{"id":69593,"date":"2007-03-30T00:01:00","date_gmt":"2007-03-29T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69593"},"modified":"2021-03-26T17:10:04","modified_gmt":"2021-03-26T16:10:04","slug":"kolchose-on-the-tearoder-liebesgruesse-aus-marodistan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/03\/30\/kolchose-on-the-tearoder-liebesgruesse-aus-marodistan\/","title":{"rendered":"Kolchose on the tearoder: Liebesgr\u00fc\u00dfe aus Marodistan"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein b\u00fcrgerliches Trauerspiel aus dem Prenzlauer Gebirge, 2002<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>&#8222;Twas young Brennan on the tear, Brennan on the tear, both wild and undaunting was young Brennan on the tear.&#8220;<\/em> &#8211; nach einer irischen Ballade<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>&#8222;Der Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.&#8220;<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">B\u00fcchner, &#8222;Woyzeck&#8220;<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>&#8222;Vielleicht lie\u00df einen diese Art zu leben die eigenen Grenzen erfahren. Fest steht, da\u00df man dieses Leben nicht \u00fcberleben, sondern nur verlassen kann.&#8220;<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nuala O&#8217;Faolain.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kenn sie, die Trinker, Denker und Dichter, o ja, und wie. &#8222;In der Liebe bin ich Wieder\u00adho\u00adlungst\u00e4ter, wei\u00dft du, so ist das n\u00e4mlich&#8220;, sagte ich zu Kurt abends am 23. No\u00advember, als Kurt sich wegen Grippe schon fr\u00fch von unserer fr\u00f6hlichen Saufrunde verab\u00adschiedet hatte und nun in sei\u00adner Kol\u00adchose hockte und Tee trank und Kamillendampf ein\u00adatmete. Georg war auch schon ge\u00adgangen, weil er grunds\u00e4tzlich nichts trinkt; und ich und Franz waren aus &#8222;An einem Sonntag im August&#8220;, so hie\u00df die Pinte, wo wir minde\u00adstens je\u00adder drei Guinness runter\u00adgesch\u00fcttet hatten, um\u00adge\u00adzogen ins Caf\u00e9 Schliemann. Da gabs nun Absinth. Doppelten. Ich war schon ziem\u00adlich betrunken, als ich Franz kurz ver\u00adlie\u00df, um meine Taschen, die ich den ganzen Tag mit mir rum\u00adgeschleppt hat\u00adte, bei Kurt abzula\u00adden, wo wir beide, Franz und ich, im Mo\u00adment logierten. Kurts Kol\u00adchose lag um die Ecke vom Schliemann, also torkelte ich r\u00fcber, durchquerte den Durchgang vom Vor\u00adder\u00adhaus, stapfte die maroden Treppen vom Seitenfl\u00fc\u00adgelgeb\u00e4ude hoch und lie\u00df mich, mit Mantel und Schal und allem, weil Kurt keinerlei Heizung besa\u00df, drinnen in Kurts Kat\u00adzensessel fallen. Da sprachen wir dann \u00fcber mich, \u00fcber Franz, \u00fcber den Fusel und die ungl\u00fcckliche Liebe, die uns drei zusam\u00admen\u00adkettete. Und ich fing an zu heulen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Sch\u00e4fjen&#8220;, sagte Kurt und kam r\u00fcber und streichelte mich, &#8222;wat haste denn? Nu wein doch nicht, meine S\u00fc\u00dfe. Wir sind doch alle Wiederholungst\u00e4\u00adter in der Liebe!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schluchzte. &#8222;Wir machen immer denselben Schei\u00df in der Liebe. Wir fallen im\u00admer wie\u00adder auf dieselben L\u00f6cher rein! Und dann hangeln wir uns da m\u00fchsam wieder raus, und kaum stehn wir aufrecht &#8211; klatsch! das n\u00e4chste Loch! Mit Popov vor f\u00fcnf Jahren wars schon so, und jetzt ist es mit Franz genau dasselbe!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wo steckt er eigentlich? Franz?&#8220; fragte Kurt und streichelte mich weiter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Im Schliemann. Ich geh gleich wieder r\u00fcber. Ich bin nur kurz her, weil &#8211; ich hab ihm kurz meine Geldb\u00f6rse dagelassen, um -&#8222;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ach du lieber Gott&#8220;, sagte Kurt. &#8222;Wieviel war da drin?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter z\u00e4hlte ich nach, da\u00df ich und Franz an jenem Abend f\u00fcnfzig Euro versoffen und ver\u00adraucht hatten, inklusive der Bierchen, die wir Huckebein und Sperling und Mischa spendiert hatten. Was hei\u00dft &#8218;wir&#8216; &#8211; spendiert hatte Franz, solange er meine Geldb\u00f6rse hat\u00adte. Aber wennste diese spen\u00addierten Bierchen abziehst, kommste immer noch auf fast vierzig Euro. Und das ging f\u00fcr mich und Franz, f\u00fcr Guinness und Absinth und Reval und Cabinet drauf. Man durfte Franz ei\u00adgentlich nie mit Geld alleinlassen, und wenns nur we\u00adnig und f\u00fcr ganz kurze Zeit war &#8211; er versoff alles. Das wu\u00df\u00adte ich, und ich tat es auch nicht. Das hier heute war die absolute Ausnahme: das war die gro\u00ad\u00dfe Willkom\u00admenssauferei. Damals trank ich nicht viel weniger als Franz und lebte gern nach der iri\u00adschen Maxime &#8222;If a man cannot drink while he&#8217;s living \/ how the hell should he drink when he&#8217;s dead?!&#8220; Ich hatte Franz und Berlin und Kurt und den Schliemann lange nicht gesehen, da mu\u00dfte nun ne Willkommenssau\u00adferei her! Und erstens liebte ich Absinth, und den gabs zu dieser Zeit in Kre\u00adfeld nicht. Nur in Berlin. Im Schliemann ko\u00adstete ein Doppelter drei Euro &#8211; in Freiburg, zum Ver\u00adgleich, kostet ein Einfacher sechs sechzig. Und im Schliemann war ich, wenn ich vor Ort war, Stammgast. Und zweitens, fucki\u00adnell, liebte ich Franz! Und Berlin. Ich hatte die Tage ge\u00adz\u00e4hlt, bis ich wieder nach Ber\u00adlin fah\u00adren konnte. Krefeld kotzte mich an. Ich betrank mich dort mit Billigwei\u00df\u00adwein ausm Minimal-Markt, Bon Soir Blanc, ein Liter \u00e0 eins neunund\u00advierzig, ein Liter pro Tag. Mon\u00adtags wanderte ich zum Altglascontainer und entsorgte sieben gr\u00fcne Flaschen; manchmal legte ich auch einen fusel\u00adfreien Tag ein und pflegte meinen Kater, aber wenn der weg war, z\u00fcckte ich schon wieder den Korkenzieher, sch\u00fcttete den Wein in Mineral\u00adwassergl\u00e4ser und kippte ihn runter. Dachte an Franz, mit dem ich im September in Pan\u00adkow getrunken und gev\u00f6gelt hatte, bis ich die Englein singen h\u00f6rte. Und als Kurt mir schrieb, am 22. 11. lese Georg in der Ver\u00adsuchsstation und l\u00fcde uns alle anschlie\u00dfend ein zum Sp\u00e4tst\u00fcck im Sonntag im August, und Georg wolle mich so\u00adwie\u00adso mal endlich kennen\u00adlernen, und wat h\u00e4ltsse davon, komm her! Da kam ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war fickrig, als ich kam, und vergleichsweise relativ n\u00fcchtern. Ich hatte ei\u00adnen tierischen Jie\u00adper auf Absinth, ja, und auch einen tierischen Jieper auf Franz. Diesbez\u00fcg\u00adlich war ich aller\u00addings auch verunsichert: denn Franz hatte mir in den zwei Monaten seit Ende September nie ge\u00adschrie\u00adben, nie auf meine K\u00e4rtchen oder Briefe geantwortet. Wir hatten uns zwar im September im ge\u00adgen\u00adseitigen Einvernehmen darauf verst\u00e4ndigt, da\u00df wir &#8222;Freunde&#8220; bleiben wollten, weil die Liebe zwischen uns zwar feurige Leidenschaft war (wir hatten uns im Bett gegenseitig fast aufge\u00adfressen, waren sexuell ausgehungert \u00fcber\u00adeinander hergefallen), aber f\u00fcr eine Beziehung war sie nicht die richtige Art von Liebe. Aber trotzdem schrieb ich ihm Briefe, und er h\u00e4tte mir auch mal zur\u00fcck\u00adschrei\u00adben k\u00f6nnen. Gut, er ging zu der Zeit quasi auf der Gin\u00adgiva, hatte in Pankow kein Geld und kein nichts, kein Kuvert und keine Briefmarken, Tele\u00adfon gabs da nicht, und Franz mu\u00dfte sich t\u00e4g\u00adlich mit Klein-Hitler, dem Vermieter, zoffen, weil er halt wie \u00fcblich pleite war. Klein-Hitler war Mitte Drei\u00dfig, Student und Ausbeuter, und er hatte auch mir Stre\u00df berei\u00adtet, als ich einen Monat lang bei Franz auf dessen Matratz ge\u00adpennt hatte und mir Klein-Hitler daf\u00fcr dann f\u00fcnfzig Euro Mietbeteili\u00adgung abknapsen wollte. Wo\u00adf\u00fcr?, fragte ich. F\u00fcrs Woh\u00adnen!, blaffte er. Was glaubst du, wie teuer mir Hei\u00adzungs- und Stromrechnung zu stehen kommen! Ich hab weder Heizung noch Strom be\u00adnutzt, sagte ich, es ist Sommer, Licht ha\u00adben wir keins gebraucht, tags\u00fcber wars hell, und nachts wa\u00ad\u00adren wir entweder nicht da oder besoffen, also z\u00fcndeten wir Kerzen an; und ge\u00adbadet hab ich zwei\u00admal in vier Wochen. Trotzdem!, kl\u00e4ffte er, was glaubst du, wieviels in Jugendherbergen ko\u00adstet! Da zahlst du f\u00fcnfzehn Euro f\u00fcr eine Nacht! Das ist hier aber keine Jugendherberge, sagte ich, und du hast mir gar nichts zu befehlen. Klein-Hitler br\u00fcllte und schickte sich an, meinen Koffer vom Bal\u00adkon runter\u00adzu\u00adwerfen, wenn ich nicht sofort vor ihm katzbuckelte. Die f\u00fcnfzig Euro gab ich dann sp\u00e4ter Franz mit der Begr\u00fcn\u00addung: ich war ja nicht Klein-Hitlers Untermie\u00adter, sondern Fran\u00adzens Gast, also trag ich bei zu Franzens Miete und nicht zu Klein-Hitlers Ausbeutungsma\u00adn\u00f6vern. Was klappte. Franz gab Klein-Hitler zehn Euro, log ihm den Putz von der Decke runter und versoff dann ver\u00adgn\u00fcgt die restlichen vierzig. Was ich ihm ja auch eingesch\u00e4rft hatte. Bevor Klein-Hitler mich wieder zu Ge\u00adsicht bekommen und zur Rede gestellt h\u00e4tte, war ich mit meinem Trol\u00adley schon \u00fcber alle Berge. Im Regionalexpress\u00a0 in Richtung Krefeld feixte ich mir eins und knackte die Dose Bier, die ich noch von Klein-Hitler aus seinem K\u00fchlschrankfach in Pan\u00adkow geklaut hatte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber so sozial, wie der Name suggeriert, ist das Sozialamt nicht, und Franz hatte, als er den Erl\u00f6s von den B\u00fcchern, die er kurz davor an einen Antiquar verkauft hatte, und die vierzig Eu\u00adro Mietbeteiligung versoffen hatte, wieder nichts. Also flog er aus dem Bau in Pankow raus. Und kam mit Sack und Pack und Katz zu Kurt. Kurt r\u00e4umte die K\u00fcche frei, und Franz wohnte nun in der K\u00fcche auf dem Sofa, eingeklemmt zwischen K\u00fchl\u00adschrank, Sp\u00fcle und Kat\u00adzenklo. Zwei- bis dreimal die Woche st\u00fcrzte er im Schliemann oder im Torpedok\u00e4fer ab, dann kam er irgend\u00adwann gegen vier oder f\u00fcnf Uhr morgens an\u00adgewankt, so sturzvoll, da\u00df er fast eine halbe Stunde an der T\u00fcr rum\u00adstand und mit dem Schl\u00fcssel in der N\u00e4he des Schl\u00fcssellochs rumkratzte und die T\u00fcr nicht auf\u00adkrieg\u00adte. Und Kurt, der war ja ohnehin ne Nachteule, sa\u00df um diese Zeit meist noch dichtend oder le\u00adsend im Katzensessel, h\u00f6rte das Kratzen und \u00f6ffnete die T\u00fcr von innen. Und Franz stol\u00adperte in den Flur und schlug sich den Sch\u00e4del an seinem Altwiener G\u00e4nsebr\u00e4ter an. Dann bog er nach rechts ab, da war die K\u00fcche, und fiel l\u00e4ngelang auf sein Sofabett drauf. Und Scully, die Katz, mauz\u00adte ihn vorwurfsvoll an.