{"id":6837,"date":"2012-09-18T00:01:00","date_gmt":"2012-09-17T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837"},"modified":"2022-02-21T06:04:27","modified_gmt":"2022-02-21T05:04:27","slug":"bergmanns-arthur-ist-arthurs-bergmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/18\/bergmanns-arthur-ist-arthurs-bergmann\/","title":{"rendered":"Ein Beitrag zur Vers\u00f6hnung von Lebensgenuss und Utopie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">man hat die &gt;Arthurgeschichten&lt; \u00bbSeins-Philosophie ins Narrative \u00fcbersetzt\u00ab oder \u00bbvirtuelle Legenden\u00ab genannt und eine n\u00e4he zum taoismus oder existentialismus darin entdeckt. manches erinnert auch an die paradoxen argumentationen der sophisten. ulrich bergmann selbst nennt seine texte ironisch \u00bbgedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs\u00ab. kritische stimmen mi\u00dftrauten abwechselnd der leichtigkeit und dem geistvollen dieser prosaminiaturen. beides, symbiosen inbegriffen, geh\u00f6rt freilich zur eigenart der bergmannschen geschichten, in denen der autor seine erfahrungswelt gleicherma\u00dfen emotional freisetzt und intellektuell lenkt und auf die zutrifft, was friedrich r\u00fcckert, gestorben 1866, \u00fcber den persischen dichter hafis, gestorben 1390, schrieb: \u00bbHafis, wo er scheinet \u00dcbersinnliches \/ Nur zu reden, redet \u00fcber Sinnliches; \/ Oder redet er, wo \u00fcber Sinnliches \/ Er zu reden scheint, nur \u00dcbersinnliches? \/ Sein Geheimnis ist un\u00fcbersinnlich, \/ Denn sein Sinnliches ist \u00fcbersinnlich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">geistig wach und sinnlich genu\u00dfvoll, aber genauso sinnlich wach und geistig genu\u00dfvoll, l\u00e4\u00dft ulrich bergmann, der nach dem ganzen sucht und doch wei\u00df, da\u00df er es nur im einzelnen findet, seine sinneseindr\u00fccke durch seine gedanken, wie diese durch jene, hindurchgleiten und setzt sie aus sich heraus, damit sie dem leser lakonisch, heiter, ironisch, nachdenklich begegnen. indem er partikel aus seinem unbewu\u00dften herausl\u00f6st, inszeniert er ein bewu\u00dftseinstheater mit wechselnden masken, das ihm zur geistigen wohnung wird, und erschafft sich so selbst als kunstfigur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die &gt;Arthurgeschichten&lt; enthalten eine philosophie der ewigen jugend, die auf permanenter (selbst)erneuerung beruht und worin die figuren sogar ihre abstraktionen sinnlich erfahren. akteure der texte sind arthur und die ich-gestalt, zwei intellektuell-artifizielle figuren, die, vorzugsweise an orten ihres lebensgenusses, in theatern, opernh\u00e4usern, galerien, museen, bars, caf\u00e9s und restaurants, eine geistundtheaterwirklichkeit entfalten, worin sie ihre erfahrungen und einsichten in einer art diskursmanege miteinander austragen und reflektieren. dabei nimmt arthur meist die erz\u00e4hlende, offensive, herausfordernde und die ich-figur mehr die fragende, relativierende, beruhigende rolle ein. als gedankenpantomimen bedenken sie ambivalenzen und abgr\u00fcnde, die durchaus existentiell sein k\u00f6nnen, nicht schwerm\u00fctig, skeptisch allerdings schon, sondern spielerisch. besonders die arthur-figur hat etwas von einem gaukler, bajazzo, marionettenspieler und akrobaten, doch auch charmeur und flaneur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das theatralische ruft die motivwelt herbei und umgekehrt. zugleich ber\u00fchrt sich das spiel, das realit\u00e4ten transzendiert und rituelle momente enthalten kann, auf individuelle weise mit kult, fest, \u00fcberwirklichkeit. theater und spiele gingen aus dem kult hervor, der selbst heiliges spiel war. ebenso wurzelt das philosophische denken im mythischen. theater wie philosophie waren im proze\u00df der antike formen einer neuen subjektivit\u00e4t und relativierung gegen\u00fcber der unbedingtheit von mythos und kult. noch heute ist das theater magischer boden, und ort der kultivierung von gef\u00fchlen, auf der b\u00fchne wie im publikum, oder sollte es zumindest sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">dem naturell ulrich bergmanns entsprechen die ewige jugend, die leichtigkeit und der spielerische gestaltwandel der griechischen g\u00f6tter, nicht die schwere und leidenstiefe des schicksals der heroen, die zum zorn neigen und deren geschichten meist zur trag\u00f6die tendieren. er will unsterblich sein, ohne heldenhaft werden zu m\u00fcssen. platon hatte spiel genannt, was keinen nennenswerten nutzen oder schaden mit sich bringt. \u00bbder Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.\u00ab postulierte schiller. johan huizinga schrieb in &gt;Homo Ludens \/\u00a0 Vom Ursprung der Kultur im Spiel&lt;: \u00bbKultur in ihren urspr\u00fcnglichen Phasen wurde gespielt. Sie entspringt nicht <em>aus<\/em> Spiel, wie eine lebende Frucht sich von ihrem Mutterleibe l\u00f6st, sie entfaltet sich <em>in<\/em> Spiel und <em>als<\/em> Spiel.\u00ab f\u00fcr ulrich bergmann bedeutet spiel zuallererst freie und gelebte kreativit\u00e4t. indem er nach sch\u00f6nem und geistreichem leben sucht, entwickelt er zugleich eine spielerische lebensphilosophie und ein \u00e4sthetisches potential. dabei grenzt er sich vom leistungsethos der sportspiele ab, f\u00fchlt sich auch den zur konvention gewordenen kulturellen spielregeln der gesellschaft nicht ohne weiteres verpflichtet und fragt vielmehr, unbewu\u00dftem auf der spur, was mit ihm oder in ihm spielt. \u00bbWir spielen mit uns, denkt Arthur, das Spiel ist so ernst, da\u00df wir kaum sp\u00fcren, wie wir uns verspielen.\u00ab hei\u00dfts in &gt;Verspielt&lt;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn der kreative spielcharakter einer kultur, der etwas potentiell subversives hat, und zwar auch, ja gerade, dort, wo er den akteuren selbst unbewu\u00dft bleibt, aufgegeben wird, besteht die gefahr der erstarrung kultureller lebensformen. die gesellschaftsver\u00e4ndernden wirkungen einer spielerischen kultur verlangen freilich geduld. umgekehrt kann das forcierte spiel mit attributen und ornamenten, wie die r\u00f6mische sp\u00e4tantike zeigt, auch den untergang einer kultur ank\u00fcndigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zum homo ludens geh\u00f6rt das rituelle, darstellende, theatralische, t\u00e4nzerische, wettstreitende, unterhaltende, unernste, scherzende, komische, parodistische. ausgangsbedeutung des deutschen worts spiel war tanzen, sich lebhaft bewegen. spielmann hie\u00df der spa\u00dfmacher, gaukler, schauspieler, fahrende s\u00e4nger, musikant. ein spielerischer, theatralischer, musikalischer und t\u00e4nzerischer charakter, der erlebnisformen der realwelt verfremdet, ist auch f\u00fcr die &gt;Arthurgeschichten&lt; konstituierend, wobei das \u00e4sthetische wahrnehmen, inspiriert von energien der seele, sch\u00f6ne frauen und espressos h\u00e4ufig nahebei, bisweilen ins erotische und kulinarische \u00fcbergeht und damit verschmilzt. spiel und erotik sind eng verwandt. man spricht von liebesspiel und minnespiel. altindisch hie\u00df der liebesakt das juwel der spiele. lateinisch l\u016bdus, das spiel, kinderspiel, zeitvertreib