{"id":69697,"date":"2020-11-22T00:01:00","date_gmt":"2020-11-21T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69697"},"modified":"2022-03-01T09:03:48","modified_gmt":"2022-03-01T08:03:48","slug":"hommage-a-kuwitter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/22\/hommage-a-kuwitter\/","title":{"rendered":"Hommage a Kuwitter"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer zu diesem volumin\u00f6sen Roman \u00fcber eine au\u00dfergew\u00f6hnliche K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit greift, der sollte im vorab ver\u00f6ffentlichten Leseexemplar das Interview mit der Autorin \u00fcber die Art und Weise lesen, wie sie das Leben von Kurt Schwitters (1888 bis 1948) unter den Bedingungen von Flucht und Jahren des Exils in Norwegen und England beschreibt. Von einem Roman ist da die Rede, in dem Ulrike Dreasner die zw\u00f6lf Exil-Jahre von Kurt Schwitters &#8211; zwischen 1936 und 1948 \u2013 unter spezifischen Blickwinkeln literarisch verarbeitet, von einer Biografie, \u201edie mit der Gattung der Biografie spielt\u201c. Mehr noch: von Life Writing, das von dem \u201eVerlust von Heimat, Ehepartner, Werk und Publikum\u201c berichtet und von der Kraft des Ausnahmek\u00fcnstlers Schwitters, \u201edem allen zu widerstehen\u201c. Nicht minder kompliziert war die umfangreiche Recherche der Autorin, die im Oktober 2015 als Writer in Residence in Oxford die Bekanntschaft einer Mittelalterforscherin (!) machte. Sie weihte Ulrike Dreasner in die wesentlichsten Daten der englischen Jahre Schwitters zwischen 1940 und 1948 mit einer solchen fulminanten Hingabe ein, dass die so \u201ehingerissene\u201c Schriftstellerin mit dem intuitiven Bekenntnis \u201eDas ist mein Mann\u201c sich sofort ans Werk machte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Von welch immensen Schwierigkeiten die Recherche in den folgenden vier Jahren begleitet waren, zeigt bereits die lockere Auflistung der Institutionen und Personen, mit denen es die Autorin bei der Aufarbeitung der biografischen und werkspezifischen Fakten zutun hatte. Kurt-und-Ernst-Schwitters-Stiftung in Hannover, Tate Gallery in London, die Lebens- und Schaffensorte von Schwitters im englischen Lake District, der Kontakt zu Bengt Schwitters, \u201edem einzigen Angeh\u00f6rigen meines Sub-Ob-jektes Ku-Kurt-Schwitters\u201c, um nur einige zu nennen. Und die folgende freim\u00fctig genannte Warnung: Biografien stellen \u201eein turbulentes, wachsendes und so ein- wie niedertr\u00e4chtiges Genre dar, in dem die Autorin \/ der Verfasser bestenfalls als eine Art Auftischservice gelten kann.\u201c Diese Warnung, dem Leser gleichsam post festum pr\u00e4sentiert, enth\u00e4lt eine Reihe von ironisch verklausulierten Bekenntnissen, die nach der aufmerksamen Lekt\u00fcre von rund 450 Seiten manch dunkle Felder aufhellen. Sie schlie\u00dfen nicht aus, dass diese Nicht-Biografie eines verkannten Genies in einigen Passagen den Zugang zu kunstspezifischen R\u00e4umen erlaubt, die in den werkspezifischen Monografien zu Schwitters bislang nur am Rande aufgearbeitet wurden. Eine vorl\u00e4ufige Einsicht, die ebenso wie das Bekenntnis der Autorin, \u201e<em>Schwitters<\/em> ist kein K\u00fcnstlerroman, auch ein Scheink\u00fcnsterroman w\u00e4re eine noch allzu hoffnungsvolle Konstruktion,\u201c die wesentliche Gestaltungsprinzipien dieses merkw\u00fcrdigen Romans erl\u00e4utert und zugleich verwischt, wie die Autorin bekennt: \u201eSchwitters wurde auf Englisch geschrieben, ins Deutsche \u00fcbersetzt. So der Plan. Er scheiterte. Schwitters auf Deutsch erwies sich als ausgesprochen bockig. Er wollte um ein deutsches Leben anwachsen und fr\u00fcher aufh\u00f6ren als der englische Text. \u2026 Das Ergebnis ist ein deutscher Kurt, der unter einem englischen Kurt schwimmt und ein \u201ewitternder Schwitters\u201c, der \u201eS\u00fc\u00dfigkeiten witterte \u2026 von weitem, er nahm zu \u2013 in England allerdings auch wieder ab.