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da sa\u00df er auch jetzt, auf dem K\u00fcchensofa zwischen \u00fcberquellender Sp\u00fcle, schmutzi\u00adgem Fenster, noch schmutzigerem Boden, Katzenklo und K\u00fchlschrank, als ich kam. Kurt hatte mir das nicht mitgeteilt, er wollte mir da\u00addurch eine freudige \u00dcberra\u00adschung bereiten, weil er wu\u00dfte, da\u00df es zwischen mir und Franz im September hoch her\u00adgegangen war. Ich hatte in Krefeld durch Kurts vage Andeutungen zwar mitbekom\u00admen, da\u00df es mit der Kolchose in Pan\u00adkow nun wirklich endg\u00fcltig fi\u00adnito war, aber da\u00df Franz nun bei Kurt wohnte, das wu\u00dfte ich nicht. Und kam nun an und war von den Socken! Viereinhalb Mann hoch\u00a0 &#8211; Franz, Kurt, ich, die Katz, das ist die halbe Portion, und Ale\u00adxegorow, das war zu der Zeit Kurts Unter\u00admieter, Spitz\u00adname &#8222;der Hausaffe&#8220;, ein ver\u00adr\u00fcckter Rus\u00adse, der sich sein Geld durch Fiedeln verdiente und es anschlie\u00dfend verkiffte &#8211; wohn\u00adten wir dann in der Subkolchose ohne Badezimmer und ohne Heizung, und das im Dezember.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir ging es keineswegs um &#8222;Subkultur-Boh\u00e8me-Romantik&#8220;, das warf mir Xanthippe, Kurts M\u00f6chtegern-Frau, sp\u00e4ter vor, als sie am 7. 12. ihren Ch\u00e9ri besuchte, in unseren chao\u00adtischen Bau hereingerauscht kam und ihr Pelzh\u00fctchen auf dem G\u00e4nsebr\u00e4ter ablegen mu\u00dfte, da alle Garde\u00adro\u00adbenhaken schon restlos \u00fcber\u00adbev\u00f6lkert waren. Mit ihrem vorste\u00adhenden Bauch, unter dem die schwarze Levi&#8217;s grade noch zuging, kam sie kaum durch die K\u00fcche, und wenn sie die Ellbo\u00adgen be\u00adwegte, h\u00e4tte sie fast die T\u00f6pfe und Teller vom Bord gefegt. Die K\u00fcche war halt nach Fran\u00adzens Ma\u00dfen eingerichtet, einer Einsachtzig-Boh\u00adnen\u00adstange, die vom vielen Suff und von zuwenig Essen noch hagerer und knochi\u00adger ge\u00adworden war, als ich sie aus Pankow kannte. Franz konnte ohne Pro\u00adbleme am Herd han\u00adtieren, neben sich das lebensgef\u00e4hrliche K\u00fcchenregal, das ununter\u00adbrochen leise schwankte, und hinter sich den Tisch voller Zutaten &#8211; wenn man Xanthippe nun dort ste\u00adhen sah, sah das aus, als w\u00e4re sie in einer Bauschuttritze steckengeblieben. Ich mu\u00dfte grin\u00adsen. Sie fixierte mich bitter\u00adb\u00f6se. Man\u00f6vrierte sich dann vorsichtig zum Sofa durch, das Franz so\u00adgar auf\u00adger\u00e4umt hatte, lie\u00df sich dort nieder, putzte sich die Brille und fing an, uns Kol\u00adchosianern Vortr\u00e4ge \u00fcbers Zusammenleben zu halten. Sie war gerade zur T\u00fcr reingekommen, wir kredenz\u00adten ihr Kaf\u00adfee, Franz trank nat\u00fcrlich seinen Zweigelt aus der Flasche, sie fra\u00df ganz selbstver\u00adst\u00e4ndlich mein Geb\u00e4ck und die Zopfbrotnikol\u00e4use, die ich bekommen hatte, fra\u00df meine Schoko\u00adlade und meine Schnapspralinen und schi\u00df mich dann von ihrer So\u00adfaecke aus zusam\u00admen: da\u00df ich eine Zecke sei, da\u00df ich hier allen das Leben schwerma\u00adchen w\u00fcrde, da\u00df ich allen Stre\u00df berei\u00adten w\u00fcrde und da\u00df es unm\u00f6glich sei, da\u00df sich je\u00admand wie ich, der keine Ahnung von nichts h\u00e4tte (?) und nur ein bi\u00dfchen auf Boh\u00e8me-Ro\u00admantik machen wollte (??) , derma\u00dfen raumf\u00fcllend (??!) in einer Woh\u00adnung nieder\u00adlasse, die sowieso schon zu eng sei, und dann dort allen Bewoh\u00adnern, die ja im Ge\u00adgensatz zu mir echte Probleme h\u00e4tten, das Blut aussaugen w\u00fcrde (???). Wir waren sprachlos. Franz kriegte kaum was mit, er war schon zu besoffen; aber Kurt sa\u00df da, hatte die Brauen zusammen\u00adgezogen und starrte stumm auf Xanthippe. Ich konnte es nicht fassen. Wovon sprach diese Frau? &#8222;Sie hat eine fixe Idee, die Frau&#8220;, sagte Franz sp\u00e4ter, &#8222;nimms net schwer, die tickt net richtig.&#8220; Aber ich nahm es schwer. Xanthippe hatte mich derma\u00dfen ins Herz getreten, da\u00df ich mich ein halbes Jahr nicht davon erholen konnte. Xanthippe sa\u00df in ihrer Sofaecke und starrte mich ha\u00dferf\u00fcllt an, sie sah aus wie ein Rollmops in Levi&#8217;s, Franz gurgelte, Kurt war wie ge\u00adl\u00e4hmt, und ich nat\u00fcrlich auch, und ich stand auf, zeigte ihr den Finger, verzog mich in meinen Schlafsack und heulte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Romantik&#8220; hei\u00dft &#8222;wie im Roman&#8220;. Ein Romantiker will ein literarisches Leben nachleben. Nun, hier gings auch teilweise zu wie im Roman, n\u00e4mlich wie in McCourts &#8222;Angela&#8217;s Ashes&#8220;, aber das zum Nachahmen l\u00e4dt das nicht ein. Ich war nicht wegen der Romantik in die Kolchose gekommen, sondern weil ich meine Freunde dort, allen voran nat\u00fcrlich Kurt, besuchen wollte. Ich hatte im Sommer mein Studium abgeschlossen und befand mich nun in zweierlei Hinsicht vor einer Tabula Rasa: ein Lebensabschnitt war beendet, ich hatte den M.A. in der Tasche \u2013 aber vor mir g\u00e4hnte die Zukunft wie ein Abgrund. Orientierungslosigkeit, Burnout, schwarzes Loch. Ich war \u00fcber ein Jahr lang permanent unter Stre\u00df gestanden und war nun fix und fertig, wu\u00dfte nicht, was ich tun und wo ich hingehen sollte oder ob vielleicht alles, mein ganzes Studium, f\u00fcr die Katz waren. Kurt war mir, seit ich ihn kannte, in Krisenzeiten immer ein treuer Freund gewesen, wir munterten uns gegenseitig auf die Distanz brieflich und telefonisch und mit B\u00fcchersendungen auf, und so hoffte ich, nun von ihm in Berlin wieder eine kleine Antriebshilfe zu erfahren, genauso wie ich auch ihm die Kohlen unterm Arsch wieder anz\u00fcndete, wenn sie ausgegangen waren und er desillusioniert war. Und das hielt Xanthippe f\u00fcr Romantik!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend gingen sie essen, Xanthippe an Kurts Arm, Franz vorneweg. Ich blieb zuhause. Gegen Mitternacht kamen sie zu\u00adr\u00fcck. Franz torkelte an, er war wohl von Xanthippe mit reichlich Bierchen versorgt worden. Er kam rein, starrte mich mit glasigen Augen an, fiel auf sein Sofabett und schnarchte. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter erschienen auch Kurt und Xanthippe, klirrend vor K\u00e4lte. Franz wachte auf und kriegte den Heuler. Ich kannte das schon. War auch in Pankow so gewesen. Da war er mal sternhagelvoll auf dem Klo einge\u00adschlafen, und ich hatte ihn dann vom Klo runter in die K\u00fcche gezerrt, und da war er am K\u00fcchen\u00adtisch zusammengeklappt und hatte geheult, und das H\u00fchnchen, das er vom T\u00fcrken nebenan ge\u00adkauft hatte, ertrank in Rotz und Was\u00adser, und Klein-Hitler machte die T\u00fcr von seinem Zimmer auf und schnauzte raus, wir soll\u00adten verdammt noch mal endlich ruhig sein. Jetzt rotzte er also auf dem Sofabett in sei\u00adnen verdreckten Mantel hinein. Xanthippe stand wie vom Donner ger\u00fchrt und starrte mit\u00adleidig zu ihm hin. Ich beobachtete sie. Franz war zu der Zeit Xanthippes Liebling. Sie hielt ihn f\u00fcr einen gefallenen Engel, f\u00fcr einen armen Alkoholiker, der nur Liebe brauchte, um sein umwerfendes Genie wieder erstrahlen lassen zu k\u00f6nnen, der in der Vergangenheit so viel \u00c4rger gehabt hatte, soviel Frust, erst hatte ihn Sally, seine Ex, aus der gemeinsam betrie\u00adbe\u00adnen Klein\u00adkunst\u00adb\u00fch\u00ad\u00adne rausgeschmissen, dann war die Sache mit Klein-Hitler ge\u00adwesen, und jetzt machte angeb\u00adlich ich ihm das Leben zur H\u00f6lle, und der arme Mann! Sie umgurrte und umschnurrte ihn, sooft sie ihn traf, steckte ihm Geld zu, spendierte ihm ein Bier\u00adchen nach dem anderen und lauschte verz\u00fcckt seinen Karl-Kraus- und Thomas-Bern\u00adhard-Imitationen und -Rezita\u00adtionen. Franz lie\u00df sich das alles nat\u00fcrlich gefallen, so\u00adlange es dauerte &#8211; keine drei Wo\u00adchen sp\u00e4ter hatte sich das Blatt um hundertachtzig Grad ge\u00adwendet, und pl\u00f6tzlich sah Xanthippe in Franz den Teufel, den Parasiten, den Sozial\u00adschma\u00adrotzer, den Halunken, der ihr das Geld aus der Tasche ge\u00f6st hatte und es versoff und nie zur\u00fcckzahlen w\u00fcrde. Franz verstand sie nicht, aber zuckte dann, zwar verletzt, aber gefa\u00dft, mit den Schultern. &#8222;Soll sie bleiben, wo der Pfeffer w\u00e4chst. Ich habs ja immer schon gesagt, da\u00df sie net richtig tickt!