{"id":69690,"date":"2020-09-25T00:01:00","date_gmt":"2020-09-24T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69690"},"modified":"2022-02-27T15:00:41","modified_gmt":"2022-02-27T14:00:41","slug":"annotation-deutschland-archiv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/09\/25\/annotation-deutschland-archiv\/","title":{"rendered":"Annotation: Deutschland Archiv"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die grenz\u00fcberschreitende Erforschung und Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialistischen Regimes wie auch die Dokumentierung der Straflager im Herrschaftsbereich der Siegerm\u00e4chte \u00a0geh\u00f6rte nach 1990 zu den Aufgaben der sich etablierenden b\u00fcrgerrechtlichen Gruppierungen und den Landeszentralen f\u00fcr politische Bildung. Beide Institutionen setzten sich im Freistaat Sachsen mit einem schwerwiegenden Problem auseinander. In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR wurden zwischen 1945 und 1989 unter dem ideologisch verbr\u00e4mten Begriff \u201afriedliebende sozialistische Nachbarstaaten\u2019 eine Politik der kommunistischen Machtstabilisierung betrieben. Dieser Tatbestand traf auch f\u00fcr das nach 1945 neugeschaffene L\u00e4nderdreieck in der Oberlausitz zu, in dem es zu einem tiefgreifenden Bev\u00f6lkerungswandel kam, ohne dass es aufgrund dieser Grenzverschiebungen zu einer wesentlichen Ann\u00e4herung polnisch-, tschechisch- und deutschsprachiger Grenzbewohner gekommen w\u00e4re.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso unwissender blieben auch die um- und neu angesiedelten Bewohner\/innen der Oberlausitz \u00fcber die zahlreichen Arbeits- und Vernichtungslager in ihrer n\u00e4heren und weiter entfernten Nachbarschaft. Sie durften auch nicht, wie es der Leiter der Umweltbibliothek Gro\u00dfhennersdorf Andreas Sch\u00f6nfelder in seinem Vorwort formuliert, \u201e\u00fcber die neuen Grenzen, ihr Zustandekommen und die Folgen \u2026 zwei Generationen\u201c lang sprechen und reflektieren. Auch nach der Wende 1989\/90 sei eine weitestgehend leere H\u00fclle entstanden, in der das historische Ged\u00e4chtnis ausgel\u00f6scht war und \u201edurch eines ersetzt, dass kaum noch Anhaltspunkte bot, um sich, nun ja in Freiheit, fragend zu begegnen. Die Sprachbarriere tat ihr \u00dcbriges.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wie k\u00f6nnte nun angesichts dieses ethnischen, psychomentalen und grenz\u00fcberschreitenden sprachlichen Dilemmas eine Aufarbeitung dieser Zwangsgeschichte aussehen? Sch\u00f6nfelder zeigt einige Aufgabenbereiche auf, die an die in der Umweltbibliothek bereits geleistete Arbeit ankn\u00fcpfen. Dazu geh\u00f6ren Projekte zur Belebung regionaler Identit\u00e4tsbildung, welche aus polnischer, tschechischer und deutscher Perspektive in grenz\u00fcbergreifenden Begegnungen, die die verheerenden Auswirkungen von diktatorischer Gewalt und psychomentaler Erniedrigung b\u00fcrgernah diskutieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die nunmehr vorliegende Dokumentation \u00fcber Erinnerungs- und Gedenkorte in der Oberlausitz wie auch in der Republik Polen und der Tschechischen Republik, mit Unterst\u00fctzung des Exil-PEN deutschsprachiger L\u00e4nder und F\u00f6rdermitteln der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien publiziert, stellt einen \u00dcberblick \u00fcber Gedenkst\u00e4tten dar, deren Aufgabe in der breiten gesellschaftlichen Erinnerung an vergangenes Unrecht besteht. Sie ist in zwei umfangreiche Kapitel aufgeteilt. Im Teil 1 setzen sich Geschichtswissenschaftler und Politologen aus Polen, der \u010cSR und