{"id":68373,"date":"2020-08-06T00:01:00","date_gmt":"2020-08-05T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=68373"},"modified":"2021-12-05T07:03:35","modified_gmt":"2021-12-05T06:03:35","slug":"brechts-dreigroschenroman","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/06\/brechts-dreigroschenroman\/","title":{"rendered":"Brechts Dreigroschenroman"},"content":{"rendered":"\r\n<h4 class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-text-align-right wp-block-heading\" style=\"text-align: right;\">Acht Jahre<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen Dreigroschenoper und Dreigroschenroman liegen acht Jahre. Das neue Werk hat sich aus dem alten entwickelt. Aber das geschah nicht in der versponnenen Weise, in der man sich das Reifen des Kunstwerks gew\u00f6hnlich vorstellt. Denn diese Jahre waren politisch entscheidende. Ihre Lektion hat der Verfasser sich zu eigen gemacht, ihre Untaten hat er beim Namen genannt, ihren Opfern hat er ein Licht aufgesteckt. Er hat einen satirischen Roman gro\u00dfen Formats geschrieben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu diesem Buch hat er weit ausgeholt. Weniges ist von den Grundlagen, weniges von der Handlung der Oper geblieben. Nur die Hauptpersonen sind noch dieselben. Sie waren es ja, die vor unseren Augen begannen in diese Jahre hineinzuwachsen und ihrem Wachstum so blutig Platz schufen. Als die Dreigroschenoper zum ersten Mal in Deutschland \u00fcber die B\u00fchne ging, war ihm der Gangster noch ein fremdes Gesicht. Inzwischen hat er sich dort heimisch gemacht und die Barbarei eingerichtet. Erst sp\u00e4t weist ja auf Seiten der Ausbeuter die Barbarei jene Drastik auf, die das Elend der Ausgebeuteten schon zu Beginn des Kapitalismus kennzeichnet. Brecht hat es mit beiden zu tun; er zieht darum die Epochen zusammen und weist seinen Gangstertypen Quartier in einem London an, das den Rhythmus und das Aussehen der Dickenszeit hat. Die Umst\u00e4nde des Privatlebens sind die fr\u00fcheren, die des Klassenkampfes die heutigen. Diese Londoner haben kein Telephon, aber ihre Polizei hat schon Tanks. Am heutigen London, hat man gesagt, zeigt sich, da\u00df es f\u00fcr den Kapitalismus gut ist, wenn er sich eine gewisse R\u00fcckst\u00e4ndigkeit bewahrt. Dieser Umstand hat f\u00fcr Brecht seinen Wert gehabt. Die schlechtgel\u00fcfteten Kontore, feuchtwarmen Badeanstalten, nebligen Stra\u00dfen bev\u00f6lkert er mit Typen, die in ihrem Auftreten oft altvaterisch, in ihren Ma\u00dfnahmen immer modern sind. Solche Verschiebungen geh\u00f6ren zur Optik der Satire. Brecht unterstreicht sie durch die Freiheiten, die er sich mit der Topographie von London genommen hat. Das Verhalten seiner Figuren, das er der Wirklichkeit abgelauscht hat, ist, so darf sich der Satiriker sagen, um vieles unm\u00f6glicher als ein Brobdingnag oder London, das er in seinem Kopf erbaut haben mag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-text-align-right wp-block-heading\" style=\"text-align: right;\">Alte Bekannte<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jene Figuren traten also von neuem vor ihren Dichter. \u2013 Da ist Peachum, der immer den Hut aufbeh\u00e4lt, weil es kein Dach gibt, von dem er nicht gew\u00e4rtigt, da\u00df es ihm \u00fcber dem Kopfe zusammenst\u00fcrzt. Er hat seinen Instrumentenladen vernachl\u00e4ssigt und ist einem Kriegsgesch\u00e4ft mit Trans\u00adportschiffen n\u00e4hergetreten, in dessen Verlauf seine Bettlergarde in kritischen Augenblicken als \u00bberregte Volksmenge\u00ab Verwertung findet. Die Schiffe sollen im Truppentransport w\u00e4hrend des Burenkriegs eingesetzt werden. Da sie morsch sind, gehen sie mit der Mannschaft unweit