{"id":69531,"date":"2007-11-22T00:01:07","date_gmt":"2007-11-21T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69531"},"modified":"2022-02-17T17:35:34","modified_gmt":"2022-02-17T16:35:34","slug":"ulysses","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/22\/ulysses\/","title":{"rendered":"Ulysses"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und falls dieses Buch eine neue Odyssee ist \u2013: ich will mich lieber vor der Odyssee blamieren, als, getreu nach Vaihinger, so tun, als ob &#8230; Los.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn 1585 Seiten auf einen heruntergedonnert kommen, dann darf man wohl zun\u00e4chst eine Weile verdutzt schweigen. Mit \u203afabelhaft\u2039 und \u203aBluff\u2039 ist es nicht getan \u2013 der verdienstvolle Rhein-Verlag in Basel, der das Werk von James Joyce <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>als Privatdruck herausgebracht hat, stimmt seinen Einf\u00fchrungsprospekt allerdings auf den Ton: aut-aut ab. \u00bbVal\u00e9ry Larbaud, ein franz\u00f6sischer Kritiker, begr\u00fc\u00dft den <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>mit der gleichen Ehrfurcht, wie Boccaccio die <em>\u203aDivina Comedia\u2039 <\/em>begr\u00fc\u00dfte. Er veranstaltete in Paris Diskussionsabende \u00fcber <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>und suchte den Schl\u00fcssel in Homers unsterblichem Werk.\u00ab In England sind Exemplare, die sie zu fassen bekommen hatten, verbrannt worden \u2013 wie ja \u00fcberhaupt die geistige Freiheit der verantwortlichen Engl\u00e4nder mitunter enge Grenzen hat; in Amerika haben sie die <em>\u203aLittle Review\u2039, <\/em>die Kapitel aus dem <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>abgedruckt hat, beschlagnahmt und den Verantwortlichen angeklagt und verurteilt. Das Buch mu\u00dfte, im englischen Text, in Paris gedruckt werden; eine tapfere Engl\u00e4nderin hat das erm\u00f6glicht. Stimmen erheben sich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00f6chte die jungen Leute zu Klubs organisieren mit dem Zweck, den <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>zu lesen, damit sie die Frage er\u00f6rtern k\u00f6nnen: Sind wir so? und wenn die Abstimmung ein Ja ergibt, zu der weitem Frage fortschreiten: Wollen wir so bleiben?, die, wie ich hoffe, verneinend beantwortet w\u00fcrde.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein protestantischer Superintendent? Ein Pastor der anglikanischen Hochkirche? Der Dean von St. Pauls? Nein \u2013 Bernard Shaw.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Eindruck ist so:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unm\u00f6glich, alles hintereinander zu lesen. Die Personen verwirren sich; wenn eine Handlung darin ist, habe ich sie nicht verstanden \u2013 ich wei\u00df nicht immer, was real, gedacht, getr\u00e4umt oder beabsichtigt ist. Aus einer Inhaltsangabe des Verlages ergibt sich, was an diesem einen Tage, der dem Buch zugrunde liegt, vorgeht \u2013: ich habe das nicht gemerkt. Zwei gewaltige Ausnahmen: eine Walpurgisnacht und ein riesiger innerer Monolog, beide im dritten Band. Bis dahin wogt der Nebel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist nun, da wir es nicht mit einem Originaltext, sondern mit einer \u00dcbersetzung zu tun haben, sogleich zu untersuchen, ob dieser Eindruck an der \u00dcbersetzung liegen kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe noch keinen Mann gesehen, der den englischen Text von <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>gelesen und verstanden hat; ich kenne zwar merkw\u00fcrdige Ruhmesfanfaren von Literaten, die ihn nachweislich nicht gelesen