heute sicherlich auch die eine oder andere Form geschriebener M\u00fcndlichkeit wie der E-Mail-Verkehr, WhatsApp, Twitter etc. Skinner definiert wie gesehen Eingriffe in Diskurse, und damit in dialogische Konstrukte \u00fcberhaupt, als Vorg\u00e4nge, bei denen \u201edie Verbindung zwischen der illokution\u00e4ren Kraft der Sprache und dem Vollzug illokution\u00e4rer Handlungen \u2013 wie bei allen willentlichen Handlungen \u2013 nur in den <em>Absichten<\/em> des Sprechers liegen\u201c (Skinner 2009c: 66, Hervorhebung S.O.) kann. Diese Absichten, die ein Sprecher\/ein Autor mit dem Eingriff in ein dialogisches Konstrukt verfolgt, enden jedoch nicht mit dem Vollzug des illokution\u00e4ren Aktes. Vielmehr zielen sie als <em>diskursive<\/em> Absichten darauf ab, bei anderen Gespr\u00e4chsteilnehmern bestimmte Wirkungen zu erzielen: sie \u201azu etwas zu bewegen\u2018. Damit sind derartige Eingriffe als <em>perlokution\u00e4re<\/em> Akte zu verstehen. Ihre kommunikative Funktion k\u00f6nnte, analog Austins Begriff der \u201aillocutionary force\u2018, als <em>perlocutionary force<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn14\" name=\"_ftnref14\"><strong>[14]<\/strong><\/a><\/em>bezeichnet werden: Indem diese <em>perlocutionary force<\/em> im Rahmen dialogischer Konstrukte darauf abzielt, den (potentiellen) Gespr\u00e4chspartner zu einer Reaktion zu bewegen, sei es, dass er aufgemuntert (cf. Austin 1979: 149), zu einer Replik, Meinungs\u00e4nderung o.\u00e4. animiert wird, bleibt die <em>perlocutionary force<\/em> nicht beim Sprecher\/Autor stehen, sondern konstituiert ein dialogisches Konstrukt durch die Einbindung des (potentiellen) Gespr\u00e4chspartners, dessen m\u00f6gliche Reaktion wiederum f\u00fcr den Sprecher\/Autor oder andere potentielle Gespr\u00e4chspartner ihrerseits Motivation zur Reaktion ist (<em>ad infinitum<\/em>). Dieses Konstrukt ist in der jeweiligen Synchronie in dem jeweiligen zeitgeschichtlichen, kulturellen, ethnischen, gruppenspezifischen, sprachlichen et al. Kontext eingebettet (ob dieser Eingriff nun ge- oder misslingt, also erfolgreich ist oder nicht, steht auf einem ganz anderen Blatt). Damit w\u00fcrde sich die <em>perlocutionary force<\/em> als treibende Kraft, als der entscheidende Impuls einer sich fortschreibenden Kommunikation erweisen: als Motor des dialogischen Konstrukts. Ohne sie w\u00fcrde er stottern und beizeiten stehenbleiben. Bis zu einem m\u00f6glichen Zeitpunkt in der Diachronie, an dem ein Sprecher\/Autor den Motor wieder anwirft. Und der Prozess aufs Neue beginnt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun finden die Eingriffe in dialogische Konstrukte zwar jeweils in der jeweiligen Synchronie der jeweiligen kulturellen, ethnischen, gruppenspezifischen, sprachlichen et al. Kontexte statt. Doch mit Gadamer wissen wir ja um die eigentliche Pointe des Heidegger\u2019schen Seinsgedankens: \u201eSein (ist) als Zeit zu denken\u201c (Gadamer 1978: 106). Sein ist geschichtlich, das Seiende findet sein Sein nur im Sein, das <em>geschieht<\/em>. Sein ist als Zeit also steter, gerichteter Fluss (und damit eben der Fluss, in den man nicht zweimal steigen kann<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>). Reine Dauer. Kontinuum. Es gibt demnach nichts, was inneh\u00e4lt. Alles Seiende als Anwesendes ist nicht in einem in der Synchronie vermeintlich fixierten Zustand, sondern nur in der Diachronie. So gesehen ist auch die Vorstellung eines Eingriffs in dialogische Konstrukte in der Synchronie eines dieser eingangs erw\u00e4hnten, vom Arbeitsziel gebotenen Erfordernisse. Genauer gesagt: Das Konzept \u201aSynchronie\u2018 <em>selbst<\/em> ist ein solches Erfordernis. Tats\u00e4chlich l\u00e4uft der von einer <em>perlocutionary force<\/em> getragene Prozess der Rede und Gegenrede als soziokultureller Prozess notwendig und einzig in der Diachronie ab: Es gibt <em>de facto<\/em> nur sie. Wie dieser Prozess nun abl\u00e4uft und welche Resultate er zeitigt, haben wir an anderer Stelle<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> bereits ausf\u00fchrlich beschrieben: Soziokulturelle Ph\u00e4nomene sind \u201eEinrichtungen, die in der Tat das Ergebnis menschlichen Handelns sind, nicht die Durchf\u00fchrung eines menschlichen Plans\u201c (Keller 2014: 58) \u2013 \u201ewhich are indeed the results of human action, but not the execution of any human design\u201c (Adam Ferguson 1767: 187; zitiert nach: Keller 2014: 85). Ein solches Ph\u00e4nomen ist die kollektive, weder intendierte noch geplante \u201ekausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell \u00e4hnlichen Intentionen dienen\u201c (ebd.: 93). Eine Konsequenz eben jenes Wirkens der <em>invisible hand<\/em>, der unsichtbaren Hand<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a>, von der Adam Smith, in Anlehnung an Bernard Mandevilles bitterb\u00f6ser Bienenfabel, in seinem Werk \u201aDer Wohlstand der Nationen\u2018 sprach (cf. Smith 1978: 371, cf. Oehm 2019b: 16).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit anderen Worten: In dem Prozess dialogischer Konstrukte, die in der jeweiligen Synchronie in den jeweiligen zeitgeschichtlichen, kulturellen, ethnischen, gruppenspezifischen, sprachlichen et al. Kontext eingebettet sind, vollziehen eine Vielzahl von Sprechern\/Autoren individuelle Handlungen mit zumindest partiell \u00e4hnlichen Intentionen. Dieser Prozess wird von einer <em>perlocutionary force<\/em> getragen, die das vorrangige Ziel eines jeden kommunikativen Aktes beschreibt: den oder die anderen \u201azu etwas zu bewegen\u2018 (cf. Kap. 1). Die Sprecher\/Autoren m\u00f6gen ihn oder sie in den jeweiligen dialogischen Konstrukten nun zu allem M\u00f6glichen bewegen wollen und zudem alle m\u00f6glichen weiteren Absichten verfolgen. <em>Eine<\/em> Absicht hat jeder Einzelne von ihnen in all seinen kommunikativen Akten jedoch ganz sicher nicht: die, die Sprache und mit ihr die Gebrauchsweisen der Worte zu wandeln (in unserem konkreten Fall: die Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> und die durch sie generierten Begriffe \u201aKunst\u2018). Aber dennoch werden die Worte, und mit ihnen die Sprache, im Gebrauch gewandelt: Dieser Wandel ist eine der beschriebenen kollektiven, weder intendierten noch geplanten kausalen Konsequenzen der intentional grundierten Sprechakte der Sprecher\/Autoren. Eine Konsequenz, die wir jedoch im aktuellen Gebrauch der Sprache nicht bemerken, da dieser stets in der jeweiligen Synchronie stattfindet, w\u00e4hrend sich der Wandel in der Diachronie<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> ereignet.