{"id":69427,"date":"2005-03-28T00:01:00","date_gmt":"2005-03-27T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69427"},"modified":"2022-02-21T08:40:57","modified_gmt":"2022-02-21T07:40:57","slug":"belgiernachschlag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/03\/28\/belgiernachschlag\/","title":{"rendered":"Belgiernachschlag"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit bald drei\u00dfig Jahren streut HEL, Berliner belgischer Abkunft, seine Gedichte vornehmlich in zahllosen Untergrund-Publikationen und diversen Einzelb\u00e4nden bei Klein- und Kleinstverlagen. V\u00f6llig unbeachtet von Betrieb und Feuilleton \u00fcben seine eigenwilligen Texte seitdem ma\u00dfgeblichen Einflu\u00df auf weite Teile nachr\u00fcckender Dichtergenerationen aus. Nun ist mit &#8222;Trostlied f\u00fcr Nada&#8220;, das von Tom Schulz f\u00fcr die neue K\u00f6lner Lyrikreihe im Stahl-Verlag (ehemals KRASH) zusammengestellt wurde und eher k\u00fcrzere Texte aus mehreren Schaffensperioden kompiliert, sein erstes Taschenbuch erschienen. H\u00f6chste Zeit, sein bis dato entstandenes Werk etwas n\u00e4her zu beleuchten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit liedhaften Texten begann HEL im Jahr 1977, angeregt durch Texte von Bob Dylan, Bertolt Brecht und Charles Bukowski, sein Werk, das bis heute rund 1500 Schreibmaschinen-Seiten Lyrik umfa\u00dft, die auf schier enzyklop\u00e4dischem Wissen ebenso wie auf Erfahrungen in den Stra\u00dfen seiner diversen Aufenthaltsorte gr\u00fcnden. An der Weltlyrik fast aller Epochen und Regionen geschult, verf\u00fcgt HEL \u00fcber eine handwerkliche Bandbreite, die in dieser Form \u00e4u\u00dferst selten in einem einzigen Werk anzutreffen ist. Bekannte und weniger bekannte Metren transportieren seinen bisweilen \u00fcberbordenden, stets am tats\u00e4chlichen Leben orientierten Mix aus lexikalischer Mottenkiste und modernem Jargon, der auf allesbestaunender Arch\u00e4ologie gr\u00fcndend ozeanische Spannungsfelder webt, plastische, klein- und gro\u00dffl\u00e4chige Texte, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchmengen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich verwoben sind HELs Schaffenszyklen. Anschlie\u00dfend an die fr\u00fchen Lieder entsteht, eingeleitet von Balladen \u00fcber den Hundertj\u00e4hrigen Krieg, haupts\u00e4chlich in den 80ern eine wortgewaltige Nachtfahrt durch die Geschichte, an deren weniger bekannten Schaupl\u00e4tzen der Dichter ausf\u00fchrlich verweilt. In der Regel l\u00e4\u00dft er kleine, geschlagene und vergessene Helden zu Wort kommen: Zweifelnde Badesklaven, erfinderische B\u00e4uerinnen oder den Wollk\u00e4mmer Lioncino, dessen Morgenansprache an seinen Sohn w\u00e4hrend einer Erwerbst\u00e4tigkeit HELs als Reinigungskraft auf einem Heizungsrohr als Schreibunterlage entstand. Zig Langgedichte geh\u00f6ren diesem bisher unver\u00f6ffentlichten Werkblock an, darunter auch das \u00fcber den Fesselballonpionier Cassivellaunus:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">&#8220; ( \u2026) Grenzg\u00e4nger sind wir w\u00e4chter der elemente \/ Bronzene spiegel aus Bedfordshire trugen wir und den \/ schild mit eulenaugen von Thamesis \/ eingelegt in farbigen glasflu\u00df den geist zu tr\u00e4nken \/ geweiht in der warte von Stonehenge \/ Wo war ich stehn geblieben? ja \/ flieger des feuers sind wir und was ist die luft als \/ d\u00fcnneres k\u00fchleres feuer ( \u2026)&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen historischen Texten kl\u00e4rt der Dichter die Grundlagen des Wissens und menschlicher Verhaltensweisen. Krieg und Verbrechen finden ihre lyrische Widergabe ebenso wie erhabene und sch\u00f6ne Leistungen, am besten in einem Atemzug.