und \u00f6ffentliches schauspiel bezeichnet, konnte zugleich das liebesspiel meinen, l\u016bsor neben spieler und sp\u00f6tter den dichter t\u00e4ndelnder liebeslieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">liebesf\u00e4higkeit ist ein zentraler anspruch ulrich bergmanns. seinen geschichten insgesamt liegt ein liebendes verh\u00e4ltnis zur wirklichkeit zugrunde. dem entspricht die verlebendigung des gegenst\u00e4ndlichen, etwa wenn arthur in &gt;Komische Elegie&lt; im museum einer bevorzugten weiblichen plastik \u00fcber den r\u00fccken streicht und dann glaubt, die andern plastiken seien eifers\u00fcchtig, so da\u00df der weitere ausstellungsbesuch zu einem spie\u00dfrutenlauf durch seine einbildung wird, der letztlich eine narzi\u00dftische vision ist, denn er m\u00f6chte von allen geliebt werden. bei wiederholungszw\u00e4ngen der selbstliebe kann der narzi\u00dfmus auch in autismus \u00fcbergehn. zugleich schr\u00e4nkt wirkliche liebe den narzi\u00dfmus ein und wird so zum kulturfaktor. die museumsepisode erinnert an pygmalion, der bei ovid ein abbild der idealen frau aus elfenbein schnitzt, sich in die statue verliebt, von der manche behaupten, sie sei das idol der aphrodite gewesen, bis die g\u00f6ttin bewirkt, da\u00df die plastik lebendig und zu seiner frau wird. die spielerische distanz zum beschriebenen in den bergmannschen texten gleicht der bei ovid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">eine liebevolle beziehung hat der autor auch zur musik. und die beherrschung eines instruments hei\u00dft ebenfalls spiel. arthur und sein autor lieben das kultivierte und nicht das animalische spiel. sie brauchen weder das hasardspiel, also die spielh\u00f6lle, noch das liebesspiel des bordells, weil sie selber \u00fcber gen\u00fcgend sublimierte spielerotik verf\u00fcgen, mit der sie sich ihren eigenen und ganz individuellen spielhimmel auf erden errichten und existentiellem druck autonom entgegnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ulrich bergmann ist ein gl\u00fccksgeborener. und damit meine ich nicht nur das \u00e4u\u00dferliche gl\u00fcck, sondern die seelische und psychische und, davon ausgehend, geistige und kulturelle pr\u00e4disposition und begabung f\u00fcr gl\u00fcckswahrnehmungen, die ihn selbst noch die ironisierungen und parodien seiner eigenen gl\u00fccksbezogenen gr\u00f6\u00dfenphantasien als gl\u00fcck erleben l\u00e4\u00dft. gegen die auffassung, da\u00df die verschmelzung von gl\u00fcck und kunst eine vormoderne vorstellung sei, setzt er seine modernisierungen des gl\u00fccksempfindens. wenn er sein leben in seinen texten dialektisch paradox durch spiel, theater, phantasie erweitert, wei\u00df er freilich, da\u00df die ungedachten gedanken und die unrealisierten pl\u00e4ne immer besser als die gedachten und gelebten sind und der ideale text eigentlich liebesakt, geburt, sterbemoment, seelenwanderung, auferstehung und erleuchtung vereinen m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in &gt;O Fortuna&lt; erkundet der autor die welt des jahrmarkts, auch dies eine sph\u00e4re des spiels, und l\u00e4\u00dft die ich-figur fragen, \u00bbwelche Jahrmarktsensation sich als st\u00e4rkste Weltmetapher in mir aufspielt.\u00ab in die engere wahl gezogen werden achterbahn, karussell und riesenrad und schlie\u00dflich die losbude. der jahrmarkt besteht aus resten alter kultur. die geisterbahn assoziiert initiationsh\u00f6hlen, in denen die kindheit durch ein inszeniertes grauen mit einem symbolischen tod \u00fcberwunden wurde. im karussell reiten die kinder auf wilden tieren, von denen sie einst in freier wildbahn bedroht waren, wodurch sie sich als herrscherder natur empfinden k\u00f6nnen. das riesenrad erinnert ans weltenrad, das steckenpferd an reitwettbewerbe, die schult\u00fcte ans f\u00fcllhorn, die eiswaffel an rituelle milchbutterundhoniggaben f\u00fcr kinder. das los folgt dem losorakel wie das w\u00fcrfeln dem w\u00fcrfelorakel. mit losen wie w\u00fcrfeln, die in der hand von priestern und orakelmeistern waren, ist einst \u00fcber leben oder tod, frieden oder krieg entschieden worden. das urspr\u00fcngliche orakel von delphi war wohl ein losorakel, bei dem kleine schwarze oder wei\u00dfe steine oder bohnen aus einer schale im becken des dreifu\u00dfes genommen wurden, die jeweils ja oder nein bedeuteten. die verwandtschaft der worte rat und r\u00e4tsel verweist noch auf den ernsten hintergrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die &gt;Arthurgeschichten&lt; beschreiben ein ich, das seine innere dialektik findet, indem es best\u00e4ndig sein gegen-ich inszeniert, bis dieses ihm als du erscheint, so da\u00df sich beide, w\u00e4hrend die \u00fcberg\u00e4nge zwischen ihnen flie\u00dfend werden, ineinander aufheben, wodurch das ich permanent im du erwacht und umgekehrt. \u00bbMein Ich spielt mit seinem Gegen-Ich, und derart schizophren bringe ich mich wechselseitig um, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Meine Lebenskunst ist ein permanenter Selbstmord zum Leben hin.\u00ab (&gt;Le quattro stagioni&lt;) lautet eine zentrale aussage dieser texte, die auch benennt, wie man entfremdung sublimieren kann, damit sie als kulturzustand auftritt und trennungsenergien in lebensenergien verwandelt. des autors, oder seines arthurs, ich, bzw. die ich\/du- und du\/ich- abspaltungen- und synthesen beider, brauchen, da sie sich selber zum altar machen, worauf sie, stets neue facetten ihrer selbst zeugend, best\u00e4ndig wandeln, kein dominantes \u00fcber-ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das \u00fcber-ich, das einst infantilit\u00e4t zu \u00fcberwinden half, wurde sp\u00e4ter selbst infantil und mu\u00dfte so ebenfalls \u00fcberwunden werden. deshalb der abtritt der g\u00f6tter, kaiser, patriarchen. und die \u00fcberwindung konnte einzig durch ein sublimiert gest\u00e4rktes ich gelingen, das sich mit dem es der psychoanalyse, des surrealismus und der philosophie verb\u00fcndete. auf die frage, ob daraus ein \u00fcber-es entstehen k\u00f6nne, das erst diabolisch und sp\u00e4ter auch tyrannisch herrscht, erwidert ulrich bergmann, der sich gleicherma\u00dfen autonom gegen\u00fcber \u00fcber-ich, es und au\u00dfenwelt halten will: \u00bbDie interne Affirmation meines Ichs (Ich, Gott, bete mich an) ist die dialektische Voraussetzung seiner Aufhebung. Die Synthese ist nicht die Herrschaft eines \u00dcber-Es, sondern die Erhebung meines Unter-Ichs zu einem Ich der freien Mit-Ichs.\u00ab (&gt;Arthur.Documental&lt;). eine einseitig vernunftgelenkte herrschaft des ich hingegen, die dem es nicht gen\u00fcgend spielraum l\u00e4\u00dft, k\u00f6nnte kreative energien l\u00e4hmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die &gt;Arthurgeschichten&lt; sind \u00fcberwiegend erfundene anekdoten, die der ich-kult formiert. \u00bbIch lebe eine unio mystica mit meinem alter ego, also mit der Welt in mir und au\u00dfer mir &#8230; Das Fragment ist das Atom des Ganzen. Dabei ist mein spielendes Ich absolutistisch stark: Ich leite mich von mir selbst ab.