{"id":69272,"date":"2001-11-03T00:01:48","date_gmt":"2001-11-02T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69272"},"modified":"2021-11-22T06:03:32","modified_gmt":"2021-11-22T05:03:32","slug":"ich-entgrenzung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/11\/03\/ich-entgrenzung\/","title":{"rendered":"Ich-Entgrenzung"},"content":{"rendered":"<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ich habe keine schnellen S\u00e4tze, ich habe lange Fragen<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Thomas Brasch<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Brasch, Dichter, Dramatiker, Filmschaffender und \u00dcbersetzer, war eine der markantesten Figuren der j\u00fcngeren deutschen Literatur. Neue deutsche Dichtung, die von Goethe, Heine, Brecht, von Spruch und Lied herkommt, hat in ihm ihren Meister gefunden \u2013 und viel zu fr\u00fch verloren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Brasch wurde als Sohn j\u00fcdischer Emigranten im englischen Exil geboren. 1947 siedelte die Familie in die sowjetische Besatzungszone \u00fcber. Hier begann die politische Karriere des Vaters Horst Brasch, die ihn bis ins Amt des stellvertretenden Ministers f\u00fcr Kultur der DDR bef\u00f6rderte. Thomas Braschs Mutter Gerda Brasch stammte aus \u00d6sterreich. Sie war Journalistin und ver\u00f6ffentlichte Mitte der 1950er Jahre in einer Cottbuser Lokalzeitung das erste Gedicht ihres Sohnes.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Brasch besuchte von 1956 bis 1960 die Kadettenschule der Nationalen Volksarmee in Naumburg (Saale). Nach dem Abitur arbeitete er als Schlosser, Meliorationsarbeiter und Schriftsetzer. 1964\/65 studierte er Journalistik an der Karl-Marx-Universit\u00e4t Leipzig. Wegen \u201eVerunglimpfung f\u00fchrender Pers\u00f6nlichkeiten der DDR\u201c wurde er exmatrikuliert und arbeitete erneut unter anderem als Kellner und Stra\u00dfenbauarbeiter.<span id=\"Widerstand_gegen_DDR-Zensur\" class=\"mw-headline\"><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1966 wurde die Inszenierung seines Vietnamprogramms <i>Seht auf dieses Land<\/i> an der Berliner Volksb\u00fchne verboten. 1967 bis 1968 absolvierte Brasch ein Studium f\u00fcr Dramaturgie an der Hochschule f\u00fcr Film und Fernsehen Babelsberg. Im M\u00e4rz 1968 wurde der gemeinsame Sohn Benjamin von Bettina Wegner geboren. Wegen der Verteilung von Flugbl\u00e4ttern gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die \u010cSSR im August 1968 musste er sich gemeinsam mit Frank Havemann, Florian Havemann, Rosita Hunzinger, Sanda Weigl, Erika-Dorothea Berthold und Hans-J\u00fcrgen Uszkoreit vor Gericht verantworten. Er wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt und nach 77 Tagen<sup id=\"cite_ref-suschke_3-1\" class=\"reference\"> <\/sup>auf Bew\u00e4hrung entlassen. Danach wurde Brasch als Erziehungsma\u00dfnahme als Fr\u00e4ser im Berliner Transformatorenwerk Oberspree (TRO) besch\u00e4ftigt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Vermittlung von Helene Weigel arbeitete er 1971\/1972 im Brecht-Archiv, wo er an einer Arbeit sa\u00df, die die Strukturelemente des Westerns mit denen des russischen Revolutionsfilms verglich. Seitdem lebte er als freier Schriftsteller. Mehrere Dramen, die zwischen 1970 und 1976 entstanden, wurden wegen ihrer Thematik und ihrer h\u00e4ufig experimentellen Form nicht aufgef\u00fchrt oder nach kurzer Zeit abgesetzt, so z.\u00a0B. die gemeinsam mit Lothar Trolle verfassten Lehrst\u00fccke <i>Das beispielhafte Leben und der Tod des Peter G\u00f6ring<\/i> und <i>Galileo Galilei \u2013 Papst Urban VIII<\/i>.