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Zyklus, der bis Ende der 90er ensteht, besch\u00e4ftigt sich mit der j\u00fcngeren Vergangenheit, die bis in die jeweilige Gegenwart reicht. &#8222;Den globalen Umweg&#8220; nennt HEL diese Periode, in der er von Kriegswitwen, Autobahnbauern oder stillen Beobachtern des Halbweltmilieus berichtet, von Geschehnissen aus der direkten Umgebung (wie etwa in seinem Langgedicht &#8222;<a href=\"http:\/\/www.satt.org\/SUKULTUR\/SL_007_1.html\">Im Altamiracaf\u00e9<\/a>&#8220; \u00fcber die atomare Bedrohung w\u00e4hrend des Kalten Kriegs) und solchen, die, in der Ferne entstanden, als Nachrichten kursierten. Wissenschaftliche Errungenschaften flie\u00dfen ins Werk, pl\u00f6tzlich schie\u00dfen Neutrinos durch die Zeilen, die durchaus zugleich am h\u00e4uslichen Herd angesiedelt sein k\u00f6nnen, die Koordinaten dieser Lyrik scheinen unerme\u00dflich, neuromantische Lieder \u00fcber Natur und Stadt stehen gleichberechtigt neben humoristisch gef\u00e4rbten Sonetten und anderen tiefgr\u00fcndigen Albernheiten, des Dichters Katze nimmt ihren geb\u00fchrenden Platz im Werk ebenso ein wie die Arbeitslosenmaschine der verdoppelten Republik. Derart abgemischtes Geschehen weist auf die alte brauchbare Erkenntnis, da\u00df alles, was der Fall ist, zusammenh\u00e4ngt, flie\u00dft und zyklisch geordnet scheint.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein massiver, derzeit noch wachsender Werkblock, \u00fcberschrieben mit &#8222;4chen&#8220;, ist einzig nach dem formalen Kriterium der herangezogenen Versschmiede-Technik benannt. Darunter z\u00e4hlt HEL die titelgebenden Vierzeiler nach dem Rubay-Schema altpersischer Dichtung, aber auch seine &#8222;ellefenten&#8220;, Elfzeiler nat\u00fcrlich, die wie die Vierzeiler (letztere teilweise in Kooperation mit Dichterkollegen), zu grotesken Textfresken wachsen, sowie klassische Distichen, meist als zweizeilig-lyrische Aphorismen. Gleich ob fr\u00fch- oder neuzeitlich, europ\u00e4isch oder exotisch, Sonett, Ghasele, Pantum oder Haiku \u2013 es existieren kaum g\u00e4ngige Versformen, die HEL nicht erprobt h\u00e4tte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den Reisen durchs Weltwissen ist HEL im neuen Jahrtausend vorerst zur\u00fcck bei seiner Heimat angelangt. Die &#8222;Lammesheider Lyrchen&#8220; betitelten Erinnerungen an seine Eifel- bzw. Ardennenjugend spielen im Gro\u00dfraum des Aachener Dreil\u00e4nderecks. Gerne benutzt HEL hierf\u00fcr den urdeutschen Vierzeiler mit simplen AB-Reimschemata \u2013 und bezeichnet diesen j\u00fcngsten Werkkomplex als seine &#8222;basement tapes&#8220; und den Chanson, &#8222;aus welchem Material auch immer&#8220;, als &#8222;einen Augenblick der Wahrheit&#8220;, woran der Dichter nunmal zu arbeiten habe:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das war unsre erste t\u00fcrkin \/ Tut mir leid das m\u00e4dchen stank \/ sa\u00df da wie ne graue schwester \/ auf der klassenaussatzbank \/\/ Hat nicht mitgespielt und schrieb nur \/ schrieb nur mit und sprach kein wort \/ schwarze haare auf den armen \/ und wom\u00f6glich nicht nur dort \/\/ Und ich tr\u00e4umte jahre sp\u00e4ter \/ und der traum war ziemlich fies \/ wie ich ihr nen schnurrbart zwirble \/ Keiner wei\u00df mehr wie sie hie\u00df&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">HEL ist Hauptpseudonym von Herbert Laschet, der 1957 in der deutschsprachigen Enklave Eupen-Malmedy in Ostbelgien zur Welt kam und gelegentlich auch andere Pseudonyme verwendet. \u00dcber Frankfurt am Main, Aachen, K\u00f6ln, Hamburg und D\u00fcsseldorf zog es ihn 1990 nach Berlin, auf den Prenzlauer Berg, wo er oberhalb der Ger\u00e4uschgrenze den N\u00e4chten magische Verse abzapft. Als Belgiernachschlag bezeichnet HEL eine reichliche zweite Essensportion: Nach einigen kleineren Einzelpublikationen bei u. a. SUKULTUR, der edition roadhouse und einer geheimnisumwobenen Werkausgabe in progress bei Caroline Hartge, erschien im M\u00e4rz 2005 &#8222;Trostlied f\u00fcr Nada&#8220; im K\u00f6lner Stahl-Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"wp-image-69431\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/image-6.jpeg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdigung von HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33276\">hier<\/a>. Eine <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hel\/helbenntjes.htm\">H\u00f6rprobe<\/a> des Autors findet sich auf MetaPhon. Zur Lyrik von HEL findet sich hier ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54994\">Rezensionsessay<\/a> von Holger Benkel. Ein faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9168\">hier<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Seit bald drei\u00dfig Jahren streut HEL, Berliner belgischer Abkunft, seine Gedichte vornehmlich in zahllosen Untergrund-Publikationen und diversen Einzelb\u00e4nden bei Klein- und Kleinstverlagen. 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