{"id":69113,"date":"2003-08-09T00:41:00","date_gmt":"2003-08-08T22:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=69113"},"modified":"2022-03-02T16:39:08","modified_gmt":"2022-03-02T15:39:08","slug":"die-schwarze-ledertasche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/09\/die-schwarze-ledertasche\/","title":{"rendered":"Die schwarze Ledertasche"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war jetzt knapp 30 Jahre alt und hatte bereits mehr Jobs als alle anderen um mich herum. Ich ma\u00df mir an, es mit jedem einzelnen im Saufen aufzunehmenund ich war mir sicher, dass es keiner der Anwesenden an meiner Stelle geschaffth\u00e4tten, fast p\u00fcnktlich hier zu erscheinen. Ich hatte gerade eine Zwei-Tage-Sauf-Tour hinter mir und eine Frau verloren, und jetzt sollte ich ein DIKTAT schreiben. Ich wollte Stra\u00dfenbahnfahrer werden und kein Deutschlehrer. Und dann fing der Fahrlehrer an zu diktieren. Er diktierte langsam und bed\u00e4chtig, wiederholte jeden Satz dreimal, schaute in die Runde und wartete, bis auch der Letzte den Stift vom Blatt hob, und erst dann begann er den n\u00e4chsten Satz.W\u00e4hrend die anderen noch schrieben, schaute ich bereits gelangweilt zur Deckehoch und dachte an mein Bett. Es war ein sehr einfaches Diktat, strukturlos undin Amtsdeutsch verfasst. Keine gro\u00dfe Sache, bei der ich \u00fcberlegen musste. Nach10 Minuten sammelte er die Bl\u00e4tter ein und begann sie sofort zu korrigieren. Mein Blatt war zuletzt dran.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHerr Malowsky, es ist ja l\u00f6blich, dass sie in Druckbuchstaben schreiben, aber ich kann beim besten Willen nicht erkennen, ob Sie das k als Klein- oder Gro\u00dfbuchstabe verwenden.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eF\u00fcr mich ist das im Kontext ersichtlich. Den Satzanfang f\u00e4ngt man f\u00fcr gew\u00f6hnlich gro\u00df an, Substantive schreibe ich &#8230;\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fiel mir ins Wort: \u201eSchon gut.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar der Anwesenden kicherten. Die Rothaarige warf mir einen am\u00fcsierten Blick r\u00fcber, den ich gerade so zur Kenntnis nahm.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGut\u201c, sagte der Fahrlehrer, \u201ewenigstens das letzte Diktat ist fehlerfrei\u201c, und er deutete auf mich. \u201eNehmen wir nun die RECHENAUFGABEN.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich st\u00fctzte meinen Kopf in die rechte Hand und tat, als \u00fcberlegte ich. Dabei hatte ich nur Kopfschmerzen. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter reichte ich ihm das Blatt zur\u00fcck. Die anderen Pr\u00fcflinge rechneten flei\u00dfig weiter, und da der Fahrlehrer anscheinend mit der gleichen Langeweile wie ich zu k\u00e4mpfen hatte, \u00fcberpr\u00fcfte er die Ergebnissemeiner Aufgaben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSo weit, so gut\u201c, sagte er, \u201eaber hier, bei der dritten Aufgabe,\u201c und er schob mir das Blatt hin, \u201ekann ich nicht erkennen, ob das eine 6 oder 8 ist.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBei Minusaufgaben steht die gr\u00f6\u00dfere Zahl immer vorn.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er l\u00e4chelte. \u201eEin Fehler ist nicht weiter schlimm.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf erwartete ich einen kurzen Exkurs in Religion, doch es folgte eine Zigarettenpause. Schon hatten sich die anderen in Gespr\u00e4che verwickelt und sie diskutierten die Schwere der Eignungspr\u00fcfung, w\u00e4hrend ich mich in eine Ecke stellte und mit zittrigen Fingern das Feuerzeug rieb, und ich f\u00fchlte, wie sie mich taxierten und \u00fcber mein eingerissenes Jackett l\u00e4chelten. Vielleicht war ich ihnen nicht geheuer. Vielleicht vermissten sie bei mir den n\u00f6tigen Ernst der Sache. Vielleicht waren es einfach nur Spie\u00dfer. Ich war unrasiert, verkatert und m\u00fcde. Birgit lag mit ihrem warmen Arsch wahrscheinlich im Bett. Ihr Vater war Alkoholiker wie meiner. Ihre Mutter war schon lange tot. Vor gut einem Jahr hatte ich sie aus diesem Loch von Wohnung herausgeholt, weil ich ihr Loch wollte. Sie lebte gut ein Jahr in meinem Loch und nun war der alte Zustand wieder hergestellt. Wir waren wie zwei Krebsseelen gewesen, die unaufh\u00f6rlich der Dunkelheit entweichen wollten, und dabei liefen wir seitw\u00e4rts, manchmal zur\u00fcck anstatt vorw\u00e4rts, und wir besch\u00e4ftigten uns mit uns selbst, wir kamen einfach nicht voran. Nachdem ich also das Rechnen und Schreiben hinter mich gebracht hatte, wurden wir in einen anderen Raum verfrachtet, wo wir warten mussten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die schwarze Ledertasche<\/strong> von Hartmuth Malorny. Verlag Max-Stirner-Archiv, Leipzig 2003<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\">\r\n<div id=\"attachment_66468\" style=\"width: 170px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-66468\" class=\"wp-image-66468\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hartmuth_Malorny.jpg\" alt=\"\" width=\"160\" height=\"240\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hartmuth_Malorny.jpg 320w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hartmuth_Malorny-200x300.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hartmuth_Malorny-260x389.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hartmuth_Malorny-160x240.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 160px) 100vw, 160px\" \/><p id=\"caption-attachment-66468\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Roberto Tarallo<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a>. Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich war jetzt knapp 30 Jahre alt und hatte bereits mehr Jobs als alle anderen um mich herum. Ich ma\u00df mir an, es mit jedem einzelnen im Saufen aufzunehmenund ich war mir sicher, dass es keiner der Anwesenden an&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/09\/die-schwarze-ledertasche\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":208,"featured_media":99359,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2635],"class_list":["post-69113","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hartmuth-malorny"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/208"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=69113"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69113\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101431,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69113\/revisions\/101431"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99359"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=69113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=69113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=69113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}