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie wir nun im Kollektiv die Sprache wandeln, so wandeln wir im Kollektiv alle soziokulturellen Ph\u00e4nomene<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>. Und mit ihnen alle Kontexte, in denen die Texte in bestimmten Kulturen in bestimmen Epochen verfasst werden, f\u00fcr die Skinner \u201edas hermeneutische Ziel der Bedeutungsexplikation, hier verstanden als Feststellung der auktorialen Intention\u201c (Skinner 2009a: 8), als \u201eKern der hermeneutischen Aufgabe\u201c (ebd.: 17) ausgegeben hat. Nur verl\u00e4uft aber der Wandel soziokultureller Ph\u00e4nomene und ihrer Kontexte nicht in idealtypischer Synchronizit\u00e4t, sondern asynchron. Versetzt. Rollierend. Von Epoche zu Epoche, von Kultur zu Kultur, von Sprachgemeinschaft zu Sprachgemeinschaft jeweils anders. Ja selbst innerhalb von Kulturen und Sprachgemeinschaften asynchron und versetzt. Unter solchen Umst\u00e4nden Skinners Ma\u00dfgabe Folge zu leisten und \u201edie (\u2026) untersuchten Texte zur\u00fcck in diejenigen kulturellen und diskursiven Kontexte zu stellen, in denen sie urspr\u00fcnglich verfa\u00dft wurden\u201c (Skinner 2009c: 88), ist ein schwieriges Unterfangen. Sowohl bei historischen als auch bei kunsthistorischen Texten, in denen im Rahmen der jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontexte \u00fcber \u201aKunst\u2018 gesprochen wird. Aber es er\u00f6ffnet sich uns so immerhin die M\u00f6glichkeit einer \u201eernsthafte(n) Auseinandersetzung mit unvertrauten Denkweisen\u201c (Skinner 2009c: 88) und Lebensformen, im Verlaufe derer wir \u201eeine gewisse Distanz zu unseren eigenen \u00dcberzeugungen und Wertesystemen (\u2026) gewinnen\u201c (ebd.: 88) und erkennen, \u201eda\u00df unsere eigenen Beschreibungen und Begriffe keineswegs zeitlos \u00fcberlegen sind\u201c (ebd.: 88). Und das ist in Zeiten wie diesen vielleicht die erhebendste Einsicht, die sich nur denken l\u00e4sst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bisherige Analyse best\u00e4tigt Skinners These, dass es eine <em>g\u00fcltige<\/em> Interpretation eines Textes, eine verbindliche, verifizierte \u201eFeststellung der auktorialen Intention\u201c (Skinner 2009a: 8) prinzipiell nicht geben kann, vollumf\u00e4nglich. Diese These wird durch eine ganz Reihe weiterer Faktoren noch untermauert:<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Unsere M\u00f6glichkeiten, zu einer g\u00fcltigen Explikation der \u201aBedeutung des Gesagten\u2018 bei etablierten und konventionellen Bedeutungen vergangener Begriffe und \u00c4u\u00dferungen zu gelangen, sind schon aufgrund der nicht gegebenen sprachlichen Sozialisation in anderen Epochen begrenzt (analoges gilt bei Begriffen und \u00c4u\u00dferungen in kulturellen Kontexten, in denen wir nicht sprachlich sozialisiert wurden). So besitzen wir kein internalisiertes Wissen um <em>diese<\/em> Bedeutungen vergangener Begriffe und \u00c4u\u00dferungen (analog gilt: Wir besitzen auch kein solches Wissen um die Bedeutung der Begriffe und \u00c4u\u00dferungen in anderen Kulturen.).<\/li>\r\n<li>Unsere M\u00f6glichkeit, zu einer g\u00fcltigen Explikation der \u201aBedeutung des Gesagten\u2018 bei vergangenen singul\u00e4ren Gebrauchsweisen (Sprecher-Bedeutungen) zu gelangen, tendiert gen Null (wie gro\u00df mag da wohl die M\u00f6glichkeit zur verifizierten Feststellung bei vergangenen singul\u00e4ren Gebrauchsweisen <em>anderer<\/em> Kulturen sein?).<\/li>\r\n<li>Bei einem diskursiven Eingriff liegt nicht nur die \u201abeabsichtigte Kraft\u2018 der \u00c4u\u00dferung vor, in der Skinner Austins <em>illocutionary force<\/em> illokution\u00e4rer Akte sieht (die f\u00fcr Austin stets \u201akonventional\u2018 sind). Es erfolgt dabei ein weiterer, <em>nicht-<\/em>konventionaler Sprechakt mit einer individuellen Intention des Sprechers: der mit <em>perlocutionary force<\/em> vollzogene perlokution\u00e4re Akt (Austin trennt Illokutionen von Perlokutionen, indem er sagt, \u201eda\u00df illokution\u00e4re Akte mit der \u00c4u\u00dferung gegeben sind, perlokution\u00e4re aber noch <em>zus\u00e4tzlich<\/em> etwas verlangen\u201c [Austin 1979: 147, Hervorhebung S.O.]).<\/li>\r\n<li>Nur ein verschwindend geringer Teil der von Sprechern einer nat\u00fcrlichen Sprache im Laufe von Generationen gemachten \u00c4u\u00dferungen erfolgt in schriftlicher Form. Bei dem \u00fcberwiegende Teil unserer \u00c4u\u00dferungen handelt es sich hingegen um <em>m\u00fcndliche<\/em> \u00c4u\u00dferungen. Diese haben jedoch keine Dauer, sie sind fl\u00fcchtig, transitorisch. Das hei\u00dft: Es sind uns aufgrund fehlender technischer M\u00f6glichkeiten <em>keine<\/em> authentischen m\u00fcndlichen \u00c4u\u00dferungen aus den vergangenen Jahrhunderten \u00fcberliefert. Bei den wenigen \u00dcberlieferungen <em>m\u00fcndlicher<\/em> \u00c4u\u00dferungen handelt es sich vielmehr um <em>schriftliche<\/em> Zeugnisse, die zum Teil bedeutend sp\u00e4ter und dann oftmals auch interessegeleitet<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> mit manipulativem Impetus niedergeschrieben wurden.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Umstand erschwert eine, wenn schon nicht g\u00fcltige, so doch gem\u00e4\u00dfe \u201aFeststellung der auktorialen Intention\u2018: Die intentionale Zielrichtung der diskursiven Eingriffe ist h\u00f6chst divers. Bei manchen dieser Eingriffe sollen die Intentionen erkannt werden, bei anderen hingegen sollen sie unerkannt bleiben. Manche werden explizit intentional ge\u00e4u\u00dfert, manche implizit, manche sind dem Sprecher selbst gar nicht bewusst. Manchmal sind gleich mehrere Intentionen, die sich auf verschiedenen Ebenen bewegen, parallel im Spiel (ich intendiere: 1. verstanden zu werden; 2. zu \u00fcberzeugen; 3. den Diskurs in eine andere Richtung zu lenken; 4. eine Begriffsdifferenzierung; 5. mich zu profilieren; 6. f\u00fcr sympathisch, attraktiv, intelligent gehalten zu werden u.v.a.m.), manchmal nicht. Manche Eingriffe \u00e4hneln eher ritualisierten Diskursformen, manche andere muten an wie eklatante Verst\u00f6\u00dfe gegen \u201edie Hypermaxime unseres Kommunizierens\u201c (Keller 2014: 142): \u201eRede so, dass du die Ziele, die du mit deiner kommunikativen Unternehmung verfolgst, am ehesten erreichst.\u201c (ebd.: 142). Ein solcher Fall kann m.E. dann eintreten, wenn es sich bei der Intention um die mit <em>perlocutionary force<\/em> vorgetragene Sprecher-Intention<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> handelt, wir also den Grice\u2019schen Fall des Meinens vorliegen haben: Der jeweilige Diskurspartner ist gehalten, die singul\u00e4re Sprecher-Bedeutung zu erkennen. Das hei\u00dft: zu verstehen, was der andere mit der \u00c4u\u00dferung <em>meint<sup>G<\/sup><\/em> (cf. Oehm 2020: 13).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche intentional getriebenen dialogischen Konstrukte ereignen sich t\u00e4glich \u00fcberall. Und das eben nicht nur in dem f\u00fcr Historiker wie f\u00fcr Kunsthistoriker spezifischen Format, den historisch relevanten Texten, die nach Skinner zur\u00fcck in diejenigen kulturellen und diskursiven Kontexte gestellt werden m\u00fcssen, in denen sie urspr\u00fcnglich verfasst wurden, damit deren hermeneutische Bedeutungsexplikation angemessen erfolgen kann und der Interpret nicht in die Falle der R\u00fcckprojektion heutiger Denkmuster und Begriffe in die Vergangenheit tappt: Diese dialogischen Konstrukte ereignen sich in allen m\u00f6glichen nur denkbaren Formaten. Sie finden im Gro\u00dfen wie im Kleinen statt. Im weltpolitischen wie im wissenschaftlichen Diskurs. Im Gespr\u00e4ch unter Freunden in der Schwemme wie auch in der Familie. Oder im Wirtschaftsleben. In der \u00d6ffentlichkeit oder auch hinter verschlossenen T\u00fcren. Schriftlich per Mail, Messenger-Dienst, als Buch oder Zeitungsartikel, m\u00fcndlich als Debattenbeitrag im Plenarsaal oder via Skype. Ja selbst zwischen T\u00fcr und Angel.