{"id":68881,"date":"2021-12-09T00:01:00","date_gmt":"2021-12-08T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=68881"},"modified":"2024-09-24T14:00:29","modified_gmt":"2024-09-24T12:00:29","slug":"rueckblick-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/12\/09\/rueckblick-5\/","title":{"rendered":"Rheintor \u00b7 R\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was ist uns Kunst wert\u00a0&#8211; und was besagt das \u00fcber ihren Marktpreis?<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Was die Artisten dieser Reihe verbindet, ist der Rhein. Alles im Flu\u00df, in Flu\u00df. Es begann ganz l\u00e4ssig mit dem Kunstprojekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">Drei \u00fcber Wasser<\/a> 1989, im Rheintor trafen sich auf Einladung von Klaus Krumscheid: Peter Meilchen, J\u00fcrgen Diehl und Martini mehrere Tage, um eine Ausstellung vorzubereiten. Danach folgten der Beginn der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26361\">UnderCover<\/a> und der ganzj\u00e4hrige Ausstellungszyklus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12791\">Rheintorprojekt<\/a>, kuratiert von Klaus Krumscheid und A.J. Weigoni.<\/p>\r\n<div id=\"attachment_106373\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106373\" class=\"wp-image-106373 size-large\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Maeander_Klaus-Krumscheid-500x178.jpeg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"178\" \/><p id=\"caption-attachment-106373\" class=\"wp-caption-text\">Ein Rheinblick von Klaus Krumscheid<\/p><\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Neue Formen eines Miteinanders ausprobieren und f\u00fcreinander agieren<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00df diesen Zweifel nicht unbedingt teilen, aber etwas mehr Zweifel t\u00e4te dem Kultur-Betrieb gut. In seinem ber\u00fchmten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13473\">Kunstwerk-Aufsatz<\/a> hatte Walter Benjamin noch mit Verwunderung die Tricks notiert, mit denen man einem Darsteller einen glaubw\u00fcrdigen Schrecken ins Gesicht zauberte: indem man &#8222;ohne sein Vorwissen in seinem R\u00fccken einen Schuss&#8220; abgefeuert hat zum Beispiel. &#8222;Das Erschrecken des Darstellers in diesem Augenblick kann aufgenommen und in den Film montiert werden.&#8220; Nichts zeige drastischer als dies, so Benjamin, Da\u00df &#8222;die Kunst aus dem Reich des ,sch\u00f6nen Scheins&#8216; entwichen&#8220; sei. Der sch\u00f6ne Schein, m\u00f6chte man ihn denn von der deutschen Klassik her begreifen, das ist der Triumph des Spiels \u00fcber die Technik, die Autonomie der Kunst vor den Gesetzen der Realit\u00e4t. Method Acting feiert dagegen einzig die Kraft des Machbaren. Der Star-Virtuose verdient seinen Ruhm mit der Reproduktion von erkennbaren Klischees.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Dem Kulturkritiker pa\u00dft die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Adorno 1949<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Der Bewertungsfeuilletonismus klammert die \u00f6konomischen Bedingungen der Kulturproduktion schamvoll aus. Die gehypten K\u00fcnstler liefern ihren Auftraggebern die medienwirksame \u00e4sthetische \u00dcberraschung, die sie erwarten, und veredeln diese mit ihrer Signatur. Ergebnis ist nicht zuletzt eine neue gesellschaftliche Rolle der Literatur, glamour\u00f6s und affirmativ zugleich. Ergebnis ist allerdings auch eine erhebliche Verwirrung, weil die Literatur, mit denen das Publikum tagt\u00e4glich mit immer scheinbar neuen Sensationen \u00fcberflutet wird, alles m\u00f6glich und paradoxerweise auch alles gleich erscheinen lassen. Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, als sie mit einer Tradition der Moderne bricht, die in eine ganz andere Richtung weist: in Richtung der Zur\u00fcckhaltung, der Reduktion, des Schweigens, der Banalit\u00e4t. Ihre Storys funktionieren so nach Regeln. Erste Regel: Du hast nicht l\u00e4nger als drei S\u00e4tze Zeit, um dem Leser plausibel zu machen, warum er deine Geschichte lesen soll. Zweite Regel: Keine Ablenkungen, wenn der Leser an der Angel ist. Dritte Regel: Jede Story mit einem Plot ausr\u00fcsten, die auch f\u00fcr einen Roman gut genug w\u00e4re &#8211; offene Enden unterminieren die Kreditw\u00fcrdigkeit des Autors. Vierte Regel: Jede Ausnahme mu\u00df besser funktionieren als die Regeln eins bis drei. Die Affirmatiker verwechseln das Einfache mit dem Simplen, der Zwang zur Einfachheit bedeutet keine kulturelle Armut, wenn wir uns bem\u00fchen, so viel Sch\u00f6nheit als nur m\u00f6glich einzufangen. Der bewu\u00dfte, dramatische und vielleicht auch irreversible Bruch mit der M\u00f6glichkeit, sinnhaft mit Bildern umzugehen, wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts vollzogen: nicht von einem Literaturwissenschafter, sondern von einem Literaten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Fr\u00fches Dokument der kulturellen Krise<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_98219\" style=\"width: 195px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98219\" class=\"wp-image-98219 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Hugo-von-Hofmannsthal-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98219\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">1902 ver\u00f6ffentlichte Hugo von Hofmannsthal in der Berliner Tagespresse den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\">fiktiven Brief<\/a> von Lord Philipp Chandos an Francis Bacon, in dem er die Leere hinter den Worten als Folge der Vertreibung aus dem Paradies des Sprachvertrauens schildert und das Schweigen als einzig m\u00f6glichen Ausweg suggeriert. Seitdem war dieses Schweigen oder zumindest eine dem Schweigen nahe kommender Reduktion das zentrale Leitbild der Moderne. Ein knappes Jahrhundert sp\u00e4ter ist die Moderne nicht mehr ganz so modern, wie sie einmal war. Von einigen ihrer Prinzipien mu\u00dften und m\u00fcssen wir uns verabschieden. Es erweist sich, da\u00df die moderne Literaturf\u00f6rderung ein Unternehmen von abgrundtiefer Dialektik ist und der Literatur ebenso sehr schaden kann, wie sie ihr zu nutzen meint. So hat das rein formale Verh\u00e4ltnis zur Literatur zur Folge, da\u00df der Literaturbegriff immer wieder allzu eng an die Kunst, also an die Sph\u00e4re der freien Selbstent\u00e4u\u00dferung des b\u00fcrgerlichen Subjekts gebunden ist. Es entsteht durch die enge Bindung des Literaturbegriffs ein Konzept des Verantwortungslosen, Verschwenderischen, der subjektiven Selbstent\u00e4u\u00dferung, das verhindert, da\u00df ganze Bereiche der Literaturproduktion \u00fcberhaupt noch als solche erkennbar sind. W\u00fcrde man statt dessen mit einem Kulturbegriff arbeiten, so wie er noch im fr\u00fchen zwanzigsten Jahrhundert, also etwa bei Georg Simmel, Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin, Gemeingut war, w\u00e4re es v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich, in den Visionen der Wirtschaftsf\u00fchrer die vulg\u00e4r gewordene Lebensphilosophie, das vitalistische Gerede von Wesen und Wille, von Herausforderung, Kraft und Durchbruch, kurz: ganz gew\u00f6hnliches gesunkenes Kulturgut zu erkennen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Moderne bleibt unvollendetes Projekt<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_99501\" style=\"width: 238px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99501\" class=\"wp-image-99501 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Jorge-Luis-Borges-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-99501\" class=\"wp-caption-text\">Jorge Luis Borges, Portr\u00e4t: Pepe Fern\u00e1ndez.