\u00ab (&gt;Arthur.Documental&lt;). zugleich ironisiert der autor das egozentrische weltbild. denn die bergmannsche methode der spielerischen reflexion und des reflexiven spiels erm\u00f6glicht beides: befreiung aus den abh\u00e4ngigkeiten rotierender normen und normativer rotation und persiflage eines nur scheinbar freien daseins. hintergr\u00fcndig parodieren und travestieren manche texte, indem das eine ich das andere spiegelt, gr\u00f6\u00dfenphantasien und eitelkeiten. so lassen sich verformungen des einen im andern erkennen und ausgleichen. und es entsteht ein entspanntes und nachsichtiges einverst\u00e4ndnis mit dem wirklichen in gelebter widerspr\u00fcchlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ulrich bergmann durchlebt seine verk\u00f6rperungen, um dauerhaft beim eignen ich zu bleiben. das nenne ich das rotationsprinzip seiner subjektivit\u00e4t: durch aufsplitterung und verwandlung ganz werden und sein. darsteller und betrachter, erz\u00e4hler und erwiderer dieser geschichten sind teile, oder wenigstens repr\u00e4sentanten, des autoren-ich, das sich in seinem eignen mikrokosmos erschafft. eben darin besteht wohl der tiefere sinn eines satzes wie \u00bbOhne mich, denkt Arthur, l\u00e4uft \u00fcberhaupt kein St\u00fcck.\u00ab (&gt;G\u00f6ttliche Kom\u00f6die&lt;). in &gt;Ego ergo sum&lt; malt arthur den lieben gott an die wand und sagt sich: \u00bbWenn ich st\u00fcrbe, w\u00fcrdest du mir fehlen.\u00ab wenn bergmanns arthur als gottgleicher schauspieler absolut \u00fcber den dingen st\u00fcnde, mit denen man erfahrungsgem\u00e4\u00df besser spielt als von ihnen bewegt zu werden, k\u00f6nnte er glauben, das weltganze hinge von ihm ab und m\u00fc\u00dfte zusammenbrechen, sobald sein erleben versiegt. da arthurs bergmann aber im realleben steht, inszeniert er, material und zeuge seiner geschichten, seine gr\u00f6\u00dfenphantasien blo\u00df literarisch. das verlangen nach sublimer selbstheroisierung und heroischer selbstsublimierung scheint dennoch durch. \u00bbUnd was ich nicht werden <em>kann<\/em>, spiele ich in meinen Figuren.\u00ab (&gt;Arthur.Documental&lt;). verwandlung, auferstehung und ewigkeit, alles merkmale des g\u00f6ttlichen, sind die traumziele dieser geschichten. man kann dies eine gelebte religiosit\u00e4t ohne religion nennen. und die gr\u00f6\u00dfenphantasien erscheinen hier auch nicht zeitgeistgem\u00e4\u00df technisch, geschwindigkeitsintensiv oder gewaltgeladen, wie in vielen produkten der kommerzkultur, sondern artifiziell sublimiert. das leben wird literarisch als kunst wie die profane kultur durch gesteigerte kultivierung aufgehoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die figuren k\u00f6nnen sich, indem sie spielerisch ihre identit\u00e4ten \u00e4ndern, vieles und vielem anverwandeln. \u00bbJe wandelbarer man war, um so mehr hatte man das Bed\u00fcrfnis, die G\u00f6ter zu wechseln, von einem zum anderen \u00fcberzugehen, wobei man ganz sicher sein konnte, sie im Laufe eines Menschenlebens alle einmal zu lieben.\u00ab vermerkte cioran in &gt;Die verfehlte Sch\u00f6pfung&lt;. in &gt;Etikette&lt; sagt arthur, da\u00df er masken tr\u00e4gt, damit er freier sei, das hei\u00dft die energien der maske aneignen und sich darin unbefangen ausprobieren kann. ulrich bergmann entgrenzt und erweitert mit seinen literarischen masken seine person. in &gt;Das Angebot der Nachfrage&lt; bietet arthur sich, oder besser seiner gespeicherten stimme, die er auf einem anrufbeantworter h\u00f6rt, das du an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die bergmannschen texte unterwandern und \u00fcbersteigen den glauben an die unausweichlichkeit vorgefundener realit\u00e4ten oder gar von schicksalskr\u00e4ften, die entweder\/oder-prinzipien folgen. immer wieder zeigen sie, da\u00df wirklichkeiten au\u00dferhalb der sichtbaren und gelebten realit\u00e4t existieren. \u00bbIch ahne die gleichzeitige Existenz aller m\u00f6glichen Welten.\u00ab sagt arthur in &gt;Die W\u00fcrfelfalle&lt;. die f\u00e4higkeit, verschiedene wirklichkeiten wahrzunehmen und durch die geschichte hindurch zu blicken, stimuliert die gabe, jetztzeiten aufzubrechen. zugleich f\u00f6rdert das vermischende und relativierende prinzip toleranz, indem es einem glauben an die reinheit von ideen entgegenwirkt, der nicht selten dogmatisch auftritt. die differenz er\u00f6ffnet m\u00f6glichkeiten der sublimierung und baut nicht, wie oft im allt\u00e4glichen leben, ver\u00e4chtlichkeiten und feindschaften auf. dabei wird, w\u00e4hrend viele in der wirklichen welt ihre eignen vorurteile, die ihren momentanen egoistischen interessen dienen, als objektive wahrheiten ausgeben, die subjektivit\u00e4t der wahrnehmung nie geleugnet. wir sehen hier ein ausgesprochen vers\u00f6hnendes und friedensf\u00f6rderndes konzept am werke, das allerdings eine gewisse saturiertheit verlangt. von deklassierten kann man dieses ma\u00df an toleranz nicht verlangen. \u00bbDas Recht des Verzweifelten, das Recht dessen, der keinen Ausweg, keine Ruhe, keine schmerzlose Stunde findet: er untergr\u00e4bt die Bedingungen des Lebens.\u00ab konstatierte stanislaw przybyszewski in &gt;Die Gnosis des B\u00f6sen&lt;, \u00bbDas Sichfallenlassenk\u00f6nnen in Aufschwungkr\u00e4fte geh\u00f6rt zu den Erfahrungen der wenigsten; das Umzingeltsein von Verh\u00e4ltnissen, die den Horizont verstellen, zu denen der meisten.\u00ab peter sloterdijk in &gt;Weltfremdheit&lt;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIn den Gebieten, mit denen wir es zu tun haben, gibt es Erkenntnis nur blitzhaft.\u00ab hei\u00dfts bei walter benjamin (&gt;Das Passagen-Werk&lt;). solch blitzhaftes aufscheinen enthalten auch viele der bergmannschen geschichten. \u00bbDer dialektische Eskapismus ist eine weitere Voraussetzung, die eigene, und dann die Wir-Geschichte zu gestalten.\u00ab vermerkt ulrich bergmann (&gt;Arthur.Documental&lt;). dabei k\u00f6nnen die figuren aus sich heraustreten, neben sich stehen und sich beobachten. und ihre spielerisch und narzi\u00dftisch gesteigerte individualit\u00e4t f\u00fchrt nicht selten sogar zu einer verobjektivierung der selbstbetrachtung. allerdings ironisiert arthur seine pirouetten, um nicht dar\u00fcber zu st\u00fcrzen, meist selbst. in &gt;Einbildung&lt; verschafft ein espresso \u00bbinwendig mediterrane Sanguinit\u00e4t\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ein wichtiges merkmal der &gt;Arthurgeschichten&lt; sind die flie\u00dfenden \u00fcberg\u00e4nge zwischen ich und du, seelenraum und au\u00dfenwelt, betrachter und darsteller, fiktion und wirklichkeit, vision\u00e4rem und profanem, theorie und praxis, kultur und natur, kunst und leben, konkretem und abstraktem, nervenfasern und buchstaben, k\u00f6rper und kost\u00fcm, realit\u00e4t und legende, echtheit und t\u00e4uschung, wahrheit und l\u00fcge, ursache und wirkung, frage und antwort, spiel und philosophie, tanz und geist, betroffensein und rollenspiel, genu\u00df und leiden, sieg und niederlage, anziehung und absto\u00dfung, annahme und abwehr, die das eine mit dem jeweils andern verbinden und vermischen, notfalls auch kompensieren, und womit der autor nicht nur die grenzen zwischen subjekt und objekt \u00fcberschreitet und aufhebt, sondern auch jene im subjekt