{"id":68652,"date":"2018-07-29T00:01:00","date_gmt":"2018-07-28T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=68652"},"modified":"2022-03-05T17:29:35","modified_gmt":"2022-03-05T16:29:35","slug":"grassierende-alarmdiskurse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/29\/grassierende-alarmdiskurse\/","title":{"rendered":"Grassierende Alarmdiskurse"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Rheinl\u00e4nder sind geradezu widerlich menschlich<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Roman ist keine Story nach dem Prinzip des Linearen, es ist ein grandioses Epos des Scheiterns. Eine narrative Stringenz wird von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrascz_Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> in den <em>Lokalhelden<\/em> explizit verweigert. Die Prosa geht aus Strudeln hervor. Sie entsteht in einer Werkstatt der Momentaufnahmen und Bilder, der assoziativen, leicht deliranten Verkn\u00fcpfung von Orten, Zeiten, Erinnerungen und Episoden, die der Werkstatt von Lyrikern \u00e4hnlich ist. Diese Prosa ist gleichzeitig erfahrungsges\u00e4ttigt und bildungsgetr\u00e4nkt, alltagsmythologisch und gedankenverspielt. Souver\u00e4n bewegt sich Weigoni zwischen Erinnerung und Erfindung, Realismus und Imagination, Melancholie und Utopie, Komik und Katastrophe.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Weigoni lehnte sich in seinem Werk mit der Kraft der Sprache und des sprachlichen Experiments gegen die Sinnlosigkeit und Absurdit\u00e4t des Daseins auf.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die weitgespannten assoziativen Bez\u00fcge, die Weigoni aufgespannt hat, f\u00e4ngt der Roman in der sinnlichen und konkreten Individualit\u00e4t der Figuren wieder ein, ohne seine motivische Vielschichtigkeit ganz aufzuheben. Nach seinem ersten Roman <em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em> f\u00e4chert Weigoni das auf, was Enrik Lauer als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/02\/18\/tiefenhermeneutische-kulturanalyse\/\">Scharnier-Jahrzehnt<\/a> bezeichnet, er macht die Zeit lebendig, l\u00e4\u00dft die Figuren leben und in angemessener Unwissenheit dar\u00fcber bleiben, wie es historisch weitergeht. Die Sprache biedert sich nicht der Geschichte an, redet nicht moderner als sie war. Was bleibt, ist das Portrait von Rheinl\u00e4ndern in der lebenshungrigen, fragilen Widerspenstigkeit ihres Eigensinns, in einem Roman, den genau diese anmutig fragile Widerspenstigkeit in seiner Prosa auszeichnet. Manchmal, wenn Weigoni ab- und ausschweift, um den Punkt kreist, wenn er lauert wie die Katze auf die Maus, wirkt der Text improvisiert, dann wieder direkt und pointiert &#8211; und immer folgt man diesem rasanten Ganzen atemlos. Es findet sich ein charmanter Zug von Unabgeschlossenheit, Unvollst\u00e4ndigkeit, und, wenn man so will: Essayismus. Es gibt keinen gemeinsamen Fokus, dem alles untergeordnet w\u00e4re. Es entspricht der Absicht des Romanciers, Geschichten von Menschen zu erz\u00e4hlen, die sich niemals begegnet sind oder sich nur sehr oberfl\u00e4chlich kennen und deren Schicksal trotzdem grundlegend voneinander bestimmt ist. Fehlende Einheit kann man diesem Roman oder dem Autor dennoch nicht ankreiden. Falls es Aufgabe der Literaturkritik sein sollte:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eWie dechiffriert man einen Geschichtenerz\u00e4hler, dessen Prosa sich klaren Narrativen verweigern?<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So leise und sacht wie dieser Romancier seinen Text entfaltet, so bestechend authentisch formuliert er seine Gedankenfl\u00fc\u00dfe. Es d\u00fcrfte schwer sein, einen anderen Autor zu finden, bei dem reine Fabulierlust und unbedingter Formwille zu einer so eigent\u00fcmlichen Synthese verschmelzen. Das schreibende Ich l\u00e4\u00dft sich seine Sprache nicht nehmen. Es ist Weigonis Verm\u00f6gen, in wenigen Andeutungen die Ordnung von Raum und Zeit nachhaltig ins Wanken zu bringen &#8211; und mit solchen Verst\u00f6rungen der Sinne ein poetisches Bild zu schaffen f\u00fcr die br\u00fcchige Existenz und die Unbehaustheit. Weigoni demonstriert, wie die Erz\u00e4hlung der Rheinl\u00e4nder aus dem Erz\u00e4hlten ausbricht. Mehr als Raum-Zeit-Ordnungen interessieren Weigoni Beziehungsfelder und Aggregatszust\u00e4nde, sein Roman ist ein minuzi\u00f6ses Protokoll einer von Wahrnehmung und Wirklichkeit, Bewu\u00dftsein und Gewi\u00dfheit, Erinnerung und Geschichte. Die Lebensgeschichten im Rheinland \u00fcber halbfertige Leben fransen an zu vielen Enden aus. Weigoni setzt das gesamte In-strumentarium des modernen Romans ein und alle Stimmungslagen dazu. Er benutzt Dokumentarisches, ruft mit gelungenen Bildern den Rhythmus der Bonner Republik auf und mit geschickt arrangierten Episoden die