{"id":70221,"date":"2020-09-19T00:01:14","date_gmt":"2020-09-18T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70221"},"modified":"2022-02-28T19:08:57","modified_gmt":"2022-02-28T18:08:57","slug":"jesus-nietzsche-und-ulrike-meinhof","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/09\/19\/jesus-nietzsche-und-ulrike-meinhof\/","title":{"rendered":"Jesus, Nietzsche und Ulrike Meinhof"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">ein Ausschnitt aus dem Roman &#8222;Der Wolkenhandel&#8220;<\/span><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da war zum Beispiel Lilo. Nick hatte sie auf einer Lesung kennengelernt, die Der Ullrich im Schizzo-Tempel organisiert hatte, einem wahrlich abgewrackten, ranzigen Ort. Das war rund drei Monate nachdem Der Ullrich und er den CutUp-Generator installiert hatten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Schizzo-Tempel ist der abgefuckteste Ort, den ich kenne\u201c, hatte Der Ullrich gegen\u00fcber Nick geschw\u00e4rmt: \u201eNur Suchtkranke und andere Verr\u00fcckte. Bis jetzt gab es an jedem Abend, an dem ich dort war, eine Schl\u00e4gerei!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu betonst das, als handele es sich um eine besondere Attraktion, die der Wirt sich ausgedacht hat\u201c, entgegnete Nick belustigt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGenau. Ab acht gibt\u2019s Pizza-Baguettes f\u00fcr zwei Euro, und ab zehn ne Schl\u00e4gerei!\u201c Er sagte es so, als w\u00fcrde er es ernst meinen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWei\u00df das deine Freundin, wenn sie dort lesen soll?\u201c fragte Nick besorgt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Schizzo-Tempel ist f\u00fcr Lilos Gedichte genau der richtige Ort\u201c, antwortete Der Ullrich ausweichend, aber \u00fcberzeugt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum bestand vorwiegend aus Verr\u00fcckten, Alkoholikern und anderen suchtkranken Menschen, teils ehemalige Hausbesetzer, die nach R\u00e4umung ihres Hauses zu gew\u00f6hnlichen obdachlosen geworden waren, oder Obdachlose, die nur vor\u00fcbergehend in einem besetzten Haus Unterschlupf gefunden hatten, mit einem vage, aber gleichwohl radikalem linken Bewusstsein, denen es f\u00fcrs Leben im selbstorganisierten Kollektiv allerdings an sozialer Kompetenz fehlte, wenn sie nicht sogar unter handfesten Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen litten, andere Punks und ausgeflippte, gerade erst frisch aus der Haft entlassene Str\u00e4flinge auf der Suche nach Anschluss, Drogendealer, die in all diesen Leuten mehr oder weniger zurecht ihr potentielles Zielpublikum witterten, sowie ein paar wenige marxistisch gepr\u00e4gte Intellektuelle in der so irrigen, wie utopischen Hoffnung, in diesem chaotischen Pulk aus armseligen und gescheiterten Existenzen ebenfalls ein Zielpublikum f\u00fcr ihre Agitation zu finden. Die Atmosph\u00e4re in diesem Lokal war h\u00f6llisch: die einen stritten, andere lallten betrunken oder schlichtweg irre vor sich hin, noch wieder andere schliefen, den Kopf auf die Tischplatte gelegt, kranke und vor Krankheit riechende Hunde streunten zwischen den Beinen der Tische, St\u00fchle und Besucher \u2026 und in diesem Ambiente also hatte Der Ullrich eine Lesung f\u00fcr Lilo organisiert \u2026 f\u00fcr Nick glich es schon einem Abenteuer, sich nur einen Weg durch die Leute zur Theke zu suchen und ein Bier zu bestellen, w\u00e4hrend er von mehreren Seiten angequatscht wurde und dabei versuchte, sich einerseits in keine Dialoge verwickeln zu lassen, andererseits nicht arrogant zu wirken und dadurch Argwohn auszul\u00f6sen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings, es war wie ein Wunder: die Leute konnten noch so betrunken oder verr\u00fcckt sein, sie merkten immer, wenn jemand unsicher war oder eine Schw\u00e4che verbergen wollte, und so hielt ihn schon drei Meter vorm Tresen ein Typ auf, der lachte: \u201eEyh, Mann, ich wei\u00df, dass du mich nicht magst, aber wei\u00dft du was, das ist mir schei\u00dfegal!