selbst, das sich so leichter von zw\u00e4ngen und verh\u00e4rtungen freih\u00e4lt. die permanenten verschmelzungen, und damit aufhebungen, gerade auch von gegens\u00e4tzen, wirken utopisch, universalistisch und postmodern zugleich, wobei die utopischen visionen freilich oft ironisch gebrochen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn ulrich bergmann, dessen reflexives denken und schreiben seiner geistigen natur entspricht, mit dialektischen paaren spielt, deren antipoden er ineinander \u00fcbergehen und umkippen l\u00e4\u00dft, f\u00fchrt er uns beispiele f\u00fcr die relativit\u00e4t der erkenntnis und des menschlichen wahrnehmens \u00fcberhaupt vor. immer denkt er das m\u00f6gliche, und manchmal auch unm\u00f6gliche, die umkehrung und verwandlung des vorgefundenen und sichtbaren mit. jedwedes wird auch von seinem gegenteil her und als sein gegenteil betrachtet. gegens\u00e4tze werden so st\u00e4ndig neu aufgehoben. die reflexion reflektiert sich selbst. zugleich enth\u00e4lt reflexivit\u00e4t oft etwas ironisches. und die ironisierung von identit\u00e4ten geh\u00f6rt mit zur eigenen identit\u00e4t. die h\u00f6chste ironie w\u00e4re das sich selbst reflektierende nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">je tiefer man sich denkend einen gegenstand aneignet, umso mehr verschwinden die klaren kausalit\u00e4ten, die man an der oberfl\u00e4che gefunden hat, und man entdeckt vielschichtige und sich teilweise \u00fcberlagernde labyrinthische, spiralf\u00f6rmige und f\u00e4cherartige formen sowie widerspr\u00fcchliche, ambivalente, paradoxe und absurde inhalte, die ein relativierendes denken verlangen. lateinisch rel\u0101ti\u014d bedeutet neben beziehung und verh\u00e4ltnis r\u00fccksicht. \u00bbJeder Schritt ein Irrtum, denke ich, aber jeder Irrtum ein Schritt in die richtige Richtung.\u00ab hei\u00dfts es bei ulrich bergmann in &gt;s.t&lt;. die iren kennen das sprichwort \u00bbWer glaubt etwas verstanden zu haben, ist falsch unterrichtet.\u00ab was wir nicht verstehen, fordert uns heraus. aufgekl\u00e4rtes denken verlangt, da\u00df jeder antwort die originellere neue frage folgt. der zustand zwischen frage und antwort ist der des eigentlichen seins. es gibt kein endprodukt der erkenntnis. alles erkennen bleibt momentaufnahme und jedes verst\u00e4ndnis ist relativ. \u00bbWas der Sinn f\u00fchlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich sein Ende. Aber Sinn und Geist m\u00f6chten dich \u00fcberreden, sie seien aller Dinge Ende: so eitel sind sie.\u00ab sagt nietzsches zarathustra. gro\u00dfe geister sind meist skeptiker. und skepsis ist eine zivilisationsleistung, die stets neu erlernt werden mu\u00df. aufkl\u00e4rer kann nur sein, wer sich selbst infrage stellt. wer ohne fragen und zweifel, nicht zuletzt an sich selbst, lebt, mindert seine ideellen antriebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">in &gt;G\u00f6ttliche Kom\u00f6die&lt; lesen wir den relativierenden satz: \u00bbDie Summe aller St\u00fccke, die ich spiele, ergibt kein ganzes St\u00fcck\u00ab. damit sind partikularit\u00e4t und zerrissenheit des modernen menschen bezeichnet, die bis in seine fiktionen hineinreichen, weshalb auch die seelentheaterb\u00fchne keine umfassend bergende ganzheit einer gegenwelt zu sichern vermag. wer anhand dieser texte individuelle verwundungen erkunden wollte, k\u00f6nnte das virtuose spiel auch als abwehrstrategie gegen\u00fcber \u00e4ngsten erkennen, die bedr\u00e4ngnisse, verborgen unter einem schleier der latenz, immer nur kurzzeitig erscheinen l\u00e4\u00dft. durch substitution lassen sich zudem ursehns\u00fcchte, von deren erf\u00fcllung man sich eigentlich entfernt, stets neu anstreben und im schein fortgesetzt kultivieren. die spielerische umformung objektiv schwer l\u00f6sbarer konflikte, die eine aufhebung derselben vort\u00e4uscht, stimuliert das lustempfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">es geht ulrich bergmann letztlich um das entwickeln und bewahren einer subjektiven und lebbaren identit\u00e4t durch alle widerspr\u00fcche und hinterfragungen hindurch. das reflektierende ich ist gewisserma\u00dfen das auge des orkans, das bei allen transformationen stabil, gelassen, ruhig bleibt. derart kann der autor zugleich die verdinglichung der seele und des geistes und die seelenundgeisteswanderungen der dinge beschreiben. \u00bbDie wahre Methode, die Dinge sich gegenw\u00e4rtig zu machen, ist die, sie in unserm Raum (nicht uns in ihrem) vorzustellen (so tut der Sammler, so auch die Anekdote).\u00ab notierte walter benjamin (&gt;Das Passagen-Werk&lt;).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die moderne gesellschaft besteht aus tausenden partikularmythen, die sich vorzugsweise um geld, eigentum, recht und medien drehen. in &gt;Selbstinventur&lt; versucht arthur die schizophrenie zu \u00fcberwinden, indem er in einem traum im kaufhaus seine eignen kleider, die ihm per werbung in seinem namen angeboten werden, obwohl, oder weil, er sie bereits tr\u00e4gt, nochmal erwirbt, um sich vom markt freizukaufen, der annahme folgend, man k\u00f6nne durch subjektiv praktizierte paradoxie unterwandern, was einen objektiv abh\u00e4ngig halte und manipuliere, bis diese subjektivit\u00e4t der handhabung, so die hoffnung, objektiv wirke. dies ist auch ein versuch, den handel in die sph\u00e4re des spiels zur\u00fcckzuholen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Entwertung der Dingwelt in der Allegorie wird innerhalb der Dingwelt selbst durch die Ware \u00fcberboten.\u00ab schrieb benjamin in &gt;Charles Baudelaire \/ Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus&lt;. \u00bbEs war das Unternehmen von Baudelaire, an der Ware die ihr eigent\u00fcmliche Aura zur Erscheinung zu bringen. Er suchte die Ware auf heroische Weise zu humanisieren. Dieser Versuch hat sein Gegenst\u00fcck in dem gleichzeitigen b\u00fcrgerlichen, die Ware auf sentimentale Art zu vermenschlichen: der Ware, wie dem Menschen, ein Haus zu geben. Das versprach man sich damals von den Etuis, den \u00dcberz\u00fcgen und Futteralen, mit denen der b\u00fcrgerliche Hausrat der Zeit \u00fcberzogen wurde.\u00ab das haus der bergmannschen waren ist das theater seiner geschichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der autor ersp\u00fcrt paradoxien selbst im rechtssystem, das vorgibt, besonders rational und logisch zu sein: \u00bbIch habe mir eine Lebensversicherung aufschwatzen lassen, sagt Arthur. Dann kannst du leichter sterben, sage ich. Nein, sagt Arthur, ich lebe leichter. Wieso, sage ich, ist dein Leben nun sicherer geworden? Nein, sagt Arthur, mein Tod. Da machst du aber kein gutes Gesch\u00e4ft, sage ich. Im Gegenteil, sagt Arthur, je fr\u00fcher ich sterbe, um so gr\u00f6\u00dfer der Gewinn.\u00ab (&gt;Todsicheres Leben&lt;).