{"id":69214,"date":"2011-08-13T00:01:00","date_gmt":"2011-08-12T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69214"},"modified":"2022-03-05T17:48:35","modified_gmt":"2022-03-05T16:48:35","slug":"50-jahrestag-des-mauerbaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/08\/13\/50-jahrestag-des-mauerbaus\/","title":{"rendered":"50. Jahrestag des Mauerbaus"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich verstehe Ihre Frage so, da\u00df es Menschen in Westdeutschland gibt, die w\u00fcnschen, da\u00df wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? &#8230;\u00a0 Mir ist nicht bekannt, da\u00df eine solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt haupts\u00e4chlich mit Wohnungsbau besch\u00e4ftigen und ihre Arbeitskraft daf\u00fcr voll ausgenutzt wird, voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Ulbricht<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Statement <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=eMlQnFdyIhI\">schwurbelte<\/a> der DDR-Staatsratsvorsitzende am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz auf die Frage die Journalistin <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Annamarie_Doherr\">Annamarie Doherr<\/a> von der Frankfurter Rundschau daher. Am 13. August unterbrachen die herbeizitierten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=p40ydArjRpA\">Bauarbeiter<\/a> ihre Arbeit am Wohnungsbau und arbeiteten andere Statikpl\u00e4ne aus. Der SED-Parteichef wollte stets das Beste: F\u00fcr die Partei, die Genossen, f\u00fcr die Kinder und vor allem &#8211; selbstverst\u00e4ndlich uneingestanden &#8211; f\u00fcr sich. Aufstieg, Ansehen, Erfolg, Wohlstand, Liebe; in dieser Reihenfolge. Und es ging fehl. Folgt man dem Zeithistoriker <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dietrich_Staritz\">Dietrich Staritz<\/a>, so ist dieser 13. August die Realisierung einer <em>Perspektivma\u00dfnahme<\/em>: &#8222;der heimliche Gr\u00fcndungstag der DDR&#8220; .<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Hegel bemerkte, da\u00df alle gro\u00dfen weltgeschichtlichen Tatsachen sich zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzuf\u00fcgen: das eine Mal als Trag\u00f6die, das andere Mal als Farce.<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte der Protagonist der <em>Arbeiterbewegung<\/em>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Marx\">Karl Marx<\/a>, mit seinem lumpigen Dialektik am Ende doch noch Recht haben, so stellt\u00a0<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weigoni\">A<\/a>.<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weigoni\"> J. Weigoni<\/a> in seinem ersten Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=506\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> die Welt auf die <em>Verg\u00e4nglichkeitsprobe<\/em>. Zur Rezeption dieses Romanciers geh\u00f6rt es seit seinen <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=52\">Zombies<\/a><\/em>, da\u00df man seinen Humor meist nur in der Form der Ironie erkennt, die meist etwas Distanzierendes, etwas \u00dcberlegenes hat. Sieht man genauer hin, so hat Weigoni zu seinen Figuren kaum Distanz. Und er macht sich nie \u00fcber sie lustig. Wenn es dennoch bei ihm immer wieder hochkomische Situationen gibt, so ist das, wie bei seinen Novellen <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=229\">Cyberspasz,<\/a><\/em> als Groteske angelegt. Die Absurdit\u00e4t ergibt sich nicht daraus, wie Weigoni erz\u00e4hlt, vielmehr r\u00fchrt aus den Situationen selbst, in die die Menschen meist unfreiwillig geraten oder sich schlimmstenfalls sogar freiwillig begeben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Und der Zukunft abgewandt<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni arbeitet noch an einem Soziopsychogramm des Mauerfalls. Jeder Gegenwartsroman ist ein Zeitgeistdokument, sie machen einen Ausschnitt sozialer Debatten und gesellschaftlicher Interaktion lesbar. Wir lesen in diesem Faktizit\u00e4tsanspruch Poesie als Kreuzungspunkt von Politik und Literatur. Dies <em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dwyCd1EBzUs\">garstig Lied<\/a><\/em> setzt sich dem Zwiespalt aus, ob Dichtung ein angemessenes Medium f\u00fcr Politik ist, und Politik ein angemessener Inhalt f\u00fcr die Dichtung. Die Antithese deutet auf das Problem der Literatur hin, das sich <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Engagierte_Literatur\">engagierte Literatur<\/a> notwendigerweise von der Realit\u00e4t abgesetzt, die Differenz von dieser jedoch durchstreicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Geschichte entsteht dort, wo die Unvollkommenheit der Erinnerung auf die Unzul\u00e4nglichkeit der Dokumentation trifft.