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch wei\u00df nicht, ob ich dich nicht mag, ich kenne dich ja nicht\u201c, antwortete Nick betont vern\u00fcnftig und eigentlich auch nicht ganz ehrlich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEyh Mann, ich kenne dich auch nicht!\u201c erwiderte der Mann, \u201eAber wei\u00dft du was, das ist mir auch schei\u00dfegal. Ich quatsch die Leute einfach an, ich bin so `n Typ, ich denke mir, eyh Mann warum nicht, quatsch doch die Leute einfach an!\u201c Und er umarmte Nick, wie bei einem christlichen Ritual, und dr\u00fcckte ihn fest an sich.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nick erwiderte den herzlichen Druck, machte sich aber sogleich wieder los und sagte: \u201eDu bist ein netter Typ, alles klar Mann!\u201c klopfte ihm auf die Schulter und k\u00e4mpfte sich weiter vorw\u00e4rts Richtung Tresen, das ersehnte Bier bestellen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJau Mann, bis sp\u00e4ter!\u201c rief der Typ ihm nach.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurzum: die kurze Expedition zum Tresen und zur\u00fcck war f\u00fcr Nick ein kleines Abenteuer, und er war froh, als er mit dem Bier in der Hand endlich wieder halbwegs sicher hinter seinem Tisch in der Ecke sa\u00df. Er bereute schon, sich nicht gleich zwei Bier auf Vorrat besorgt zu haben, so musste er ja gleich nochmal los, und \u00fcberlegte, wie er Den Ullrich \u00fcberreden k\u00f6nnte, ihm das n\u00e4chste Bier mitzubringen, als der Tisch wackelte. Ein Hund hatte das Tischbein mit seinen Z\u00e4hnen gefasst und zerrte daran wie an einem Kaninchen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKeine Sorge, der Hund schnappt nur nach Tisch-, nicht nach Menschenbeinen, das habe ich ihm abgew\u00f6hnt\u201c, erkl\u00e4rte ein Typ mit glasigem Blick f\u00fcrsorglich, der neben seinen Hund auf dem Boden kroch. Er wirkte erstmal nicht wie jemand, der sich mit Hundedressuren gut auskannte, beziehungsweise viel Zeit und Energie dahinein investierte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNa, hoffentlich hat\u2019s geklappt\u201c, murmelte Nick ohne ihn anzugucken.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Mann hatte das nicht mehr geh\u00f6rt, sondern begann mit einer Hands\u00e4ge, keine Ahnung, wo er die her hatte, das Tischbein anzus\u00e4gen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Tischbein, das brauche ich\u201c, kommentierte er sein S\u00e4gen. \u201eDas brauche ich f\u00fcr meinen Hund zum Amputieren.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eApportieren\u201c, korrigierte ihn Nick.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, aber bevor mein Hund es apportieren kann, muss ich es dem Tisch amputieren.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann er\u00f6ffnete Der Ullrich die Lesung. Er stand auf dem kleinen Podest am anderen Ende des Raumes und k\u00fcndigte Lilo an: \u201e \u2026 sch\u00f6n, dass ihr alle gekommen seid \u2026\u201c \u2013 ein echter Witz, dachte Nick, schlie\u00dflich war kaum einer ihretwegen hier; Lilo konnte schon froh sein, wenn ihr jemand blo\u00df zuh\u00f6rte, nein, noch weniger: wenn sie jemand blo\u00df registrierte und weniger L\u00e4rm verursachte. Die beiden schien das nicht zu st\u00f6ren, sie stellten sich in Pose wie bei einer konventionellen Lesung, sprachen betont und gemessen, so als bef\u00e4nden sie sich\u00a0 in einer Stadtbibliothek oder einer Buchhandlung, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen G\u00e4ste weiter vor sich hin redeten, mit den Bierflaschen auf den Tisch schlugen oder ganz unbehelligt ihre Drogengesch\u00e4fte abwickelten, und dann begann Lilo bed\u00e4chtig ihre h\u00f6chst komplexen, verstiegenen, gedrechselten, anspielungsreichen Gedichte zu lesen. Wort f\u00fcr Wort, Zeile f\u00fcr Zeile, Gedicht f\u00fcr Gedicht referierte sie sich durch ihr Programm. Nick f\u00fchlte sich ganz eigenartig ber\u00fchrt, es hatte was Absurdes, aber auch R\u00fchrendes.