der Themsem\u00fcndung zugrunde. Peachum, der es sich nicht nehmen l\u00e4\u00dft, zu der Trauerfeier f\u00fcr die ertrunkenen Soldaten zu gehen, h\u00f6rt dort mit vielen anderen, unter denen auch ein gewisser Fewkoombey ist, eine Predigt des Bischofs \u00fcber die biblische Mahnung, mit dem anvertrauten Pfunde zu wuchern. Vor bedenklichen Folgen des Lieferungsgesch\u00e4fts hat er sich zu diesem Zeitpunkt bereits durch Beseitigung seines Partners gesichert. Doch begeht er den Mord nicht selbst. Auch seine Tochter, der Pfirsich, streift kriminelle Verwicklungen \u2013 aber nur so, wie es f\u00fcr eine Dame sich machen l\u00e4\u00dft: in einer Abtreibungssache und einem Ehebruch. Wir lernen den Arzt kennen, dem sie den Eingriff zumutet, und aus seinem Mund eine Rede, die ein Gegenst\u00fcck zu der des Bischofs ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Held Macheath stand in der Dreigroschenoper seinen Lehrjahren noch sehr nahe. Der Roman rekapituliert sie nur kurz; er ehrt das Schweigen \u00fcber ganzen \u00bbGruppen von Jahren &#8230;, das die Biographien unserer gro\u00dfen Gesch\u00e4ftsleute auf vielen Seiten so stoffarm macht\u00ab, und er l\u00e4\u00dft es dahingestellt, ob am Anfang der Verwandlungen, in deren Abfolge aus dem Holzh\u00e4ndler Beckett der Gro\u00dfkaufmann Macheath geworden ist, der Raubm\u00f6rder Stanford Sills, genannt \u00bbDas Messer\u00ab, gestanden hat. Klar ist nur so viel, da\u00df der Gesch\u00e4ftsmann treu zu gewissen fr\u00fcheren Freunden steht, die den Weg in die Legalit\u00e4t nicht gefunden haben. Das tr\u00e4gt seinen Lohn in sich, da diese durch Diebstahl die Warenmengen beschaffen, die der Ladenkonzern von Macheath konkurrenzlos billig vertreibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Macheath&#8216; Konzern bilden die B-L\u00e4den, deren Inhaber \u2013 selbst\u00e4ndige Existenzen \u2013 nur zur Abnahme seiner Ware und zur Zahlung der Ladenmiete an ihn verpflichtet sind. In einigen Zeitungsinterviews hat er sich \u00fcber \u00bbseine entscheidende Entdeckung des menschlichen Selbst\u00e4ndigkeitstriebes\u00ab ge\u00e4u\u00dfert. Allerdings stehen sich diese selbst\u00e4ndigen Existenzen schlecht, und eine von ihnen geht in die Themse, weil Macheath aus gesch\u00e4ftlichen Gr\u00fcnden die Warenzufuhr zeitweilig einstellt. Es kommt Mordverdacht auf; es entsteht eine Kriminalsache. Aber diese Kriminalsache geht bruchlos in den satirischen Vorwurf ein. Die Gesellschaft, die nach dem M\u00f6rder der Frau sucht, welche Selbstmord begangen hat, wird niemals imstande sein, ihn in Macheath zu erkennen, der nur seine vertraglichen Rechte ausge\u00fcbt hat. \u00bbDie Ermordung der Kleingewerbetreibenden Mary Swayer\u00ab steht nicht nur in der Mitte der Handlung, sie enth\u00e4lt auch deren Moral. Die ausgemergelten Ladeninhaber, die Soldaten, die auf lecken Schiffen verstaut werden, die Einbrecher, deren Auftraggeber den Polizeipr\u00e4sidenten bezahlt \u2013 diese graue Masse, die im Roman den Platz des Chors in der Oper einnimmt \u2013 stellt den Herrschenden ihre Opfer. An ihr \u00fcben sie ihre Verbrechen aus. Ihr geh\u00f6rt Mary Swayer an, die man zwingt, ins Wasser zu gehen, und aus ihrer Mitte ist Fewkoombey, der zu seinem Erstaunen wegen Mordes an ihr geh\u00e4ngt wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-text-align-right wp-block-heading\" style=\"text-align: right;\">Ein neues Gesicht<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Soldat Fewkoombey, dem im Vorspiel in einem Verschlage Peachums \u00bbdie Bleibe\u00ab angewiesen und dem im Nachspiel in einem Traum \u00bbdas Pfund der Armen\u00ab offenbart wird, ist ein neues Gesicht. Oder vielmehr kaum