hatten \u2013 und ich erinnere mich, dass der englische Lektor der \u00c9cole Normale in Paris, ein Ire aus Dublin, mir einmal sagte, er verm\u00f6ge das Buch nicht zu bew\u00e4ltigen. Das kann an ihm gelegen haben. M\u00f6gen Anglisten entscheiden, wie der \u00dcbersetzer Georg Goyert seine Riesenaufgabe bew\u00e4ltigt hat, bei der ihn \u00fcbrigens der deutsch verstehende Verfasser unterst\u00fctzte. Es handelt sich hier auch gewi\u00df nicht darum, dem \u00dcbersetzer, der jahrelang gearbeitet haben mag, Fehlerchen anzukreiden. Das kann ich nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl aber kann ich nach Hunderten von Stichproben bei der ersten Lekt\u00fcre eines sagen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In welchem Stil dieses Buch abgefa\u00dft ist, steht dahin. Dichterisches Deutsch ist es bestimmt nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will gar nicht von den Unreinheiten sprechen. \u00bbIch erinnere noch die Hungersnot\u00ab ist einfach ein grammatischer Fehler, eine franz\u00f6sierende Konstruktion, die vielleicht angewendet werden darf, wenn damit die Sprechweise eines gezierten Menschen oder ein Provinzialismus gekennzeichnet werden soll. Das ist aber nicht die Absicht. \u00bbDer siebte\u00ab ist ein infamer Lapsus, den Schopenhauer zu seinem Gl\u00fcck nicht mehr zu erleben brauchte. Es sind nicht diese Unreinheiten; nicht das fatale Modewort \u00bbirgendwie\u00ab; es ist auch nicht die Unm\u00f6glichkeit, alles in einem solchen Werk zu \u00fcbertragen \u2013 es ist etwas andres.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nehme eine Stelle des glatt laufenden Textes.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAls er an Blooms zahn\u00e4rztlichen Fenstern vorbeischritt, b\u00fcrstete sein wehender Staubmantel einen d\u00fcnnen, tastenden Stock aus seiner Richtung, fegte weiter und traf dann einen schwachen K\u00f6rper. Der blinde J\u00fcngling wandte sein krankes Gesicht hinter der davonschreitenden Gestalt her.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist nichts. Das ist tot. Das hat keine Musik, t\u00f6nt nicht, die Worte sind, wie Jacobsen das einmal ausgedr\u00fcckt hat, \u00bbaus dem W\u00f6rterbuch\u00ab genommen; sie sind richtig, ja ja \u2013 aber es schwingt nichts unterhalb der Prosa, die Sprachmelodie fehlt. So geht das durch das ganze Buch. Seine Sprache ist stumpf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wird mir Goyert sagen: \u00bbDu kennst das Original nicht. Das ist ja grade das Feine daran, dass es eben nicht das ist, was du dichterisch nennst \u2013 Joyce will das gew\u00f6hnliche zeigen, er will die Sprache dem Alltag n\u00e4hern. Er will nur wie ein Grammophon wiedergeben, wenn ihm das pa\u00dft.\u00ab Und das lasse ich mir nun nicht erz\u00e4hlen. Wenn er das wirklich will, und wenn das hier gut \u00fcbersetzt ist \u2013: dann hat er das nicht gekonnt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben in Deutschland viel zu wenig B\u00fccher, die Sprachmelodien exakt wiedergeben, und ich w\u00fc\u00dfte nichts, was am\u00fcsanter (und was schwerer) w\u00e4re. Es gibt da eine innere Wahrhaftigkeit, eine Echtheit, die man nicht philologisch beweisen kann \u2013 jeder unterscheidet sofort die echten und die falschen T\u00f6ne. Lasse ich einen Berliner etwa sagen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIck komm da rieba und hol mir &#8217;n Ssiehjarn \u2013 indem wird er ausholn und haut Emmyn direkt mit die Fauste unter de Auhrn. Sie is jleich nachn Wasserkran jejangen \u2013\u00ab so gibt es keinen Mann von der Panke, der nicht sofort unterbricht und das Wort \u203aWasserkran\u2039, das theoretisch richtig angewendet ist, beanstandet. Das sagt eben ein Berliner nicht. Von solchen Wasserkr\u00e4nen wimmelt es im Buch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlu\u00dfurteil \u00fcber die \u00dcbersetzung:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist entweder ein Mord geschehen oder eine Leiche fotografiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gong klingt nur an wenigen Stellen. Aus welchem Metall ist er gemacht \u2013?