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Siehst du nicht, da\u00df es Franz schlechtgeht?&#8220; blaffte Xanthippe mich nun an. &#8222;Wieso gehst du da nicht r\u00fcber und tr\u00f6stest ihn? Wo fehlts dir denn eigentlich?&#8220; Ihre Stimme klang schlurig und unar\u00adtikuliert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo fehlts denn dir eigentlich, dachte ich. &#8222;Dem gehts nicht schlechter als sonst. Das ist ein alkoholinduzierter Melancholieanfall, das geht vorbei.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Xanthippe glotzte mich an. Mein Gott, dachte ich, diese Frau ist sechzig Jahre alt und sieht zum ersten Mal im Leben einen betrunkenen Trinker. Und f\u00e4llt nat\u00fcrlich prompt auf ihn rein, denn Franz war ja nicht nur Trinker, sondern Wiener und Schauspieler dazu.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz blubberte was von &#8222;alles so deprimierend, nichts \u00e4ndert sich, alles geht weiter wie immer, keiner liebt mich&#8220;.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Jaja, S\u00fc\u00dfer, das ist nichts neues&#8220;, h\u00f6hnte ich. Wenn er seine besoffenen Heuler hatte, kam man ihm immer am besten mit Sarkasmus. Das hatte ich von Kurt und auch von Dieter ge\u00adlernt, einem von Franzens alten Sauf- und Drogenkumpels.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt kam vom Hinterzimmer zur\u00fcck. Er hatte Xanthippe ein Lager bereitet. Sie w\u00fcrde heute hier \u00fcbernachten, weil ihr Zug schon weg war und sie sich f\u00fcr ein Hotel zu geizig war. &#8222;Was ist hier los? Na, Franzeken, wieder gro\u00dfer Weltschmerz, wie?&#8220; Kurt grinste und sah dann zu mir hin. &#8222;Sch\u00e4fjen, kommst du mal, du mu\u00dft mir was helfen.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich folgte ihm, froh, nicht mehr neben Xanthippe stehen zu m\u00fcssen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ihr wart wohl noch im Schliemann&#8220;, fl\u00fcsterte ich hinten zu Kurt. &#8222;So, wie Franz abgef\u00fcllt ist. Und Xanthippe klingt auch nicht mehr ganz n\u00fcchtern.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Xanthippe hat zwei Glas Wein und einen Absinth intus, Franz mindestens das F\u00fcnffache. Aber gib ihr nicht zu erkennen, da\u00df du merkst, da\u00df sie betrunken ist. Sie glaubt n\u00e4mlich, man sehe es ihr nicht an.&#8220; Kurt grinste. Ich grinste zur\u00fcck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Xanthippe sa\u00df inzwischen auf dem Sofa und h\u00e4tschelte Franz. Mir warf sie gallige Blicke zu. Ich k\u00fcmmerte mich nicht darum. &#8222;Xan&#8230; \u00e4h, Wanda, dein Lager ist bereitet.&#8220; Ich zog mir mei\u00adnen Mantel an und suchte in Franzens Mantel nach den T\u00fcrschl\u00fcsseln, fand sie aber nicht. Kurt kam in die K\u00fcche, gab mir die Schl\u00fcssel und einen Ku\u00df. Ich verpfiff mich ins Irish Pub. Als ich gegen eins zur\u00fcckkam, h\u00f6rte ich, wie sich Xanthippe auf ihrer Isomatte w\u00e4lzte und auf Kurt ein\u00adredete. Es ging um mich. Es war wieder dieselbe Leier wie am Nachmittag. Ich lauschte, dann sagte ich laut: &#8222;Na, ihr T\u00e4ubchen, schlaft gut!&#8220; Dann hielt sie die Schnauze. Ich verkroch mich in meinen Schlafsack hinten in Ale\u00adxegorows Zimmer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag rauschte Xanthippe wieder ab. Alle waren er\u00adleichtert. Franz hatte einen Kater so gro\u00df wie der Stefansdom. Er \u00e4chzte und wankte da\u00advon, um erstmal ein Bierchen zu trinken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war mit Kurt und der Katz allein. &#8222;Verdammt nochmal&#8220;, sagte ich zu Kurt, &#8222;wei\u00dft du eigentlich, da\u00df Xanthippe mich get\u00f6tet hat?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt seufzte. Er war seit dreizehn Jahren mit dieser Frau zusammen, erst enger, jetzt nicht mehr so eng, weil er ihre st\u00e4ndige Anwesenheit nicht mehr ertragen konnte. Sie hatte sich in Ber\u00adlin nur Feinde gemacht (was mich, nach ihrem Auftritt, nicht mehr wun\u00adderte) und war zur\u00fcck nach Bremerhaven gezogen. Kurt blieb in Berlin; es ging ihm dreckig, und bald w\u00fcrde die Kol\u00adchose zwangssaniert werden, dann mu\u00dfte er raus und wu\u00dfte nicht wohin &#8211; &#8222;aber&#8220;, sagte er zu mir, &#8222;glaub mir, ich nehm alles, was ich kriegen kann, mein&#8216; Schwester hat n Dachboden, bei Pin\u00adsel in Stutt\u00adgart k\u00f6nnte ich wohnen oder bei dir in Krefeld &#8211; aber keine zehn Pferde kriegen mich nach Bre\u00admer\u00adhaven zu ihr, nee, wirklich!&#8220; Er telefonierte t\u00e4glich mit ihr, er h\u00f6rte sich ihre Monologe an und versuchte sie von ihren fi\u00adxen Ideen abzubringen, was nicht gelang, und dann, wenn er nach die\u00adsen Telefonaten wieder in die K\u00fc\u00adche kam, wo ich sa\u00df (Franz war nicht da, ent\u00adweder sa\u00df er vor ei\u00adnem Sozialamtsfuzzi oder vor ei\u00adnem Bier), dann sah Kurt ganz wei\u00df aus, aschfahl, ich streichelte ihn und kochte ihm Kaffee.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die macht mich fertig&#8220;, st\u00f6hnte er, &#8222;die kann einfach nicht verstehen, da\u00df sie Un\u00adrecht hat!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wer macht hier nun Stre\u00df, sie oder ich?&#8220;, fragte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Du hast mir noch nie Stre\u00df gemacht, Sch\u00e4fjen, das ist alles nur ne Spinnerei von Xanthip\u00adpe! Die erz\u00e4hlt mir jetzt st\u00e4ndig am Telefon, sie wolle nur das Beste f\u00fcr mich, und Alexe\u00adgorow mu\u00df raus, und du mu\u00dft raus, ansonsten w\u00fcrd ich durchdrehen &#8211; aber da\u00df ich eher bei ihr und diesem bl\u00f6den Geschw\u00e4tz durch\u00addrehe, das merkt sie gar nicht. Wer mich fer\u00adtigmacht, das merk ich ja wohl selbst, oder? Die war hier zehn Minuten, und dann glaubte sie zu wissen, wer mir Stre\u00df bereitet. Lachhaft ist das! Das ist, als wenn ein Se\u00adhender kurz die Augen zukneift und dann zum Blinden sagt: ich versteh vollkommen, wie du dich f\u00fchlst, du mu\u00dft das alles so und so machen!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Du bist nicht blind&#8220;, sagte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nein, aber sie tut so, als w\u00e4r ichs! Sie sieht sich als die einzige Sehende! Sie glaubt mich st\u00e4ndig an der Hand f\u00fchren zu m\u00fcssen! Sie ist keine Kolchosenfrau, war sie noch nie, aber glaubt, da\u00df sie als einzige wei\u00df, was gut ist f\u00fcr uns. Verdammt nochmal! Ich ticke nun mal anders wie sie, und das will sie partout nicht kapieren!&#8220; Er war bla\u00df, sah vor sich hin. Ich schenkte ihm Kaffee ein. Langsam kam die Farbe wieder in sein Gesicht zu\u00adr\u00fcck. Ich beschmierte ihm eine Schnitte von dem steinharten Brot mit Marme\u00adlade.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was hab ich ihr eigentlich getan?&#8220; fragte ich. &#8222;Ich hab ihr Geb\u00e4ck und Schnap\u00ads\u00adpralinen angeboten, und zum Dank daf\u00fcr kotzt sie mich so voll?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nichts hast du getan, \u00fcberhaupt nichts&#8220;, seufzte Kurt. &#8222;Du hast nur einen Fehler: du bist eine Frau. Und ich bin ein Mann. Und du hast zwei Sachen falsch gemacht: du bist hier, und du bist mit mir befreundet. Das ist schon zuviel f\u00fcr Xanthippe. Das geht schon \u00fcber ihren Horizont dr\u00fcber.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was?&#8220; sagte ich. &#8222;Soll das hei\u00dfen, sie ist eifers\u00fcchtig?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Genau das&#8220;, sagte Kurt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Aber ich bin mit dir befreundet, nicht mehr!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Aber auch nicht weniger&#8220;, grinste Kurt. &#8222;Und au\u00dferdem ist bekannt, da\u00df Frauen und M\u00e4nner nicht befreundet sein k\u00f6nnen. Das ist ihr Credo.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Mein Gott, ist die ausm Mittelalter? Das ist doch allerspie\u00dfigster Frauenzeitschrif\u00adten\u00adschei\u00df, dieser Spruch! Das kann die doch nicht ernst nehmen!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Tut sie aber&#8220;, seufzte er. &#8222;Sie ist intelligent, klug, weltgewandt, erfahren &#8211; aber in dieser Beziehung ist sie einfach irgendwo in ihren Teenagerjahren steckengeblieben. Der Spruch ist Mist, das wissen wir alle, aber ihr kannste bei dem Thema nicht mit Vernunft kommen. Da is sie taub.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Hast du es schon versucht? Ich mein, hast du ihr erz\u00e4hlt, was zwischen uns ist?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Klar&#8220;, sagte Kurt, &#8222;zigmal. Aber sie h\u00f6rt das gar nicht. Alles, was in ihren Sch\u00e4del rein\u00adpa\u00dft diesbez\u00fcglich, ist: &#8218;da ist Kurt, und bei Kurt ist ne Frau. Und ich bin nicht bei Kurt. Ich kann ihm zwar anrufen, aber die Frau mu\u00df nur ihre Hand kurz aus der Matratz rausstrecken. Die is viel n\u00e4her dran an Kurt als ich.&#8216; So.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir tranken unseren Kaffee.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Und jetzt?&#8220; fragte ich. &#8222;Schmei\u00dft du mich raus?