eines sondern \u00bbdurchsichtig und gesichtslos\u00ab wie die Millionen es sind, die Kaser\u00adnen und Kellerwohnungen f\u00fcllen. Hart am Rahmen ist er eine lebensgro\u00dfe Figur, die ins Bild zeigt. Er zeigt auf die b\u00fcrgerliche Verbrechergesellschaft im Mittelgrund. Er hat in dieser Gesellschaft das erste Wort, denn ohne ihn w\u00fcrde sie keine Profite machen; darum steht Fewkoombey im Vorspiel. Und er steht im Nachspiel, als Richter, weil sie sonst das letzte behalten w\u00fcrde. Zwischen beiden liegt die kurze Frist eines halben Jahrs, die er hintr\u00f6delt, w\u00e4hrend deren aber gewisse Angelegenheiten der Oberen sich so weit und so g\u00fcnstig entwickelt haben, da\u00df sie mit seiner Hinrichtung enden, die von keinem \u00bbreitenden Boten des K\u00f6nigs\u00ab gest\u00f6rt wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vorher hat er, wie gesagt, einen Traum. Es ist der Traum von einer Gerichtsverhandlung, in der es sich um ein \u00bbbesonderes Verbrechen\u00ab dreht. \u00bbWeil niemand einen Tr\u00e4umer davon abhalten kann zu siegen, wurde unser Freund Vorsitzender des gr\u00f6\u00dften Gerichts aller Zeiten, des einzig wirklich notwendigen, umfassenden und gerechten &#8230; Nach langem Nachdenken, das allein schon Monate dauerte, beschlo\u00df der Oberste Richter, den Anfang mit einem Mann zu machen, der, nach Aussage eines Bischofs in einer Trauerfeier f\u00fcr untergegangene Soldaten, ein Gleichnis erfunden hatte, das zweitausend Jahre lang von allerlei Kanzeln herab angewendet worden war und nach Ansicht des Obersten Richters ein besonderes Verbrechen darstellte.\u00ab Diese Ansicht beweist der Richter, indem er die Folgen des Gleichnisses namhaft macht und die lange Reihe von Zeugen vernimmt, die \u00fcber <em>ihr <\/em>Pfund aussagen sollen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u203aHat Euer Pfund sich vermehrt?\u2039 fragte der Oberste Richter streng. Sie erschraken und sagten: \u203aNein.\u2039 \u203aHat er\u2039 \u2013 es ist von dem Angeklagten die Rede \u2013 \u00bbgesehen, da\u00df es sich nicht vermehrte?\u2039 Auf diese Frage wu\u00dften sie nicht gleich, was sie sagen sollten. Nach einer Zeit des Nachdenkens trat aber einer vor, ein kleiner Junge &#8230; \u203aEr mu\u00df es gesehen haben; denn wir haben gefroren, wenn es kalt war, und gehungert vor und nach dem Essen. Sieh selber, ob man es uns ansieht oder nicht.\u2039 Er steckte zwei Finger in den Mund und pfiff, und &#8230; heraus &#8230; trat eine Frauensperson und glich genau der Kleingewerbetreibenden Mary Swayer.\u00ab Als dem Angeklagten nun angesichts einer so belastenden Beweisaufnahme ein Verteidiger bewilligt wird \u2013 \u00bbAber er mu\u00df zu Ihnen passen\u00ab sagt Fewkoombey \u2013 und Herr Peachum als solcher sich vorstellt, pr\u00e4zisiert sich die Schuld des Klienten. Er mu\u00df der Beihilfe bezichtigt werden. Weil er, sagt der Oberste Richter, seinen Leuten dieses Gleichnis in die Hand gegeben hat, das auch ein Pfund ist. Anschlie\u00dfend verurteilt er ihn zum Tode. \u2013 Aber an den Galgen kommt nur der Tr\u00e4umer, der in einer wachen Minute begriffen hat, wie weit die Spuren der Verbrechen zur\u00fcckf\u00fchren, denen er und seinesgleichen zum Opfer fallen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-text-align-right wp-block-heading\" style=\"text-align: right;\">Die Partei des Macheath<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Handb\u00fcchern der Kriminalistik werden Verbrecher als asoziale Elemente gekennzeichnet. Das mag f\u00fcr deren Mehrzahl zutreffen. F\u00fcr einige aber hat die Zeitgeschichte es widerlegt. Indem sie viele zu Verbrechern machten, wurden sie zu sozialen