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit anderen Worten: Die historisch diskursiv relevanten Texte, deren Bedeutungsexplikation ja Skinners hermeneutisches Ziel ist, bilden lediglich die Spitze der Spitze eines gewaltigen Eisbergs. Nur ein Bruchteil vergangener \u00c4u\u00dferungen ist unserer Kenntnisnahme und damit unserer Interpretationsm\u00f6glichkeit \u00fcberhaupt zug\u00e4nglich. Es gibt von ihnen kein Wissen, ja: es kann keines geben. Und wenn es von ihnen kein Wissen gibt (und geben kann), kann es nat\u00fcrlich auch kein Wissen von ihrem jeweiligen Anteil der Einflussnahme auf die diversen Diskurse, auf die Begriffsverwendung oder auch auf die Zuschreibung von etwas als etwas innerhalb der jeweiligen Synchronie geben. Das einzige, was sich mit halbwegs verl\u00e4sslicher Sicherheit sagen l\u00e4sst, ist, dass sich aus dieser Vielzahl ungenannter und unbekannter \u00c4u\u00dferungen<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a>, die als perlokution\u00e4re Sprechakte individuelle intentionale Handlungen sind, in der Vergangenheit in einem Prozess der unsichtbaren Hand kollektive, nicht intendierte, nicht geplante kausale Konsequenzen ergeben haben, so wie sich, von uns unbemerkt, gegenw\u00e4rtig aus ihnen derartige Konsequenzen ergeben und aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Zukunft ergeben werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunsthistorisch resp. kunstphilosophisch von Interesse sind dabei insbesondere zwei dieser prozessualen Konsequenzen in der <em>jeweiligen<\/em> Synchronie: Zum einen die Etablierung der jeweiligen Begriffe \u201aKunst\u2018 innerhalb einer Sprachgemeinschaft, zum anderen die dort allgemein akzeptierte Zuschreibung eines Werks als Kunstwerk<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a>. Will man sich einen halbwegs angemessenen Begriff von dem in der jeweiligen Synchronie etablierten Begriff \u201aKunst\u2018 machen, so muss versucht werden, ihn im Sinne Skinners zur\u00fcck in diejenigen kulturellen und diskursiven Kontexte zu stellen, in dem er urspr\u00fcnglich verfasst wurde. Denn im fortlaufenden Prozess des Wandels werden die Karten in der Diachronie best\u00e4ndig neu gemischt, betrifft dieser Wandel doch nicht nur den der Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> und der daraus generierten Begriffe \u201aKunst\u2018: Asynchron wandeln sich auch jedwede einflussnehmenden Kontexte, in die der Gebrauch der Sprache stets eingebettet ist. Mit anderen Worten: Es gibt keinen historisch stabilen Begriff \u201aKunst\u2018. Es gibt \u201elediglich eine Vielzahl von Aussagen von einer Vielzahl verschiedener Akteure mit einer Vielzahl verschiedener Absichten\u201c (Skinner 2009b: 58), also \u201enur eine Geschichte ihrer verschiedenen Verwendungsweisen und der verschiedenen hinter ihnen stehenden Absichten\u201c (ebd.: 58) \u2013 und damit auch eine der verschiedenen etablierten Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> und der daraus generierten Begriffe \u201aKunst\u2018.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer nun im Sinne Skinners einen kunsthistorischen Text und mit ihm den jeweils episodalen, zeitgeschichtlichen Begriff \u201aKunst\u2018 verstehen will, muss \u201esowohl die Absicht verstehen, die verstanden werden sollte, als auch die Absicht, da\u00df diese Absicht verstanden werden sollte<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a>, die der Text als intentionaler Akt der Mitteilung beinhalten mu\u00df\u201c (ebd.: 60). Also das, was die jeweiligen Autoren \u201ezu jener Zeit, in der sie f\u00fcr eine spezifische Leserschaft geschrieben haben (\u2026) tats\u00e4chlich mit ihren \u00c4u\u00dferungen mitzuteilen beabsichtigt haben\u201c (ebd.: 60). Dazu geh\u00f6rt aber, wie wir gesehen haben, \u00fcber Skinners Konzept hinausgehend ganz wesentlich die mit <em>perlocutionary force<\/em> vorgetragene Sprecher-Intention, womit der Grice\u2019sche Fall des Meinens beschrieben wird.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Analoges gilt f\u00fcr die allgemein akzeptierte Zuschreibung eines Werks als Kunstwerk: Es gibt \u201anur eine Geschichte ihrer verschiedenen Zuschreibungen\u2018, das hei\u00dft: es gibt in der jeweilig episodalen Synchronie der Diachronie jeweils \u201aeine Vielzahl von Zuschreibungen von einer Vielzahl verschiedener Akteure mit einer Vielzahl verschiedener Absichten\u2018, der \u201aeine Vielzahl von Zuschreibungen von einer Vielzahl verschiedener Akteure mit einer Vielzahl verschiedener Absichten\u2018 folgt, der \u201aeine Vielzahl von Zuschreibungen von einer Vielzahl verschiedener Akteure mit einer Vielzahl verschiedener Absichten\u2018 folgt. Episodales Ereignis folgt auf episodales Ereignis. Ad infinitum.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Analyse l\u00e4sst sich zumindest auf drei Ebenen der Zuschreibung von etwas als Kunst anwenden, die mit drei Ebenen der Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> korrespondieren (cf. Oehm 2019a: 10, auch: Oehm 2019b: 272). Im Einzelnen ist das die Ebene des Begriffs \u201aKunst\u2018<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>als konkretes Kunstwerk<\/li>\r\n<li>als Stil und Medium (so in der Musik: Jazz, Rap, Klassik; Medien in der bildenden Kunst: Performance, Malerei, Fotografie)<\/li>\r\n<li>als Kunstgattung (z.B. Musik, bildende Kunst, Theater).<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Insofern ist die Frage, was Kunst ist, auf diesen drei Ebenen der Zuschreibung und der entsprechenden Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> recht unromantisch zu beantworten: Es ist in der jeweiligen Synchronie das kollektive, weder intendierte noch geplante kausale Resultat einer Vielzahl zumindest partiell gleichgerichteter individueller intentionaler Sprachhandlungen im Rahmen eines je spezifischen zeitgeschichtlichen, kulturellen und diskursiven Kontextes. Kurz gesagt:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunst ist jeweils das, was in allgemeiner \u00dcbereinstimmung innerhalb einer Sprachgemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt x <em>Kunst<\/em> genannt wird<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Kunst also das ist, was episodal in einer Sprachgemeinschaft jeweils als Kunst gilt \u2013 w\u00e4re damit dann nicht auch jede Rede vom \u201aEnde der Kunst\u2018 obsolet? Eine solche Rede zielt ja \u201eauf die Konstruktion von historischer Kontinuit\u00e4t\u201c ab (Gallus 2019: o.S.). Denn wo es ein Ende gibt, muss es auch mal auch einen Anfang gegeben haben. Und der wird in der Regel nicht in der jeweiligen Synchronie verortet, sondern mit Vorliebe in der fernsten Vergangenheit abendl\u00e4ndischer Kultur terminiert, die bei manchem sogar bis in die H\u00f6hlen von Altamira reicht. Dabei werden dann schon mal <em>en passant<\/em> gegenw\u00e4rtig allgemein akzeptierte und etablierte Begriffe \u201aKunst\u2018 auf die Vergangenheit projiziert (es w\u00e4re zu zeigen, welche das im Einzelnen sind). In beiden F\u00e4llen befinden wir uns mitten im Reich der von Quentin Skinner ausgemachten Mythologien der Geschichtsschreibung. Erschwerend kommt noch der derzeit grassierende inflation\u00e4re Gebrauch des Begriffs \u201aKunst\u2018 hinzu, der selbst von ansonsten ausgewiesenen Kunstexperten befeuert wird \u2013 auch im Kontext dieser Rede vom Ende der \u2026 ja von was eigentlich? Florentin Schumacher greift in einer Kolumne f\u00fcr die F.A.S. auf diesen nicht erst seit Arthur C. Danto wieder ach so beliebten Hegel\u2019schen Topos (Schumacher 2020: 34) angesichts des Einflusses der K\u00fcnstlichen Intelligenz auf die Musik zur\u00fcck, dabei die Pops\u00e4ngerin Grimes zitierend: \u201eIch glaube, wir befinden uns am Ende der Kunst, menschlicher Kunst.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur haben wir es, wie gesehen, auf den Ebenen der Zuschreibung mit drei verschiedenen Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> und damit mit drei verschiedenen Begriffen \u201aKunst\u2018 zu tun; an anderer Stelle haben wir mindestens vier weitere Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> identifiziert (cf. Oehm 2019a: 10, auch: Oehm 2019b: 272). Wenn wir also vom \u201aEnde der Kunst\u2018 reden, m\u00fcssen wir wissen, von welchem dieser (mindestens) sieben verschiedenen Begriffe \u201aKunst\u2018 wir eigentlich Gebrauch machen \u2013 und ob diese zu eruierende Gebrauchsweise eine der Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> ist, die wir bei der Zuschreibung dessen nutzen, was episodal jeweils als Kunst gilt. Oder ob wir hier zwar den gleichen Signifikanten <em>Kunst<\/em>vorliegen haben, aber jeweils \u00fcber verschiedene Dinge reden, wenn wir \u00fcber Kunst reden (cf. Oehm 2019b passim).