{"id":6898,"date":"1995-08-01T00:01:35","date_gmt":"1995-07-31T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6898"},"modified":"2022-05-09T10:24:55","modified_gmt":"2022-05-09T08:24:55","slug":"interkulturelle-existenz-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/08\/01\/interkulturelle-existenz-2\/","title":{"rendered":"Interkulturelle Existenz"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel verf\u00fcgt \u00fcber kulturelle Deutungsmuster und \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten, die anderen fehlen. Seine Biographie erscheint als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner <em>Verostung<\/em>. F\u00fcr jemanden, der auf dem Land zu Hause ist und der die Welt der Arbeit ganz genau kennt, der Schreibkrisen hinter sich hat und erst sp\u00e4t entdeckt wurde, scheint das Bild des Au\u00dfenseiters wie geschaffen. Bei Benkel sind Selbstwahrnehmung und \u00f6ffentliches Rollenklischee schon fr\u00fch miteinander verschmolzen. Der anhaltinischen Provinz, in der er geboren wurde, h\u00e4lt er bis heute die Treue. Auch die meisten Bewohner seines &#8222;Heimatdorfes&#8220; haben sich inzwischen arrangiert mit dem schreibenden Nachbarn. Mit seinen Gedichten hat er dort F\u00e4hrten eingezeichnet, die nicht so schnell verblassen d\u00fcrften. Von westlichem Verschw\u00f6rungsdenken ebenso weit entfernt wie von \u00f6stlicher Zerknirschtheit, betreibt er eine Arch\u00e4ologie der Lebens\u2013 und Seinsformen in der ehemaligen DDR und im Nachwendedeutschland. Die literarische Gestaltung gesellschaftlicher Zust\u00e4nde und Prozesse kann indes beinahe nur gelingen, wenn man sie sich nicht dauernd vornimmt, sondern vielmehr aus der eigenen Erfahrung heraus schreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Motivfelder<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/futze3-thumb-440x349-16243.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6903\" title=\"futze3-thumb-440x349-16243\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/futze3-thumb-440x349-16243-300x237.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"237\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/futze3-thumb-440x349-16243-300x237.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/futze3-thumb-440x349-16243.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Geschichte ist f\u00fcr Holger Benkel niemals endg\u00fcltig erforscht. Jede Generation schreibt sie neu, sucht neue Perspektiven der Ann\u00e4herung. Eine Gesellschaft versteht nur jene Erinnerungen, die sie in einem gegenw\u00e4rtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann. F\u00fcr ihn sind Symbole keine feststehenden Bedeutungszeichen, sondern Substanzen, die sich in einem permanenten Proze\u00df befinden, der sie wandelt und worin sie selber immer wieder Facetten bilden. Die Idee des Sonderlings liegt auch in Benkels Stil und seiner Art des Weltzugangs begr\u00fcndet. Man mu\u00df sich erst gew\u00f6hnen an diese Sprache, an diesen Ton, der von weit her kommt. Bei Holger Benkel kann man sich ansehen, was Dichtung in einem emphatischen Sinne einmal gewesen ist \u2013 f\u00fcr einen Lenz, f\u00fcr einen H\u00f6lderlin, f\u00fcr einen Trakl. Es schleichen sich auch dunkle T\u00f6ne in die Gedichte ein. Benkels lyrisches Ich wei\u00df um die Schattenseiten der Natur und benennt die Verwerfungen der Geschichte und versucht Motivfelder, die ihm zufallen, zu gestalten. Seine Kunsttheorie nimmt die Antike als Basis, um in der Folge den Verfall zu diagnostizieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Sprachbilder<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst im Sprechen entsteht \u00fcberhaupt so etwas wie <em>Welt<\/em>. Und damit die Sprache nicht gleich wieder fest wird und neue Zuschreibungen bildet, versucht der Schreibende niemals stehenzubleiben, w\u00fcnscht sich fortw\u00e4hrende Verwandlung. Der Lyriker sieht den Logos als Urgrund der Welt, aber nun nicht unpers\u00f6nlich wie in der antiken Philosophie, sondern Person, eine Vernunft, die zugleich Liebe ist \u2013 sch\u00f6ner und klarer l\u00e4\u00dft sich das Wesen des Poesie, seine Ankn\u00fcpfung an vorher Gedachtes und der entscheidende Schritt dar\u00fcber hinaus kaum fassen. Die Sprachbilder, die Holger Benkel ersinnt, bewahren bei aller artifiziellen Konstruktion eine \u00fcberzeugende Nat\u00fcrlichkeit. Diese ist selbst dann zu finden, wenn er ganz zwanglos Verkn\u00fcpfungspunkte der damaligen Mentalit\u00e4t mit der heutigen sucht. Ein solcher R\u00fcckgriff auf Bildungsgut ist mitnichten Selbstzweck, stilistischer Schmuck, auch wenn er manchmal f\u00fcr die \u00dcberraschung der eher oberfl\u00e4chlichen Koinzidenz dient. Die Zentralfigur der