Provinzialit\u00e4t und Miefigkeit der Zwischenkriegszeit. Dieser Romancier pr\u00e4sentiert ein Figurenmosaik, dessen Gesamtbild den Aggregatzustand der Orientierungslosigkeit der alten BRD beschreibt und bis in die verl\u00e4ngerte Gegenwart deutet. Er ist ein Arch\u00e4ologe, mit dem Unterschied, da\u00df seine Fundst\u00fccke meist noch leben, von der Welt oft nur vergessen sind. Diesem Vergessen tritt er in diesem Roman nachhaltig entgegen. Er kann ironisch und sarkastisch sein, aber auch existenzialistisch-ernst und sogar sentimental. Dieser Roman ist keine einfach nachzusingende Melodie, sondern eine sehr vielstimmige Symphonie \u2013 eine Vielstimmigkeit, der man sehr gern folgt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Sprachsch\u00f6pfungen, Wortspiele, doppelte B\u00f6den und Schr\u00e4glagen, ein experimenteller Zugriff auf die Wirklichkeit.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni ist ein Meister des langen, eleganten, eher ausschwingenden als ausschweifenden Satzes und so anschaulicher wie \u00fcberraschender Metaphern und Sprachbilder. Er liebt das Detail, ohne es auszuwalzen und pr\u00e4sentiert dem Leser realit\u00e4tsges\u00e4ttigte Miniaturen. Sein \u00e4sthetisches Verfahren verleiht dem Roman den Charakter von gro\u00dfer Sinnlichkeit, die an keiner Stelle gewollt oder aufdringlich wirkt. Seine Poetik ist eine des M\u00f6glichkeitssinns. Dieser Roman bietet ein dynamisches Geflecht von Erz\u00e4hlperspektiven, Fiktions- und Darstellungsebenen. In Form innerer Monologe und Erinnerungen entfaltet sich die Existenz- und Identit\u00e4tsproblematik der Protagonisten. Der Generalbass all dieser Einzelgeschichten hei\u00dft seelische Not. F\u00fcr den Autor der <em>Lokalhelden<\/em> hat die europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung den in ihr verborgenen, emanzipatorischen Vorrat aufgebraucht. Er erkundet, wie die Mechanismen der Ausgrenzung in Gewalt umschlagen k\u00f6nnen, ohne die Naivit\u00e4t der Wohlwollenden gutzuheissen. Aber er hegt leise Sympathien f\u00fcr die Rheinl\u00e4nder, entdeckt Widerstandspotential in der Unbedarftheit. Hier ist ein episch breites gesellschaftliches Panorama der &#8222;Dekade&#8220; zwischen dem 9. November 1989 und dem 11. September 2001 zu lesen, in dem Lebensentw\u00fcrfe, Sehns\u00fcchte, politische Haltungen und \u00f6konomische Strategien sich aufbauen, aufeinanderprallen und als schillernde Seifenblase zerplatzen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\">\r\n<div id=\"attachment_44658\" style=\"width: 189px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44658\" class=\"wp-image-44658\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/CoverLokalhelden-717x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"256\" \/><p id=\"caption-attachment-44658\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Jo Lurk<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Lesenswert auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a>\u00a0von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a>\u00a0von Enrik Lauer. Ein\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a>\u00a0von Holger Benkel und ein Blick in das\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a>\u00a0von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\"> Hintergrundmaterial<\/a>. Ein\u00a0<em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em>\u00a0mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\"> Recherchematerial<\/a>\u00a0ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a>\u00a0des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die untergegangene\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a>\u00a0Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a>\u00a0des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rheinl\u00e4nder sind geradezu widerlich menschlich Dieser Roman ist keine Story nach dem Prinzip des Linearen, es ist ein grandioses Epos des Scheiterns. Eine narrative Stringenz wird von A.J. Weigoni in den Lokalhelden explizit verweigert. Die Prosa geht aus Strudeln&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/29\/grassierende-alarmdiskurse\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":98379,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-68652","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=68652"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68652\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101528,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68652\/revisions\/101528"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98379"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=68652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=68652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=68652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}