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Spricht nun ein Hegelianer vom \u201aEnde der Kunst\u2018, so referiert die Gebrauchsweise des Wortes <em>Kunst<\/em>\u00a0zun\u00e4chst nicht auf die Ebene individuellen Handelns (Mikroebene), sondern auf die der sozialen Institution (Makroebene). Und dort nicht auf die der episodalen Ereignisse sozialer Institutionen (z.B. der Stile oder Medien der einzelnen K\u00fcnste), sondern auf die Ebene der <em>allgemeinen<\/em> sozialen Institution (Kunst als Oberbegriff aller k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungen: \u201adie Kunst\u2018). Diese Rede konkretisiert Hegel selbst mit Beispielen des Begriffs \u201aKunst\u2018, der sich auf der Ebene der <em>spezifischen<\/em> sozialen Institution befindet, das hei\u00dft der Ebene der einzelnen Kunstgattungen (Literatur, bildende Kunst, darstellende Kunst etc.), um in einem n\u00e4chsten Schritt auf die Ebene individuellen Handelns \u00fcberzugehen (Begriff \u201aKunst\u2018 bezogen auf das konkrete Werk \u2013 so z.B. auf <em>Don Quijote<\/em>, der Hegel zufolge den Schluss des Romantischen darstellt).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Von welchem Wort <em>Kunst<\/em> wird nun Gebrauch gemacht, wenn die kanadische Pops\u00e4ngerin Grimes und mit ihr Florentin Schumacher vom \u201eEnde der Kunst, menschlicher Kunst\u201c spricht, das uns durch den Einsatz K\u00fcnstlicher Intelligenz dr\u00e4ut (der Text stellt, im Sinne Skinners, einen Eingriff in einen aktuellen Diskurs dar, der in den zeitgeschichtlichen Kontext eingebettet ist)? Es hat zun\u00e4chst den Anschein, als w\u00fcrde es sich hier um den Begriff \u201aKunst\u2018 handeln, der sich auf die Ebene der <em>allgemeinen<\/em> sozialen Institution bezieht (Kunst als Oberbegriff aller k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungen: \u201adie Kunst\u2018) \u2013 das legt das Zitat der S\u00e4ngerin wie auch die Schlagzeile des Beitrags nahe. Nun ist aber im gesamten Text nur die Rede von einer Kunstform, der Musik (Ebene der <em>spezifischen<\/em> sozialen Institutionen, der einzelnen Kunstgattungen), dabei konkret von einem spezifischen <em>episodalen<\/em> Ereignis sozialer Institutionen (Stile oder Medien der einzelnen K\u00fcnste, in diesem Fall: Rap) und, noch konkreter, von einzelnen musikalischen Werken bestimmter Musiker (Ebene individuellen Handelns). Was die Vermutung nahelegt, dass damit, <em>pars pro toto<\/em>, das Ende \u201ader\u2018 Kunst am Beispiel der Kunstgattung \u201aMusik\u2018 illustriert werden soll.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn hier aber nun bei der Rede vom \u201aEnde der Kunst\u2018 Gebrauch von der Gebrauchsweise des Wortes <em>Kunst<\/em> gemacht wird, die sich auf die <em>allgemeine<\/em> soziale Institution bezieht (Kunst als Oberbegriff aller k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungen: \u201adie Kunst\u2018), so handelt man sich damit mindestens eines jener Probleme ein, die Quentin Skinner beschrieb \u2013 die \u201amythology of doctrines\u2018. Oder, schlimmer noch, die \u201amythology of perennialism\u2018. Hier werden nicht nur Lehren der Gegenwart in die Geschichte zur\u00fcckprojiziert und so Anachronismen erzeugt, hier geht man gleich von zeitlosen Fragen und Werten aus. Wie heikel das im Falle der Gebrauchsweise des Wortes <em>Kunst<\/em> als Oberbegriff aller k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungen ist, zeigt sich daran, dass sich diese erst im Zuge der Etablierung der \u00c4sthetik als eigenst\u00e4ndige Disziplin w\u00e4hrend des sp\u00e4ten 18. und fr\u00fchen 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Vorher gab es \u201adie Kunst\u2018 als Oberbegriff aller k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungen schlicht nicht (cf. auch Schm\u00fccker 1998: 241).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit handeln wir uns gleich das n\u00e4chste Problem ein. Denn die \u00e4sthetische Kernfrage, die Frage nach dem Wesen der Kunst \u2013 <em>\u201aWas ist Kunst?<\/em> \u2013 referiert ja auf eben jene Gebrauchsweise als <em>allgemeine<\/em> soziale Institution, bei der es das Wort <em>Kunst<\/em> nur als nicht z\u00e4hlbares Substantiv, als <em>mass noun<\/em> gibt. Mithin kann diese Frage in <em>dieser<\/em> Form erst seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts gestellt werden. Schreiben wir beispielsweise Platon zu, sich Gedanken \u00fcber das Wesen der Kunst gemacht zu haben, l\u00e4ge, ausgehend von <em>dieser<\/em> Gebrauchsweise, eine R\u00fcckprojektion heutiger Denkmuster und Begriffe in die Vergangenheit im Sinne Skinners vor. Doch damit nicht genug: Die Frage nach dem Wesen der Kunst korrespondiert mit der Frage nach der wesentlichen und damit gemeinsamen Eigenschaft <em>aller<\/em> Artefakte gleich welcher Entit\u00e4t, die diese, unabh\u00e4ngig von jedweder episodalen Zuschreibung, <em>ewiglich<\/em> als Kunstwerke auszeichnet. Eine Frage, die sich auf die <em>Komprehension<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn26\" name=\"_ftnref26\"><strong>[26]<\/strong><\/a><\/em> aller Kunstwerke bezieht, das hei\u00dft auf die Menge aller m\u00f6glichen (vergangenen, jetzigen und zuk\u00fcnftigen) Kunstwerke. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind betr\u00e4chtlich:<\/p>\r\n<ol style=\"text-align: justify;\">\r\n<li>Die Komprehension umfasst offensichtlich auch den Zeitraum <em>vor<\/em> Etablierung des Begriffs \u201aKunst\u2018 als Oberbegriff aller K\u00fcnste. Das hei\u00dft: Es muss behauptet werden, dass es diesen \u201aWesensbegriff\u2018 in gewisser Weise schon gab, bevor es ihn gab. Damit ginge die Behauptung einher, bei diesem Begriff \u201aKunst\u2018 w\u00fcrde es sich um einen Begriffstypus handeln, wie ihn der amerikanische Philosoph Hilary Putnam am Beispiel des Goldes beschrieben hat (cf. Oehm 2019b: 301): Gold war immer schon das, was heute atomar, physikalisch und chemisch als Gold definiert wird (und wird es immer bleiben). Unabh\u00e4ngig davon, was in der Vergangenheit jemals als Gold beschrieben oder wie Gold auch immer in den verschiedenen Sprachen benannt wurde (ein anderes Beispiel ist: \u201aPrimzahl\u2018).<\/li>\r\n<li>Die Komprehension umfasst zudem die Menge aller Kunstwerke <em>aller<\/em> K\u00fcnste. Also nicht nur der bildenden Kunst, sondern auch aller anderen K\u00fcnste. Genauer gesagt: aller K\u00fcnste, die in der Vergangenheit als Kunst galten, in der Gegenwart als Kunst gelten und in der Zukunft als Kunst gelten werden.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn also die traditionelle \u00c4sthetik vom \u201aWesen der Kunst\u2018 spricht, m\u00fcsste sie diese Konsequenzen akzeptieren. Und wenn die analytische \u00c4sthetik behauptet, der Begriff der Kunst lie\u00dfe sich nicht definieren, so w\u00fcrde diese Behauptung die M\u00f6glichkeit nicht ausschlie\u00dfen, dass es \u201adie Kunst\u2018 gibt und es zumindest eine hypothetische Chance auf eine Definition in ferner Zukunft gibt. Wenn es aber, wie ich geneigt bin anzunehmen, \u201adie Kunst\u2018 gar nicht gibt, bestenfalls K\u00fcnstler, K\u00fcnste und Kunstwerke<a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a>, die einer episodalen Bestimmung und Zuschreibung in den jeweiligen Kontexten der jeweiligen Synchronie unterliegen (zu beachten ist zudem, dass der gesamte hier verhandelte Begriffskosmos \u201aKunst\u2018 eurozentrisch, das hei\u00dft abendl\u00e4ndisch grundiert ist), so stellt sich die Frage, ob sich <em>dieser<\/em> Begriff \u201aKunst\u2018 nun definieren oder nicht definieren l\u00e4sst, gar nicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was gibt es in der Kunst zu \u201everstehen\u201c?