<\/p><\/div>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Jorge Luis Borges hat all das mit seiner allumfassenden \u00bbBibliothek von Babel\u00ab analog vorweggenommen: die Verbindungen zwischen dem dezentralisierten Internet von YouTube, Blogs und Wikipedia &#8211; dem sogenannten Internet 2.0 &#8211; seine Erz\u00e4hlungen lassen den Leser zu einem aktiven Teilnehmer werden. Jorge Luis Borges&#8216; Phantasie l\u00e4\u00dft einen vollst\u00e4ndig digitalisierten und allgemein verf\u00fcgbaren Mega-Textkorpus erkennen, von dem einige Professoren der Computerwissenschaften tr\u00e4umen. In \u201eTl\u00f6n, Uqbar, Orbis Tertius\u201c wird die anonyme Wissensgemeinschaft der Wikipedia vorweggenommen, in \u201eFunes\u201c die Idee des \u201eLife-Loggers\u201c Gordon Bell, der mit einem Audiorecorder und einer winzigen Kamera um den Hals, die alle sechzig Sekunden ein Bild produziert, ein manisches Alltagsprotokoll erstellt, um es in digitalen Speichern aufzubewahren. F\u00fcr den Argentinier haben sich die Dinge immer wieder in einander gegen\u00fcberliegenden Spiegeln aufgel\u00f6st, die N\u00e4he der Wikipedia zur Bibliothek von Babel liege auf der Hand: Man setzt tausend Schimpansen an die Schreibmaschine, und irgendwann kommt King Lear heraus. Das Weltnetz ist voller Cy-Borges, sie erkennen Zeichen, wohin man blickt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Kunst zu offenbaren und den K\u00fcnstler zu verbergen, ist das Ziel der Kunst<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Oscar Wilde<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_106348\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106348\" class=\"wp-image-106348 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Hochwasser_Klaus-Krumscheid-300x247.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"247\" \/><p id=\"caption-attachment-106348\" class=\"wp-caption-text\">Hochwasser, Collage von Klaus Krumscheid<\/p><\/div>\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die Artisten des Rheintorprojekts interessierten sich f\u00fcr eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Klaus Krumscheid, Andreas Noga, Charlotte Kons, Joachim Paul, Stephanie Neuhaus, Birgit Jensen, Francisca Ricinski, Almuth Hickl, Swantje Lichtenstein, Dietmar Pokoyski, Enno Stahl, Jesko Hagen, Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni, Denise Steger, Peggy Neidel, Katja Butt, Heidrun Grote, J\u00fcrgen Diehl, Bernhard Hofer, Peter Meilchen, Holger Benkel, Theo Breuer, Thomas Suder und Stan Lafleur pflegen die Kunst des Unm\u00f6glichen. Es sind K\u00fcnstler, die sich f\u00fcr Lebensentw\u00fcrfe und das Zusammenleben interessieren und nicht f\u00fcr standardisierte Wege. Diese Art zu arbeiten, befreit diese Artisten von der Massenidentit\u00e4t, die gerade in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Sie experimentieren mit allen m\u00f6glichen Formen des Fragmentarischen, der Multiperspektivik.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Rheintor war ein Ort der Aufkl\u00e4rung und Selbstreflexion.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rheintor, Linz \u2013 Anno Domini 2011<\/strong>, Edition Das Labor 2011. \u2013 Limitierte und handsignierte Auflage von 100 Exemplaren. \u2013 Dem Exemplar 1 \u2013 50 liegt ein Holzschnitt von Haimo Hieronymus bei.<\/p>\r\n<div id=\"attachment_106389\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106389\" class=\"wp-image-106389 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Rheintor-1-300x213.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"213\" \/><p id=\"caption-attachment-106389\" class=\"wp-caption-text\">Rheintor, Photo: Klaus Krumscheid<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Einen Essay zur Rheintorreihe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/12\/10\/rheintor-revisited\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist uns Kunst wert\u00a0&#8211; und was besagt das \u00fcber ihren Marktpreis? Was die Artisten dieser Reihe verbindet, ist der Rhein. Alles im Flu\u00df, in Flu\u00df. 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