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ach Quatsch&#8220;, sagte er. &#8222;Du bleibst hier. Ihr erz\u00e4hl ich, du w\u00e4rst weg, dann gibt sie mal Ruhe mit ihrem Ged\u00f6ns. Und du bist leise, wenn ich Xanthippe am Telefon hab. Dann sehn wir weiter.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit sogut. Ein fauler Kompromi\u00df war das, aber im Moment die einzige Frie\u00addensm\u00f6g\u00adlich\u00adkeit (de Valera l\u00e4\u00dft gr\u00fc\u00dfen). Eins war aber klar geworden: da\u00df irgendein Stachel, und zwar ein tiefergehender Stachel, in einem von denen sa\u00df, die ich bis dato als &#8222;Freunde&#8220; bezeichnet hatte. Aber wo lag der Stachel? Eine Spitze war nat\u00fcrlich in mir, klar. Aber wo war die andere? Warum hat\u00adte ich heulen m\u00fcs\u00adsen, als ich Kurt gestan\u00adden hatte, in der Liebe Wiederholungst\u00e4ter zu sein? Warum hatte ich heulen m\u00fcssen, als Xanthippe mir ihre ungerechtfertigte Predigt hielt? Alles, was sie mir vorgeworfen hatte, galt nicht f\u00fcr mich, sondern f\u00fcr sie: sie war die, die uns Stre\u00df bereitete, sie war die, die Kurt das Blut aussaugte, die nicht zuh\u00f6ren konnte, die Kurt mit Monologen zula\u00adber\u00adte und ihn weder zu Wort kommen lie\u00df noch registrierte, da\u00df sie ihn vehement nervte, sie war die, die so egozentrisch war, da\u00df es wehtat, und die keine Ahnung hatte von nichts und keinerlei Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wann jemand fix und fertig war. Sie war diejenige, die nicht in einer Kolchose leben konnte und die Probleme mit den Men\u00adschen und mit simplen Freundschaf\u00adten hatte. Sie war Xanthip\u00adpe, nicht ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wo lag der Stachel? Der Stachel lag bei Franz. Franz war ein Wrack. Und Franz war verliebt. Aber nicht in mich, sondern in Deborah, eine schwedische T\u00e4n\u00adzerin, die seit einigen Jah\u00adren in Berlin lebte und zur Zeit auch im Schliemann kellnerte. Ich kannte Deborah. Ich mochte sie. Aber an Franz hing mein Herz, obwohl wir uns ver\u00adstan\u00addesm\u00e4\u00dfig ja schon im September zu Freunden ernannt hatten, immer noch sehr. Und er mochte mich auch. Aber begehren tat er Deborah. Doch an sie kam er nicht ran. Wann immer er sie sah, wars um ihn geschehen, dann wollte er sie ha\u00adben, k\u00fcs\u00adsen, streicheln, lieben. Sie l\u00e4chelte, sie kniff ihn in die Wange, sie schlug die Beine \u00fcber\u00adeinander und zog an ihrem Joint. Aber sie lie\u00df ihn nicht ran. Franz h\u00e4tte schreien m\u00f6gen. Aber er tat es nat\u00fcrlich nicht. Er war ein Wiener alten Schlags, mit Charme und Eleganz, Schm\u00e4h und Kratzfu\u00df. Eine Frau &#8222;schleppte&#8220; man nicht einfach &#8222;ab&#8220;, einer Frau machte man den Hof! Und das tat er. Er schmi\u00df sich in Samt und Spitze (die Anz\u00fcge stammten noch aus seiner B\u00fchnenzeit mit Sally), er putzte sich die Z\u00e4hne, er kaufte sich Billighaar\u00f6l und \u00f6lte sich die Haare zur\u00fcck und tanzte mit allem, was er hatte, um Deborah herum. Aber sie lie\u00df ihn nicht ran. Sie l\u00e4\u00adchelte und k\u00fc\u00dfte ihn zum Ab\u00adschied auf die Wange. Und Franz h\u00e4tte aufjaulen m\u00f6gen. Aber er tat es nicht. Er soff sich die Hucke voll, um \u00fcber dieses ganze Gef\u00fchlschaos nicht auch noch nach\u00addenken zu m\u00fcssen, und kam dann sin\u00adgend zur\u00fcck in die Stargarder getorkelt, mit heraush\u00e4ngen\u00adden Hemdzipfeln und dem vom Bier durchn\u00e4\u00dften Schlips in der Hosentasche.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich? Ich litt. Ich litt vehement. Ich litt so, da\u00df ich v\u00f6llig gel\u00e4hmt war. Obendrein war ich auch physisch krank. Ich sa\u00df in der Kolchose in der K\u00fcche auf dem Stuhl vor dem Herd, w\u00e4rmte mir H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe an den blauen Fl\u00e4mmchen vom Gasherd, hustete und schnupfte und fie\u00adberte, trank Tee und schluckte Tabletten und starrte zu Franz hin\u00fcber, der auf seinem Sofabett sa\u00df und v\u00f6llig apathisch die Katz streichelte oder mit Dieter Koks zog, und ob die Tr\u00e4nen in mei\u00adnen Augen nun vom japanischen Eukalyptus\u00f6l kamen, das ich inhalierte, oder von dem stechen\u00adden Schmerz in der Herzgegend, das wu\u00dfte ich nicht. Gegen Mittag stand ich von der Isomatte, auf der ich mit meinem Schlafsack lag, auf, klapperte mit den Z\u00e4hnen, zog mir was an, ging in die K\u00fcche, trank eine Tasse Kaffee, stapfte dann in fiebrigem Trance durch den Schnee und den ei\u00adsigen Wind um die Ecke zum Pennymarkt, kaufte Tee mit Rum und Zitronen, und am Abend war die Flasche Rum leer, und Franz lag sternhagelvoll auf dem Sofa. Die Teekanne lag zerbrochen auf dem Boden, der Tee schwamm drum rum. Als Franz wieder zu sich kam, wollte er mich zu\u00adsammenschei\u00dfen, weil die Teekanne ihm geh\u00f6rt hatte, die hatte er durch drei Umz\u00fcge hindurch\u00adgerettet. Da\u00df ich den Tee zwar gekocht, aber er im Vollrausch die Teekanne sel\u00adber zerdeppert hatte, als er mal wieder mit dem Kopf an den G\u00e4nsebr\u00e4ter donnerte und aus dem Gleichgewicht geriet und zur\u00fccktaumelte, das mu\u00dfte ich ihm erst erz\u00e4hlen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexegorow zog mit Matratz, Fiedel, Hasch und einem Schwung esoterischer B\u00fc\u00adcher in ein besetztes Haus in der Lychener, und so war das gro\u00dfe Hinterzimmer frei, und ich schlief nun dort, unter der Kleiderstange, auf der Franzens Samtsakkos hingen. Die Lage entspannte sich. F\u00fcr viereinhalb Bewohner, die alle &#8211; au\u00dfer Scully &#8211; im Moment nicht mit sich im reinen waren, in deren Seele oder Herz oder Existenz im allgemeinen sich ein gro\u00dfer klaffender Abgrund auftat, ein Ri\u00df, ein <em>tear<\/em>, mit dem sie irgendwie fertig\u00adwerden mu\u00dften &#8211; f\u00fcr vier kaputte, gerissene, ange\u00adschlagene Typen und eine Katz war diese Wohnung eigentlich zu klein, klar. Wir waren Freunde, es hatte heitere Zeiten ge\u00adgeben zwischen uns vieren, lachende, betrunkene, bekiffte, inspirie\u00adrende, wunderbare Zeiten, Alexego\u00adrow brachte Gras an und zitierte altrussische Balladen, ich zi\u00adtierte irische, Franz \u00f6sterrei\u00adchische und Kurt jiddische (das war seine neuste Leidenschaft), und dann sangen ich und Kurt im Duett schottische L\u00e4sterlieder von Robert Burns, und Franz rann\u00adte davon und kam mit zwei Litern Kadarka zur\u00fcck. Aber jetzt wurden diese Momente weniger und weniger. Jetzt waren wir vier L\u00f6cher, die sich ang\u00e4hnten. Jeder starrte in die Schw\u00e4rze des ande\u00adren und nahm sich in acht, da nicht reinzupurzeln. Wir schwiegen uns an oder waren gereizt. Da\u00df Alexe\u00adgo\u00adrow nun weg war, gab uns etwas Luft. Ich konnte nicht weg, obwohl es mir mein Ver\u00adstand wie\u00adder und wieder klarzumachen versuchte, aber ich sa\u00df wie gel\u00e4hmt auf dem Stuhl in der K\u00fcche fest. Wenn ich mit Franz und Kurt nur eine lose Bekanntschaft laufen h\u00e4tte, w\u00e4re das was anderes gewesen &#8211; warum soll ich in einem kalten Dreckloch mit maroden Typen zusammen\u00adleben? Aber mich kettete mehr an diese Leute. Ich bekam einen Brief von zuhause, in dem meine Mutter schrieb: &#8222;Liebe Camille, komm nach Hause! Warum bleibst du in dieser f\u00fcrchterlichen Umgebung? Deine Gesundheit steht auf dem Spiel! Papa und ich konnten nicht schlafen nach deinem Anruf gestern. Ich merke schon, da\u00df dir dieser Franz nicht ganz egal ist; aber glaub mir: Distanz schafft N\u00e4he! Komm zur\u00fcck, mein Schatz, sonst wirst du noch de\u00adpressiv!&#8220; Ich weinte. Ich weinte dar\u00fcber, da\u00df ich meinen Eltern schlaflose N\u00e4chte berei\u00adtete, und ich weinte, weil ich mich in diesem Brief wirklich und komplett verstanden f\u00fchlte. Ich wollte zur\u00fcck nach Krefeld, in meine Wohnung; aber ich konnte nicht. Ich war geklebt an die Stargarder und an das Prenzlauer Gebirge.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieter st\u00f6berte dann mit seinen zahllosen Unterwelt-Connections einige leerste\u00adhende B\u00fc\u00adror\u00e4ume in der Wichert auf, und Franz, der es nicht mehr ertrug, in der K\u00fcche der Stargarder zu schlafen, wo es zwar mich und Kurt, aber keine Deborah gab, zog mit seinem blutenden Her\u00adzen, mit seiner Matratz, seinen Bierdosen und seinem Aschenbe\u00adcher dorthin um. Nun waren noch ich und Kurt \u00fcb\u00adrig. Das Leben wurde wieder sch\u00f6n. Die Spannungen waren weg. Die Chemie zwischen mir und Franz war zuletzt so t\u00f6dlich gewesen, da\u00df nicht mehr viel gefehlt h\u00e4tte, und wir h\u00e4tten uns zum Fenster rausge\u00adschmis\u00adsen. Da\u00df Franz allein sein wollte, war verst\u00e4ndlich; aber erstens wohnte er in der K\u00fcche, also in einem \u00f6ffentlichem Raum, und zweitens war die K\u00fc\u00adche durch den Gasherd der einzige warme Raum in der Wohnung. Ich mu\u00dfte in der K\u00fcche sit\u00adzen, weil ich mir, da ich ohnehin schon vergrippt war, im Hinterzimmer eine Lun\u00adgenentz\u00fcndung geholt h\u00e4tte, und Franz konnte es nicht ertragen, da\u00df ich in der K\u00fcche sa\u00df, wo er ohne jede Aussicht auf Heilung an seinem Suff, seinem Herzschmerz und sei\u00adnem maroden Selbst rumlabo\u00adrier\u00adte. Kurt verkr\u00fcmelte sich meist schnell auf den Katzen\u00adsessel, wo er telefonierte (und ich hielt mich an die Vereinbarung und muckte nicht, damit Xanthippe nicht wieder mit ih\u00adrem Schei\u00df an\u00adfing), und dort dachte er \u00fcber seine Probleme mit Xanthippe nach, und Franz und ich schwiegen uns verbiestert in der K\u00fcche an.