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lilo packte ihre Gedichte an wie kulturwissenschaftliche Hausarbeit. In der Regel hatten ihre Gedichte stets ein besonderes Thema, zum Beispiel die Milit\u00e4rdiktatur in Chile oder der Regierungswechsel in Griechenland, manchmal waren es besondere Ereignisse, wie die Ausb\u00fcrgerung Wolf Bier\u00admanns aus der DDR, oder auch besondere Pers\u00f6nlichkeiten wie Edward Snowden oder Hedda Gabler. Zun\u00e4chst einmal recherchierte sie Quellen, sammelte Material, das sie verarbeitete, aber auch auf sich wirken lie\u00df und nachsp\u00fcrte, was f\u00fcr Bilder in ihr auftauchten, welche Emotionen dabei ent\u00adstanden. Sie versuchte einen eigenen, subjektiven Zugang zum Thema zu finden, von dem aus sie das Material umstrukturieren, neu sortieren konnte, bis der Text so gehaltvoll wurde wie f\u00fcr einen Essay; aber sie machte ein Gedicht mit sechs Strophen daraus, hochverdichtet und lyrisch verfremdet, so dass schon normale, konzentrierte, nicht betrunkene Zuh\u00f6rer gr\u00f6\u00dfere Probleme bekamen, ihrem Netz aus Anspielungen und Sinnverweisungen zu folgen. Hier, im Caf\u00e9 Schizzo-Tempel erschien ihr Vortrag komplett hoffnungslos.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAls n\u00e4chstes m\u00f6chte ich ein Gedicht \u00fcber Ulrike Meinhof vortragen\u201c, sagte Lilo.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eYeah!\u201c rief ein ranziger Typ neben Nick. Und dieses Yeah war durchaus freundlich gemeint, machte aber auch eine Menge Druck, fand Nick, denn es schwang etwas mit wie: na los jetzt, Puppe, jetzt muss aber endlich mal was kommen! Ein Ton wie: zieh\u2018 dich aus, Puppe!, und er bekam Angst um Lilo, aber vielleicht kam es ihm auch nur so vor.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn dem Gedicht geht es um Ulrikes Entscheidung, sich der terroristischen RAF-Gruppe anzuschlie\u00dfen\u201c, erkl\u00e4rte Lilo vorab: \u201eAlso aus der friedlichen Protestbewegung den Schritt in die Illegalit\u00e4t zu gehen. Ich m\u00f6chte von dieser Entscheidung aus auf Ulrikes Leben blicken und sie als Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis ihrer Pers\u00f6nlichkeit nehmen. Das ganze Dilemma ihres Schicksals b\u00fcndelt und spiegelt sich in dieser Entscheidung\u201c, erkl\u00e4rte sie bedeutungsvoll, als h\u00e4tte sie den heiligen Gral entdeckt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eH\u00f6r auf zu quatschen, fang an!\u201c br\u00fcllte der Typ von vorhin schon.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDann halt die Klappe, Mann, denn jetzt geht\u2019s los!\u201c gab sie zur\u00fcck.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nick verstand von dem Gedicht nur einzelne Abs\u00e4tze, der Rest ging im \u00fcblichen Kneipenl\u00e4rm unter, Zeilen wie: \u201e<em>Greifst mit dem Arm in den Abgrund \/ den Du f\u00fcr eine Wurzel h\u00e4lst<\/em>\u201c, oder: \u201e<em>In der Sekunde nur ein Schritt \/ der einen Spalt in die Welt rei\u00dft \/ und auch durch uns, durch jedes Plenum, durch jede Partei\u201c<\/em>, und: <em>\u201eSteigst du ab aus der Gesell\u00adschaft \/ weil du das Netz der Schuld zerrei\u00dfen willst \/ das Nietzsche nicht ans Kreuz \/ sondern in den Wahnsinn trieb.\u201c<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sowie schlie\u00dflich: <em>\u201eUnd gei\u00dfelst dich selbst \/ die Peitsche ist deine Konsequenz \/ unter Autobahnbr\u00fccken, in Neubausiedlungen \/ in den vernagelten Diskussionen \/ der Jungen, mit mehr Wut als Verstand \/ schon strukturell nicht zum Siegen gedacht \/ sondern als M\u00e4rtyrium angelegt \/ von deinem Unbewussten \/ in doch sonst so hellem Verstand.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum freilich nahm den Text kaum zur Kenntnis, insofern die Leute nicht einfach weiterredeten, glotzten sie in das dunkle Glas ihrer Bierflaschen oder stierten vor sich hin, nicht sichtbar, ob sie der Lesung lauschten oder im Nebel ihres eigenen Bewusstseins verschwanden, vermutlich aber wohl eher letzteres, dachte Nick. In einer hinteren Ecke des Raumes erbrach sich sogar ein Punk auf den Boden, doch auch ohne Bezug auf Lilos Vortrag, sondern einfach nur weil er zu viel getrunken hatte oder die Drogen schlecht waren. Schlie\u00dflich wurde die Lesung von einem jungen, offenkundig psychotischen Punker beendet, der Lilo auf der B\u00fchne als \u201eHexe\u201c und \u201ehinterh\u00e4ltige Fotze\u201c