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle bekennt der Rezensent, dass die Autorin \u201eihren\u201c Schwitters in ein vielschichtiges, oft verwirrendes metaphorisches Wahrnehmungsfeld eingebettet hat, auf dem die Konturen einer dreifachen Exil-Welt eingebrannt sind. Im Roman sind sie als das deutsche und das englische Leben (Kapitel 1 und 2) markiert, wobei das Zwischenexil in Norwegen zwischen 1937 und 1940 in das Kapitel 1 integriert ist. Kapitel 3, das Nachleben, besch\u00e4ftigt sich aus einer multiperspektivischen Sicht mit dem k\u00fcnstlerischen Erbe Schwitters, vornehmlich aus dem Blickwinkel von Ernst, dem Sohn von Kurt Schwitters, und dessen englischer Geliebte Wantee aus den Jahren 1942 bis 1948.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Ausgangspunkt der Romanhandlung bildet eine Alltagssituation am Wohnort der Schwitters in der Walhausenstra\u00dfe 5, in Hannover am 12. Oktober 1936. Helma und Kurt Schwitters werden Zeuge, wie das Haus ihres Nachbarn Albert Tossioni, j\u00fcdischer Abstammung, dessen Vorfahren seit vielen Jahren in Deutschland ans\u00e4ssig waren, von der Gestapo zwangsger\u00e4umt wird. Der Terror ist Bestandteil des Alltags in Reichsdeutschland, der Rassenwahn nimmt Konturen an, das dem deutschen Wesen \u201efremde\u201c Gedankengut wird ausgemerzt und ihre Tr\u00e4ger auf deren physische Vernichtung vorbereitet. So wie auch die \u201eentartete\u201c Kunst von Kurt Schwitters, dessen Haus regelm\u00e4\u00dfig von Gestapobeamten heimgesucht wird, wobei trotz aller Rettungsversuche seiner r\u00fchrigen Ehefrau Helma manches \u201ebizarre\u201c Teilelement aus dem Gesamtkunstwerk MERZ von der Nazi-Staatsmacht beschlagnahmt wird und in irgendwelchen \u201eGiftbunkern\u201c verschwindet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesen Monaten des Jahres 1936 verdichten sich die Fluchtpl\u00e4ne der Schwitters. Sohn Ernst, Jg. 1918, lebt bereits in der N\u00e4he von Oslo, Kurt hat ihn mehrmals dort besucht, wie auch Helma. Nun gilt es f\u00fcr die Familie die Frage zu l\u00f6sen, wer soll Kurts k\u00fcnstlerisches Werk in Hannover vor den Nazis sch\u00fctzen wie auch die Immobilien der Schwitters verwalten? Dabei geht es vor allem um das seit 17 Jahren im dreist\u00f6ckigen Vaterhaus, neben der Wohnung seiner Eltern, entstehende Gesamtkunstwerk MERZ. In der einf\u00fchlsamen und zugleich ber\u00fchrend-vision\u00e4ren Beschreibung \u00f6ffnet die Autorin ihren Lesern\/innen einen gleichsam vierdimensionalen Leseraum, in dem zwei Wahrnehmungsstrategien aufeinander treffen. Es sind Kurt Schwitters Gestaltungsvisionen und Ulrike Dreasners phantasiegeladene Wahrnehmungsbilder, die sich zu einem Simultanerlebnis b\u00fcndeln (vgl. S. 47f.).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Helma entschlie\u00dft sich in Hannover zu bleiben, sich gleichsam f\u00fcr Kurts Meisterwerk zu opfern. Doch das Werk kann sie nicht retten, es wurde 1943 von einer englischen Brandbombe zerst\u00f6rt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schwitters bereits zwei weitere MERZ-Bauten unvergleichbar kleinerer Dimension an zwei Orten in Norwegen gestaltet, ein vierter schlie\u00dflich, ein englischer MERZbarn, entsteht im Lake District. Zwischen diesen vier Schaffensorten bildet sich ein narrativ-intensiver Plot heraus, in dem vier zentrale Personen aus der Perspektive einer flexiblen auktorialen Erz\u00e4hlerin ihre Empfindungen und Positionen in einer Handlung zum Ausdruck bringen, die zwischen ablaufender Handlung und kommentierten inneren Monologen pendelt. Auf diese Weise wird selbst Kurt Schwitters als Leitfigur nur ebenso viel Reflexions- und Handlungsraum wie Helma, Ernst oder Wantee gew\u00e4hrt. Diese narrative Strategie erfordert allerdings ein hohes Ma\u00df an Reflexion von Seiten des Lesers, der stets auf der Hut sein muss bei der