<\/strong>, Rigorose Reflexionen zum Kunstbegriff von Stefan Oehm.\u00a0 K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2021<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-scaled-e1617188402283.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81219 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/a>Die inflation\u00e4re Verwendung des zentralen Terminus technicus im Kunstdiskurs geht mit einer befremdlichen sprachlichen Sorglosigkeit einher. Keiner der Beteiligten nimmt eine systematische Begriffsdifferenzierung vor, um sicherzustellen, dass alle wissen, wor\u00fcber sie reden, wor\u00fcber sie miteinander reden und wor\u00fcber der Andere redet. Wie kann ein Verstehen gew\u00e4hrleistet sein, wenn nicht dieses Wissen gew\u00e4hrleistet ist? \u00dcber welchen Begriff \u203averstehen\u2039 reden wir in der Kunst? Geht es in der Kunst \u00fcberhaupt darum, etwas zu verstehen oder verstehen zu geben? Die hier vorliegenden f\u00fcnf Aufs\u00e4tze widmen sich einigen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen, um von diversen liebgewonnenen Topoi Abschied zu nehmen. Helfen werden Gedanken des Ethnologen Clifford Geertz, den sein Unbehagen an der mangelnden begrifflichen Pr\u00e4zision deutender Ans\u00e4tze zum Konzept der \u203aDichten Beschreibung\u2039 f\u00fchrte. Des Weiteren jene des Historikers Quentin Skinner, der den Mythen der R\u00fcckprojektion bestehender Konzepte in die Vergangenheit und historischer Kontinuit\u00e4ten Einhalt bot. Und nicht zuletzt des Anthropologen Michael Tomasello, der die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t als Basis menschlicher Kommunikation und kooperativen Handelns identifizierte \u2013 die Basis dessen, was wir so gerne Kunst nennen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte das Buch <em>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/em> von Stefan Oehm mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/15\/nachdenken-ueber-kunst\/\">Rezensionsessay<\/a>. &#8211; Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Austin, John L. (1979): Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words), Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Austin<\/strong>, John L. (1962): How to do things with Words\u2018, London: Oxford University Press. Online unter: <a href=\"https:\/\/pure.mpg.de\/rest\/items\/item_2271128_6\/component\/file_2271430\/content\">https:\/\/pure.mpg.de\/rest\/items\/item_2271128_6\/component\/file_2271430\/content<\/a>, zuletzt abgerufen am 27.02.2020)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Elias<\/strong>, Norbert (1976): \u00dcber den Prozess der Zivilisation, Zweiter Band, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<strong> Ferguson<\/strong>, Adam (1767\/1904): An Essay on the History of Civil Society, Edinburgh.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fuchs<\/strong>, Thomas (2020): Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verk\u00f6rperten Anthropologie, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gadamer<\/strong>, Hans-Georg (1978): Zur Einf\u00fchrung, in: Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gallus<\/strong>, Alexander (2019): Die Schule von Cambridge &#8211; Wort, Satz und Sieg, Frankfurter Allgemeine Zeitung (https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/geist-soziales\/quentin-skinner-und-die-schule-von-cambridge-16480789.html, zuletzt abgerufen am 29.01.2020)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Geertz<\/strong>, Clifford (1987): Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur, in: Dichte Beschreibung \u2013 Beitr\u00e4ge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. <strong>Gombrich<\/strong>, Ernst H. (o.J., um 1955): Die Geschichte der Kunst, London &#8211; K\u00f6ln \u2013 Berlin: Phaidon Press Ltd. \/ Verlag Kiepenheuer, Witsch &amp; Co.<strong> Grice<\/strong>, Herbert Paul (1957\/1979): Intendieren, Meinen, Bedeuten. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1968\/1979): Sprecher-Bedeutung, Satz-Bedeutung, Wort-Bedeutung. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1972-73\/1979): Sprecher-Bedeutung und Intentionen. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Heinz<\/strong>, Marion\/Ruehl, Martin (2009): Nachwort, in: Quentin Skinner, Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hofmann<\/strong>, Werner (<sup>2<\/sup>1980): Es gibt keine Kunst, es gibt nur K\u00fcnste, in: Werner Hofmann, Gegenstimmen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<strong> Hofmann<\/strong>, Werner (1977): KUNST \u2013 was ist das?, Ausstellungskatalog Hamburger Kunsthalle, K\u00f6ln: DuMont Buchverlag. <strong>Humboldt<\/strong>, Wilhelm von (2008): Schriften zur Sprache, Frankfurt a. M.: Zweitausendeins.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>4<\/sup>2014): Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>2<\/sup>2018): Zeichentheorie, T\u00fcbingen: UTB\/A. Francke Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Liedtke<\/strong>, Frank (2016): Moderne Pragmatik, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>L\u00fcdeking<\/strong>, Karlheinz (1998\/1988): Analytische Philosophie der Kunst, M\u00fcnchen: UTB\/Wilhelm Fink Verlag.<strong> Mandeville<\/strong>, Bernard de (2012): Die Bienenfabel, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019a): Entwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs &#8218;Kunst&#8216;, in: Mythos Magazin (<a href=\"http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm\">http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm<\/a>)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019b): Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?, W\u00fcrzburg: Verlag K\u00f6nigshausen &amp; Neumann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2020): Kunst \u2013 ein Konstrukt der R\u00fcckprojektion (unver\u00f6ffentlichtes Manuskript).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Reckwitz<\/strong>, Andreas (<sup>3<\/sup>2019): Das Ende der Illusionen \u2013 Politik, \u00d6konomie und Kultur in der Sp\u00e4tmoderne, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<strong> Schm\u00fccker<\/strong>, Reinold (1998): Schleiermachers Grundlegung der Kunstphilosophie, in: Dieter Burdorf\/Reinold Schm\u00fccker (Hg.), Dialogische Wissenschaft \u2013 Perspektiven der Philosophie Schleiermachers, Paderborn: Ferdinand Sch\u00f6ningh Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schm\u00fccker<\/strong>, Reinold (2001): Funktionen der Kunst, in: Bernd Kleimann\/Reinold Schm\u00fccker (Hg.), Wozu Kunst? Die Frage nach ihrer Funktion, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schm\u00fccker<\/strong>, Reinold (<sup>2<\/sup>2014): Was ist Kunst? Eine Grundlegung, Frankfurt a. M.: Verlag Vittorio Klostermann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schumacher<\/strong>, Florentin (2020): Ende der Kunst?, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23. Februar 2020, Nr. 8.