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Fortschrittliche Professoren haben f\u00fcr den <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>eine Vorliebe gefa\u00dft, und es ist nicht nur das, was mich mi\u00dftrauisch macht. Ich habe 1585 Seiten bekommen \u2013 aber eben mit Ausnahme jener zwei grandiosen St\u00fccke ist da nichts auf meinem Teller; bis jetzt kann ich das nicht essen \u2013 es ist irgend etwas K\u00fcnstliches an der Sache, etwas Konstruiertes, und, nun will ich mich getrost steinigen lassen: etwas Phantasieloses.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u203aZu Ende\u2039 schreiben bedeutet ja noch gar nichts. Das ist Geduldssache des Flei\u00dfes, vielleicht sogar der Graphomanie oder andrer Veranlagung. Es wird mir kein Mensch einreden, dass etwa die <em>\u203aBlechschmiede\u2039 <\/em>von Arno Holz ein geniales Kunstwerk sei \u2013 man ertrinkt in Staub, weil alles zu Ende gesagt ist. Ganze Partien des <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>sind schlicht langweilig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er von seinen Figuren oder von seinen Stra\u00dfen spricht; von Hunden oder Kupplerinnen; von Meeresbuchten oder von Kneipen, so habe ich immer den Eindruck, als sei das alles nur fingiert: wie die S\u00e4cke Hafer in Rechenaufgaben oder wie die paar anst\u00e4ndigen Seiten in einer Pornographie. Ist in den <em>\u203aMemoiren einer S\u00e4ngerin\u2039 <\/em>von einem Salon die Rede oder steht da: \u00bbSie begab sich hinaus, um dem Diener einige Befehle zu erteilen &#8230; \u00ab so ist der Diener nicht da, und der Salon nicht und gar nichts. Das ist nur gesagt. Was ich vom ersten Band des <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>verstanden habe, scheint mir gesagt. Der Autor teilt mir etwas mit \u2013 aber ich glaube es ihm nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Worauf es James Joyce angekommen ist, wei\u00df ich nicht; das Buch besteht zu seinem Hauptteil aus etwas, worauf es ihm scheinbar nicht angekommen ist, aus Nebens\u00e4chlichkeiten; darauf zu achten, ist so, wie wenn man sich in der Physikstunde freut, dass das Versuchspr\u00e4parat des Lehrers so sch\u00f6n rubinrot ist. Darauf kommt es aber nicht an. Hier ist ein Versuch gemacht. Was soll bewiesen werden? Was ist das f\u00fcr ein Versuch \u2013?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zeigt sich sehr klar im dritten Band. <em>\u203aMabbot-Stra\u00dfe. Eingang in die Nachtstadt\u2039. <\/em>Das ist, f\u00fcr den ersten Eindruck, eine gro\u00dfartige Vision.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie da Gestalten aus dem Dunkel auftauchen und verschwinden; wie die Figuren aufgerissen werden, dass Blut, Eingeweide, Mordgedanken und die letzten W\u00fcnsche aus ihnen herausquillen; wie Tr\u00e4ume, Heniden, Affekte und die ganze t\u00fcrkische Musik Freuds lebendig werden \u2013: dazu ist Ja zu sagen. Und tiefer geht es, in unterirdische Stromgebiete \u2013 dergleichen kenne ich bei den Dahingegangenen nur von dem gro\u00dfen Panizza. Wahrscheinlich ist das mehr als Literatur \u2013 auf alle F\u00e4lle ist es die allerbeste. Die Schlu\u00dfvision ist zum Greifen nahe.