Bewertung der jeweiligen Aussage. Sie erweisen sich oft als ironische Kommentare (wie Verspottung der Nazi-Schergen, Kurts holpriges Englisch im Umgang mit mittelenglischen Dorfbewohnern, norwegische Beamte auf der Suche nach deutschen Spionen unter politischen Exilanten kurz vor der milit\u00e4rischen Invasion von Norwegen durch die Nazis), oder sind n\u00fcchterne Beobachtungen und Beschreibungen deutscher wie auch englischer Untertanen-Mentalit\u00e4t. Sie erfordern nicht selten eine r\u00fcckversichernde Lekt\u00fcre, die sich in der Summe als eigenwilliger, sensibler Dialog zwischen den Personen im Roman erweist. Und dar\u00fcber hinaus auch deutliche Hinweise auf das umfangreiche fr\u00fche literarische Werk von Schwitters enthalten. Es sind die markanten Spuren dadaistischer Verse, die frechen, bewusst gebrochenen Rhythmen, in denen auch Schwitters ber\u00fchmtes Poem \u201e<em>Anna Blume, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne<\/em>\u201c aus dem Jahr 1919 wieder zum Leben erweckt werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts solch lustvoller Textspielereien wirkt da der besorgte abschlie\u00dfende rechtliche Hinweis der Autorin (vgl. S. 474), hier handele es sich um einen Roman, der \u201edie Freiheit der Kunst preist\u201c und \u201eerz\u00e4hlt, was nicht gesagt wurde, nicht gesagt werden konnte, [\u2026] er bewohnt das privilegierte Reich der Fiktion\u201c, wie eine \u00fcberfl\u00fcssige Schutzbehauptung. Dieser erste umfangreiche Roman \u00fcber tragische und zugleich ungew\u00f6hnlich schaffensreiche Jahre im Leben eines Jahrhundert-K\u00fcnstlers bereichert nicht nur die hochspezialisierte kunstwissenschaftliche Schwitters-Rezeption der 1960er bis 1990er Jahre, er f\u00fchrt seine Leser\/innen vor allem in das gl\u00fcckliche, stets bedrohte und oft scheiternde Leben eines Ausnahme-K\u00fcnstlers ein, der mit seinen materialisierten Visionen einen phantasiegeladenen Blick in das 21. Jahrhundert wirft. Ein Roman also, der Leben und Schaffen von Kurt Schwitters mit viel Witz, raffinierter Erz\u00e4hltechnik und Einf\u00fchlverm\u00f6gen erz\u00e4hlt, ein Roman, der auf ungew\u00f6hnliche Weise das Innenleben eines K\u00fcnstlers mit raffinierten Wort- und Satz-Collagen offenbart. \u00a0\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<div id=\"attachment_5286\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5286\" class=\"size-full wp-image-5286\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"315\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters-209x300.jpg 209w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5286\" class=\"wp-caption-text\">Kurt Schwitters, vor 1927, auf einer Fotografie von Genja Jonas<\/p><\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>SCHWITTERS<\/strong>. Roman von Ulrike Draesner. M\u00fcnchen (Penguin Verlag) 2020<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer zu diesem volumin\u00f6sen Roman \u00fcber eine au\u00dfergew\u00f6hnliche K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit greift, der sollte im vorab ver\u00f6ffentlichten Leseexemplar das Interview mit der Autorin \u00fcber die Art und Weise lesen, wie sie das Leben von Kurt Schwitters (1888 bis 1948) unter den&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/22\/hommage-a-kuwitter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[474,1158],"class_list":["post-69697","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kurt-schwitters","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=69697"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101356,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69697\/revisions\/101356"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=69697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=69697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=69697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}