beschimpfte, was sie, Der Ullrich und Nick zuerst auf den Inhalt ihres Gedichts bezogen, bis sich im Verlauf herausstellte, dass der Typ sie verwechselte und f\u00fcr irgendeine andere Frau hielt, die ihn vor einigen Jahren in Bremerhaven mal aus ihrer Wohnung geworfen hatte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So oder so war die Luft raus. Eine sonderbare Veranstaltung. Doch f\u00fcr Lilo selbst waren Lesungen wie diese offenbar nichts Ungew\u00f6hnliches: \u201eSchade, ich h\u00e4tte gern noch mein Gedicht zu Hannah Arendt gelesen, das h\u00e4tte bestimmt auch gut hier reingepasst \u2026\u201c, sagte sie zu Dem Ullrich, als sie sich mit je einer Flasche Bier in der Hand zu Nick an den Tisch setzten. Dabei klang Lilo \u00fcberhaupt nicht ver\u00e4rgert oder entt\u00e4uscht, sondern lediglich ersch\u00f6pft, weil Vorlesen eben anstrengend ist, wie jede Arbeit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eZum Schluss wurden die Leute ja etwas unruhig\u201c, sagte Lilo.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Zum Schluss<\/em>?!\u201c br\u00fcllte Nick und bereute eine Sekunde sp\u00e4ter seine drastische Reaktion: \u201eEs hat doch <em>die ganze Zeit<\/em>kaum jemand zugeh\u00f6rt!\u201c erg\u00e4nzte er leiser.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNaja\u201c, sagte Lilo traurig. Als ob ich sie gekr\u00e4nkt habe, dachte Nick entsetzt, und wie um es wieder gut zu machen, aber durchaus auch aus ehrlichem Interesse, sagte er: \u201eDas Gedicht \u00fcber Ulrike Meinhof hat mir wirklich gut gefallen. Leider habe ich nicht alles verstanden, aber diese Zeile mit der Schuld, der gro\u00dfen Schuld, \u00e4\u00e4h \u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDie kleine Schuld ist f\u00fcr dich die gro\u00dfe Schuld \/ die gro\u00dfe Schuld ist f\u00fcr dich die kleine Schuld\u201c<\/em>, erg\u00e4nzte Lilo l\u00e4chelnd.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGenau\u201c, erwiderte er und zeigte mit dem Finger auf Lilo: \u201eGenau die Zeile meinte ich, das hat was, also die Idee, dass Ulrike Meinhof subjektiv meinte, nur die Wahl zu haben zwischen zwei verschiedenen Sorten des Schuldigwerdens \u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war nicht ganz klar, ob sie Nicks Frage als Akt der Wiedergutmachung durchschaute oder sich ehrlich \u00fcber sein Interesse freute &#8211; sie reagierte absolut professionell, wie eine K\u00fcnstlerin, die beruflich Auskunft \u00fcber ihre Werke erteilt: \u201eJa, ich sehe Ulrikes Entscheidung, den Schritt aus dem legalen Widerstand in den kriminellen, terroristischen Widerstand zu gehen, nicht nur als eine konsequente politische Entscheidung, sondern interpretiere sie vor allem theologisch als Bu\u00dfe. Das normale Leben verstehe ich als das unbek\u00fcmmerte, angenehme Leben, es ist gewisserma\u00dfen erkauft durch eine Verstrickung in Schuld, eine Verstrickung freilich, der niemand entkommen kann: man kauft Nestle-Produkte und unterst\u00fctzt damit den Hunger in der dritten Welt, man f\u00e4hrt mit dem Bus, der von Mercedes Benz gebaut ist, die Waffengesch\u00e4fte im Nahen Osten t\u00e4tigten \u2026<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dieser universellen Verstrickung in Schuld, der jeder Mensch unterliegt, der sich nicht als Eremit in eine Waldh\u00f6hle zur\u00fcckzieht, sondern ein normales Leben in der Gesellschaft f\u00fchrt, unter dieser Verstrickung, wie gesagt, hat Friedrich Nietzsche schon Ende des 19ten Jahrhunderts gelitten. Darum erw\u00e4hne ich ihn in meinem Gedicht, weil ich die Unvermeidlichkeit dieser Schuldigkeit betonen m\u00f6chte. Und anders als man es nach der Lekt\u00fcre des \u201eAntichristen\u201c glauben k\u00f6nnte, empfand Nietzsche durchaus Sympathien f\u00fcr Jesus Christus, insbesondere f\u00fcr dessen F\u00e4higkeit zum grenzenlosen Mitleiden, die er auch in sich gefunden zu haben meinte, so dass er sich kurz vor seinem Wahnsinn um 1884 in Briefen selbst auch als \u201eden Gekreuzigten\u201c bezeichnete. Christus wurde dar\u00fcber zum M\u00e4rtyrer, dem eine neue Religion folgte, Nietzsche zum Wahnsinnigen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese lyrische Gegen\u00fcberstellung von Nietzsches Wahnsinn und Christus Kreuzigung ist sehr zentral f\u00fcr meine Interpretation Ulrikes Entscheidung, in den terroristischen Untergrund zu gehen\u201c, erkl\u00e4rte sie und hob den Finger (\u201eAchtung! Wichtig!