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Mittwochs knallte es. Ich sa\u00df wie \u00fcblich auf meinem Stuhl und trank Tee mit Medi\u00adzin, Kurt erz\u00e4hlte Franz seine Geschichte mit Xanthippe. Ich wollte etwas dazu sa\u00adgen. Franz unterbrach mich und tat so, als ob es mich gar nicht g\u00e4be. Ich versuchte es erneut. Franz sah Kurt an und fragte ihn was, und beide plauschten sie einfach weiter. Ich sprang auf und warf eine Zwiebel auf den Boden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Verdammt nochmal!&#8220; br\u00fcllte ich. &#8222;Was ist denn los, Franz? Bin ich Luft oder was? Hab ich dir was getan? Was soll denn dieser Schei\u00df?!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz starrte mich an. Kurt stand auf und umarmte mich. Es gab eine gro\u00dfe tr\u00e4\u00adnenreiche Aussprache zwischen uns dreien, bei der s\u00e4mtliche Eisschichten gebrochen wurden und wir uns dann wieder in den Armen lagen, ewige Freundschaft schw\u00f6rend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ist doch l\u00e4cherlich&#8220;, sagte Kurt. &#8222;Wir haben alle unsere Probleme, aber w\u00e4r doch ge\u00adlacht, wenn wir das nicht zusammen hinkriegen!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz knurrte was von Egoismus und R\u00fccksichtnahme.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ach h\u00f6r auf!&#8220; sagte Kurt. &#8222;Du bist im Moment hier der gr\u00f6\u00dfte Egoist, mit Borah hier und Borah da &#8211; du f\u00fchrst dich auf wien Teenager vor seinem ersten Rendezvous!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Aber ich liebe diese Frau!&#8220; jammerte Franz und rang die H\u00e4nde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich wei\u00df. Und Camille liebt dich, oder nicht?&#8220; sagte Kurt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nickte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Siehste. Wenn wir hier schon das gro\u00dfe Credo beherzigen, da\u00df man R\u00fccksicht nehmen mu\u00df auf ungl\u00fccklich und eindimensional verliebte Menschen, dann gilt das f\u00fcr euch beide.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz grunzte. Da\u00df das zwischen ihm und Deborah &#8222;ungl\u00fccklich und eindimensio\u00adnal&#8220; sein bzw. enden sollte, das wollte er noch nicht durchgehen lassen. &#8222;Und du und Xanthippe?&#8220;, fragte er dann. &#8222;Besonders zweidimensional seids ihr beidn ja auch ned grad, oder irr ich da?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das zwischen mir und Xanthippe ist nicht eindimensional&#8220;, sagte Kurt etwas schnell. &#8222;Ich h\u00e4tte diese Frau vielleicht mal fast geheiratet! Ich -&#8222;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Fast&#8220;, grinste Franz. &#8222;Sehr entlarvende Dialektik!&#8220; Zu dem Zeitpunkt war er noch ihr Spe\u00adzerl.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Im Moment ist es etwas schwierig, das geb ich zu&#8220;, sagte Kurt. &#8222;Zumal sie Camille nicht leiden kann und jetzt wegen ihr diesen ganzen miesen Fez veranstaltet &#8211; ich h\u00e4tte es wissen m\u00fcssen, eigentlich ist der ganze Stre\u00df hier im Stall meine Schuld.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nein&#8220;, sagte ich, &#8222;ist es nicht. Was das betrifft, ist nur Xanthippe schuld. Aber so\u00adlang sie in Bremerhaven hockt, kriegt sie ja nix mit. Und was die Kolchosenchemie betrifft -&#8222;, ich sah Franz an, &#8222;tut mir leid, Franz. Ich h\u00e4tt mich schon l\u00e4ngst am Riemen rei\u00dfen k\u00f6n\u00adnen. Ich will dir nicht auf der Pelle hocken, das wei\u00dft du. Aber du hast gesagt, wir sei\u00aden Freunde. Und ich ver\u00adsteh unter Freundschaft was anderes als sich gegenseitig die Wun\u00adden aufkratzen!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was?&#8220; Franz starrte mich an. &#8222;Wieso Wunden aufkratzen? Wer tut das?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Du&#8220;, sagte ich, &#8222;hast Xanthippe im Suff vorgejammert, da\u00df ich ein Nagel sei zu deinem Sarg. Oder zumindest zu dem h\u00f6llen\u00e4hnlichen Zustand, in dem du jetzt bist.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Jooo&#8230;&#8220;, murmelte Franz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Du h\u00e4ttest das nicht breitzutreten brauchen. Wir k\u00f6nnen die Probleme zwischen uns al\u00adleine regeln! Da brauchst du nicht das Vertrauen zu brechen und vor Xanthippe im Dreck liegen!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Jooo!&#8220; rief Franz verzweifelt. &#8222;Tut mir leid, Camille, echt. I war bsoffn.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Trotzdem&#8220;, knurrte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Rei\u00dft euch zusammen, Leute&#8220;, sagte Kurt. &#8222;Ich mach jetzt was zu essen. Heut abend macht Georg n Poetry Slam oben an der Sch\u00f6nhauser, wolln wir da hin?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nee, heut kommt Huckebein noch vorbei&#8220;, sagte Franz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Sch\u00f6n, dann haste ja jemanden, dem de von Borah vorschmachten kannst&#8220;, sagte Kurt und grinste zynisch. &#8222;Und du kommst mit mir zur Sch\u00f6nhauser, Sch\u00e4fjen, okay?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Poetry Slam betrank ich mich mit Guinness im Irish Pub um die Ecke. Dann zog ich ins Hinterzimmer um und Franz in die Wichert, und die Wochen vor Weih\u00adnachten waren kalt, aber meine Seele schien zu heilen. Im Hinterzimmer wohnte zwar ein Floh, der mich nun bi\u00df, und wegen dem v\u00f6llig verschimmelten Klo hatte ich Pilze an der M\u00f6se, die verdammt juckten, und was von der Erk\u00e4ltung noch \u00fcbrigblieb, war ein z\u00e4her Husten, aber abgesehen davon gings mir gut. Kurt und ich tranken zusammen Kaffee, plauderten und hatten einen so wunderbaren Draht zueinander wie lange nicht mehr. Wir besuchten L\u00fcders, einen alten vergr\u00e4tzten Sonettisten, gingen ins Kino, st\u00f6berten in Buchantiquaria\u00adten, fuhren zum Frankfurter Tor raus, wo Georg in einem versifften Hippieladen eine Le\u00adsung hatte, und liefen dann von dort zu Fu\u00df zusammen durchs klirrendkalte Ostberlin nach Hause, streichelten die Katz und dichteten gemeinsam im Katzensessel. Franz kam t\u00e4glich kurz rein, mal mehr, mal weniger angeschickert, lachte, rauchte, kochte was, schw\u00e4tzte mit uns und verpfiff sich wieder.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 16. Dezember hatte Franz Geburtstag. Sally hatte f\u00fcr ihn am Abend zuvor auf der kleinen B\u00fchne ein Happening veranstaltet, das dann nat\u00fcrlich in eine riesenhafte Sauferei ausar\u00adtete, und gegen Morgen zog die ganze Karawane, sofern sie noch gehen konnte, ins Schliemann und soff dort weiter. Ich erfuhr das von Kurt; ich war schon ge\u00adgen Mitternacht gegangen, weil ich st\u00e4ndig auf Borah und Franz starren mu\u00dfte, die da sa\u00dfen und ineinanderzuflie\u00dfen schienen, und das war einfach zuviel f\u00fcr mich. Am Mor\u00adgen des 16. ging ich in die Stadt, um bei einer Zeitungs\u00adredaktion vorzusprechen, dann kam ich zur\u00fcck, buk Br\u00f6tchen (Alexegorow, der das Blech geklaut hatte, um in seinem besetzten Haus damit Haschkekse backen zu k\u00f6nnen, rannte durch den Schnee und brachte mir das Blech zur\u00fcck), dann brachte ich Franz einige Br\u00f6tchen als Geburts\u00adtags\u00adgeschenk an die Wichert &#8211; er war nicht da, er war on the tear, stie\u00df irgendwo auf seinen Ge\u00adburtstag an -, und dann machte ich es mir auf dem Sofa gem\u00fctlich mit Bier und Buch. Kurt sa\u00df im Hinterzimmer und dichtete. Es kratzte an der T\u00fcr, und Franz kam singend reingesch\u00fcsselt, breit grinsend und mit einer Bierfahne bis runter zur Prenzlauer Allee. Er nahm mein Gesicht in beide H\u00e4nde und dr\u00fcckte mir einen Schmatz auf den Mund, dann setzte er sich auf den Stuhl, was erst beim zweiten Versuch gl\u00fcckte &#8211; fast h\u00e4tte er sich daneben und in den Katzenfre\u00dfnapf gesetzt. Sein Kopf eierte auf seinem Hals herum, in seinen Augen glitzerte es. Es ging ihm gut. Er f\u00fchlte sich blendend. Er hatte Geburtstag, und jeder wu\u00dfte das, und jeder mu\u00dfte ihm daf\u00fcr mindestens ein Bierchen spendieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Camille&#8220;, zirpte er und grinste, &#8222;Camiiiiiiille, gemmer noch ins Schliemann, hm? Auf mei\u00adnen Geburtstag ansto\u00dfen? Du hast gsagt, du l\u00e4dst mich aufn Absinth ins Schlie\u00admann ein!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Stimmt, das hatte ich mal gesagt. War aber schon lange her. Komisch, da\u00df Alko\u00adholiker immer alles vergessen oder \u00fcberh\u00f6ren, aber sowas nie! Ich grinste.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich ging die T\u00fcr zum Hinterzimmer auf, und Kurt taumelte in die K\u00fcche. Er hielt sich die Stirn. Er starrte leichenbla\u00df geradeaus, uns an und durch uns hindurch. Franz wurde mit ei\u00adnem Schlag n\u00fcchtern. &#8222;Kurt! Was is los?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Schei\u00dfe&#8220;, st\u00f6hnte Kurt, &#8222;die l\u00e4\u00dft einen nicht in Ruhe. Xanthippe. Die kocht ihre Giftw\u00e4s\u00adserchen weiter und weiter. Jetzt hab ich gedacht, die Sache mit Camille w\u00e4r ge\u00adgessen &#8211; ich wollt sie doch \u00fcber Weihnachten und Neujahr in Bremerhaven besuchen &#8211; und jetzt sagt sie mir, wenn ich nicht sofort mit Camille breche, dann macht sie mit mir Schlu\u00df.