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">heute ersetzt vielfach der intellekt den geist, das denken das empfinden, die psychologie die seele, das wissen das nachdenken, die simulation die sinnlichkeit, die geschwindigkeit die tiefe, die verwertung die sch\u00f6pfung, der zweck die idee, die kopie das original, die person das werk, die maskerade die identit\u00e4t. alldas erkl\u00e4rt verflachungen zumindest teilweise. noch gef\u00e4hrlicher, und langfristiger wirksam, als die ersetzungen und abdr\u00e4ngungen sind jedoch die permanenten vermischungen und vertauschungen, die das jeweils eine wie das andere erscheinen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">im realen leben kompensiert oft konventionelle privatheit mangelnde individualit\u00e4t und stellt dann blo\u00df noch die farce des gesellschaftlich nicht m\u00f6glichen dar, genauso wie die individuelle meinung meist nichts weiter ist als der grad ihrer abweichung vom zeitgeist und auch die gesten und worte des (lebens)theaters h\u00e4ufig nur dinge sind, die gehandelt werden. durch zerstreuung kann der moderne mensch pragmatisch mit ambivalenzen umgehn, beugt so seelischem schmerz vor und sp\u00fcrt die zersplitterungen der eigenen person sowie die kluften zwischen individuellen ambitionen und sozialen zw\u00e4ngen weniger. das resultat k\u00f6nnen seelisch amputierte menschen sein, die ihren zynismus f\u00fcr erwachsensein halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">alles \u00e4sthetische sollte auch eine utopische dimension enthalten, wenn es substanz entwickeln und nicht blo\u00df ornamental bleiben will. kunst er\u00f6ffnet das unendliche, das wir endlich fassen. sie ist stets auch geburt oder wiedergeburt von au\u00dferk\u00fcnstlerisch noch nicht oder nicht mehr lebbaren daseinsformen. weniger direkt den zw\u00e4ngen wirklichen lebens unterworfen, kann sie werte stimulieren, die real unausgebildet, versch\u00fcttet, vernachl\u00e4ssigt, deformiert und unterdr\u00fcckt sind, derart immer wieder neu uneingel\u00f6ste substanz freilegen und freisetzen und, im g\u00fcnstigen fall, manchmal k\u00fcnftiges vorwegnehmen. freie kreativit\u00e4t bewahrt so die aussicht auf einen ideell reicheren menschen, wenngleich vom rande der gesellschaft her. oder sch\u00fctzen utopien, in die zukunft projizierte mythen, am ende einzig ihre sch\u00f6pfer selbst vorm beschleunigten werteverfall, der vielleicht gerade nott\u00e4te, damit wirklich neues beginnen k\u00f6nnte? welche therapeutischen wirkungen k\u00f6nnen literarische texte, \u00fcber die selbsttherapie der autoren hinaus, noch entfalten? verf\u00e4llt unabgegoltenes tats\u00e4chlich keinen sektierern, wenn wir es kreativ aufheben? oder vertreibt kunst allenfalls unsere eigenen d\u00e4monen, die verwundete seelen geb\u00e4ren? clemens brentano schrieb kurz vor seinem tod, die phantasie, die ihn geboren habe, h\u00e4tte ihn sp\u00e4ter aufgefressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wo permanent k\u00fcnstlerische techniken f\u00fcr profane zwecke benutzt werden, um dem oberfl\u00e4chlich effektvollen zu dienen, verschwinden die k\u00fcnste im \u00f6ffentlichen raum hinter verkunstungen. viele k\u00fcnstler fragen sich, wem ihr k\u00fcnstlerisches m\u00fchen nutzt, wenn der kommerz vorzugsweise \u00e4sthetisch und theatralisch siegt, indem er, mittels tausenderlei facetten, im sch\u00f6nen schein und vom sch\u00f6nen zynismus leben l\u00e4\u00dft, w\u00e4hrend substantielle kunst in diesem zeitalter des siegs der verwerter \u00fcber die sch\u00f6pfer strukturell entwertet wird. und die machtzentren umso unumschr\u00e4nkter walten, je mehr rotation, der konventionen, sie erzeugen und umgibt. und die menschen individualit\u00e4t und egoismus, pers\u00f6nlich und privat, effekt und substanz, markt und wert, perfekt und gerecht kaum unterscheiden oder gar verwechseln. und daher desto zweifelsfreier manipuliert, mithin zeitgeistgem\u00e4\u00df vereinnahmt, werden k\u00f6nnen, je intensiver man sie animiert, also aktiv setzt. und ein kulinarischer lebensstil entsteht, der ich-marionetten erzeugt, die ihre welt als b\u00fcffet betrachten, herausgreifen, was sie gerade zu brauchen glauben, es genauso schnell wieder liegenlassen oder wegwerfen, sobald ihr begehren versiegt, und am ende andere menschen ebenso behandeln. die d\u00e4monen der zukunft, die viele sublimierungen zerst\u00f6ren d\u00fcrften, sind in den verwerfungen der gegenwart schon geboren. welche einflu\u00dfsph\u00e4ren bleiben da der kunst, die k\u00fcnstlerische literatur inbegriffen, innerhalb oder gegen\u00fcber einer kommunikationslandschaft, in der \u00f6ffentlichkeit vielfach entweder zum selbstzweck geworden ist oder uneingestandenen interessen dient? immerhin hat der k\u00fcnstler das privileg, da\u00df er die f\u00e4higkeit zu mu\u00dfe, konzentration und vertiefung bewahren kann, w\u00e4hrend die technokratiegelenkten beschleunigungen zunehmend opfer zur\u00fccklassen, die am abgeforderten tempo scheitern, verzweifeln und zerbrechen. was erst wird die gesellschaftliche notbremse anrichten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die oft anekdotischen und parabelhaften bergmannschen geschichten, in denen sich stilmittel der anekdoten und kalendergeschichten von bertolt brecht und johann peter hebel, aus kafkas allegorischer prosa und dialogformen des absurden theaters, punktuell auch der kom\u00f6diantischen texte eines aristophanes oder lukian, der &gt;Erz\u00e4hlungen der Chassidim&lt; martin bubers oder der funkessays arno schmidts, finden lassen, das hei\u00dft von spielarten der literatur, die auf jeweils eigene weise das dialektische und\/oder paradoxe\/absurde ins zentrum r\u00fccken, suchen durch ihre dialogangebote geradezu den diskurs mit dem leser. und sie enthalten, da sie normen, konventionen, gebote und tabus aushebeln, und zwar, weil spielerisch, operativ und behutsam zugleich, ohne verbitterungen und verbissenheiten, eine dialektik des paradoxen erprobenswerten und erprobenswerten paradoxen. der autor beschreibt seine figuren, in denen realerfahrung und kunstvision, kunsterfahrung und realvision ineinander \u00fcbergehn, als akteure eines laboratoriums, das in seinem denkimpulse stiftenden charakter \u00fcbers rein literarische hinausweist. sie spielen durch, also erkunden, inwieweit k\u00fcnstlerische und geistige techniken lebensreal anwendbar sein k\u00f6nnten, oder wo sie an objektive grenzen sto\u00dfen oder gar zynisch wirken, etwa indem sie von funktionalit\u00e4t vereinnahmt werden und zuletzt erneut blo\u00df die erkenntnis bleibt, da\u00df auch der schein, der kultiviert, nur die vorwegnahme des todes im leben ist. \u00bbDie st\u00e4rksten Gedanken werden schwach, wenn sie mit der Mode gehen.\u00ab hei\u00dfts in &gt;Narrenmode&lt;. bilder decken wirklichkeiten, bis sie zu kadavern werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">indem die texte von ulrich bergmann permanente auferstehungen ins leben beschreiben, umfassen sie auch den tod utopisch. seine todesphilosophie ist eine lebensphilosophie und der tod darin eine sph\u00e4re des \u00fcbergangs. der gegensatz von leben und tod wird aufgehoben und der tod zu einem teilhaber am leben, ja selbst lebendig. in &gt;Salto saltado&lt; lesen wir: \u00bbDer Tod ist ein K\u00fcnstler &#8230; weil er weiter denkt als wir, sagt Arthur. Der Tod kennt keine Grenze, keine Regel, keine Zeit.\u00ab paul virilio erkl\u00e4rte, \u00bbda\u00df alle Kunst wie der Tod ist, ein Verharren im Augenblick, ein Tempowechsel in der Ordnung der gelebten Zeit.