<span id=\"Wechsel_in_den_Westen\" class=\"mw-headline\"><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1976 war Brasch Mitunterzeichner der Resolution gegen die Ausb\u00fcrgerung von Wolf Biermann. Nachdem die Publikation von Prosatexten durch staatliche Stellen verweigert worden war, stellte er einen Ausreiseantrag und \u00fcbersiedelte gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Katharina Thalbach und deren Tochter Anna Thalbach nach West-Berlin. Sein noch in der DDR entstandener und kurze Zeit sp\u00e4ter beim Verlag Rotbuch erschienener Prosaband <i>Vor den V\u00e4tern sterben die S\u00f6hne<\/i> wurde ein gro\u00dfer Erfolg und brachte ihm nachhaltige Anerkennung bei den Kritikern.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1976 hatte die damalige inoffizielle Mitarbeiterin (IM) Anetta Kahane in einem Bericht f\u00fcr die DDR-Staatssicherheit die Br\u00fcder Thomas und Klaus Brasch als \u201eFeinde der DDR\u201c bezeichnet.<sup id=\"cite_ref-4\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1978 erhielt Brasch den Ernst-Reuter-Preis und 1979 ein Villa-Massimo-Stipendium. Er wurde 1982 Mitglied des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und wurde f\u00fcr den Film <i>Engel aus Eisen<\/i> mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1983 lebte er f\u00fcr ein Jahr in Z\u00fcrich, wo er f\u00fcr den Film <i>Domino<\/i> den <i>Occhio del Pardo d\u2019argento<\/i> erhielt. Sein H\u00f6rspiel <i>Robert, ich, Fastnacht und die anderen<\/i> wurde mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. Ab 1986 \u00fcbersetzte er mehrere Theaterst\u00fccke William Shakespeares ins Deutsche.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1992 erhielt er den Kritikerpreis der <i>Berliner Zeitung<\/i>. 1987 f\u00fchrte er in <i>Der Passagier<\/i> zum letzten Mal Regie in einem Kinofilm; Brasch konnte US-Weltstar Tony Curtis f\u00fcr die Hauptrolle gewinnen.<span id=\"Nach_dem_Fall_der_Mauer\" class=\"mw-headline\"><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem Brasch seit dem Fall der Berliner Mauer f\u00fcr viele Jahre verstummt war und sich Ger\u00fcchte \u00fcber Alkohol- und Drogenmissbrauch gemehrt hatten, \u00fcberraschte er im Jahr 1999 mit seinem neuen Prosaband <i>M\u00e4dchenm\u00f6rder Brunke<\/i>,<sup id=\"cite_ref-5\" class=\"reference\"><\/sup> der aus einem Manuskript von urspr\u00fcnglich mehr als 10\u202f000 Seiten entstand. Im selben Jahr kam es zur Urauff\u00fchrung der Dramen <i>Stiefel mu\u00df sterben<\/i> und <i>Die Trachinierinnen des Sophokles oder Macht Liebe Tod<\/i>, im Jahr 2000 folgte <i>Frauenkrieg. Drei \u00dcbermalungen<\/i>. Sein letztes St\u00fcck, <i>Eine M\u00e4rchenkom\u00f6die aus Berlin<\/i>, blieb unvollendet.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie nennen das Schrei<\/strong>, Gesammelte Gedichte von Thomas Brasch. Hrsg. v. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Suhrkamp, Berlin. 1030 Seiten<\/p>\r\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-69273 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-181x300.jpg 181w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-260x431.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei-160x265.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Schrei.jpg 301w\" sizes=\"auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/06\/29\/ins-paradies-vertrieben\/\">vorgestellt<\/a> von Jamal Tuschick.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> <strong>Sie nennen das Schrei<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/09\/spuren-3\/\">gew\u00fcrdigt<\/a> durch Jan Kuhlbrodt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich habe keine schnellen S\u00e4tze, ich habe lange Fragen Thomas Brasch Thomas Brasch, Dichter, Dramatiker, Filmschaffender und \u00dcbersetzer, war eine der markantesten Figuren der j\u00fcngeren deutschen Literatur. 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