<strong> Searle<\/strong>, John R. (1983): Sprechakte, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009a): \u00dcber Interpretation, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009b): Bedeutung und Verstehen in der Ideengeschichte, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009c): Interpretation und das Verstehen von Sprechakten, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Smith<\/strong>, Adam (1978): Der Wohlstand der Nationen, M\u00fcnchen: Deutscher Taschenbuch Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tomasello<\/strong>, Michael (<sup>4<\/sup>2017): Die Urspr\u00fcnge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wittgenstein<\/strong>, Ludwig (1977): Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs geht, in Abgrenzung der menschlichen von der k\u00fcnstlichen Intelligenz, noch einen Schritt weiter: \u201eInformation gibt es nur dort, <em>wo jemand etwas versteht<\/em> \u2013 also Nachrichten <em>als<\/em> Nachrichten, Zeichen <em>als<\/em> Zeichen auffasst. Informationen gibt es nur f\u00fcr bewusste Lebewesen beziehungsweise f\u00fcr Personen\u201c (Fuchs 2020: 22; genau genommen m\u00fcsste es also sogar hei\u00dfen: \u201awo jemand etwas <em>als etwas<\/em> versteht\u2018). Bewusstsein ist notwendig, \u201eum in Strukturen und Mustern der Welt <em>\u00fcberhaupt erst so etwas wie Informationen zu sehen<\/em>\u201c (ebd.: 23). Und weiter: \u201eDie Vernachl\u00e4ssigung des Beobachterstandpunktes ist (\u2026) eine unheilbare Krankheit des Szientismus\u201c (ebd.: 23).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dieses Wissen darf nicht als explizites Wissen missverstanden werden, also eines Wissens, um das ich wei\u00df. Es handelt sich um ein implizites Wissen, das sich darin \u00e4u\u00dfert, dass mein Gebrauch deckungsgleich ist mit dem derzeit allgemein akzeptierten, mithin also konventionellen Gebrauch einer Sprachgemeinschaft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die \u201eBedeutung (kann) nicht gleichgesetzt werden mit dem, was ein Sprecher von Fall zu Fall meint\u201c (Keller 2014: 88): Bei ersterem handelt es sich um die konventionelle Bedeutung (<em>verstehen<sup>B<\/sup><\/em>), bei letzterem um die Sprecher-Bedeutung (<em>verstehen<sup>M<\/sup><\/em>).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Den strukturellen Prozess der Bedeutungsetablierung auf Basis des handlungstheoretischen Grundmodells von H. Paul Grice haben wir, ausgehend von <em>verstehen<sup>M<\/sup><\/em> hin zu <em>verstehen<sup>B<\/sup><\/em>, an anderer Stelle ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert (cf. Oehm 2019a: 36, auch: Oehm 2019b: 6).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Wenn perlokution\u00e4re Akte nicht-konventionale Akte sind, kann der Diskursteilnehmer <em>nicht<\/em> auf ein etabliertes Verst\u00e4ndnis zur\u00fcckgreifen, sondern muss, um sie zu verstehen, die jeweiligen singul\u00e4ren Sprecher-Intentionen verstehen. Wendet der Sprecher\/Autor diese Strategie nun regelm\u00e4\u00dfig an und wird diese Anwendung von anderen Diskursteilnehmern goutiert und \u00fcbernommen, schlagen wir geradewegs den Weg zur Etablierung und Konventionalisierung des Gebrauchs ein. Damit w\u00fcrde aus diesem perlokution\u00e4ren Akt gegebenenfalls ein illokution\u00e4rer Akt \u2013 und aus der Sprecher-Intention resp. Sprecher-Bedeutung eine konventionelle Bedeutung. W\u00e4re das der Fall, l\u00e4ge hier eine m\u00f6gliche Verbindung der Austin\u2019schen Sprechakttheorie, der Grice\u2019schen Sprachhandlungstheorie sowie der Keller\u2019schen Theorie des Sprachwandels (die eine der Bedeutungsetablierung impliziert) vor.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Die von Savigny betreute \u00dcbersetzung scheint mir an dieser Stelle ganz und gar nicht schl\u00fcssig, ja zum Teil sogar sinnentstellend zu sein: \u201eDamit sind illokution\u00e4re Akte auf dreierlei Art mit Wirkungen verkn\u00fcpft: das Verst\u00e4ndnis sichern, wirksam sein und zu einer Antwort auffordern; und diese unterscheiden sich allesamt vom Hervorbringen von Wirkungen, wie es f\u00fcr den perlokution\u00e4ren Akt charakteristisch ist. Der perlokution\u00e4re Akt besteht entweder darin, da\u00df ein perlokution\u00e4res Ziel erreicht (\u00fcberzeugen, \u00fcberreden) oder ein perlokution\u00e4res Nachspiel erzeugt wird. Z.B. kann der Akt, jemanden zu warnen, sein perlokution\u00e4res Ziel erreichen, ihn auf die Gefahr aufmerksam zu machen, und auch das perlokution\u00e4re Nachspiel haben, ihn aufzuregen\u201c (Austin 1979: 134). Im englischen Original hei\u00dft es jedoch: \u201eSo here are three ways in which illocutionary acts are bound up with effects; and these are all distinct from the producing of effects which is characteristic of the perlocutionary act. We must distinguish actions which have a perlocutionary object (convince, persuade) from those which merely produce a perlocutionary sequel. Thus we may say \u201aI tried to warn him but only succeeded in alarming him\u2018. What is the perlocutionary object of one illocution may be a sequel of another\u201c (Austin 1962: 117). Es bed\u00fcrfte einer eigenen Analyse, die Ungereimtheiten im Detail auszuarbeiten. Hier sollen nur stichwortartig einige wesentliche Differenzen genannt werden: 1. Savigny gibt Beispiele f\u00fcr die drei Arten der Wirkungen illokution\u00e4rer Akte, wo es Austin nicht tut. 2. Austin benennt <em>nicht<\/em> die Sprachhandlung, die einmal ein \u201aperlocutionary object\u2018 hat, einmal \u201e<em>merely<\/em> produce a perlocutionary sequel\u2018. Savigny hingegen identifiziert sie als perlokution\u00e4ren Akt. Was mir aber in dieser vermeintlichen Eindeutigkeit sehr zweifelhaft erscheint, spricht doch Austin im weiteren Verlauf nicht nur von \u201aa sequel of a perlocutionary act\u2018 sondern auch von dem \u201aperlocutionary object of one <em>illocution<\/em>\u2018 wie auch von der \u201asequel of an <em>illocution<\/em>\u2018. Das hei\u00dft: Wenn Austin von der Notwendigkeit spricht, \u201a<em>actions<\/em>\u2018 zu unterscheiden, so ist diese Formulierung m.E. ganz bewusst gew\u00e4hlt. In der 8. Vorlesung schreibt er: \u201eThere is yet a further sense (C) in which to perform a locutionary act, and therein an illocutionary act, may also be to perform an act of another kind\u201c (Austin 1962: 101, gemeint ist hier der \u201aperlocutionary act\u2018). Austin meint mit \u201aactions\u2018 demnach die Sprachhandlungen als solche, bei der neben dem lokution\u00e4ren Akt und dem illokution\u00e4ren Akt \u201a<em>may<\/em> also be to perform an act of another kind\u2018: der perlokution\u00e4re Akt. 3. Savigny sagt, dass die Sprachhandlung <em>entweder<\/em> darin besteht, dass ein perlokution\u00e4res Ziel erreicht <em>oder<\/em> ein perlokution\u00e4res Nachspiel erzeugt wird (exklusives Oder). Davon steht bei Austin aber nichts. Er unterscheidet Sprachhandlungen \u201ewhich have a perlocutionary object from those which merely produce a perlocutionary sequel\u201c. Das hei\u00dft: Es gibt Handlungen, die \u201a<em>merely<\/em>\u2018 eine \u201aperlocutionary sequel\u2018 erzeugen, aber <em>kein<\/em> \u201aperlocutionary object\u2018 haben (nicht: \u201aerreichen\u2018) \u2013 und es gibt solche, die ein \u201aperlocutionary object\u2018 haben und <em>auch<\/em> \u201aa perlocutionary sequel\u2018 erzeugen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Auch hier ist die Bearbeitung von Savigny in gewisser Weise tendenzi\u00f6s: Der Ausdruck, den Austin verwendet, lautet \u201ecertain <em>consequential<\/em> effects\u201c, also \u201agewisse\/bestimmte <em>wichtige<\/em> Wirkungen\u2018 (Hervorhebungen S.O.). In der deutschen \u00dcbersetzung wird aus unerfindlichen Gr\u00fcnden das \u201awichtige\u2018 unwichtig. Und entf\u00e4llt. So hei\u00dft es dort dann nur noch recht lapidar \u201egewisse Wirkungen\u201c (Austin 1979: 118).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Dieses immanente Ziel der Perlokution beschreibt das, was Keller als das vorrangige Ziel eines <em>jeden<\/em> kommunikativen Aktes identifiziert hat (Keller 2014: 135). Die Vermutung liegt nahe, dass es sich dabei um etwas handelt, was man den grundlegenden Impuls f\u00fcr Beginn und Fortf\u00fchrung eines jedes dialogischen Konstrukts nennen k\u00f6nnte (cf. Kap. 4).