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz starrte mich an, ich starrte Kurt an. Die Katz g\u00e4hnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was ist da blo\u00df in sie gefahren? Verdammt nochmal. Das mu\u00df ich jetzt erstmal verkraf\u00adten. Ich mein, sie will mir die Beziehung k\u00fcndigen wegen ner fixen Idee!&#8220; Kurt setzte sich wie im Trance auf einen Stuhl. Hinten schrillte das Telefon. Kurt sah zu Franz hin. &#8222;Das ist f\u00fcr dich. Xanthippe will dir zum Geburtstag gratulieren.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz st\u00fcrzte zur K\u00fcche raus und verschwand im Hinterzimmer. Kurt kam zu mir ge\u00adwankt, setzte sich auf die Sofalehne und schmiegte den Kopf wie ne Katz an meine Schulter. Eine Tr\u00e4ne kullerte seine Backe runter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die hat gesehen, was zwischen uns f\u00fcr ein guter Draht ist, und das vertr\u00e4gt sie nicht. Zwischen mir und dir ist n besserer Draht als zwischen mir und Xanthippe je war, wei\u00dft du, mit Burns und den Iren und Rajzel Zychlinski und Gra\u00dfhoff &#8211; ich hab zwar immer noch nicht ganz raus, wie du tickst, aber ich hab das Gef\u00fchl, ich und du, wir ticken \u00e4hnlicher als ich und Xanthippe je getickt haben und je ticken werden.&#8220; Er schluckte. &#8222;Aber ich mag euch beide! Verdammt, warum ist denn das so schwer zu verstehen?! Ich will euch beide nicht verlieren!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich kann auch gehen&#8220;, sagte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nein, Sch\u00e4fjen, geh nicht. Bitte. Geh noch nicht. Ich &#8211; ich meine, nicht so. Du wirst hier nicht rausgeschmissen, und du wirst auch nicht verbannt, und &#8211; ich krieg das hin mit Xanthippe.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz kam wieder in die K\u00fcche geschliddert. &#8222;Die Situation ist entsch\u00e4rft&#8220;, verk\u00fcn\u00addete er. &#8222;Ich hab ihr gsagt, da\u00df sie eine fixe Idee hat und -&#8222;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Und sie hat dir zugeh\u00f6rt?&#8220; Kurt starrte Franz entgeistert an.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ha jo!&#8220; sagte Franz. &#8222;Und -&#8222;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was der Junge mit sein&#8216; Charme nich alles fertigbringt!&#8220; sagte Kurt. &#8222;Mensch Franz! Be\u00adsoffen biste, abgefuckt biste, aber in&#8217;n entscheidenden Momenten funktionierste goldrichtig!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz grinste. &#8222;&#8217;s is net meine Schuld, da\u00df ich bsoffn bin &#8211; aber wer is am Geburts\u00adtag net bsoffn?&#8220; Ich gab ihm einen Ku\u00df. &#8222;Also folgendes. Camille is hier drin geduldet bis zweiten Januar, weil jemand aufs Katz aufpassen mu\u00df.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wieso bis zweiten Januar?&#8220; fragte Kurt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Am zweiten Januar kommen ich und du aus Bremerhaven zr\u00fcck.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was machst du in Bremerhaven?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich komm mit Xanthippe bsuchen. \u00dcber Sylvester.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Davon wei\u00df ich ja gar nichts!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ich au net, bis jetzt&#8220;, lachte Franz. &#8222;Sie hat mich eing&#8217;laden.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Und ich bleib hier?&#8220; fragte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Klar!&#8220; sagte Franz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Toll&#8220;, sagte ich. &#8222;Wirklich famos. Tolle Freunde, ihr zwei. Ich bin hier drin gedul\u00addet, um auf die Katz aufzupassen &#8211; sehr gn\u00e4dig. Ich bin ja nicht \u00fcber die Feiertage nach Berlin gekom\u00admen, um dann von meinen sogenannten Freunden in ner kalten und drecki\u00adgen Wohnung allein\u00adgelassen zu werden!&#8220; Kurt kriegte wieder sein kummervolles Gesicht und fing an, mich zu strei\u00adcheln. Hinten klingelte das Telefon wieder.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Bl\u00f6de Kuh&#8220;, knurrte Kurt. &#8222;Psychoterroristin!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Telefon klingelte. Kurt blieb sitzen. Dann h\u00f6rte es auf. Nach f\u00fcnf Sekunden fing es wieder an. Kurt erhob sich und tapste raus, und in diesem Augenblick, den ich nie vergessen werde, sah er aus wie siebzig: Strickjacke, Filzpantoffeln, dieser traurige Blick, als ob die ganze Last der Menschheit auf seinem armen Buckel l\u00e4ge. Die T\u00fcr zum Hinterzimmer schlo\u00df sich. Wir h\u00f6rten Kurt den H\u00f6rer abnehnen. Er sagte &#8222;Ja?&#8220; und in einem furchtbar m\u00fcden Tonfall &#8222;jaaa, hat er ausgerichtet&#8220; und &#8222;h\u00f6r jetzt bitte auf mit dem Schei\u00df&#8220;. Dann war wieder Stille. Er lauschte ei\u00adnem von Xanthippes Monologen. Armer Kurt, dachte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Los jetzt!&#8220; rief Franz. &#8222;Auf zum Schliemann!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zog mich an. Mischa, Sperling und Huckebein waren auch im Schliemann. Es gab ein gro\u00dfes Hallo. Ich bestellte f\u00fcr mich und Franz zwei doppelte Absinth. Deborah war nirgends zu sehen; hatte wohl heute Pause. Na, sie hatte ja gestern mit Franz gesof\u00adfen, bis die Sternlein sangen. Joe, ein schwarzer Tramp, tauchte auf und schenkte Franz eine Packung Katzenfutter, die dieser gleich an mich weiterreichte. Wir verkrochen uns mit unseren Absinthgl\u00e4sern nach hinten, und Mischa holte sein Gras aus der Tasche, und es wurden einige dicke Joints gezwirbelt. Huckebein, der schon ziemlich voll war, hatte pl\u00f6tzlich Lust auf Gesellschaftsspiele und nervte den jungen Punk hinterm Tresen so lang, bis dieser nach hinten verschwand und nach einer Weile mit einem Schachspiel wiederkam. Huckebein haute sich mit dem Schachspiel an einen Tisch, Sperling und an\u00addere S\u00e4ufer sa\u00dfen gleich drumrum, und Huckebein kloppte einen nach dem anderen schachmatt und lachte dann sein meckerndes Lachen. Sperling versuchte ein Ge\u00adspr\u00e4ch mit mir, aber ich konnte mich nicht konzentrieren, meine Gedanken kreisten stets um Kurt. Das sagte ich Sperling dann. Er holte sich bei dem Punk hinterm Tresen einen Stift und kritzelte mir seine Adresse auf einen Bierdeckel. &#8222;Falls du da wirklich rausfliegst, kannst du jederzeit bei mir unter\u00adschl\u00fcpfen.&#8220; Ich war ihm sehr dankbar.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz hing sturzvoll auf einem Stuhl. Ich kitzelte ihn.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Trink&#8216; mer noch n Bier?&#8220; lallte er und hob erwartungsvoll den Kopf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Na&#8220;, sagte ich, &#8222;meinst du nicht, du hast genug?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Aber nie!&#8220; rief Franz und sprang auf die Beine. &#8222;Her damit!&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging nach einem weiteren Absinth. Franz hatte zwei Touristen in sei\u00adnen Bann gesponnen, f\u00fchrte ihnen seine Harlekinaden vor und kriegte von ihnen wohl noch eini\u00adges spendiert. Na denn.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vorderhausdurchgang von der Stargarder stand immer noch kn\u00f6cheltief unter Was\u00adser. Gestern nacht hatte es von oben runtergeregnet, irgendwas war undicht, die Feuerwehr war dage\u00adwesen, aber sie w\u00fcrde nochmal kommen m\u00fcssen. Ich watete durch das eiskalte Wasser und kam mir vor wie McCourt. Und das war ja gar nicht so falsch. Es herrschten zu diesem Zeit\u00adpunkt in Ber\u00adlin minus 20\u00b0, und wir hatten in unserer Kolchose oben im Seitenfl\u00fcgel keine Hei\u00adzung. Wir sa\u00dfen in M\u00e4n\u00adteln in der K\u00fc\u00adche, bis der Herd etwas W\u00e4rme entwic\u00adkelt hatte. G\u00e4ste, die uns zum erstenmal be\u00adsuch\u00adten, wie ein Kiffkollege von Alexegorow oder auch Xanthippe, waren sprachlos, wie wir es in dieser K\u00e4lte aushielten, und fingen nach ei\u00adner Weile an zu bibbern. Auf dem Boden lag Staub und Schmutz, das Klo war verschim\u00admelt, die Fensterscheiben grau. Scully hatte sich neuerdings auf den K\u00fchlschrank zu\u00adr\u00fcckgezogen; erstens war es dort oben mollig warm, weil das Gebl\u00e4se vom K\u00fchl\u00adschrank unter ihr war und die W\u00e4rme von den Herdplatten zu ihr nach oben stieg, und zwei\u00adtens konnte sie von da oben gem\u00fctlich das ganze chaotische Treiben der r\u00e4tselhaften Spe\u00adzies Mensch beobachten, ohne selbst hineingezogen zu werden. Ich beneidete sie. Kurt hatte sich schon an die K\u00e4lte gew\u00f6hnt, er stand morgens splitterfasernackt vor der Sp\u00fcle und wusch sich, dann zog er ein Hemd \u00fcber und ein d\u00fcnnes Strickj\u00e4ckchen, w\u00e4hrend ich zu der Zeit mit zwei Pull\u00adovern und Strumpfhosen unter den Jeans rumlief. Was besonders l\u00e4stig war, weil ich mich wegen meiner Flohbisse an den Beinen und dem Pilzbefall st\u00e4ndig kratzen mu\u00dfte. Ich hatte keine Anti-Pilz-Salbe oder so, also rieb ich mir die Beine mit Rasierwasser oder Euka\u00adlyp\u00adtus\u00f6l ein, was beides tierisch brannte; aber nach einer Weile waren die Pilze ausgetrock\u00adnet, und der Floh hatte wohl den Appetit an mir verloren. Alexegorow schenkte mir einen Schaf\u00adpulli aus Kerry, der ihm zu klein ge\u00adworden war; er hatte Mottenl\u00f6cher und roch nach Hasch, aber ich trug ihn die ganze Zeit bis zu meiner Abreise, weil es, was ich aus meiner Zeit in Irland wei\u00df, nichts W\u00e4rmeres gibt als einen echt irischen Schafwollpulli. Medizin gab