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuf der dunkeln Mauer erscheint langsam eine Gestalt, ein sch\u00f6ner elfj\u00e4hriger Knabe, ein Wechselbalg, gestohlen, in der Tracht der Etonboys, mit Glasschuhen und kleinem Bronzehelm; er h\u00e4lt ein Buch in der Hand. Er liest leise, von rechts nach links, l\u00e4chelt, k\u00fc\u00dft die Seite.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bloom (ergriffen, ruft kaum h\u00f6rbar): Rudy!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudy sieht, ohne zu sehen, in Blooms Augen und liest weiter, k\u00fc\u00dft und l\u00e4chelt. Er hat ein zartes, malvenfarbiges Gesicht. An seinem Anzug hat er diamantene und Rubinkn\u00f6pfe. In der freien linken Hand h\u00e4lt er einen d\u00fcnnen Elfenbeinstock mit violetter Schleife. Ein wei\u00dfes L\u00e4mmchen guckt ihm aus der Tasche.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings geht auch hier die Sprache nicht mit, folgt nicht, bleibt stecken. Die Derbheiten der Huren, die Roheiten der Stra\u00dfe sind in einem erfundenen Dialekt geschrieben. Wobei zu fragen ist, warum sich in aller Welt alle deutschen \u00dcbersetzer, die englische Werke bearbeiten, einbilden, sie m\u00fc\u00dften Cockney-Englisch in einem v\u00f6llig idiotischen Dialekt wiedergeben. Die Cockney-Leute sprechen in deutschen \u00dcbersetzungen meistens so, wie \u203aD\u00f6r Zwickauer\u2039 im seligen <em>\u203aKladderadatsch\u2039 <\/em>gesprochen hat \u2013 mit verkrempelten, getr\u00fcbten Vokalen: etwas ganz und gar Unsinniges, das nie ein lebendiger Mensch \u00fcber die Zunge gebracht hat. (So ist zum Beispiel die sch\u00f6n ausgestattete Kipling-Gesamtausgabe im Listschen Verlag dadurch halb entwertet: Kiplings drei Soldaten reden einen Phantasie-Dialekt, der wie \u00fcbergegangene Milch schmeckt.) Doch stellen diese Visionen im <em>\u203aUlysses\u2039 <\/em>vielleicht Anforderungen an den \u00dcbersetzer, denen grade noch der allergr\u00f6\u00dfte Sprachk\u00fcnstler gewachsen w\u00e4re. Und der \u00fcbersetzt nicht, sondern schreibts selber.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der dubliner Tag n\u00e4hert sich seinem Ende. Und ganz zum Schlu\u00df des Buches beginnt jenes eigent\u00fcmliche Verh\u00f6r, eine Art Examen, mit Frage und Antwort.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWelche Parallelwege gingen Bloom und Stephan, als sie zur\u00fcckkehrten? \u2013 In normalem Spazierschritt verlie\u00dfen beide den Beresford Place und gingen dann der Reihe nach &#8230; \u00ab Und: \u00bbWurde diese Behauptung von Bloom angenommen? \u2013 Nicht w\u00f6rtlich. Substantiell.\u00ab So fragt sich Joyce ab. Bis Bloom nach Hause kommt, sich \u2013 immer noch in Frage und Antwort dargestellt \u2013 auskleidet, sich neben seine Frau legt, die schon liegt &#8230; \u00bbIn welcher Stellung? \u2013 Zuh\u00f6rerin: halb auf der linken Seite liegend, die linke Hand unter dem Kopf, das rechte Bein gradeaus gestreckt, es ruhte auf dem linken gebogenen in der Haltung der Gea-Tellus &#8230; \u00ab Und da fahren sie. Wohin?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und hier setzt nun der \u203ainnere Monolog\u2039 ein, der so viel Aufsehen gemacht hat, \u00fcber hundert Seiten erstreckt er sich, und es mu\u00df gesagt werden, dass dies der st\u00e4rkste Eindruck von allem ist. Er l\u00e4uft ohne Interpunktion vor\u00fcber.