{"id":69670,"date":"2020-11-16T00:01:43","date_gmt":"2020-11-15T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69670"},"modified":"2021-03-31T17:03:08","modified_gmt":"2021-03-31T15:03:08","slug":"der-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/16\/der-gegenwart\/","title":{"rendered":"Der Gegenwart"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Prozess des Lebens ist eingebettet in ein Kontinuum, das, nach derzeitiger Lehrmeinung der Wissenschaft, seinen Anfang in der kosmischen Inflation der Singularit\u00e4t, dem Urknall, nahm und in diesem einzigartigen Ereignis aus einem Punkt Raum und Zeit konstituierte. Bei der physikalischen Zeit handelt es sich nach allem, was wir wissen, demnach um ein lineares, gerichtetes, irreversibles Momentum, das de facto nur reine Dauer, aber keine Etappen kennt, die durch einen bezeichneten Anfang sowie ein bezeichnetes Ende definiert sind. Was so theoretisch klingt, hat praktisch dramatische Auswirkungen. Denn wenn wir bei dem Kontinuum, das wir als \u201aphysikalische Zeit\u2018 kennen, von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit reden, so nutzen wir, ohne dass es den meisten bewusst ist, drei Begriffe, die drei verschiedenen Begriffstypen zuzuordnen sind: Die \u201aZukunft\u2018 als das, was kommen wird, ist, auch wenn sie bislang immer eingetreten ist, reine Spekulation (das Problem ist bekannt als \u201aHumes Induktionsproblem\u2018) \u2013 wer wei\u00df, ob nicht schon morgen ein kosmisches Ereignis \u00e4hnlichen Ausma\u00dfes wie das des Urknalls dem ganzen Spuk ein Ende bereiten wird? Die \u201aGegenwart\u2018 ist in diesem steten Fluss reiner Dauer lediglich als ein von den verschiedenen Sprechern nat\u00fcrlicher Sprache <em>ad hoc<\/em>\u00a0 definierter Zeitraum, als eine willk\u00fcrlich begrenzte Etappe, als episodales Ereignis gegeben \u2013 tats\u00e4chlich rauscht aber die Zukunft ungebremst durch sie hindurch in die Vergangenheit (der Gro\u00dfteil des Hier und Jetzt, das wir Gegenwart nennen, liegt \u00fcbrigens bereits in der Vergangenheit). Die \u201aVergangenheit\u2018 ist demnach die einzige Gr\u00f6\u00dfe, die f\u00fcr uns fassbar ist. Da aber die Zeit, soweit wir wissen, irreversibel ist, entzieht sich ausgerechnet diese einzig fassbare Gr\u00f6\u00dfe unserer Erfassbarkeit: Wir k\u00f6nnen keine verifizierbaren Aussagen \u00fcber sie machen, alles muss prinzipiell Hypothese bleiben. So bleibt festzuhalten: Die Zukunft ist ungewiss, die Gegenwart eine Chim\u00e4re, die Vergangenheit nicht erfassbar. Nur kollidiert unser subjektives Zeitempfinden, das uns Zeit stets als gegenw\u00e4rtige Zeit erleben l\u00e4sst, mit jener linearen Zeit, unter deren Diktat wir heute leben. Und die eben das nicht kennt, worin wir leben: Gegenwart.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Daher verleihen wir Stefan Oehm den KUNO-Essaypreis 2018.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Prozess des Lebens ist eingebettet in ein Kontinuum, das, nach derzeitiger Lehrmeinung der Wissenschaft, seinen Anfang in der kosmischen Inflation der Singularit\u00e4t, dem Urknall, nahm und in diesem einzigartigen Ereignis aus einem Punkt Raum und Zeit konstituierte. 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