europ\u00e4ischen Lyrik ist das entfremdete Individuum, das gerade aufgrund seiner Entfremdung immer weniger einem Kanon der \u00dcberlieferung folgen kann oder will. Holger Benkel sieht die Gefahr, da\u00df geistig ideelle Prozesse den technologischen nicht mehr nachfolgen und dadurch letztere unkalkulierbare Wirkungen produzieren. Eine Alternative ist f\u00fcr ihn immer wieder die R\u00fcckbesinnung, die auch Gegenw\u00e4rtiges in einem anderen Licht erscheinen l\u00e4\u00dft. Er dringt in die Ged\u00e4rme der Sprache ein und l\u00e4\u00dft die Geistesgeschichte des deutschen Idealismus leuchten wie einen Leib in Verwesung. Seine utopischen und apokalyptischen Gedanken \u2013 und beides scheint ja zusammenzugeh\u00f6ren \u2013 sind aus antiken und j\u00fcdischen Quellen gespeist. Expressionistische Dichter, die ihn fr\u00fch anregten, haben im 20. Jahrhundert die bildungsb\u00fcrgerliche Denkwelt und \u00c4sthetik demontiert und zertr\u00fcmmert. Im 21. Jahrhundert wird sich das kaum wiederholen lassen, weil der Bildungsb\u00fcrger ausgestorben ist. Hier helfen keine Bilder \u00fcber die Worte hinweg, die man nicht versteht. Hier gibt es nur Worte. Viele sind so obskur, da\u00df nicht mal Muttersprachler genau wissen, was sie bedeuten. Seine literarischen Figuren bewegen sich durch Zwischenreiche. Die Beleuchtung wechselt von glei\u00dfender Helle zu tiefer Dunkelheit, die Temperatur von hei\u00dfen Wirbeln zu eisig starrer K\u00e4lte. Das Tempo des Wechsels ist schnell. Seine Gedichte halten den Moment des Vorgangs fest, in dem der Wandel geschieht. Benkel sieht im Archaischen Modernismen und im modernistischen Schreibansatz Urformen des Dichtens wirksam werden. Seine Texte lesen hei\u00dft an der richtigen Stelle Komplexit\u00e4t reduzieren. Keine Bildungshuberei, wenn sie gegen einen arbeitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Analytische Deskription<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter Benjamins Ideal einer \u201eanalytischen Deskription\u201c erf\u00fcllte sich in Benkels besten Texten. Seine Aphorismen gehen weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Holger Benkel macht den Versuch, diesen kleinen Rest an Sprache und Gesicht ein wenig aufzuhellen, und die Anstrengung, wenigstens meine R\u00e4nder verstehbar zu machen. Das Sch\u00f6ne an seinen Aphorismen ist, da\u00df er das Spiel mit den W\u00f6rtern nicht als blo\u00dfe Et\u00fcde betreibt, vielmehr schimmert hinter all den Spracherkundungen ein existentiellerer Kern. Da entdeckt das flimmernde Ich unversehens Teile von sich in fremden Menschen auf der Stra\u00dfe oder vermutet, die eigene Zunge k\u00f6nnte nur geliehen sein. Es gibt den Gedanken von Walter Benjamin, da\u00df zu jeder Kultur, wie der Schatten der Aufkl\u00e4rung, ihr eigenes barbarisches Potential geh\u00f6rt. Wenn man mit Holger Benkel weiterdenkt, mu\u00df das nicht nur abwertend gemeint sein. Die Menschen in Westeuropa sehnen insgeheim bisweilen eine \u201ebarbarische\u201c Ersch\u00fctterung herbei, um damit Versteinerungen der eigenen Kultur oder Lebensart aufzubrechen. Bei der Dialektik von Kultur, Zivilisation und Barbarei kommen einem 60 Jahre nach Kriegsende in der Tat noch andere Zusammenh\u00e4nge von Denkern und Henkern in den Sinn. In seinen Gedichten, organisiert in freien, typographisch aufgef\u00e4cherten Versen, bewegt sich ein nomadisierendes Ich durch graue, zerfallende Industrielandschaften und zeichnete das Bild einer Gegend im F\u00e4ulnisstadium. Diese impressionistischen Streifz\u00fcge eines renitenten Flaneurs bewahren ihre sch\u00f6ne Rauheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>kindheit und kadaver<\/strong>. Mit Radierungen von Jens Eigner. Verlag Blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-98901 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Kindheit-und-Kadaver-Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"140\" height=\"221\" \/><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Weiterf\u00fchrend <\/b><b>\u2192<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie \u2013 und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=10304\">Aphorismen<\/a> von Holger Benkel, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Seelenland<\/b>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29369\">Gedichte<\/a> von Holger Benkel<b> <\/b>, Edition Das Labor 2015<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Holger Benkel verf\u00fcgt \u00fcber kulturelle Deutungsmuster und \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten, die anderen fehlen. Seine Biographie erscheint als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner Verostung. 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