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa weil er so was noch nie verlangt hatte n\u00e4mlich ihm sein Fr\u00fchst\u00fcck ans Bett zu bringen mit ein paar Eiern seit dem City Arms Hotel wo er \u00f6fters liegen blieb und behauptete er w\u00e4re erk\u00e4ltet und spielte dann den Vornehmen um sich bei der alten Ziege der Frau Riordan interessant zu machen von der er was zu erben dachte und sie vererbte uns keinen Heller alles f\u00fcr Messen f\u00fcr sich selbst und ihre Seele war der gr\u00f6\u00dfte Geizhals der je lebte hatte wirklich Angst 4 d f\u00fcr ihren denaturierten Spiritus auszugeben erz\u00e4hlte mir all ihre Krankheiten \u2013\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man schmeckt schon aus der kleinen Teel\u00f6ffelprobe das Gericht: das leise Asthma, das einen dabei beschleicht, die tiefe Echtheit; das Springen der Gedanken; die \u00dcbersetzung, \u00fcber die man stolpert \u2013 aber dieser innere Monolog ist eine Leistung, eine bewundernswerte Leistung an K\u00f6nnerschaft, k\u00fcnstlerischem Mut, Seelenkenntnis.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den winzigen Versuchen Arthur Schnitzlers und Carl Spittelers hat diese Orgelsymphonie der Gedanken nichts zu tun. Hier ist tats\u00e4chlich alles, aber auch alles gesagt. Mit viel gr\u00f6\u00dferer Kraft als etwa bei dem unappetitlichen Harris, dessen Unterhosenanekdoten mir peinlich erscheinen und von denen ich nichts wissen m\u00f6chte. Hier rollt und gluckert es; blitzschnell springen die Ideenfl\u00f6he hin und her, klammern sich an Wort\u00e4hnlichkeiten; wundervoll, wenn zum Zeichen des Tadels etwas zweimal gedacht wird (Berlinisch: \u00bbEr will einen Bruchbandschl\u00fcssel haben \u2013 P! Bruchbandschl\u00fcssel!\u00ab) \u2013 ganz ersten Ranges, wenn die Sprache sinnlos t\u00f6nt, ein dummes Echo. (So hallt die Gehirnschlucht, als vom Wort \u203aVagina\u2039 die Rede ist, mit \u203aCochinchina\u2039 wieder.) Denkt man nun so \u2013?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, dass \u00fcberhaupt nicht wiedergegeben werden kann, wie einer denkt. Man denkt grammatisch nicht folgerichtig; dar\u00fcber kann es keine Diskussion geben. Schon komplizierte Nebens\u00e4tze kommen nicht vor \u2013 von Bildern, hingewischten Fetzen und Heniden ganz zu schweigen. Wie unrichtig diese Technik da ist (die vorl\u00e4ufig die einzige ist, die uns bleibt), zeigen die derben Stellen. Ihretwegen ist das Buch wohl verfolgt worden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich denkt eine Frau, die nicht einschlafen kann, auch an sexuelle Dinge. Ich glaube aber nicht, dass einer von uns dergleichen im Halbschlaf mit groben Worten zu Ende denkt \u2013 meist sieht er vielmehr, was er denkt, oder er denkt Begriffe, und die haben in uns keine Namen. Erst war das Ding, dann der Name. Joyce hat hier bewu\u00dft die ordin\u00e4rsten Gassenworte gesetzt, und man hat ihm zu danken, dass er den Mut aufgebracht hat, es zu tun. Die Tagtr\u00e4ume der halben W\u00fcnsche; der r\u00fcde Kitzel; der ins psychische versetzte physiologische Vorgang (Blutandrang, schwerer Magen, unruhiges Herz) \u2013 das ist ganz einzig getroffen. Ein Arzt, der Joyce einmal war, m\u00fc\u00dfte die jeweilige Pulszahl an den Rand schreiben k\u00f6nnen. Die narzistische Eigenliebe, mit der der K\u00f6rper behandelt ist, das Kreiseln um einen Gedanken, der Unflat, der da nachts ausbricht \u2013 ecce homo. Am besten die kleinen Seitenl\u00e4mpchen, die am Wege blitzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn ich dran denke wie er morgens die Treppe rauff\u00e4llt die Tassen rasseln auf dem Brett und dann mit der Katze spielen sie reibt sich an einem weils ihr Spa\u00df macht ob die wohl Fl\u00f6he hat ist genauso schlecht wie eine Frau immer sind sie am lecken aber ich hasse ihre Krallen ob die wohl was sehen was wir nicht sehen gucken immer so starr wenn sie oben so lange auf der Treppe sitzt und horcht \u2013.