\u201c), als w\u00e4re es nicht ihr eigenes Gedicht, sondern ein kanonischer Text, den sie interpretierte. \u201eEs ist n\u00e4mlich die besondere Pointe in meiner Betrachtung, den Schritt in den blutigen Kampf der Terroristen nicht nur als politische Konse\u00adquenz zu verstehen, sondern als Bu\u00dfe. Indem Ulrike n\u00e4mlich ein gutes, aber schuldiges Leben aufgab, um stattdessen ein Leben im Untergrund zu f\u00fchren, in st\u00e4ndiger Angst vor der Polizei sich verstecken zu m\u00fcssen etc. vollzog sie eben nicht nur eine politische Konsequenz, sondern sie \u00fcbte vor allem Bu\u00dfe f\u00fcr ihre Verstrickung in Schuld; sicherlich eine h\u00f6chst blutige Bu\u00dfe, f\u00fcr die auch eine Menge fremder Leben geopfert wurden.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist toll\u201c, sagte Nick, jetzt ehrlich beeindruckt von ihrer Analyse, den Querverbindungen und gezogenen Schl\u00fcssen, \u201eDas ist wirklich toll. Dieses coole Verst\u00e4ndnis von Jesus, Nietzsche und Ulrike Meinhof, das gef\u00e4llt mir gut. Aber ausgerechnet hier im Schizzo-Tempel, wo doch kein Mensch die n\u00f6tige Ruhe zum Zuh\u00f6ren mitbringt. Selbst diejenigen, die zuh\u00f6ren wollten, konnten sich vor lauter Entzugssymptomatik kaum konzentrieren!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas stimmt\u201c, gab sie zu: \u201eAber ich kann nur lesen oder nicht lesen. Wenn ich nicht lese, h\u00f6rt mich erst recht niemand; wenn ich lese, habe ich zumindest eine Chance!\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er, Nick wusste nicht, ob er sie mehr bewunderte oder bedauerte. Er bedauerte sie, weil sie die Bedeutung ihres lyrischen Werks so ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzte, weil sie sich Illusionen machte und selbst eine total unsinnige Veranstaltung wie diese f\u00fcr sich subjektiv noch als Erfolg verbuchte; doch er bewunderte sie zugleich wegen ihrer Hartn\u00e4ckigkeit, einfach weil sie nur ihr Ding durchzog, ohne sich um die Resonanz zu k\u00fcmmern oder von fehlender Resonanz den Spa\u00df nehmen zu lassen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"fontSize\":\"large\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p>Einen Hinweis zu <strong>Clockwork Orwell<\/strong><i>. \u00dcber die kulturelle Wirklichkeit negativ-utopischer Science-fiction <\/i>von Thomas N\u00f6ske, finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/01\/fortschrittspessimisten\/\">hier.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98312\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/social-beat-umschlag.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/social-beat-umschlag.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/social-beat-umschlag-160x224.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/strong><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a> (und als Leseprobe ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/30\/hausaffentango\/\">Hausaffentango<\/a>). Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Aufmerksamkeit<\/a> einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe <em>Gossenhefte<\/em> zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. J\u00fcrgen Kipp \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/01\/geschichte-und-aufgaben-des-mainzer-minipressen-archives-mmpa\/\">Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives<\/a>. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":65501,\"width\":287,\"height\":413,\"sizeSlug\":\"large\"} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph \/-->\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ein Ausschnitt aus dem Roman &#8222;Der Wolkenhandel&#8220; &nbsp; Da war zum Beispiel Lilo. Nick hatte sie auf einer Lesung kennengelernt, die Der Ullrich im Schizzo-Tempel organisiert hatte, einem wahrlich abgewrackten, ranzigen Ort. 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