Deutschland \u00fcber Erinnerungs- und Gedenkkultur im nationalen und zeitgeschichtlichen Kontext auseinander. Im zweiten, umfangreicheren Kapitel geht es aus der Feder von Kulturhistorikerinnen, Historikern, Gedenkst\u00e4ttenleiter\/innen um die umfassende Beschreibung der oft erst nach 1990 errichteten Gedenkst\u00e4tten. Im Mittelpunkt ihrer dokumentarischen Berichte stehen sowohl die organisatorischen Abl\u00e4ufe in den einstigen Zwangsarbeits- und Vernichtungslagern des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1939 und 1945 wie auch deren Einbindung in die R\u00fcstungsindustrie. Au\u00dferdem steht im Fokus ihrer Darlegung die dreifache Nutzung des Zuchthauses Bautzen I und II: 1933-1945 &#8211; als Haftort f\u00fcr politische Gegner des Naziregimes, 1945 bis 1956 \u2013als milit\u00e4risches Speziallager der sowjetischen Milit\u00e4rbeh\u00f6rden und zwischen 1956 und 1989 &#8211; als Zuchthaus f\u00fcr Regimegegner unter der Verwaltung der DDR-Staatssicherheit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die mit gro\u00dfer Sachkenntnis erstellten Beitr\u00e4ge sind mit zahlreichen Farbfotografien von den Gedenkst\u00e4tten wie auch mit Diagrammen ausgestattet. Sie dokumentieren die Funktionsweise der Zwangsarbeitslager, beleuchten am Beispiel der heutigen Gedenkst\u00e4tte in Kreisau\/ Krzy\u017cowa im ehemaligen Niederschlesien einen Ort des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur, beschreiben die Einbindung der verschiedenen Waffenproduktionsst\u00e4tten in ein Netz von R\u00fcstungsbetrieben im Deutschen Reich und belegen am Beispiel der Landesanstalt Gro\u00dfschweidnitz, wie die Nazis ihr Euthanasieprogramm zum Zweck der physischen Vernichtung von \u201eunwertem Leben\u201c zwischen 1938 und 1945 umgesetzt haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die auf dem Umschlag des Paper-Back-Bandes mit der Abbildung eines Denkmals am Eingang zum KZ Gro\u00df-Rosen ausgestattete Publikation enth\u00e4lt im Anhang eine Reihe wertvoller Verweise. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis enth\u00e4lt rund 180 bibliografische Hinweise auf Publikationen zur deutschen Terror-Geschichte wie auch zur Erinnerungskultur in Europa, gibt Hinweise auf Internetquellen, enth\u00e4lt Adressen von ausgew\u00e4hlten Gedenkst\u00e4tten und Museen und das Verzeichnis der Autorinnen und Autoren aus der \u010cSR, Polen und Deutschland. Ein mit hohem zeitlichen Aufwand und pers\u00f6nlichem Engagement gestalteter Band, der in jede \u00f6ffentliche Bildungsst\u00e4tte geh\u00f6rt, nicht nur im s\u00e4chsischen Dreil\u00e4ndereck! Und dem man auch eine \u00dcbersetzung ins Tschechische und Polnische w\u00fcnschen w\u00fcrde!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-69693\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Gedenkorte.-686x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erinnerungs- und Gedenkorte im s\u00e4chsischen Dreil\u00e4ndereck Polen \u2013 Tschechien \u2013 Deutschland<\/strong>. S\u00e4chsische Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung \/ Umweltbibliothek Gro\u00dfhennersdurf e.V. (Hrsg.). Dresden 2020, 288 S.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die grenz\u00fcberschreitende Erforschung und Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialistischen Regimes wie auch die Dokumentierung der Straflager im Herrschaftsbereich der Siegerm\u00e4chte \u00a0geh\u00f6rte nach 1990 zu den Aufgaben der sich etablierenden b\u00fcrgerrechtlichen Gruppierungen und den Landeszentralen f\u00fcr politische Bildung. 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