es bei uns nicht, und Hand\u00adt\u00fccher auch nicht. Beides hatte ich meine Eltern mir zu schicken gebeten. Sie schickten mir Cel\u00adlophant\u00fcten voller Antibiotika, Hustensaft, Nasensprays und Aspirin &#8211; als ich im April wie\u00adder in Berlin war und ein Aspirin brauchte, war nicht einmal das mehr da. Die Handt\u00fc\u00adcher, die wir um Weih\u00adnachten herum benutzten, h\u00e4ngen heute noch da. Nachdem Kurt nach Bremerhaven gefah\u00adren war und ich die ganze Kolchose f\u00fcr mich hatte, machte ich mich erstmal mit Feuereifer ans Saubermachen. Ich sp\u00fclte, wischte den Boden, schrubbte die Handt\u00fccher in der Sp\u00fcle in Seifen\u00adlauge und h\u00e4ngte sie im Hinterzimmer auf Schn\u00fcre zum Trocknen, saugte Staub im Flur und im Klo, r\u00e4umte die leeren Bier- und Weinpullen von den Tischen vor die Wohnungst\u00fcr, kratzte die Es\u00adsensreste vom Wachstischtuch und legte Weihnachtsservietten drauf; sogar Scully kriegte ihre N\u00e4p\u00adfe ges\u00e4ubert und mit Ser\u00advietten unterlegt. Ich h\u00e4ngte Tannenbaumzweige an die N\u00e4gel in der Wand und machte mir ein Feuerchen. In diesen Weihnachtstagen f\u00fchlte ich mich sehr gebettet. Die letzten zwei Wochen, nach Xanthippes Abreise, unserer gro\u00dfen Vers\u00f6hnungs\u00adaussprache und Franzens Auszug, als ich mit Kurt allein war, hatten meiner Seele gut getan. Ich f\u00fchlte mich psy\u00adchisch wie physisch wieder wohl. Auf klassische Weihnachten hatte ich ohnehin keine Lust; und meine alternative Weihnachten sollte nun so aussehen, da\u00df ich meine Ruhe hatte und diese ein\u00adfach von vorn bis hinten genie\u00dfen wollte, kein Trallala, keine Party, keine My\u00adriaden von Leuten. Meine Familie schickte mir ein P\u00e4ckchen mit Weih\u00adnachtsgeschenken und E\u00dfwaren drin, und mei\u00adne Mutter schrieb: &#8222;Mach es dir an Heilig\u00adabend gem\u00fctlich, mein Schatz.&#8220; Das machte ich. Das Ca\u00adf\u00e9 Schliemann hatte ohnehin ge\u00adschlossen \u00fcber die Feiertage, also hatte ich mich beim Netto zuvor noch mit Wein und Absinth eingedeckt. Und ich hatte nicht vor, davon etwas an Franz abzugeben &#8211; er h\u00e4tte es, wenn ich damit angefangen h\u00e4tte, gleich ausgetrunken. Ich z\u00fcndete ein paar Kerz\u00adchen an, machte Kaffee, a\u00df etwas Toastbrot und schmauchte eine Re\u00adval. Dann schnuckelte ich mich, die Katze im Scho\u00df, aufs Sofa und las und dichtete und a\u00df und f\u00fchlte mich wohl. Wo Franz war, war mir egal; ich hatte kein Bed\u00fcrfnis nach ihm, die z\u00e4rtlichen Ge\u00adf\u00fchle f\u00fcr ihn waren zu dieser Zeit komplett abgestorben. Er wohnte nun in der Wichert, war nach wie vor komplett abgewrackt und eierte nach wie vor um Borah herum, der Af\u00adfentanz war immer l\u00e4cherlicher, was alle sahen bis auf ihn, und seine Sauferei war nat\u00fcr\u00adlich nach wie vor gravierend. Meine auch, klar, noch war ich von einem diesbez\u00fcglichen Schnitt weit entfernt. Am 24. machte ich Besorgungen, dann sah ich kurz in die Wichert rein, wo Franz mit Huckebein sa\u00df und soff. Sp\u00e4ter ging Franz, aufgebrezelt, zu jeman\u00addem, der ihn eingeladen hatte (es war nicht Deborah), und ich trank mit Huckebein in der Stargarder einen guten Rotwein und ging anschlie\u00ad\u00dfend mit Scully ins Bett. Am 25. waren ich und Franz bei Norbert eingeladen zum Essen. Mor\u00adgens hatte ich Franz besucht, Borah war da, sie begr\u00fc\u00dfte mich freudig, ihr Hund leckte mir die Hand ab, Borah zelebrierte ihr gew\u00f6hnliches L\u00e4\u00adcheln und ihren Smalltalk, und Franz lag auf der Ma\u00adtratz und grinste gequ\u00e4lt. Bevor wir dann zu Norbert gingen, schnauzte er mich an, ich h\u00e4tte ein Rendezvous gest\u00f6rt, von dem er sich wei\u00df\u00adgott\u00adwas versprochen hatte. &#8222;Was f\u00fcr ein Rendezvous?&#8220; \u2013 &#8222;Na, Borah! Ich hab sie eing&#8217;laden zum Fr\u00fchst\u00fcck! Ich wollt mit ihr holde Zweisamkeit feiern! Und denn kommst du! Wieso gehst du net wieder?!&#8220; \u2013 &#8222;Nach holder Zweisamkeit sah mir das aber nicht aus, Franz. Borah stand da im Man\u00adtel, leckte an vertrockneter Nutella und langweilte sich. Hast du das denn nicht gemerkt? Und du lagst doch wie immer nur besoffen herum!&#8220; Ich war sauer. Franz besoff sich und wiederholte den gravierenden Fehler von Vertrauensbruch, den er auch damals schon be\u00adgan\u00adgen hatte: er telefo\u00adnierte mit Xanthippe. Damit war er f\u00fcr mich gestorben. Freunde sind was an\u00adde\u00adres, dachte ich. Ich war ihm beigestanden, als er Probleme gehabt hatte, Geldprobleme und die mit Klein-Hitler, doch jetzt dachte er nur noch an sich. Als ich ihn im Schliemann am Tresen h\u00e4n\u00adgen sah, besoffen und pleite, wie er gerade ver\u00adsuchte, den bedienenden Punk zu \u00fcberreden, ihm Kredit zu geben, spa\u00adzierte ich ohne Regung an ihm vorbei. Sein Char\u00adme hatte ausgedient, sei\u00adne H\u00fclle war geplatzt. Ich sah ihn jetzt als das, was er war: ein Wrack. Der auch andere mit\u00adwrackt. Er war f\u00fcr mich, an\u00adders als f\u00fcr Xanthippe, nie der Engel, der jetzt pl\u00f6tzlich zum Teufel mu\u00adtier\u00adte, er war nur ein Alko\u00adholiker und ein Wrack. Und von Wracks und Alkoholikern hatte ich nun ge\u00adnug. Er war nicht ge\u00adwollt b\u00f6se oder parasit\u00e4r; er war nur feige und unglaublich ge\u00addan\u00adkenlos. Er tau\u00admelte von einer Situation in die n\u00e4chste, und wenn er dort angelangt war, hatte er die erste schon vergessen, und da\u00df er vielleicht bei diesem unkontrollierten Durchs-Leben-Schusseln Men\u00adschen verletzte und Freunde verriet, das drang selten durch seine fusel\u00adgetr\u00e4nkten grauen Zel\u00adlen bis zu seiner Hirn\u00adzentrale durch. Und wenn es hart auf hart ging, dann lie\u00df er die anderen den Dreck machen und be\u00adschwer\u00adte sich noch wegen zuwenig R\u00fccksichtnah\u00adme. Jedenfalls kam es mir so vor. Und ganz falsch war es nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Xanthippe indes hie\u00df nicht umsonst so. Sie braute in Bremerhaven ihre Giftw\u00e4s\u00adserchen, und Sokrates, also Kurt, kriegte sie eingefl\u00f6\u00dft und wurde von ihr vergiftet, wur\u00adde einer gr\u00fcndli\u00adchen Gehirnw\u00e4sche unterzogen. Am 28. Dezember kriegte ich einen Brief aus Bremerhaven, der mir das Blut gefrieren lie\u00df. Er enthielt den ganzen von Xanthippe da\u00admals ge\u00e4u\u00dferten asozialen Schwachsinn, unterschrieben von Kurt. &#8222;Kolchose will ge\u00adlernt sein. Du ru\u00addel\u00advam\u00adpi\u00adrierst. Ich hab dich eingeladen, nun schaff bitte deinen Arsch aus der Zone.&#8220; Ich las den Brief zweimal, dann hatte ich einen Heulkrampf. Alles fiel von mir ab. Ich konnte es nicht fassen. Xanthippe hatte Kurt gehirngewaschen, dann gefesselt und geknebelt und ihn gezwungen, den Brief zu unter\u00adschreiben &#8211; anders war das nicht vorstellbar, dazu kannte ich Kurt zu gut (und wie er mir sp\u00e4ter gestand, war es auch ge\u00adnau so gewesen); trotzdem brach in mir etwas unkittbar ent\u00adzwei. Ich h\u00f6rte das kostbare Porzellan der Freundschaft zerschellen. Sp\u00e4ter, als er aus Bremer\u00adha\u00adven zu\u00adr\u00fcck war, such\u00adten ich und Kurt alle Scherben zusammen und taten unser Bes\u00adtes, das Porzellan zu kleben; doch der Sprung blieb, bis heute. Dank Xanthippe und ihren maroden Intrigen. Sie be\u00adschimpfte mich als Ze\u00adcke, obwohl nur sie eine war, eine Zecke, eine Giftspinne, die \u00fcberall ihre Fangarme hineintenta\u00adkel\u00adte. Franz, der am 29. \u00fcber Sylvester zu ihr und Kurt stie\u00df, kam nun ebenfalls in den Genu\u00df von Xanthippes lebensecht dargebotener Lady-Macbeth- oder Lady-Marwood-Show. Ich f\u00fchlte mich wirklich ans billigste b\u00fcrgerliche Trauerspiel erinnert: die billigste und d\u00fcmmste Eifersucht lie\u00df Xanthippe eine derart t\u00f6dli\u00adche Intrige spinnen. Sie wollte die Beziehung mit Kurt um jeden Preis retten, und daf\u00fcr ging sie \u00fcber Leichen &#8211; meine, und dann auch die von Kurt; denn eine Beziehung war das, was sie ihm dann aufzwang, nicht mehr, war es schon vorher nicht mehr gewesen. Und sie nahm es in Kauf, Freundschaften zu zerst\u00f6ren. Da\u00df sie selbst es war, die mit Freundschaften Probleme hatte, war der Grund, da\u00df sie anderen keine g\u00f6nnte. Und der Grund daf\u00fcr, da\u00df sie stets eine Show abzog, da\u00df sie sich als etwas pr\u00e4sentierte: als starke Frau, als f\u00fcrsorgliche Freundin, als sozialkritische Dichterin, als gute Kollegin, als liebevolle Tr\u00f6sterin, als weltgewandte Unterhalterin &#8211; was sie alles nicht war. Sie war Xanthippe, und wir wu\u00dften warum.