Vorbildern. So steht es mit Macheath. Er ist aus der neuen Schule, w\u00e4hrend sein ebenb\u00fcrtiger, lange ihm verfeindeter Schwiegervater noch zur alten zu z\u00e4hlen ist. Peachum versteht es nicht aufzutreten. Seine Habgier versteckt er hinter Familiensinn, seine Impotenz hinter Askese, seine Erpressert\u00e4tigkeit hinter Armenpflege. Am liebsten verschwindet er in seinem Kontor. Das kann man von Macheath nicht sagen. Er ist eine F\u00fchrernatur. Seine Worte haben den Staats-, seine Taten den kaufm\u00e4nnischen Einschlag. Die Aufgaben, denen er zu entsprechen hat, sind ja die mannigfachsten. Sie waren f\u00fcr einen F\u00fchrer nie schwerer als heutzu\u00adtage. Es gen\u00fcgt nicht, Gewalt zur Erhaltung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse aufzubieten. Es gen\u00fcgt nicht, die Enteigneten selbst zu deren Aus\u00fcbung anzuhalten. Diese praktischen Aufgaben wollen gel\u00f6st sein. Aber wie man von einer Balletteuse nicht nur verlangt, da\u00df sie tanzen kann, sondern auch, da\u00df sie h\u00fcbsch ist, so verlangt der Faschismus nicht nur einen Retter des Kapitals sondern auch, da\u00df dieser ein Edelmensch ist. Das ist der Grund, aus dem ein Typ wie Macheath in diesen Zeiten unsch\u00e4tzbar ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er versteht es, zur Schau zu tragen, was der verk\u00fcmmerte Kleinb\u00fcrger sich unter einer Pers\u00f6nlichkeit vorstellt. Regiert von hunderten von Instanzen, Spielball von Teuerungswellen, Opfer von Krisen sucht dieser Habitue von Statistiken einen Einzigen, an den er sich halten kann. Niemand will ihm Rede stehen, Einer soll es. Und der kann es. Denn das ist die Dialektik der Sache: will er die Verantwortung tragen, so danken ihm die Kleinb\u00fcrger mit dem Versprechen, keinerlei Rechenschaft von ihm zu verlangen. Forderungen zu stellen, lehnen sie ab, \u00bbweil das Herrn Macheath zeigen w\u00fcrde, da\u00df wir das Vertrauen zu ihm verloren haben\u00ab. Seine F\u00fchrernatur ist die Kehrseite ihrer Gen\u00fcgsamkeit. Die befriedigt Macheath unerm\u00fcdlich. Er vers\u00e4umt keine Gelegenheit hervorzutreten. Und er ist ein anderer vor den Bankdirektoren, ein anderer vor den Inhabern der B-L\u00e4den, ein anderer vor Gericht und ein anderer vor den Mitgliedern seiner Bande. Er beweist, \u00bbda\u00df man alles sagen kann, wenn man nur einen unersch\u00fctterlichen Willen besitzt\u00ab, zum Beispiel das Folgende:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMeiner Meinung nach, es ist die Meinung eines ernsthaft arbeitenden Gesch\u00e4ftsmannes, haben wir nicht die richtigen Leute an der Spitze des Staates. Sie geh\u00f6ren alle irgendwelchen Parteien an und Parteien sind selbsts\u00fcchtig. Ihr Standpunkt ist einseitig. Wir brauchen M\u00e4nner, die \u00fcber den Parteien stehen, so wie wir Gesch\u00e4ftsleute. Wir verkaufen unsere Ware an Arm und Reich. Wir verkaufen Jedem ohne Ansehen der Person einen Zentner Kartoffeln, installieren ihm eine Lichtleitung, streichen ihm sein Haus an. Die Leitung des Staates ist eine moralische Aufgabe. Es mu\u00df erreicht werden, da\u00df die Unternehmer gute Unternehmer, die Angestellten gute Angestellten, kurz: die Reichen gute Reiche und die Armen gute Arme sind. Ich bin \u00fcberzeugt, da\u00df die Zeit einer solchen Staatsf\u00fchrung kommen wird. Sie wird mich zu ihren Anh\u00e4ngern z\u00e4hlen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-text-align-right wp-block-heading\" style=\"text-align: right;\">Plumpes Denken<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Macheath&#8216; Programm und zahlreiche andere Betrachtungen hat Brecht kursiv setzen lassen, so da\u00df sie sich aus dem