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Austins Theorie ist nicht allein eine Theorie der ordinary language, der normalen Sprache, sie ist auch eine der <em>Sprech<\/em>akte. Dabei bezieht sich Austin der Einfachheit halber zun\u00e4chst einmal nur auf die gesprochene, nicht auf die geschriebene Sprache \u2013 \u201e(s)till confining ourselves, for simplicity, to <em>spoken<\/em> utterance\u201c (Austin 1962: 113). Nun sind aber Historikern in der Regel nur <em>Texte<\/em>zug\u00e4nglich, also schriftliche Zeugnisse vergangener \u00c4u\u00dferungen und Aussagen. Wohl deshalb bedient sich Quentin Skinner an dieser Stelle einer kleinen Behelfskonstruktion und definiert, so Marion Heinz\/Martin Ruehl in ihrem Nachwort zu dessen Aufsatzband \u201aVisionen des Politischen\u2018, diese Texte als eine Form \u201e\u201aerstarrter Sprechhandlung\u2018 (<em>frozen speech<\/em>)\u201c (Heinz\/Ruehl 2009: 271).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Skinner sagt aus f\u00fcr mich nicht ganz nachvollziehbaren Gr\u00fcnden, dass Austin \u201edavon auszugehen <em>schien<\/em>, da\u00df das Verst\u00e4ndnis illokution\u00e4rer Akte (\u2026) fest etablierte sprachliche Konventionen voraussetzt, da\u00df diese Konventionen, und <em>nicht<\/em> die Absichten der Sprecher, letztlich f\u00fcr die Bestimmung illokution\u00e4rer Akte entscheidend sind\u201c (Skinner 2009c: 67, Hervorhebung S.O.). Soweit ich es beurteilen kann, \u00e4u\u00dfert sich Austin, zumindest im Rahmen der unter dem Titel ;How to do things with Words\u2018 herausgegebenen Vorlesungen, v\u00f6llig unmissverst\u00e4ndlich: F\u00fcr die illokution\u00e4ren Akt \u201egilt <em>ausnahmslos<\/em>, da\u00df man sich f\u00fcr sie konventionaler Mittel bedienen <em>mu\u00df<\/em>\u201c (ebd.: 136, Hervorhebungen S.O.).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Was nun perlokution\u00e4res Ziel, was <em>intendiertes<\/em> perlokution\u00e4res Nachspiel und was <em>nicht-intendiertes<\/em> perlokution\u00e4res Nachspiel ist, l\u00e4sst sich vermutlich nur im Einzelfall, von singul\u00e4rem diskursiven Eingriff zu singul\u00e4rem diskursiven Eingriff entscheiden: Wann ist es mein intendiertes \u201aobject\u2018, jemanden zu \u00fcberzeugen, zu bel\u00fcgen, zu t\u00e4uschen, einzusch\u00fcchtern, zu \u00e4ngstigen, von mir zu begeistern, gegen mich aufzubringen, mir gewogen zu machen, wann meine intendierte \u201asequel\u2018, wann eine nicht-intendierte \u201asequel\u2018?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Zu Beginn seines Aufsatzes \u201aInterpretation und das Verstehen von Sprechakten\u2018 (Skinner 2009c: 64ff.) geht Skinner explizit auf Austins These ein, dass ich einerseits Dinge mit Worten tun kann, <em>indem<\/em> ich sie sage (Illokution) und dass ich andererseits bestimmte Wirkungen <em>dadurch<\/em> erzielen kann, <em>dass<\/em> ich etwas \u00e4u\u00dfere (Perlokution). Im Folgenden geht er jedoch, warum auch immer, darauf nicht weiter ein und subsumiert stattdessen <em>alle<\/em> Aspekte unter den Begriffen \u201aillokution\u00e4rer Akt\u2018 und \u201aillokution\u00e4re Kraft\u2018. So bei dem Akt des Warnens, der \u201eerst aufgrund der vielschichtigen Absichten, die in seinen Vollzug eingehen, zu einem Akt des Warnens\u201c (Skinner 2009: 71) wird. Nur hei\u00dft aber zum Beispiel \u201edurch Warnen <em>erschrecken<\/em> oder <em>alarmieren<\/em>\u201c (Searle 1983: 42) nicht, einen illokution\u00e4ren Akt vollziehen, sondern einen <em>perlokution\u00e4ren<\/em> Akt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Hier hat Skinner neben konkreten historischen Diskursen auch die \u201eallgemeinen diskursiven Kontexte\u201c (Skinner 2009: 81) der jeweiligen Zeit im Auge.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Skinner gibt an, dass bereits Austin \u201ezwischen der illokution\u00e4ren und der perlokution\u00e4ren Kraft von Aussagen\u201c (Skinner 2009c: 65) unterscheidet. Dies ist meines Wissens nicht der Fall, zumindest nicht in Lecture IX, die Skinner als Referenz angibt (Austin 1962: 108ff.). In Lecture VIII spricht Austin lediglich von der \u201edoctrine of the different types of function of language (\u2026) as the doctrine of \u201a<em>illocutionary forces<\/em>\u2018 (Austin 1962: 99, Hervorhebung S.O.). An der Stelle, die Skinner zitiert (Austin 1962: 108), spricht Austin hingegen von dem \u201e<em>locutionary act<\/em>\u201c und dem \u201e<em>illocutionary act<\/em>\u201c, den wir vollziehen, letztere sind \u201eutterances which have a certain (conventional) force\u201c (ebd.: 108). Es hadelt sich dabei also um eine \u201a<em>illocutionary force\u2018<\/em>. \u201eThirdly, we may also perform <em>perlocutionary acts<\/em>\u201c (ebd.: 108). Von einer <em>perlocutionary force <\/em>ist hingegen nicht die Rede.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Das ist auch der Grund daf\u00fcr, warum wissenschaftliche Experimente im strengen Sinne nicht unter <em>exakt<\/em> gleichen Bedingungen wiederholbar sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Stefan Oehm (2019b): Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?; auch: Stefan Oehm (2019a): Entwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs &#8218;Kunst&#8216;, in: Mythos Magazin (<a href=\"http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm\">http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm<\/a>).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Der Soziologe Andreas Reckwitz charakterisiert die Sp\u00e4tmoderne als eine Gesellschaft der radikalisierten Singularit\u00e4ten. Mit der gesellschaftlichen Aufwertung des Singul\u00e4ren, Besonderen, Einzigartigen (zu der auch die gegenw\u00e4rtig zu beobachtende Exaltierung des Status der Artefakte geh\u00f6rt, die im Rahmen des Kunstmarktes so gerne als \u201aKunstwerke\u2018 apostrophiert werden) geht eine Abwertung des Standardisierten und Funktionalen einher. \u201eDie allseitige Singularisierung des Sozialen erzeugt also unter gegenw\u00e4rtigen Bedingungen unweigerlich und systematisch strukturelle Asymmetrien und Disparit\u00e4ten\u201c (Reckwitz 2019: 22). Und eben diese sind als soziokulturelle Ph\u00e4nomene \u201eganz \u00fcberwiegend weder geplant noch bewusst herbeigef\u00fchrt worden, sondern das, was Soziologen nichtintendierte Handlungsfolgen nennen\u201c (ebd.: 19). Was also unter dem Namen \u201ainvisible hand\u2018 als Beschreibung des Sachverhalts im Kontext kunsthistorischer oder kunstphilosophischer Betrachtungen so befremdlich anmutet, ist in der Soziologie ein alter Hut, ein l\u00e4ngst bekanntes und beschriebenes Ph\u00e4nomen (cf. Elias 1976: 313ff., auch ebd.: 477). Wer wollte sich da den Erkenntnissen anderer Disziplinen verweigern und hinter ihnen zur\u00fcckfallen?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Es gibt einen Zeitraum verst\u00e4ndnissichernder \u201ediachronischer Identit\u00e4t\u201c (Keller 2014: 132). So vermittelt sich uns, die stets in der jeweiligen Synchronie kommunizieren, der Eindruck einer Bedeutungskontinuit\u00e4t, wo in Wahrheit schleichender Wandel herrscht. Diese \u201adiachronische Identit\u00e4t\u2018 umspannt in der Regel die parallel lebenden und miteinander im Rahmen kooperativer Prozesse geteilter Intentionalit\u00e4t (Tomasello) kommunizierenden Generationen \u2013 also drei bis vier Generationen: W\u00e4re es Mitgliedern der ersten und der f\u00fcnften Generation m\u00f6glich, einander zu begegnen, so w\u00fcrde ihnen der Sprachwandel schnell bewusst werden. Und mit ihm entsprechend auch der Wandel des Gebrauchs des Wortes <em>Kunst<\/em> und der sich daraus entwickelnden Begriffe \u201aKunst\u2018.