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verlie\u00df die Stargarder. Ich befand mich im Schockzustand, war wie bet\u00e4ubt, am Boden zerst\u00f6rt. Ich tauchte in Wilmersdorf unter und kam t\u00e4glich einmal zur\u00fcck, um Scul\u00adlys N\u00e4pfe frisch zu f\u00fcllen und mich zu betrinken, damit ich \u00fcber meine Schmerzen nicht nachdenken mu\u00dfte. In der Kolchose r\u00fchrte ich keinen Fin\u00adger mehr. Alles war von mir abge\u00adfallen. Es war eine marode, kalte Wohnung, ja: aber man sp\u00fcrte die K\u00e4lte und den Dreck nicht, solang man Freunde dort hatte, die einen w\u00e4rmten und pflegten, sowohl im w\u00f6rtlichen als auch im emotionalen Sinn. Jetzt war in mir alles diesbez\u00fcglich zerbrochen und erkaltet und lag zwi\u00adschen dem anderen Ger\u00fcmpel auf dem Boden. Ich sch\u00fcttete die Zigarettenasche auf die Dielen, warf die leeren Weinflaschen quer durch die K\u00fcche und ging wieder nach Wilmersdorf. An Syl\u00advester zog ich um zu Mischa, der in einem gro\u00dfen hellen sauberen warmen Zimmer wohnte. Neujahr feierte ich am Helmholtzplatz. Die T\u00fcr der Stargarder hatte ich endg\u00fcltig hinter mir ge\u00adschlossen. Am 2. Januar schnitt ich mir die Haare ab. Die Vergangenheit lag auf dem Boden des Fri\u00adseursalons in Kreuzberg. Meine Seele, getreten und geschlagen, erhob sich wieder aus der Asche, so kitschig das auch klingt; langsam, aber es ging. Ich lief durch Berlin, atmete die frische eiskalte Luft ein und f\u00fchlte mich frei und gel\u00f6st. Ph\u00f6nix aus der Asche. Ich wollte nicht in der Asche verrecken wie Franz. Ich war noch jung. Ich wollte diese marode Pseudo-Boh\u00e8me endg\u00fcl\u00adtig verlassen. Und das tat ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verlie\u00df Berlin nicht gleich. Ich wollte Kurt noch zur Rede stellen. Franz schul\u00addete mir noch Geld &#8211; aber da ich wu\u00dfte, da\u00df er mir das nie zur\u00fcckzahlen w\u00fcrde, nahm ich ihm stattdessen den Pullover wieder ab, den ich ihm eigentlich geschenkt hatte. Als ich erfuhr, da\u00df sowohl Franz als auch Kurt mit Xanthippe in Bremerhaven eine furchtbare Zeit hatten, machte sich in mir so et\u00adwas wie klammheimliche Schadenfreude breit. Und ich hatte noch gedacht, da\u00df sich die drei da oben k\u00f6niglich am\u00fcsierten und gen\u00fc\u00dflich \u00fcber mich und Alexegorow abl\u00e4sterten! &#8222;Nicht die Boh\u00adne&#8220;, sagte Kurt. &#8222;Ich sa\u00df da und hab dich zu verteidigen versucht, Xanthippe hat ihren Schei\u00df gebl\u00f6kt und mich zu \u00fcberreden versucht, da\u00df sie recht hat, und hat immer gesagt: &#8217;nach all dem, was ich f\u00fcr dich getan habe, Kurt, nach all dem m\u00fc\u00dftest du mich doch lieben!&#8216; &#8211; aber ich liebe sie nicht, Liebe kann man nicht erzwingen, und genau das versucht sie. Ich war nahe dran, mit ihr Schlu\u00df zu machen.&#8220; Er seufzte. &#8222;Und Franz &#8211; er durfte nachts nicht rauchen, er durfte nicht trin\u00adken, er mu\u00dfte sie um jeden Cent anbetteln, sie ging mit ihm um, als w\u00e4r er ihr Scho\u00dfh\u00fcndchen, und als sie ihn dann umarmen wollte, blies er ihr die Meinung und stie\u00df sie von sich. An Neujahr sind wir alle drei nur rumgesessen. Es war m\u00f6rderisch. Je\u00adder nervte jeden an, und wir z\u00e4hlten die Minuten, bis der Zug endlich kam.&#8220; Sehr sch\u00f6n. Also wer zeckte nun wen? Siehste. &#8222;Wei\u00dft du, Sch\u00e4fjen&#8220;, sagte Kurt, &#8222;du bist immer in meinem Herzen drin, so oder so, du kannst bei mir nichts falsch\u00admachen. Es w\u00e4re ein Verlust gewesen, wenn du jetzt ver\u00adschwunden w\u00e4rst.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;F\u00fcr mich auch&#8220;, sagte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Es geht um das Leben und nicht um Literatur.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Es geht um das Leben und nicht um b\u00fcrgerliche Trauerspiele&#8220;, korrigierte ich ihn. &#8222;Literatur und Leben ist dasselbe &#8211; wer das nicht kapiert, hat weder das eine noch das andere begriffen. Was bei Xanthippe der Fall ist. Sie glaubt, sie propagiert das Leben &#8211; aber sie spielt eine Rolle in einem b\u00fcrgerlichen Trauerspiel und merkt das nicht mal.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Stimmt&#8220;, sagte Kurt und grinste. &#8222;Dann lassen wir sie da. In Kabale und Liebe ist sie gut aufgehoben, als Lady Marwood oder Millwood.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Boh\u00e8me hei\u00dft Leben. Subkultur hei\u00dft Leben. Und Leben ist da zu Ende, wo es von toten H\u00fclsen gefressen wird. Haight-Ashbury h\u00f6rte da auf, ein kreativ pulsierendes Zen\u00adtrum der Ge\u00adgenkultur zu sein, als es immer voller wurde von Leuten, die sich anzogen wie Hippies, redeten wie Hippies, benahmen wie Hippies, aber keine Ahnung hatten, was Hippies eigentlich waren, kurz: als man nirgendwo mehr Hippies sah, sondern nur noch Leute auf der Suche nach Hippies. Wracks, Pseudos, Drogens\u00fcchtige, Perspektivlose. So auch hier.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lassen wir die Toten ruhen. Lassen wir Xanthippe und ihre Spie\u00dfgesellen zwi\u00adschen ihren Leichen rumw\u00fchlen &#8211; wir leben!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nachtrag 1<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kam im April wieder zur\u00fcck nach Berlin. Nichts hatte sich ver\u00e4ndert. Bei Franz in der Wichert standen nach wie vor noch Aberdutzende Bierflaschen auf dem Boden. Huckebein war in der Wichert jetzt Dauergast, und Franz war noch knochiger geworden. Ich freute mich zwar, ihn wiederzusehen, aber ansonsten war er mir v\u00f6llig gleichg\u00fcltig geworden. Alexegorow war mit Fie\u00addel und Gras ins Hin\u00adterhaus der Stargarder gezogen, und in Kurts K\u00fcche im Seitenfl\u00fcgel\u00adge\u00adb\u00e4u\u00adde stand das Sofa hochkant und das Hinterzimmer sah sehr leer aus, aber sonst war alles wie gehabt: Asche, Schmutz, Kaffeefilter, Streichh\u00f6lzer, Schimmel, Fl\u00f6he, graue Fenster.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts hatte sich ver\u00e4ndert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur ich. Ich war <em>off the tear.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00ed Gudix Mai 2003<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nachtrag 2<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;tear&#8220; bedeutet Ri\u00df. Dar\u00fcberhinaus hei\u00dft &#8222;to be on the tear&#8220; im Dubliner S\u00e4uferjargon soviel wie &#8222;einen Absturz haben, auf Sauftour sein, sternhagelvoll sein&#8220;. Absturz wohin &#8211; wohin wird gest\u00fcrzt? Eben. <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt hat sich inzwischen von Xanthippe getrennt, ist 3x umgezogen und hat eine frische Schnalle; die Stargarder Kolchose gibts nicht mehr, die ganze Stargarder 58 wurde prunkvoll umsaniert und beherbergt jetzt Eigentumswohnungen mit Teppich im Treppenhaus, Aufzug und frischer Streiche; die Versuchsstation in der Zelter Stra\u00dfe gibt s auch nicht mehr, das Cafe Schliemann wurde Anfang 05 eine Zeitlang von der Polizei wegen Drogen geschlossen, aber inzwischen hat es wieder er\u00f6ffnet, und das Getriebe l\u00e4uft dort wie eh und je \u2013 nur ohne Kiff. Keinen von denen, die jetzt ins Schliemann kommen, kenn ich mehr von damals: Joe kommt nicht mehr, weil man nicht mehr kiffen kann, die Punks hinterm Tresen wurden durch hippe Karrierebienen ersetzt, die W\u00e4nde wurden wei\u00df gestrichen, und sogar das Klo wurde geputzt. Huckebein ist obdachlos, vegetiert in der N\u00e4he der Sch\u00f6nhauser Allee und wird manchmal mit nem Packen \u201eStra\u00dfenfeger\u201c unterm Arm in den Allee-Arcaden gesichtet, aber keiner wei\u00df was genaues. Mischa ist wie vom Erdboden verschwunden, die Drogenkolchose in der Kopenhagener wurde wohl von der Polizei ausgemistet. Sperling habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen, genauso Borah. Dieter ist v\u00f6llig auf den Hund gekommen, Sally ist in einen anderen Bezirk gezogen, hat ein Kind und einen Mann, und Franz versucht, nach 4 oder 5 weiteren Umz\u00fcgen und einer vor\u00fcbergehenden Umstylung zum blondierten Nobelpunk, trocken zu werden. Seit 2003 schreibt er an einem Opus \u00fcber Shakespeare. Scully hat ihn verlassen; das war vielleicht der gr\u00f6\u00dfte Schock. Er hat jetzt zwei neue Katzen. Und Alexegorow ist, nach einigem On und Off, auch wieder aufgetaucht, wohnt zwischen Gesundbrunnen und Sch\u00f6nhauser in einer Schlauchbutze mit Ballsaal und bei\u00dft sich durch, kifft nicht mehr, schnorrt nicht mehr, und wer ihn besucht, wird mit offenem L\u00e4cheln empfangen. Das freut mich am meisten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: right;\">Ni Gudix, Berlin, M\u00e4rz 2007<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"239\" height=\"179\" class=\"wp-image-69418\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2006\/02\/ni-gudix.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2006\/02\/ni-gudix.jpg 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2006\/02\/ni-gudix-160x120.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das N\u00ed Gudix-<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">Portr\u00e4t<\/a>. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix. Lesen Sie auch ihren <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> auf Bruno Runzheimer.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein b\u00fcrgerliches Trauerspiel aus dem Prenzlauer Gebirge, 2002 &#8222;Twas young Brennan on the tear, Brennan on the tear, both wild and undaunting was young Brennan on the tear.&#8220; &#8211; nach einer irischen Ballade &#8222;Der Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/03\/30\/kolchose-on-the-tearoder-liebesgruesse-aus-marodistan\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":207,"featured_media":69418,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2608],"class_list":["post-69593","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ni-gudix"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69593","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/207"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=69593"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69593\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=69593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=69593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=69593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}