\u00ab (&gt;Krieg und Kino \/ Logistik der Wahrnehmung&lt;). wenn der autor das leben nach dem tod mitdenkt, \u00fcberwindet er die todesangst spielerisch und ironisch. der tod ist eine gr\u00f6\u00dfenphantasie, solang man ihn nicht selbst erlebt. letztlich mu\u00df das spiel, das leben hei\u00dft, freilich \u00fcberfordern, weil man es verliert. ulrich bergmann, der luftschl\u00f6sser auf erden und gr\u00e4ber im himmel kennt, glaubt nicht wirklich an ein jenseits. aber er spielt mit seinen todesahnungen wie mit seinen tr\u00f6stungen. theater inszeniert den tod der wirklichkeit. unter anderem deshalb hat die katholische kirche solch eine theatralische begabung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nichts hat die menschliche phantasie so angeregt wie das unsichtbar gewordene tote und das noch nicht geborene oder nicht lebbare leben. todesreiche waren die urspr\u00fcnglichen phantasiereiche. in &gt;Tinnitus&lt; begegnet arthur der eigenen menschenvogelartig auferstandenen seele. die sirenen, die im \u00e4gyptischen ba-vogel wurzeln, der verk\u00f6rperung des frei beweglichen und aktiven teils der totenseele, waren griechisch zun\u00e4chst totengeister, ehe sie verf\u00fchrerinnen und sp\u00e4ter sch\u00f6pferinnen der sph\u00e4renmusik wurden. der gesang der seelenv\u00f6gel l\u00e4\u00dft sich so auch als sehnsuchtsgesang nach dem leben deuten. auf solche mythisch grundierten motivfelder unterm scheinbar leichten vordergrund st\u00f6\u00dft man bei ulrich bergmann immer wieder. arthur tanzt in seiner gegenwart durch die jahrtausende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1981 schrieb ulrich bergmann in einem atemberaubenden postulat: \u00bbDie Idee der permanenten Revolution gr\u00fcndet auf Nietzsches Gedanken von der ruhelosen sch\u00f6pferischen T\u00e4tigkeit, die das Leid des Seins \u00fcberwinden will und in nie endendem Handeln in Verz\u00fcckung verwandelt. So bereits in der &#8222;Geburt der Trag\u00f6die&#8220; und sp\u00e4ter im &#8222;Zarathustra&#8220;: Umwertung und schaffender Wille. Das ist der Erl\u00f6sungs-Gedanke Nietzsches angesichts einer nihilistisch begreifbaren Welt. \/\/ Der sozialistische Revolutionsbegriff verlagert den schaffenden Willen vom aristokratischen Ich auf die Gemeinschaft aller, wof\u00fcr Nietzsche eine Grundidee gibt: Das heroische Ich geht in der Ekstase unter und verliert sich im Willen, der Neues schafft: Das Apollinische im Dienst des Dionysischen. Der permanent Revolutionierende ist ein dionysisch Handelnder, der die Erscheinung der Welt flieht und zum Ur-Einen, zum wahren Sein, zur\u00fcckkehren will. \/\/ Ideologie ist apollinisches Stimulans f\u00fcr die bessere Welt. Ersehntes Sein wird postuliert. Im Dionysischen wird sie geschaffen, muss sie immer wieder geschaffen werden. Die sozialistische Religion, g\u00f6ttlicher Wachsboden in uns, wird nur Wirklichkeit im steten Handeln, also im Neuschaffen von Werten. Hier treffen sich wesensgleich wirklich praktiziertes Urchristentum, urspr\u00fcnglicher Kommunismus und Nietzsches \u00dcbermenschen-Evengelium als Erl\u00f6sungsangebote in verschiedenen Akzentuierungen. Der Versuch die Fesseln der irdischen Gebundenheit zu sprengen und utopisches Gl\u00fcck im Diesseits zu realisieren, jenseits von Gut und B\u00f6se, ist die Lust an der Macht, neue Werte zu schaffen, wie spielende Kinder.\u00ab heraklit hatte die weltbildende kraft mit einem kind verglichen, das spielend steine hin und her setzt und sandhaufen errichtet und wieder zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ulrich bergmann stellt bis heute fragen, die weit in die zukunft hinein gedacht sind und deren antworten er wenigstens in ankl\u00e4ngen schon gegenw\u00e4rtig erfahren will, inbegriffen die frage, wie man desillusionierungen immer wieder ins inspirierend utopische und kreative aufheben kann. damit weckt er, in einer zeit, wo immer noch die vorgeschichte und der vor-mensch \u00fcber die menschheit herrschen, sehnsucht nach einem anderen zustand der welt. wenn er schreibt \u00bbIch will die absolute Herrschaft des Ich, die eine intersubjektive Vernunftherrschaft des Einzelnen \u00fcber sich selbst erm\u00f6glicht. Erst solche Ichs, die eine Herrschaft des \u00dcber-Ich nicht ben\u00f6tigen, erlangen die Freiheit, eine m\u00fcndiger lebbare Au\u00dfenwelt zu erschaffen.\u00ab (&gt;Arthur.Documental&lt;), so formuliert er einen weitgreifenden anspruch, der einige fragen aufwirft: m\u00fc\u00dfte eine absolute herrschaft des ich, die das \u00fcber-ich, statt es zu integrieren, abdr\u00e4ngt, nicht zumindest bei jenen menschen, die sich permanent einer un\u00fcbersichtlichen welt und kr\u00e4ften, die sie nicht selber beeinflussen k\u00f6nnen, gegen\u00fcbersehen, versch\u00e4rfte orientierungslosigkeit und infolge dessen patriarchale und zwanghafte sehns\u00fcchte hervorrufen? kann die geistig und \u00e4sthetisch hedonistische lebensart, der die &gt;Arthurgeschichten&lt; entsprechen, tats\u00e4chlich umfassend befreien? oder mu\u00df nicht auch diese utopie, als eine blo\u00df andere quadratur des kreises, am egoismus der meisten scheitern? und wer hilft jenen, die vorm eintreten der ich-freiheit am elend der verh\u00e4ltnisse zugrundegehn? oder sind die bergmannschen postulate, indem darin lediglich ein narzi\u00dftisches ich seine weltsicht ins utopische transzendiert, gar nicht gesellschaftsbezogen gemeint? dann w\u00e4re zu fragen, ob sich das postulierte derart nicht selbst aufhebt und auf seinen urheber zur\u00fcckf\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">oder trifft hier zu, was gilles deleuze und felix guattari in &gt;Anti-\u00d6dipus. Kapitalismus und Schizophrenie&lt; schrieben: \u00bbDas Unbewu\u00dfte h\u00f6rt auf, das zu sein, was es ist: Fabrik, Werkstatt, und wird an deren Stelle Theater, Bild, Inzenierung.\u00ab? das theatralische agieren und wahrnehmen ginge so leicht ins affirmative \u00fcber und man m\u00fc\u00dfte sich erst einmal dar\u00fcber klar werden, was es eigentlich behauptet, beteuert und befestigt und wof\u00fcr es b\u00fcrgt. in gustave flauberts &gt;Bouvard und P\u00e9cuchet&lt;, auch so ein vorl\u00e4ufer des absurden theaters wie manches von aristophanes und lukian, haben beide figuren immer wieder hoffnung, obwohl ihnen praktisch nichts gelingt. eben darin besteht ihre lebenskunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJe anonymer und funktioneller die Macht wird, um so mehr werden die dieser Macht Unterworfenen individualisiert.