erz\u00e4hlenden Text heraus\u00adheben. Er hat damit eine Sammlung von Ansprachen und Sentenzen, Bekenntnissen und Pl\u00e4doyers geschaffen, die einzig zu nennen ist. Sie allein w\u00fcrde dem Werk seine Dauer sichern. Was da steht, hat noch nie jemand ausgesprochen, und doch reden sie alle so. Die Stellen unterbrechen den Text; sie sind \u2013 darin der Illustration vergleichbar \u2013 eine Einladung an den Leser, hin und wieder auf die Illusion zu verzichten. Nichts ist einem satiri\u00adschen Roman angemessener. Einige dieser Stellen beleuchten nachhaltig die Voraussetzungen, denen Brecht seine Schlagkraft verdankt. Da hei\u00dft es zum Beispiel: \u00bbDie Hauptsache ist, plump denken lernen. Plumpes Denken, das ist das Denken der Gro\u00dfen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber von Subti\u00adlit\u00e4ten verstehen. Da ist es ungemein n\u00fctzlich, da\u00df Brecht auf das \u00bbplumpe Denken\u00ab den Finger legt, welches die Dialektik als ihren Gegensatz produ\u00adziert, in sich einschlie\u00dft und n\u00f6tig hat. Plumpe Gedanken geh\u00f6ren gerade in den Haushalt des dialektischen Denkens, weil sie gar nichts anderes darstellen als die Anweisung der Theorie auf die Praxis. Auf die Praxis, nicht an sie: Handeln kann nat\u00fcrlich so fein ausfallen wie Denken. Aber ein Gedanke mu\u00df plump sein, um im Handeln zu seinem Recht zu kommen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Formen des plumpen Denkens wechseln langsam, denn sie sind von den Massen geschaffen worden. Aus den abgestorbenen l\u00e4\u00dft sich noch lernen. Eine von diesen hat man im Sprichwort, und das Sprichwort ist eine Schule des plumpen Denkens. \u00bbHat Herr Macheath Mary Swayer auf dem Ge\u00adwissen?\u00ab fragen die Leute. Brecht st\u00f6\u00dft sie mit der Nase auf die Antwort und setzt \u00fcber diesen Abschnitt: \u00bbWo ein Fohlen ersoffen ist, da war Wasser.\u00ab Einen anderen k\u00f6nnte er \u00fcberschreiben: \u00bbWo gehobelt wird, gibt es Sp\u00e4ne.\u00ab Es ist der Abschnitt, in dem Peachum, \u00bbdie erste Autorit\u00e4t auf dem Gebiet des Elends\u00ab, sich die Grundlagen des Bettelgesch\u00e4fts vor Augen f\u00fchrt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist mir auch klar\u00ab, sagt er sich, \u00bbwarum die Leute die Gebrechen der Bettler nicht sch\u00e4rfer nachpr\u00fcfen, bevor sie geben. Sie sind ja \u00fcberzeugt, da\u00df da Wunden sind, wo sie hingeschlagen haben! Sollen keine Ruinierten weg\u00adgehen, wo sie Gesch\u00e4fte gemacht haben? Wenn sie f\u00fcr ihre Familien sorgten, sollten da nicht Familien unter die Br\u00fcckenb\u00f6gen geraten sein? Alle sind von vornherein \u00fcberzeugt, da\u00df angesichts ihrer eigenen Lebensweise all\u00fcberall t\u00f6dlich Verwundete und uns\u00e4glich Hilfsbed\u00fcrftige herumkriechen m\u00fcssen. Wozu sich die M\u00fche machen zu pr\u00fcfen. F\u00fcr die paar Pence, die man zu geben bereit ist!\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-text-align-right wp-block-heading\" style=\"text-align: right;\">Die Verbrecher-Gesellschaft<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Peachum ist seit der Dreigroschenoper gewachsen. Vor seinen unbetr\u00fcg\u00adlichen Blicken liegen die Bedingungen seiner erfolgreichen wie die Fehler seiner mi\u00dfgl\u00fcckten Spekulationen. Kein Schleier, nicht die mindeste Illusion verh\u00fcllt ihm die Gesetze der Ausbeutung. Damit beglaubigt sich dieser alt\u00admodische, kleine weitabgewandte Mensch als ein h\u00f6chst aktueller Denker. Er k\u00f6nnte sich ruhig mit Spengler messen, welcher gezeigt hat, wie unbrauch\u00adbar die humanit\u00e4ren und philanthropischen Ideologien aus den Anf\u00e4ngen