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Unsere Einbindung in soziokulturelle Systeme und Strukturen beschreibt keinen fatalistischen Zustand, dem wir hilflos ausgeliefert sind. Denn diese Systeme und Strukturen fallen ja nicht einfach vom Himmel, sie sind vielmehr menschengemacht: \u201eEinrichtungen, die in der Tat das Ergebnis menschlichen Handelns sind, nicht die Durchf\u00fchrung eines menschlichen Plans\u201c (Keller 2014: 58). Kollektive, weder intendierte noch geplante kausale Konsequenzen einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen. Das hei\u00dft: Im Kollektiv haben Generationen eben die Systeme und Strukturen konstituiert und etabliert, in die jeder Einzelne von uns hineinw\u00e4chst. So nehmen wir alle (\u201aalle\u2018 im Sinne von \u201ajeder Einzelne\u2018) sowohl am Wandel der so konstituierten und etablierten Systeme und Strukturen aktiv teil als auch an der Konstitution und Etablierung neuer.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Dazu siehe auch den Aufsatz des amerikanischen Ethnologen Clifford Geertz (1987): Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur (S. 7 \u2013 43), in: Dichte Beschreibung \u2013 Beitr\u00e4ge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a.M., Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Mein Eindruck ist, dass es sich auch bei der Sprecher-Intention (H. Paul Grice) um eine Variation der <em>perlocutionary force<\/em>handelt: A will bei B eine ganz konkrete Wirkung erzielen. Das hei\u00dft in diesem speziellen Fall des Meinens, bei dem ja gerade <em>keine<\/em>konventionelle Bedeutung vorliegt: A will B dazu bewegen, dass B erkennt, dass A mit \u00c4u\u00dferung a beabsichtigt, dass B diese Intention von A erkennt und dass B erkennt, dass A mit \u00c4u\u00dferung a beabsichtigt, indem B diese Intention von A erkennt. Einen \u00e4hnlichen Eindruck scheint mir auch der belgische Sprachwissenschaftler Mikhail Kissine zu haben. Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen: Er \u201enennt die vom ihm abgelehnte Strategie der kommunikativen Sprecherintention die perlokution\u00e4re Sicht auf Sprechakte\u201c (Liedtke 2016: 63). In gleicher Weise hat sich bereits 1969 John R. Searle in seinem sprachphilosophischen Essay <em>Speech Acts <\/em>ge\u00e4u\u00dfert: \u201eGrob gesehen l\u00e4uft Grices Bestimmung darauf hinaus, da\u00df Bedeutung unter dem Gesichtspunkt der Absicht, einen perlokution\u00e4ren Akt zu vollziehen, definiert werden mu\u00df\u201c (Searle 1983: 70).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Die Annahme, dass man vom Einfluss dieser unz\u00e4hligen ungenannten und unbekannten \u00c4u\u00dferungen g\u00e4nzlich absehen und sich ausschlie\u00dflich auf die wenigen vorhandenen historisch relevanten Texte als Einflussfaktoren reduzieren kann, ist m.E. daher ebenso ins Reich der Mythologien zu verweisen wie zuvor schon die vier g\u00e4ngigen Pr\u00e4missen der Ideengeschichte, gegen die sich Skinner in seinem Aufsatz wandte (cf. Gallus 2019 sowie hier: Kap. 3).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Die Zuschreibung eines Werks als Kunstwerk durch, zum Beispiel, die Teilnehmer am Kunstmarkt ist kein verbindlicher Ma\u00dfstab f\u00fcr die Zuschreibung dessen, was innerhalb einer Sprachgemeinschaft als Kunst resp. Kunstwerk gilt. Im Kunstmarkt wird nur verhandelt, was <em>dort<\/em> als Kunst zu gelten hat (was viele nicht davon abh\u00e4lt, den Markt mit der Welt zu verwechseln und die dort g\u00fcltige Zuschreibung zu verallgemeinern). Nichtsdestotrotz nimmt nat\u00fcrlich die Zuschreibung durch die Teilnehmer am Kunstmarkt auch Einfluss auf die Zuschreibung innerhalb einer Sprachgemeinschaft\/Kultur\/Epoche. Schon allein deshalb, weil eine Vielzahl der Mitglieder der recht \u00fcberschaubaren Gruppe \u201aKunstmarktteilnehmer\u2018 auch Mitglieder der ungleich gr\u00f6\u00dferen Gruppe \u201aSprachgemeinschaft\u2018 sind (cf. Oehm 2020 passim).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Diese Beschreibung von Skinner klingt weniger nach John L. Austins Theorie der Sprechakte als denn nach dem Modell der geteilten Intentionalit\u00e4t von H. Paul Grice (resp. Michael Tomasello).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Die Auffassung des deutschen Kunstphilosophen Reinold Schm\u00fccker weist in die gleiche Richtung: \u201eWelche Artefakte zur Klasse der Kunstwerke z\u00e4hlen \u2013 die eben nicht mit der Klasse derjenigen Objekte identisch sein muss, die mir oder irgendeinem anderen Sprecher als Kunstwerk gelten \u2013, dar\u00fcber befindet der allgemeine Sprachgebrauch\u201c (Schm\u00fccker 2001: 18, auch Schm\u00fccker 2014: 128ff.). Auch Karlheinz L\u00fcdeking scheint mir in \u00e4hnlicher Weise zu argumentieren. Was zur Klasse der Kunstwerke geh\u00f6rt, ist \u201eals ein unbeabsichtigtes und unvorhersehbares Ergebnis all der mannigfaltigen und konkurrierenden evaluativen Verwendungen des Kunstbegriffs durch unz\u00e4hlige individuelle Sprecher\u201c (L\u00fcdeking 1998: 203) zu denken. Es ist als kollektives, nicht-intendiertes Resultat zahlloser individueller intentionaler Sprachhandlungen ein Faktum intersubjektiver G\u00fcltigkeit. Beide, sowohl Schm\u00fccker als auch L\u00fcdeking, statuieren die Zuschreibung eines Werks als Kunstwerk als Ergebnis des allgemeinen Sprachgebrauchs, erkl\u00e4ren aber nicht, wie sich das Ergebnis ergibt. L\u00fcdeking beschlie\u00dft sogar sein Buch mit der resignativen Feststellung, dass sich diese Frage weder durch die analytische Philosophie der Kunst noch durch die traditionelle Theorie beantworten l\u00e4sst (ebd.: 205). Ein wenig mehr Optimismus w\u00e4re aber m.E. durchaus angebracht, w\u00e4ren sie den einmal eingeschlagenen Weg konsequent weiter gegangen \u2013 Hand in Hand mit der unsichtbaren Hand (cf. Keller 2014 passim, auch: Oehm 2019b: 137, 182ff., 200) und dem vom Einzelnen ausgehenden handlungstheoretischen Modell von H.P. Grice.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Rudi Keller \u00fcbernimmt Bestimmung und Begrifflichkeit der \u201aKomprehension\u2018 von dem amerikanischen Philosophen und Logiker Clarence Irving Lewis. Mit ihm nennt er zudem \u201edie Menge aller existierenden Gegenst\u00e4nde, die unter den Begriff fallen\u201c, \u201aExtension\u2018, die \u201ekorrekte Definition eines Begriffs\u201c \u201aIntension\u2018 (Keller 2018: 119).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"\/\/AE02BFB5-D6D9-464C-84AA-58B856A81628#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Eine Ansicht, die zugegebenerma\u00dfen nicht sonderlich originell ist. Schon der deutsche Kunsthistoriker und Direktor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark (*1852, \u20201914) vertrat sie in \u00e4hnlicher Form (\u201eKunst giebt es in Wirklichkeit gar nicht. Es giebt nur Kunstwerke.\u201c [zitiert nach: Hofmann 1977: 78]), ebenso Ernst Gombrich (\u201eGenau genommen gibt es \u201adie Kunst\u2018 gar nicht. Es gibt nur K\u00fcnstler.\u201c [Gombrich o.J.: 11]) oder auch Werner Hofmann (\u201eEs gibt keine Kunst, sondern nur K\u00fcnste.\u201c [Hofmann 1980: 317, auch: Hofmann 1977: 105]).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Als ein vom Arbeitsziel gebotenes Erfordernis werden bisweilen Begriffe, \u00c4u\u00dferungen oder Texte rein als Begriffe, \u00c4u\u00dferungen oder Texte betrachtet. Ohne internen oder gar externen kontextuellen Bezug, ganz unter lexikalischen, phonetischen, grammatikalisch-syntaktischen, semantischen, zeichentheoretischen oder anderen spezifischen Gesichtspunkten. 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