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese letzten Zeilen sind eine einzige Kostbarkeit: das sind wirklich Nachtgedanken, und gute dazu, worauf es ja zun\u00e4chst nicht ankommt. Aber so \u00e4hnlich denkt man.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">James Joyce hat eine T\u00fcr aufgesto\u00dfen; ich glaube, dass sie nach Freud nur noch angelehnt war. Auch dem K\u00f6nnen dieses Iren sind nat\u00fcrliche Grenzen gesetzt: solche des menschlichen Gehirns und solche des Buchdrucks: man denkt ungeheuerlich schnell, man denkt auch manchmal polyphon \u2013 w\u00e4hrend ein schwerer Gedanke wie ein Glockenton in der Tiefe brummt, h\u00fcpfen oben die Affen der Assoziation auf und ab. Das kann man nicht aufschreiben. Was gemacht werden konnte, hat Joyce gemacht. Denn so sieht es in einem menschlichen Gehirn aus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Vater Shaw da gepredigt hat, ist falsch. Man kann nicht anders \u203awerden\u2039 \u2013 weil man nun einmal so ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zersplittert und hundsgemein b\u00f6se und geil und niedertr\u00e4chtig und gut und gutm\u00fctig und rachs\u00fcchtig und ohnm\u00e4chtig-feige und schmutzig und klein und erhaben und l\u00e4cherlich, o so l\u00e4cherlich! Nachts kommt das alles herausgekrochen, schl\u00e4ngelt sich in die Schw\u00e4rze um das Bett, vergiftend und vergiftet, durch alle Poren kommt es heraus. T\u00f6te ihn! fressen! ich will ihn haben \u2013 er m\u00fc\u00dfte mich &#8230; gibt auch zu viel Geld aus \u2013 mein dicker Oberschenkel! m\u00fc\u00dfte mal wieder zum Friseur gehen \u2013 und &#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa und wie er mich unter der maurischen Mauer k\u00fc\u00dfte und da dachte ich er so gut wie ein andrer und dann sah ich ihn an mit meinen Augen mich wieder zu fragen ja und dann fragte er mich ob ich wollte ja sagen meine Gebirgsblume und dann umschlangen ihn meine Arme ja ich zog ihn herab zu mir und er konnte meinen duftenden Br\u00fcste f\u00fchlen ja und ganz wild schlug ihm das Herz und ja ich sagte ja ich will. Ja.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So schlie\u00dft dieses au\u00dfergew\u00f6hnliche und merkw\u00fcrdige Buch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebigs Fleischextrakt. Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <\/em><em>Die Weltb\u00fchne, 22.11.1927, Nr. 47, S. 788.<\/em><\/p>\r\n<div>\r\n<div id=\"attachment_15606\" style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15606\" class=\"size-medium wp-image-15606\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15606\" class=\"wp-caption-text\">Tucholsky in Paris (1928)<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong>Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Und falls dieses Buch eine neue Odyssee ist \u2013: ich will mich lieber vor der Odyssee blamieren, als, getreu nach Vaihinger, so tun, als ob &#8230; Los. Wenn 1585 Seiten auf einen heruntergedonnert kommen, dann darf man wohl zun\u00e4chst&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/22\/ulysses\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1099],"class_list":["post-69531","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=69531"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69531\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97992,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69531\/revisions\/97992"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=69531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=69531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=69531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}