des B\u00fcrgertums f\u00fcr den heutigen Unternehmer geworden sind. Die Errungen\u00adschaften der Technik kommen eben in erster Linie den herrschenden Klassen zugute. Das gilt von den fortgeschrittenen Denkformen so gut wie von den modernen Bewegungsformen. Die Herren im Dreigroschenroman haben zwar keine Autos, aber sie sind s\u00e4mtlich dialektische K\u00f6pfe. Peachum zum Beispiel sagt sich, da\u00df Strafen auf Morden stehen. \u00bbAber auf dem Nichtmorden\u00ab, sagt er sich, \u00bbstehen auch Strafen und furchtbarere &#8230; Ein Herunterkommen in die Slums, wie es mir mit meiner ganzen Familie drohte, ist nicht weniger als ein Inszuchthauskommen. Das sind Zuchth\u00e4user auf Lebenszeit!\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kriminalroman, der in seiner Fr\u00fchzeit bei Dostojewski viel f\u00fcr die Psychologie geleistet hat, stellt sich auf dem H\u00f6hepunkt seiner Entwicklung der Sozialkritik zur Verf\u00fcgung. Wenn Brechts Buch die Gattung ersch\u00f6pfender verwertet als Dostojewski, so kommt das unter anderem daher, da\u00df darin \u2013 wie in der Wirklichkeit \u2013 der Verbrecher sein Auskommen in der Gesellschaft, die Gesellschaft \u2013 wie in der Wirklichkeit \u2013 ihren Anteil an seinem Raub hat. Dostojewski ging es um Psychologie; er brachte das St\u00fcck Verbrecher, das im Menschen steckt, zum Vorschein. Brecht geht es um Politik; er bringt das St\u00fcck Verbrechen, das im Gesch\u00e4ft steckt, zum Vorschein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00fcrgerliche Rechtsordnung und Verbrechen \u2013 das sind nach der Spielregel des Kriminalromans Gegens\u00e4tze. Brechts Verfahren besteht darin, die hoch\u00adentwickelte Technik des Kriminalromans beizubehalten, aber dessen Spiel\u00adregel auszuschalten. Das Verh\u00e4ltnis zwischen b\u00fcrgerlicher Rechtsordnung und Verbrechen wird in diesem Kriminalroman sachgem\u00e4\u00df dargestellt. Das letztere erweist sich als ein Sonderfall der Ausbeutung, die von der ersteren sanktioniert wird. Gelegentlich ergeben sich zwischen beiden zwanglose \u00dcberg\u00e4nge. Der nachdenkliche Peachum stellt fest, \u00bbwie die komplizierten Gesch\u00e4fte oft in ganz einfache, seit urdenklichen Zeiten gebr\u00e4uchliche Hand\u00adlungsweisen \u00fcbergehen!&#8230; Mit Vertr\u00e4gen und Regierungsstempeln fing es an und am Ende war Raubmord n\u00f6tig! Wie sehr bin gerade ich gegen Mord!&#8230; Und wenn man bedenkt: da\u00df wir nur Gesch\u00e4fte miteinander gemacht haben!\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nat\u00fcrlich, da\u00df in diesem Grenzfall des Kriminalromans der Detektiv nichts zu suchen hat. Die Rolle, die ihm der Spielregel nach als Sachwalter der gesetzlichen Ordnung zuf\u00e4llt, \u00fcbernimmt hier die Konkurrenz. Was sich zwischen Macheath und Peachum abspielt, ist ein Kampf zweier Banden und ein gentlemen&#8217;s agreement das happy end, das die Verteilung der Beute notariell festlegt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-text-align-right wp-block-heading\" style=\"text-align: right;\">Die Satire und Marx<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Brecht entkleidet die Verh\u00e4ltnisse, unter denen wir leben, ihrer Drapie\u00adrung durch Rechtsbegriffe. Nackt wie es auf die Nachwelt gelangen wird, tritt das Menschliche aus ihnen heraus. Leider wirkt es entmenscht. Aber das ist nicht dem Satiriker zuzuschreiben. Den Mitb\u00fcrger zu entkleiden ist seine Auf\u00adgabe. Wenn er ihn seinerseits neu ausstaffiert, ihn wie Cervantes im Hund Berganza, wie Swift in der Pferdegestalt der Houyhnhnms, wie Hoffmann in einem Kater vorstellt, so kommt es ihm im Grunde dabei doch nur auf die eine