\u00ab schrieb michel foucault. die verkunstung der wirklichkeit erg\u00e4nzt die vertechnokratisierung der gesellschaftlichen mechanismen, ja der lebensformen. wer einen ethnologischen blick auf die gegenwart wirft, kann sehen, da\u00df die funktionale gesellschaft zugleich eine theatralische ist, in der menschen wie schauspieler agieren, dabei, wenigstens zeitweilig und vorgeblich, eins mit ihren rollen und masken werden, die sie je nach gelegenheit wechseln, und begeisterung, freundlichkeit, emp\u00f6rung oder betroffensein spielen, wo dies erwartungen erf\u00fcllt. selbst der zweifel wurde l\u00e4ngst postmodern eingebunden, der annahme folgend, man k\u00f6nne sich allem anpassen, weil man skeptisch sei, wobei er indifferent wird und alternatives denken und handeln eher l\u00e4hmt als bef\u00f6rdert. solche verhaltensweisen entsprechen einer kulturellen und sozialen wirklichkeit, in der menschen, durch massenmedien infantil gehalten, immer mehr von kurzfristigen befriedigungsw\u00fcnschen gesteuert werden, bis sie davon \u00e4hnlich abh\u00e4ngig sind wie einst vom patriarchal pr\u00e4genden \u00fcber-ich, wodurch lebensfreude auf dauer zum machtinstrument der herrschenden technokratie verflachen kann und die ich-bildung nur anders, das hei\u00dft scheinbar freiwilliger und deshalb unmerklicher, behindert ist und permanent scheinidentit\u00e4ten entstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die moderne gesellschaft produziert gezielt entfremdungen, die fluchtbewegungen ausl\u00f6sen und so dynamik erzeugen. indem entfremdung kultiviert wird, erscheint sie t\u00e4uschend als natur des menschen. eines der erstaunlichsten, und zugleich gef\u00e4hrlichsten, merkmale der westlichen gesellschaft, oder einer ihrer raffiniertesten tricks, ist es, da\u00df sie die entfremdung konsequent kultiviert, ja zur lebenskultur gemacht hat, die vielfach, je nachdem, kunstvoll oder k\u00fcnstlich, spielerisch befreiend oder zynisch, die \u00fcberg\u00e4nge sind flie\u00dfend, jedenfalls als theater, fassade, maskerade, kolportage, auch in koketterie und ironie, auftritt und worin der einzelne, der nischen, inseln im getriebe, oder film, der abl\u00e4uft, besetzt, bildet und darstellt, nicht selten kaum mehr wei\u00df, ob er oder was eigentlich in ihm sieht, spricht und handelt. hinter den attributen der attribute lauern die facetten der facetten und die attribute der facetten und die facetten der attribute. und so unendlich? oder doch blo\u00df bis zu einem ende? die pirouetten drehen sich ebenso wenig endlos aufw\u00e4rts wie ein zirkushund ewig tanzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die spielerisch gewonnene innere freiheit wirft immer erneut fragen nach der uneingel\u00f6sten gesellschaftlichen auf. \u00bbIch kann trotz der sanft utopischen Intention, die meinen Arthurgeschichten innewohnt, nicht verhindern, da\u00df sie zugleich zutiefst pessimistisch gedacht werden k\u00f6nnen (die Arthurgeschichten sind Arthur Schopenhauer heimlich gewidmet); weil sie beides sind: Utopie als Trotz- und Trostgrund, also Religion, und Spiel mit dem Tod aus tiefer Resignation; also der Versuch, mitten auf der Flucht die Laufrichtung zu \u00e4ndern &#8230; Mein h\u00f6chster Wunsch ist Selbsterschaffung als Gegenbewegung zur Welt, wie sie mir widerf\u00e4hrt und mich verwundet.\u00ab (&gt;Arthur.Documental&lt;).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">da\u00df die &gt;Arthurgeschichten&lt; utopische ans\u00e4tze und impulse enthalten, die nur individuell und nicht gesamtgesellschaftlich lebbar sind, verweist auf einen widerspruch, der mit dem universalistischen anspruch der texte kollidiert. vielleicht k\u00f6nnte man sagen, die grenzen in den wahrnehmungen der bergmannschen figuren, die lebensreal im \u00fcberbau leben, seien die grenzen im gegenw\u00e4rtigen b\u00fcrgerlichen bewu\u00dftsein, das privilegierten verh\u00e4ltnissen entspreche und damit einer menschheitsminderheitenerfahrung. pierre bourdieu verwies auf die neigung immanuel kants, \u00bbdas Universelle mit der Welt des kultivierten Menschen gleichzusetzen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das b\u00fcrgerliche europ\u00e4ische denken hat gewi\u00df einen universalistischen ansatz, der aber nur begrenzt wirklich eingel\u00f6st wird, und schon gar nicht in einer an den interessen der gesamten menschheit orientierten gesellschaftlichen praxis. es ist ein grundirrtum westlicher intellektueller, da\u00df sie ihre eigenen lebensformen f\u00fcr welterfahrungen halten und daraus, nicht zuletzt weil ihnen ihre privilegien als ausdruck moralischer \u00fcberlegenheit erscheinen, daseinsmodelle entwickeln, die der mehrheit der erdbewohner unrealistisch erscheinen m\u00fcssen. \u00bbEs ist offensichtlich, da\u00df die Bourgeoisie eine universalistische Ideologie ausgearbeitet hat, die entweder von Gott oder von der Natur oder zuletzt von der Wissenschaft verb\u00fcrgt wird, und da\u00df all diese Alibis als Verkleidungen, als den Zeichen auferlegte Masken funktionieren.\u00ab schrieb roland barthes (&gt;Die K\u00f6rnung der Stimme&lt;). indem die globale marktwirtschaft permanent soziales unrecht produziert, gegen das die b\u00fcrgerlichen sublimierungen den meisten menschen weltweit wenig helfen, gef\u00e4hrden sich die westlichen kulturen letztlich selbst. wer armut billigt, mu\u00df sich \u00fcber gewalt, die daraus entsteht, nicht wundern. oder bildet die kulinarische lebensweise gar blo\u00df ein kontrastprogramm zum weltekel? jedes privilegiertsein tendiert, subjektiv oder objektiv, bewu\u00dft oder unbewu\u00dft bleibend, zum zynismus, der zumindest dort auch wieder militant werden kann, wo der kultivierten moral die privilegien genommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nat\u00fcrlich wissen arthur und sein sch\u00f6pfer, wie sehr sich ihre lebensentw\u00fcrfe von den interessen des jeweiligen zeitgeistes und der lebensweise der massen unterscheiden. und der autor \u00fcbersieht auch nicht, da\u00df die \u00f6konomischen strukturen, die der westlichen welt reichtum und letztlich auch kultur bringen, in anderen teilen der welt entsetzliches elend hervorrufen, also barbarisch wirken. die grenzen zwischen kultur und barbarei sind immer flie\u00dfend. jede kultur hat ihre barbarei und jede barbarei ihre kultur. er sp\u00fcrt, da\u00df jene kr\u00e4fte, die sozialabbau verursachen, ebenso kulturelle und geistige werte an r\u00e4nder abdr\u00e4ngen. zugleich wei\u00df er um die sublimierungen innerhalb der b\u00fcrgerlichen gesellschaft, die er nicht aufgeben m\u00f6chte. schlie\u00dflich m\u00fcssen b\u00fcrgertum und kapitalismus nicht identisch sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">soziales unrecht, also negative differenzierung, kulturfeindlichkeit, bildungsverachtung, naturzerst\u00f6rung sowie diskriminierung von minderheiten und fremden haben oft \u00e4hnliche ursachen. wir br\u00e4uchten also zugleich eine \u00f6kologie der natur, der kultur, der bildung und des sozialen. wenn nun aber das b\u00fcrgertum, das vor allem durch sein finanzsystem herrscht, nicht imstande ist, weltweit f\u00fcr sozial ertr\u00e4gliche verh\u00e4ltnisse zu sorgen, und offenkundig fehlt der wille dazu, so m\u00fcssen andere soziale, politische oder religi\u00f6se klassen, schichten und gruppen diese aufgabe \u00fcbernehmen. und da wir wissen, da\u00df einmal alle herrschaftsschichten st\u00fcrzen, nicht selten zusammen mit ihren leistungen und leistungstr\u00e4gern, stellt sich die frage, wer dem b\u00fcrgertum nachfolgen soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wer sich mit der rationalit\u00e4t der geschichte abfindet, ist ihrer irrationalit\u00e4t ausgeliefert. sachzw\u00e4nge bleiben die zu st\u00fcrzenden gottheiten der gegenwart. \u00bbDie Konstruktionen der Geschichte sind Instruktionen\u00ab, in einer andern fassung der gleichen textstelle steht \u00bbmilit\u00e4rischen Ordres\u00ab, \u00bbvergleichbar, die das wahre Leben kommandieren und kasernieren. Dagegen der Stra\u00dfenaufstand der Anekdote. Die Anekdote r\u00fcckt uns die Dinge r\u00e4umlich heran, l\u00e4\u00dft sie in unser Leben treten.