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Patrick Lagrange<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Quod erat demonstrandum: Zwischen November 1989 und M\u00e4rz 1990 wird die deutsche Geschichte vom Druck der Ereignisse komprimiert. Weigoni erz\u00e4hlt eine Desillusionierungsgeschichte der dahind\u00e4mmernden Bundesrepublik, die es gleichfalls durch die Wiedervereinigung nicht mehr gibt. Als meisterlicher Seismograf existenzieller Ersch\u00fctterungen erz\u00e4hlt Weigoni diese Liebes- und Untergangsgeschichte mit leichter Hand, sprachspielerisch, ironisch und doch kunstvoll. Und nicht einmal das, was an der deutschen Geschichte so bleischwer ist, kommt an keiner Stelle in diesem Roman so daher.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Geschichte, nicht nur Literaturgeschichte, verschwindet unter anhaltend Gegenw\u00e4rtigem.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jan Kuhlbrodt<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie und Politik, das sind die Pole, zwischen denen\u00a0 dieser Roman oszilliert. Dieser\u00a0Romancier verdichtet Realit\u00e4tsfragmente zu Poesie. Seine Methode ist nicht die des Schocks, das Heraufbeschw\u00f6ren eines\u00a0proletarisch-revolution\u00e4ren Ideals oder der Provokation; er sucht nach der Evidenz poetischer Bilder, wenn er den Finger auf die Wunden seiner Figuren legt. Dieser Roman demonstriert, wie Weigonis Erz\u00e4hlen funktioniert. Wenn er einerseits eine ganze individuelle Erfahrung und Empfindung wiedergibt, steht er doch zugleich f\u00fcr das \u00dcbergreifende.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Geschichte ist die Summe der L\u00fcgen der Sieger.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Romancier artikuliert ein nichtpropagandistisches Sprechen, eine Erinnerungs- und Beschreibungssprache, die sich angenehm abhebt von dem, was man \u00fcber die sogenannte <em>Wiedervereinigung<\/em> lesen mu\u00dfte. In <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21500\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> durchdringt er die Realit\u00e4t vom ersten bis zum letzten Kapitel, zeigt Widerspr\u00fcche auf, und weist poetisch aus, wie sich Individuen im geschichtlichen Umbruch verhalten. Freiheit und Toleranz liegen nicht allein in klassisch westlichen Vorstellungen, sie k\u00f6nnen sich gerade untergr\u00fcndig in einem bewu\u00dften Umgang mit Traditionen offenbaren. Der sogenannte <em>Antifaschistische Schutzwall<\/em> erscheint als Metapher f\u00fcr den Kollektivwahn, der am 9. November 1989 zum Ausbruch kommt.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorank\u00fcndigung f\u00fcr: <strong>Abgeschlossenes Samm<\/strong><strong>elgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\r\n<div id=\"attachment_98410\" style=\"width: 204px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98410\" class=\"wp-image-98410 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/RomanCoverMotiv-e1645710376253.jpg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98410\" class=\"wp-caption-text\">Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zur historischen Abfolge, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>. Den Klappentext, den Phillip Boa f\u00fcr diesen Roman schrieb lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24425\">hier<\/a>. Eine Rezension von Jo Wei\u00df findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/09\/lebensabschnittsgefaehrten\/\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/13\/liebe-sinnlich-ideologisch\/\">w\u00fcrdigt<\/a> Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verstehe Ihre Frage so, da\u00df es Menschen in Westdeutschland gibt, die w\u00fcnschen, da\u00df wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? &#8230;\u00a0 Mir ist nicht bekannt, da\u00df eine solche Absicht besteht, da sich die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/08\/13\/50-jahrestag-des-mauerbaus\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":98410,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-69214","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69214","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=69214"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69214\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101534,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69214\/revisions\/101534"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98410"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=69214"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=69214"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=69214"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}