Positur an, wo derselbe nackt zwischen seinen Kost\u00fcmen steht. Der Satiriker h\u00e4lt sich an seine Bl\u00f6\u00dfe, die er ihm im Spiegel vor Augen f\u00fchrt. Dar\u00fcber geht sein Amt nicht hinaus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So begn\u00fcgt sich Brecht mit einer kleinen Umkost\u00fcmierung der Zeitgenos\u00adsen. Sie reicht im \u00fcbrigen gerade aus, um die Kontinuit\u00e4t mit jenem neun\u00adzehnten Jahrhundert herzustellen, das nicht nur den Imperialismus sondern auch den Marxismus hervorgebracht hat, der so n\u00fctzliche Fragen an diesen zu stellen hat. \u00bbAls der deutsche Kaiser an den Pr\u00e4sidenten Kr\u00fcger tele\u00adgraphierte, welche Aktien stiegen da und welche fielen?\u00ab \u00bbNat\u00fcrlich fragen das nur die Kommunisten.\u00ab Aber Marx, der es zuerst unternahm, die Verh\u00e4lt\u00adnisse zwischen Menschen aus ihrer Erniedrigung und Verneblung in der kapitalistischen Wirtschaft wieder ans Licht der Kritik zu ziehen, ist damit ein Lehrer der Satire geworden, der nicht weit davon entfernt war, ein Meister in ihr zu sein. In seine Schule ist Brecht gegangen. Die Satire, die immer eine materialistische Kunst war, ist bei ihm nun auch eine dialektische. Marx steht im Hintergrund seines Romans \u2013 ungef\u00e4hr so wie Konfuzius und Zoroaster f\u00fcr die Mandarine und Schahs, die in den Satiren der Aufkl\u00e4rung unter den Franzosen sich umsehen. Marx bestimmt hier die Weite des Abstandes, den der gro\u00dfe Schriftsteller \u00fcberhaupt, besonders aber der gro\u00dfe Satiriker seinem Objekt gegen\u00fcber einnimmt. Es war immer dieser Abstand, den die Nachwelt sich zu eigen gemacht hat, wenn sie einen Schriftsteller klassisch nannte. Vermutlich wird sie sich im Dreigroschenroman ziemlich leicht zurechtfinden.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: Diese Rezension von Bertolt Brechts <em>Dreigroschenroman<\/em> entstand 1934 im Auftrag von Klaus Manns Exilzeitschrift <em>Die Sammlung<\/em>. Benjamins Essay ist ein gesellschaftlicher Traktat in sieben Kapitel\u00fcberschriften, er sprengt jede Vorstellung davon, was Tagespublizistik leisten kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 80. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Die Freundschaft Benjamin\u2013Brecht ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/13\/notizen-svendborg-sommer-1934\/\">einzigartig<\/a>, weil in ihr der gr\u00f6\u00dfte lebende deutsche Dichter mit dem bedeutendsten Kritiker der Zeit zusammenkam. Und es spricht f\u00fcr beide, dass sie dies wussten<\/em>. (Hannah Arendt)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein weiterer Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Acht Jahre Zwischen Dreigroschenoper und Dreigroschenroman liegen acht Jahre. Das neue Werk hat sich aus dem alten entwickelt. Aber das geschah nicht in der versponnenen Weise, in der man sich das Reifen des Kunstwerks gew\u00f6hnlich vorstellt. Denn diese Jahre waren&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/06\/brechts-dreigroschenroman\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":87150,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[514,428],"class_list":["post-68373","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-bertolt-brecht","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68373","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=68373"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68373\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=68373"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=68373"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=68373"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}