\u00ab schrieb walter benjamin (&gt;Das Passagen-Werk&lt;). die entscheidende frage ist hier wohl, ob man aus den zw\u00e4ngen der geschichte nur heraustritt, die illusion eines lebens in geschichtslosen r\u00e4umen erfa\u00dft immer wieder menschengruppen, ja v\u00f6lker und kulturen, oder sie wirklich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">gesucht wird im grunde der moment, in dem die sublimierung explosionen ausl\u00f6st. zugleich bewahren spiel und ironie vor einer radikalit\u00e4t, die verletzen und zerst\u00f6ren k\u00f6nnte. \u00bbSoll ich mein kleines Gl\u00fcck dem Interesse einer sozialen Revolution opfern, die mein Gl\u00fcck aufhebt?\u00ab fragte ulrich bergmann in einem brief. er verbindet, w\u00e4hrend revolution\u00e4re ihre lebensfreude in todesmut verwandeln, das utopisch ideelle und das real gelebte, ohne beide unbedingt zusammenzuzwingen. der utopismus seiner geschichten tritt derart gewandt auf, da\u00df er, indem er sich selbst auszuweichen vermag, scharfe konfrontationen vermeidet. \u00bbMeine Idee w\u00fcrde das Leben erschlagen, wenn ich sie verwirkliche &#8230; Andererseits ist die Wirklichkeit, wie ich sie erlebe, ohne meine Idee tot.\u00ab \u00bbDem Philosophen der Tat liegt die eigentliche Tat vielleicht am wenigsten: Rigoros und tiefsinnig \u00fcber die Tat zu sprechen, kommt der Erkl\u00e4rung gleich, man wolle nicht handeln.\u00ab meinte maurice merleau-ponty in &gt;Lob der Philosophie&lt;. bleibt der lebenssinn, den wir uns geben, vielleicht \u00fcberhaupt blo\u00df eine idee? von au\u00dfen und oben betrachtet sieht das menschliche leben tats\u00e4chlich wie ein marionettentheater aus, das festgelegten regeln folgt und worin dennoch jeder auch seine eignen f\u00e4den zieht. wer indes zuviel durchschaut, ist oft bereits tot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ulrich bergmann, der die konflikte zwischen denken und handeln, lebensfreude und systemkritik kennt, vertraut sublimierenden transformationen, die das real gegebene durch kultivierung und vertiefung wandeln, und sucht die potentiale daf\u00fcr in der wirklichkeit. seine anekdoten sind weniger stra\u00dfenaufstand als vielmehr vers\u00f6hnlich, gro\u00dfz\u00fcgig, weitherzig, integrierend, selbst wenn dies nur einer entschleunigung des eigenen scheiterns dient. zuletzt folgt jedes denken, das nicht hinreichend reflexiv ist und gegens\u00e4tze nicht vermittelt, doch wieder blo\u00df abstrakten automatismen und scharfe grenzziehungen stimulieren gewalt. freilich verh\u00fcllen auch \u00e4sthetisierung und psychologisierung vielfach nur ihre eignen zw\u00e4nge. k\u00fcnftiges utopisches und revolution\u00e4res denken und handeln wird die paradoxien sublimieren m\u00fcssen, von denen es lebt und die ihm sprengkraft geben. allein da\u00df die texte solche fragen, die sonst eher selten gestellt werden, aufwerfen, ist ein verdienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">anhand der &gt;Arthurgeschichten&lt; l\u00e4\u00dft sich \u00fcber zusammenh\u00e4nge zwischen dialektik und paradoxie, kultivierung und heiterkeit, spiel und infantilit\u00e4t, raffinesse und schizophrenie nachdenken. das paradoxe darin ist ausdruck einer spannung, die gel\u00f6st sein will. der k\u00fcnstler, der durch seine kunst in einem traumspiel lebt, das ihn heilt, verfremdet und vertieft paradoxe erfahrungswelten weiter, wo manche analytiker sie aufl\u00f6sen. die texte sind auch selbsttherapie und selbstprophylaxe, die zugleich das seelisch und fiktiv gelebte in die au\u00dfenwelt hineinwirken lassen sollen. \u00bbDas Spiel mit dem Paradoxen ist eine Art geistiges Perpetuum mobile.\u00ab postulierte ulrich bergmann per brief, das hei\u00dft ursprung, energiespender, material, medium und ritual der kreativit\u00e4t. indem der autor seine negationen immer wieder aufhebt, kann er unabl\u00e4ssig damit spielen und selbst die permanenten virtuellen tode ins leben zur\u00fcckverwandeln, also sein eigenes perpetuum mobile sein. so gesehen k\u00f6nnen wir gar nicht genug paradoxes sch\u00f6pfen. eine unreflektiert lebensreal inszenierte paradoxe phantasie allerdings w\u00e4re letztlich wohl barbarisch. humanit\u00e4t verlangt immer auch m\u00e4\u00dfigung, mithin inkonsequenz. jedes, und zumal spielerische, distanzieren, verfremden, \u00e4sthetisieren tr\u00e4gt elemente des zynischen in sich. bliebe das leben nicht hinter der kreativen konsequenz der kunst zur\u00fcck, die stra\u00dfen w\u00e4ren gepflastert mit knochen. man mu\u00df wirklich genau schauen, ob man die profanen folgen, die kunst und literatur haben k\u00f6nnten, wenn sie welche h\u00e4tten, w\u00fcnschen soll. die realit\u00e4t steht dem wesentlichen meist entgegen. gl\u00fccklicherweise, sonst w\u00e4r die welt noch barbarischer. zudem sollte gerade paradoxes denken, wie alles, das auch auf entfremdung zur\u00fcckgeht, differenzieren und vermitteln, nicht trennen und polarisieren. ein gedanke, der sich nicht selber widersprechen kann, ist am ende nicht sehr originell.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">2004, \u00fcberarbeitet 2012<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"width: 181px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" 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alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Cover der Buchausgabe<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Arthurgeschichten<\/strong> von Ulrich Bergmann, Pop Verlag, Ludwigsburg, 2005<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einf\u00fchrung in <em>Schlangegeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; man hat die &gt;Arthurgeschichten&lt; \u00bbSeins-Philosophie ins Narrative \u00fcbersetzt\u00ab oder \u00bbvirtuelle Legenden\u00ab genannt und eine n\u00e4he zum taoismus oder existentialismus darin entdeckt. manches erinnert auch an die paradoxen argumentationen der sophisten. ulrich bergmann selbst nennt seine texte ironisch \u00bbgedankenmusikalische Polaroidbilder&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/18\/bergmanns-arthur-ist-arthurs-bergmann\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":98546,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,866],"class_list":["post-6837","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6837","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6837"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99045,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6837\/revisions\/99045"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98546"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6837"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6837"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}